Aktuell - Stand 11.08.2009:

         

        Wir informieren unsere Freunde und Mitsegler 2 - 3 Mal im Jahr über unsere Erlebnisse und unsere künftigen Pläne. Wer an einer regelmäßigen Berichterstattung interessiert ist, der schreibe uns. Solange sich die Zahl der Rundbriefe in einem finanziell tragbaren Rahmen bewegt, beziehen wir auch Sie gerne mit ein.

        Unsere Heimatadresse ist (und gleichzeitig verantwortlich für diese Internetseiten):

              Dr. Heide und Dipl.-Kfm. Erich Wilts
              Untere Büttengasse 3
              69121 Heidelberg
              Tel.: 06221- 473724
              E-Mail:
              wilts@freydis.de
               

        Rundbrief vom  August 2009:

         

        An unsere Freunde und Mitsegler                           

             „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“

        Dieser Spruch stammt von einer klugen Frau, der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach.  „Das soll uns nicht passieren!“ haben wir vor 20 Jahren beschlossen und unsere bürgerlichen Berufe aufgegeben, um auf der Südhalbkugel zu segeln. Vor fünf Jahren sind wir – nach gründlicher, aufwändiger und anstrengender Überholung der FREYDIS – erneut von Deutschland aufgebrochen: Diesmal waren unsere Ziele die Aleuten und das Beringmeer, der Golf von Alaska und Britisch Kolumbien. Vor zwei Monaten haben wir nun auf dem Rückweg San Diego erreicht und damit den Kreis geschlossen.

        Vier Jahre, von 2006 bis 2009, sind wir in den Gewässern Alaskas und Britisch Kolumbiens gekreuzt. Die faszinierende Realität Alaskas war noch schöner als der Traum in unseren Köpfen, dem wir gefolgt sind und der uns in dieses Revier geführt hat. Waren es die grandiose Landschaft mit ihren Gletschern und Vulkanen? Die Wildnis und der Tierreichtum? Die gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen in den wenigen Fischersiedlungen? Der Überfluss an Lachs und Heilbutt? Die vielen schönen gemeinsamen Erlebnisse mit gleichgesinnten Mitseglern ?
        Tatsache ist: Als wir uns in diesem Jahr auf dem Wege von Vancouver nach San Diego immer weiter von Alaska entfernten, wurde unsere Sehnsucht immer größer. Ein Gefühl fast wie Heimweh.

        Kurz entschlossen haben wir unsere Pläne geändert: Der schon fertige Törnplan durch die Südsee und nach Neuseeland kam in die Schublade („..aufgeschoben ist nicht aufgehoben..“). Es geht noch einmal im großen Bogen zurück. Zuerst nach Hawaii, Kauai und zum Midway Atoll, zu Inseln, die wir bereits 2006 besucht haben. Danach betreten wir Neuland: Sind wir vor vier Jahren vom Midway Atoll direkt nach Norden zu den Aleuten gesegelt, wollen wir diesmal immer weiter nach Westen bis zu Inseln, von deren Existenz wir vor zwei Wochen noch nichts gehört haben und über die Informationen zu erhalten auch im Zeitalter des Internet schwierig ist. Z.B.: Minami-Tori Shima (auch Markus-Insel genannt), eine kleine Koralleninsel, der östlichste Landzipfel Japans, soweit abseits aller Segelrouten, daß wir wahrscheinlich die ersten Yachtsegler überhaupt sind, die hier aufkreuzen.
        Habt Ihr schon mal von NANPO SHOTO, den „Südlichen Inseln“ gehört, eine japanische Inselkette, die sich von Tokyo Bay aus 1200 km in südliche Richtung erstreckt? Sie besteht aus über 40 tropischen und subtropischen Inseln, z.B. Chichi Shima, über die wir im Lonely Planet JAPAN folgendes gefunden haben: „Umspült von tropischen Gewässern mit Korallenriffen tauchen die paradiesischen Ogasawara-Inseln 1000 km vor der Küste Tokyos mitten im unendlichen Blau des Pazifik auf. Sie zählen zu den interessantesten Reisezielen in ganz Japan und bieten alles, was das Urlaubsherz begehrt…Heute verirren sich nur selten Besucher aus Europa oder Nordamerika hierher…Natur, Geschichte, überhaupt die ganze Insel – wer wirklich ein besonderes Abenteuer erleben will, muß einfach hierher reisen.“ 
        Die Ogasawara Inseln werden wegen ihrer einzigartigen Flora und Fauna als die GALAPAGOS DES ORIENTS bezeichnet und sind der UNESCO für die Aufnahme als Weltnaturerbe vorgeschlagen.
        Die Sprachbarrieren in Japan sind hoch, aber die wenigen Yachties, die bisher in japanischen Gewässern gesegelt sind, schwärmen von der Gastfreundschaft ihrer Bewohner.

        Im Jahr darauf (2011) segeln wir durch die japanischen Küstengewässer nach Hokkaido. Irgendwann landen wir an der zu Sibirien gehörenden Halbinsel Kamtschatka. Auch ein sehr verlockendes Ziel. Von dort könnte der Kurs über die Aleutenkette zurück zur Alaska-Halbinsel und in den Golf von Alaska führen. Ihr erinnert Euch? Ja ? Wir besuchen dann hoffentlich wieder im Uyak-Fjord auf Kodiak unseren Freund Duncan Fields und seine Familie beim Lachsfischen und schauen auf der anderen Seite der Shelikof-Strait im Katmai-Nationalpark, ob unsere jungen Bären inzwischen groß und stark geworden sind.

        Laßt uns die Segel setzen!  Einzelheiten findet Ihr im
        Törnplan 2010.

        Viele von Euch sind zur Zeit vermutlich noch auf dem Wasser unterwegs. Für uns dagegen war die Saison 2009 früh zuende. Wir wollten nicht in die hochsommerliche Hitze Südkaliforniens geraten und erst recht nicht in die amerikanische Urlaubszeit im Juli/August, wenn tausende von Segelbooten aus den Marinas in die Buchten Kaliforniens strömen. Diese Rechnung ist auch aufgegangen. Auf der ganzen weiten Strecke von Britisch Kolumbien bis an die mexikanische Grenze sind uns nur wenige Yachten begegnet. Nicht nur die See, auch die wunderschönen Buchten gehörten uns. Dafür durften wir uns aber zu Beginn der Reise über den „Kaltstart“ in Britisch Kolumbien nicht beklagen. Was uns schon oft passiert ist: Der Winter war ungewöhnlich heftig und lang. In der ersten Nacht gefror der Inhalt unserer Pütz an Deck zu einem Eisklotz und in der letzten Nacht vor dem Abslippen verabschiedete sich der Winter mit 10 cm Neuschnee an Deck. Zwei Wochen haben wir beide gebraucht, um die Freydis bei klirrender Kälte und schneidendem Wind betriebsbereit zu machen. Nicht für Geld und gute Worte waren die Arbeiter der Marina bereit, uns beim Schleifen und Anstreichen zu helfen – sie arbeiteten lieber in den überdachten Schuppen und wir konnten es ihnen nicht verdenken. Wir montierten die von unserem Freund und Nachbarn Jürgen in Heidelberg kunstvoll reparierte Trommel der Rollgenua. Es folgten Schweißarbeiten im Cockpit und Maschinenraum, dann der Anstrich über und unter der Wasserlinie, naja – das volle Programm….

        Aber die folgenden vier Wochen, in denen wir zu zweit in Tagestörns die Discovery Islands und den Desolation Sound erkundeten und uns langsam in Richtung Vancouver bewegten, entschädigten uns für die martialische Arbeit vor dem Start. Die Strait of Georgia mit ihren vielen Inseln ist fürwahr ein phantastisches Segel- und Ankerrevier. In Vancouver fühlten wir uns bald heimisch, nicht zuletzt wegen Gerd und Linda Müller, den Trans-Ocean Stützpunktleitern, die wir ja schon im Vorjahr kennengelernt hatten und denen wir an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken für Ihre vielen wertvollen Tipps, Ihre Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft.

        Ab Vancouver segelten wir mit Crew, zuerst durch die Gulf Islands nach Victoria, von dort über die Juan de Fuca Strait nach Port Angeles zum Einklarieren in die USA. Von dort segelten wir nonstop die 867 Meilen in die Bucht von San Francisco - ebenfalls ein tolles Revier mit einem ausgezeichneten Liegeplatz dicht bei der Golden Gate Bridge. 10 Tage hatten wir für die Stadt eingeplant. Zu wenig, denn es gab viel zu sehen, nicht nur in der Stadt, sondern auch im Umland und im Yosemite National Park.
        Weiter ging die Reise Richtung Süden. Immer noch waren die Wassertemperaturen unter 10°C. Das änderte sich schlagartig, nachdem wir den berüchtigten Point Conception passiert hatten, der auch wegen häufiger und tückischer Stürme als „Kap Hoorn des Nordpazifik“ bezeichnet wird.

        Zwei Wochen, in denen wir die Channel Islands besuchten, brachten den krönenden Abschluß der diesjährigen Freydis-Saison: Fünf der acht Inseln bilden den Channel Islands Nationalpark. Weil er so schwer zu erreichen ist, wird er von allen US-Nationalparks am seltensten besucht. Gut für die Pflanzen- und Tierwelt, die uns in Erstaunen versetzt hat. Nie hätten wir so viele Seelöwen, Seebären und sogar Seeelephanten vermutet, die zu zigtausenden an den Stränden ihre Jungen aufziehen. Es gibt eine Fülle endemischer Pflanzen und vor allem Seevögel brüten zu Hunderttausenden auf den Inseln. Die meisten Ankerplätze boten uns guten Schutz, so daß wir unbeschwert auf den Trails wandern konnten. Fast überall waren wir die einzigen !!! Besucher.

        Bedanken möchten wir uns bei unseren Mitseglern, die alle, bis auf eine „Neue“, mit uns und der Freydis von früheren Reisen vertraut waren, für ihre Kameradschaft. Fazit: Es hat Spaß gemacht!

        Zur Zeit dümpelt die Freydis in einer sündhaft teuren Marina in San Diego. Über die nur 10 Meilen entfernte mexikanische Grenze – und damit in billigere Gefilde – haben wir uns nicht getraut. Drüben tobt ein gnadenloser Bandenkrieg um Drogen und die Polizei soll korrupt sein. In diesem „Krieg“ hat es alleine in der Grenzstadt Tijuana  2008 über 450 Tote gegeben. Also beißen wir lieber in den sauren Apfel und schlucken die teure Marina.

        Gerade haben wir für Mitte September Flüge nach San Diego gebucht. Wir wollen die Freydis frühzeitig fit machen für die Herausforderungen, die am Jahresende auf sie zukommen. Denn dann geht es über den ganzen Pazifik nach HAWAII und JAPAN.

        Zum guten Schluß: Unsere Mitsegler Hildegard und Peter aus dem bayrischen Ramerberg hatten im  GEOGRAPHIC HARBOR nach bestandenem „Bärentest“ beschlossen und verkündet, sich nach ihrer Rückkehr in der Heimat das Jawort zu geben. Jedenfalls haben die beiden am 12. Juni geheiratet. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH EUCH BEIDEN von uns und allen anderen aus der Crew.



        Auf ein baldiges Wiedersehen

        Rundbrief vom  November 2008:

         

        Hallo Freunde,

        seit ein paar Tagen haben wir wieder festen Boden unter den Füßen und die Freydis liegt hoch und trocken in einer Marina auf Vancouver Island in Britisch Kolumbien. Unsere anregende, aufregende und manchmal auch anstrengende Reise in den Gewässern von Alaska ist zuende.

        Drei Sommer und einen Winter haben wir mit der Freydis in Alaska verbracht. Wehmütig blicken wir zurück, der Abschied fällt uns schwer.

        Dabei begann die diesjährige Saison alles andere als verheißungsvoll: Ende Mai flog ich alleine voraus zur Freydis nach King Cove, um sie betriebsbereit zu machen - Heide war noch dabei, ihr
        neues Buch abzuschließen. Ausgerechnet in diesem Jahr verspätete sich der Frühling um einen ganzen Monat und tiefer Winter empfing mich. Drei Tage vor dem Start mit der ersten Crew bekam ich Verstärkung von unserem Mitsegler Hans aus Göttingen. Gemeinsam haben wir dann das Unterwasserschiff mit Antifouling im Schneetreiben gestrichen. Über der Wasserlinie konnten wir die Freydis noch nicht herrichten, die rote Zweikomponentenfarbe hätte nicht abgebunden. Zum Glück hatten die gesamte Technik und das Rigg die Kälte und die Winterstürme (es wurden bis zu 129 Knoten Wind in King Cove gemessen) gut überstanden.

        Lachs und Heilbutt satt hatten wir allen Mitseglern versprochen. Aber auf den ersten beiden Törns mußten wir tiefgefrorenen Lachs im Supermarkt und in der Fischfabrik kaufen, denn die Fischer, die uns sonst großzügig versorgt hatten, warteten einen Monat vergeblich auf das Eintreffen der Lachsschwärme, auch die hatten sich verspätet. Doch danach lief es umso besser. Unvergessen bleibt uns der Tag, an dem unser Freund Duncan in dem Uyak-Fjord  auf der Insel Kodiak  fünfzehn frisch gefangene Rotlachse (Sockeye) vorbeibrachte und der Tag, an dem unser hartnäckiger Angler  Thilo drei Heilbutts an Deck zog, davon einer an die zwanzig Kilo schwer. Mit einer gut gefüllten Tiefkühltruhe an Bord hatten wir für lange Zeit ausgesorgt. Außerdem: Auf allen sechs Abschnitten in diesem Jahr war die Kombüse spitzenmäßig besetzt. Doch das gute Essen hat seine Wirkung getan. Die überflüssigen Pfunde müssen wieder runter. Ich habe mir das fest vorgenommen.

        Die ersten drei Etappen bewegten wir uns auf bereits bekanntem Terrain: Die wilde Küste entlang der Alaska-Halbinsel mit ihren schneebedeckten, rauchenden Vulkanen und den kleinen Fischersiedlungen, Kenais grandiose Gletscherfjorde, Katmais spektakuläre Bärenbuchten und Kodiaks tiefe Fjorde mit ihren Walen, Robben, Ottern und Seevögeln haben wir schon in den Vorjahren ausführlich gewürdigt. Es ist das ideale Revier für die robuste, stählerne Freydis mit ihrem aufholbaren Schwenkkiel. An vielen geschützten Stränden im Inneren der Buchten und Fjorde konnten wir bei Niedrigwasser problemlos trockenfallen und dadurch die Grizzlybären aus nächster Nähe erleben. Oft kamen sie direkt ans Schiff.  Viele von ihnen waren „alte Bekannte“, immerhin waren wir in den letzten Jahren achtmal auf Kodiak und im Katmai. Einen neuen Bären haben wir sogar „hautnah“ erlebt. Dazu beigetragen hat ein Braunbärenkostüm, in das Franz und Thilo geschlüpft sind und das – zur Belustigung der Eingeweihten – so manchem einen gehörigen Schrecken eingejagt hat, wenn der „Bär“ unvermutet hinter einem Felsbrocken oder Eisklotz auftauchte.

        Es ist bereits Mitte August. Die Segelsaison in Alaska nähert sich langsam ihrem Ende, als wir von dem kleinen Hafenstädtchen Seward auf der Kenai Halbinsel zu neuen Ufern aufbrechen. Unser Ziel ist die gebirgige, unwirtliche Küste im Südosten des Golfes von Alaska, wo zwischen dem Prince William Sound im Westen und dem Cross Sound im Süden die Hochgebirgsketten und Gletscher der Wrangell-und St. Elias Mountains bis ans Meer stoßen. Der gesamte Küstenabschnitt wird auf einer Länge von ca 500 Meilen lediglich an drei Stellen durch tief ins Land reichende Fjorde, die Icy-, Yakutat- und Lituya Bay unterbrochen. Und in diese Fjorde wollen wir hinein. Unser Vorhaben ist nicht ganz ungefährlich: Die aus dem Beringmeer heranziehenden Tiefs bringen südöstliche Stürme und bauen auf den vorgelagerten Bänken dieser Legerwallküste eine enorme Brandung auf. Gerade dann, wenn man dringend einen geschützten Ankerplatz braucht, wird einem der Zutritt verwehrt. Andererseits erwartet uns in den Fjorden spektakuläre, unberührte Urlandschaft. Lediglich in der von Gletschern abgeriegelten Yakutat Bay existiert eine kleine Fischersiedlung, deren Bewohner über das Flugzeug Verbindung zur Außenwelt haben.

        Auf dem Wege zur Icy Bay finden wir bei stürmischen Winden Schutz in Lee der kleinen Insel Kayak und warten auf Wetterbesserung. Diese Insel wurde 1741 von Vitus Bering entdeckt. Hier betraten die Russen das erste Mal den Boden von Alaska. Wir brennen darauf, an Land zugehen. Aber als wir bei nachlassendem Sturm zu dritt mit dem Dingi übersetzen, wird uns der Landgang durch einen riesigen Grizzly verleidet, in dessen Revier wir geraten sind. Eilig treten wir den Rückzug an.

        Der Besuch der drei Fjorde erweist sich als einer der Höhepunkte unserer nun sich schon über drei Jahre  erstreckenden Alaskareise. Spannende Slalomfahrten durch Eisschollen und um Growler und Eisberge herum bringen uns an den Fuß von über 100 Meter hohen Abbruchkanten von Gletschern, die von den Fünf- bis Sechstausendern in die Fjorde herabfließen. Am spektakulärsten war die Fahrt an der 11 km langen Abbruchkante des Hubbard Gletschers im Inneren der Yakutat Bay.

        Auf die Einfahrt in die Lituya Bay, den letzten der drei Fjorde, hatten wir uns besonders gründlich vorbereitet und nicht nur den amerikanischen Coast Pilot No 9 mit seinen genauen Anweisungen studiert, sondern auch den Rat eines erfahrenen Kapitäns der Coast Guard eingeholt. Die Einfahrt ist schmal, nur ein paar hundert Meter, und Ebb- und Flutstrom können in ihr bis zu 6 kn betragen. Nicht nur der Entdecker der Lituya Bay, der französische Kapitän La Perouse, verlor hier vor 200 Jahren 21 Männer seiner Besatzung, sondern auch in jüngster Zeit scheiterten  immer wieder Fischer- und andere Boote an den Felsen und Stromschnellen beim Versuch der Durchfahrt. Drei Meilen vor der Einfahrt drehen wir bei und warten auf Stauwasser. Dann muß alles sehr schnell gehen: Heide navigiert mit C-Map und GPS durch La Chaussee Spit, den engen Pass. Zwei Peilbaken an Land unterstützen das genaue Kursgehen. Erleichterung auch bei unseren Mitseglern, als wir im ruhigen Wasser des Fjordes angekommen sind. Der Lituya Fjord ist nicht nur geschichtsträchtiges Gelände, sondern weist auch einzigartige geologische Besonderheiten auf: Durch Erdbeben ausgelöste Tsunamis haben in den Jahren 1853, 1874 und 1936 riesige Flutwellen erzeugt, die höchste Welle im Jahre 1958 entwurzelte die Ufer der Bucht bis zu einer Höhe von 1.720 Fuß, das sind umgerechnet 524 Meter. Die Folgen dieser Tsunamis können wir jetzt bestaunen.

        Nach Überquerung des Cross Sounds tauchen wir ein in das Gewirr dicht bewaldeter Inseln und Wasserstraßen Südost-Alaskas mit bunten Fischerstädtchen und kleinen Ortschaften der Tinglit-Indianer. Im Vergleich zu der wilden, unberührten Hochgebirgslandschaft, aus der wir gerade kommen, erscheint uns die Inside Passage direkt zivilisiert und lieblich. Für Alaskas Südosten und die Inside Passage, die weit nach Britisch-Kolumbien hineinreicht, hatten wir uns sechs Wochen Zeit genommen. Über Sitka und Wrangell erreichen wir unsere Endstation in Alaska, Ketchikan, wo uns Rupi, Hans und Rudi, unsere letzte Crew (zufällig rein österreichisch) verläßt.

        Danach sind Heide und ich noch einen Monat allein unterwegs im Insellabyrinth der Inside Passage. Es geht Richtung Süden und Vancouver Island. Inzwischen ist es Herbst geworden. Nebel und viele treibende Baumstämme verlangen ständigen Ausguck und Einsatz des Radars. Als wir die Seymour Narrows passiert haben, beschließen wir, die Reise für dieses Jahr in dem kleinen Städtchen Campbell River auf Vancouver Island enden zu lassen. Wenige Tage später liegt die Freydis hoch und trocken in der Ocean Pacific Marina.

        Krönender Abschluß der diesjährigen Saison: Drei Tage Vancouver bei Linda und Gerd Müller, den TO-Stützpunktleitern in Vancouver – liebenswürdigere Gastgeber hätten wir uns nicht denken können.

        FAZIT: Es war eine Saison der Superlative, für Heide und mich und für die vielen Mitsegler und Freunde, die uns auf einzelnen Abschnitten begleitet haben. Auch in diesem Jahr gehörten wieder zwei Drittel zum „Stamm“ der Freydis. Rudi aus Graz schoss den Vogel ab: Er war fast zwei Monate an Bord. Leid tut es uns um die beiden, die krankheitsbedingt die Reise nicht antreten konnten. Aber : Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Fast alles war optimal. „Fast“ – denn auf günstigen Wind haben wir oft vergeblich gewartet. Leider eine Eigenart des Reviers.

        Aber Rasmus hat Besserung gelobt: 2009 segeln wir anfangs noch in der Georgia Strait zwischen Vancouver Island und dem Festland. Dann geht es über San Francisco und San Diego über die Grenze nach Ensenada/Mexiko auf der Kalifornischen Halbinsel. „Auf dieser Route ist der Wind das ganze Jahr über günstig und der nach Süden setzende Kalifornienstrom tut das seine dazu“, schreibt Jimmy Cornell. Wir sind bereit!!

        Ach ja – eines hätten wir beinahe vergessen, zu erwähnen. Nicht nur schöne Eindrücke und tolle Bilder von Alaska sind uns geblieben. Erinnert Ihr Euch an unsere Wünsche, die wir im Rundbrief vom 1.April 2007 geäußert haben?  Sie sind in Erfüllung gegangen: Heide hat ihren Mammut-Stoßzahn und ich meinen versteinerten Oosik, den Penisknochen eines Walrosses, bekommen. Wer uns in Heidelberg besucht, darf beide bewundern.

        Den Törnplan für 2009 gibt es hier.

          Auf Wiedersehen!

        Heide und Erich Wilts: Reportage für die  „Yacht“ Heft 16/2007

         

        VON  MIDWAY  ZUM  PRINCE WILLIAM SUND

        1. Stürmischer Empfang auf den Aleuten

        12. Tag an Bord auf dem Weg von Hawaii nach Alaska: Kurz vor Einbruch der Dunkelheit verabschieden wir uns von dem Naturschutzwart Barry und seiner Frau Elise und verlassen das kleine Atoll durch die schmale Passage, die aus der Lagune herausführt. Für uns sechs an Bord war Midway mit seinen Millionen brütender Albatrosse und anderer Seevögel ein Naturparadies, wie es schöner nicht sein könnte – es bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

        Von Mexiko über Hawaii bis Midway sind wir  über den Pazifik einige tausend Meilen Richtung Westen gesegelt. Nun führt unser Kurs entlang dem 177sten Längengrad circa 1500 Seemeilen nach Norden. Wie im Zeitraffer vollzieht sich der Wechsel der Klimazonen von den Subtropen über die gemäßigten Breiten in die Zone der stürmischen Westwinde. Die Wassertemperatur – anfangs noch 28°C – fällt auf 5°C. Unsere Wetterfrösche auf dieser langen Strecke über den nordpazifischen Ozean sind unser Freund Jochen, pensionierter Fluglotse aus Düsseldorf, der mit uns bereits ums Kap Hoorn und ums Kap der Guten Hoffnung gesegelt ist, und unser Freund Günther von Intermar aus dem Taunus, der uns seit zwei Jahrzehnten über Kurzwelle auf unseren extremen Reisen in die südlichen und nördlichen Seegebiete berät. Über Sailmail (Kurzwelle mit angeschlossenem Pactor-System) erhalten wir fast täglich E.-Mails mit den aktuellen Wetterdaten und Ratschlägen für unseren Kurs.

        Eine Woche sind wir seit Midway unterwegs. Bei leichten und mittleren Winden steuern wir auf dem 177sten Längengrad Generalkurs 0°, genau nach Nord. Unser Etappenziel Dutch Harbor liegt zwar weiter östlich auf 166°West, aber wir benötigen Reservehöhe für die zu erwartenden Weststürme. Und noch ein wichtiger Grund, nach Westen vorzuhalten: Um nach Dutch Harbor zu gelangen, müssen wir zwischen den Inseln durch einen d8er Pässe auf die Nordseite der Aleutenkette. Die Pässe in der Nachbarschaft von Dutch Harbor bergen für kleine Schiffe wegen ihrer starken Gezeitenströmungen hohe Risiken selbst bei günstiger Wetterlage. Deshalb halten wir auf den breiten, im „Pilot“ empfohlenen Amukta Pass zu. Aber auch hier müssen wir höllisch aufpassen (“…although high, breaking seas caused by very strong tide-rips have been experienced here”). Tatsächlich mache ich mir wegen der schwer passierbaren Pässe größere Sorgen als wegen möglicher Stürme…

        Die Wassertemperatur ist bereits von 28°C auf 14°C gefallen. Der Reservetank enthält noch Diesel, den wir in Mexiko gebunkert haben. Wir haben Sorge, dass er bei niedrigeren Temperaturen geliert, versetzen ihn mit Additiv und pumpen ihn in den Haupttank. Das stellt sich als Fehler heraus – denn bei 13,5°C ist der Diesel schon fraktioniert. Wenn jetzt die Hauptmaschine läuft, müssen wir alle paar Stunden den Vorfilter reinigen. Zum Glück verfügt er über ein großes Schauglas und einen Ablasshahn für die kleinen Partikel, die sich am Boden sammeln. Es dauert eine Weile, bis die Verunreinigungen herausgefiltert sind und die Maschine wieder einwandfrei läuft.

        Wir überschreiten den 40. Breitengrad. Jochen hat sich beim Japanischen Wetterdienst eingeloggt und nutzt deren Satelliten für die Prognosen: „Ihr werdet von zwei Tiefs in die Zange genommen…Wind bis 50 kn…“ und: „Schaut bloß, dass Ihr da weg kommt.“  Spassvogel! Was sollen wir tun? Wir bewegen uns weiter mit 5 – 6 Knoten Fahrt gen Norden. Die Tiefs ziehen mit etwa 25 Knoten heran. Beim ersten Tief haben wir Glück, denn sein Kern geht südlich hinter uns durch, für uns bedeutet das Starkwind aus dem westlichen Quadranten. Wir kommen gut voran. Aber als dann das zweite Tief anrückt, fürchtet Jochen, „…dass sich ein Trog bildet, der mit neuer Kraft die Freydis bedroht.“  Er mailt uns: „Die Situation versch8ärft sich dramatisch“. Aus Sorge um die Freydis und ihre Crew zieht er Oberwetterfrosch Meeno Schrader hinzu. Der Rät in diesem Stadium des Tiefs „Den Kurs sofort auf West  ändern und dem Tief entgegenfahren…und dann auf NW-Kurs so schnell wie möglich aus dem Trog heraussegeln.“ Als wir an diesem Tage endlich eine Kurzwellenverbindung aufbauen können, ist es aber schon zu spät für die vorgeschlagene Kursänderung, denn das Tief hat uns erreicht und wir liegen bereits bei Sturm aus Nord beigedreht unter drei Reffs. Die Freydis verhält sich beigedreht ganz prächtig, wir haben dieses Manöver im Laufe der Jahre schon viele Male praktiziert. Einen Tag später nach Durchzug des Tiefs können wir unsere Reise unbeschadet fortsetzen.

        2. Die älteste Siedlung der Erde

         Eine8s morgens schält sich die Inselgruppe der „Islands of Four Mauntains“aus dem Dunst. Aus 40 Meilen Entfernung offenbart sich uns ein phantastischer Blick auf die vier schneebedeckten Vulkaninseln. Wir haben die Aleuten erreicht – fast, denn noch liegt der Eingang ins Beringmeer vor uns. In den nächsten Tagen versprechen uns die Wetterfrösche ruhige Bedingungen. Deshalb riskieren wir eine Abkürzung durch den Samalga Pass, dessen kritische Stelle wir über Tag passieren. Alle Luken sind dicht und die Steckbretter verbarrikadieren den Niedergang für den Fall, dass plötzlich Brecher einsteigen. Gewarnt sind wir. Im „Pilot“ dazu:  (“Tidal streams round Seguam I. are strong and erratic. Tide-rips are severe. They form suddenly and furiously and are dangerous to small craft”), zu deutsch: “Die Gezeitenströme rund Seguam Insel sind streng und unberechenbar. Die Stromschnellen sind heftig. Sie entstehen plötzlich und wild und werden kleinen Schiffen gefährlich“. Mit mehr als 10 Knoten zieht uns die Strömung durchs Nadelöhr. Geschafft! Wir haben das Tor zum Beringmeer durchschritten.
        An der NW-Seite der Insel Samalga liegt laut „Pilot“ eine kleine geschützte Ankerbucht am Fuße einer Siedlung. Es reizt uns sehr, hier einen kurzen Stop einzulegen. Denn Nikolski Bay, so ihr Name, soll die älteste ständig bewohnte Siedlung der Erde sein, Ausgrabungen haben belegt, das8s sich hier bereits vor zwölftausend Jahren Menschen niederließen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fällt der Anker in der Muellers Cove.
        Wir hatten eine Eskimosiedlung erwartet, wie wir sie in Grönland fanden. Aber die 30 Menschen, die hier vom Fischfang, vom Fallenstellen und von der Seehundjagd auf den Pribiloff Inseln leben, sind ein buntes Völkergemisch. Und High-Tech hat bereits auch diese Siedlung am Rande der Welt erreicht: Als wir uns im größten der Schuppen beim Oberhaupt der kleinen Gemeinde anmelden, sitzen in dem Raum vier Leute und arbeiten an ihren Computern. Unaufgefordert erhalten wir nach wenigen Minuten den Ausdruck des aktuellen Wetterberichtes aus dem Internet.
        Zwei Wochen waren wir seit dem Midway-Atoll auf dem Wasser. Jetzt durchstreifen wir die Gegend allein, zu zweit oder in Gruppen, sind zu Gast bei Scott Kerr und seiner Frau Agrafina. Er weist uns in die Technik des Heilbutt-Fischens ein, schenkt uns Haken und Köder und zeigt uns die richtige Stelle, auf der wir von der Freydis aus angeln können. Die Fotografen pilgern zum Wrack eines Passagierflugzeuges, das hier beim Starten in einer Fallbö zu Bruch ging, bestaunen die große Russisch-Orthodoxe Kirche, die hoch über die Hütten ragt, pirschen sich an einen Seeadlerhorst heran und fotografieren Füchse, die hier an den Stränden ihr Revier durchstreifen. So könnte das Landleben für uns noch eine Weile weitergehen, aber für drei aus der Crew ist es nicht der Ruf der Wildnis, dem sie weiter folgen können, sondern der Ruf von Familie und Firma in Deutschland.

        Zwei Tage später: Abschiedsessen beim Chinesen in Dutch Harbor. Peter wird uns noch auf dem Folgetörn begleiten, die übrigen fliegen am nä8chsten Tag zurück nach Deutschland. In einem Jahr werden drei von ihnen die Reise mit uns ins Beringmeer und über den Polarkreis fortsetzen. Unsere Erfahrung: Es sind gerade die langen, beschwerlichen Törns, die eine Crew zusammenschweißen….

        3. Ein großer Abstecher für einen kleinen Vogel

        Bereits auf dem Wege vom Midway-Atoll zu den Aleuten erhalten wir von Klaus, unserem Ornithologen aus Leidenschaft, via Kurzwelle eine Mail an Bord: „…30 Meilen von Dutch Harbor entfernt brütet auf den Baby Islands ein seltener Vogel, der Whiskered Auklet. Ich habe die Inseln in der Karte nicht gefunden, mein Wunsch wäre, da unbedingt vorbeizusegeln…“

        Als Klaus dann in Dutch Harbor zu uns stößt, winken wir nach einem Blick in die Spezialkarte und in den „Pilot“ erst einmal ab. Zu gefährlich! Wir sind froh, dass wir durch den Seguam Pass unbeschadet in das Beringmeer gelangt sind und das Seehandbuch verheißt über die Strömungen rund um die Baby Inseln nichts Gutes: „…zur Springzeit  (und wir hatten gerade Vollmond) erzeugen die Strömungen so schwere Stromkabbelungen, dass man auf Brecher gefasst sein muss, die auf Deck einsteigen…Stromseen von 4,5 m Höhe sind beobachtet worden…besonders gefährlich für kleinere Fahrzeuge, auch ohne Wind und Seegang…“. Warum sollten wir uns das antun? Aber auf so interessante Inseln und seltene Vögel v8erzichten? Die Versuchung ist so groß wie die Herausforderung. Wir befragen die Fischer in unserer Nachbarschaft und den Hafenkapitän, studieren Detailkarten und Tidenkalender. Jetzt muss sich unsere neueste Errungenschaft, der LapTop mit den Elektronischen Seekarten samt GPS-Maus, das erste Mal bewähren. Das zweite unentbehrliche Hilfsmittel wird in diesen Gewässern der Reeds Nautical Almanac, aus dem wir Richtung und Stärke der Tidenströme, Stillwasserzeiten und andere Informationen auch für die kleineren Pässe entnehmen können. Unsere dritte unentbehrliche Quelle ist das britische Seehandbuch, der „Pilot“. Noch hält uns ein Sturm in Dutch Harbor fest, danach brechen wir auf. Wenn wir bisher noch Zweifel an der Notwendigkeit der elektronischen Seekarten in diesem Revier hatten, so sind diese nach der Generalprobe restlos beseitigt. Wir sind schwer begeistert: Heide navigiert uns zwei Tage lang metergenau um die Inseln herum und durch die Pässe. Bevor die Strömungen sich nach den kurzen Stillwasserzeiten voll entwickeln, können wir uns in geschützten Ankerbuchten verstecken und nutzen die Wartezeiten für ausgedehnte Wanderungen durch die Wildnis. Die Navigation ist spannend, haut aber perfekt hin. Klaus ist happy, er bekommt seinen Vogel und wir anderen haben unser Abenteuer bestanden.

        4. Alaska-Halbinsel

         Wir segeln die nächsten zwei Monate, meist in Tagesabschnitten, entlang der Küste der Aleuten, der Alaska-Halbinsel, der Insel Kodiak, der Kenai-Halbinsel und des Prince William Sundes. Unser Kurs führt von West nach Ost. Dabei ändern sich Klima und Landschaftsbild. Im ersten Teil sind Kälte, Regen, Nebel und Stürme bestimmend. Aber je mehr wir uns dem Golf von Alaska nähern, desto wärmer wird es.  Bei Wasser- und Lufttemperaturen um die 6°C bewähren sich unser atmungsaktives Schwerwetterölzeug mit dreilagiger Funktionsunterkleidung. Bei unsichtigem Wetter steht unterwegs fast immer einer von uns am Radar, damit wir nicht mit einem Fischerboot kollidieren, die hier sehr zahlreich sind. Dutch Harbor, die größte Siedlung und der wichtigste Hafen für den reichen Fischfang, liegt zwar längst achteraus, aber es folgen auf dem Wege nach Osten weitere Siedlungen, deren Existenz ausschließlich auf Fischfang gründet und die jetzt Hochsaison haben.
        8 So gerne würden wir die kleine Eskimosiedlung in der Chignik Lagune an der Alaska-Halbinsel anlaufen, aber als wir uns der engen Einfahrt nähern, sind dort etwa 25 Fischkutter mit ausgelegten Netzen dabei, Lachse zu fischen – wir halten besser Abstand. Einer der Fischerkutter ist mit vollem Bauch auf der Rückfahrt zur Fischfabrik und wirft uns im Vorbeifahren einen ausgewachsenen Königslachs herüber. Eine tolle Geste!

        Die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland schlägt auch bei uns in Alaska hohe Wellen: In King Cove feiern wir den Einzug der Deutschen ins Halbfinale, ein paar Tage später in Anchorage Bay finden wir nach langer Suche einen Fernseher. Der Empfang ist zwar miserabel, aber die zwei Tore der Italiener gegen die Deutschen lassen sich leider nicht übersehen.

        Besonders angetan sind wir von dem Interesse und der Gastfreundschaft der Menschen, die wir in den Siedlungen und Ankerbuchten entlang der Küste antreffen, das erinnert uns sehr an unsere frühen Reisen ins Europäische Nordmeer in den Sechziger und Siebziger Jahren. Viele tolle zwischenmenschliche Erfahrungen! Dieses Revier liegt abseits der üblichen Touristenströme und wird auch nur von wenigen Yachties besucht. Auf der langen Reise zwischen Dutch Harbor und dem Prince William Sund treffen wir nur auf zwei weitere Yachten. Das ist wohl auch mit ein Grund für den herzlichen Kontakt, den wir zu den Menschen, überwiegend Fischer oder in der Fischverarbeitung tätig, bekommen. Die ganze Küste ist ein Eldorado für Angler und Fischer. Wir schwelgen in Lachs und Heilbutt und die Freydis wird zum exquisiten Fischrestaurant.

        Landschaftlich und klimatisch erinnert uns dieser Teil Alaskas mit seinen Fjorden, Gletschern und Vulkanen immer wieder an Patagonien und Feuerland. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied -  das außerordentlich vielfältige Tierleben. Von dem Fischreichtum der Region profitieren nicht nur die Menschen, sondern auch Wale, Orcas, Fischottern, Pelzrobben und Seelöwen, dazu unzählige Seevögel vom Fischadler bis zum Papageientaucher. Auf dem Wege von der Insel Kodiak zur Vulkaninsel Augustine sind wir von zahlreichen Walschulen umgeben.

        5. Zu den Bärenbuchten im Katmai Nationalpark

        Besonders gespannt sind wir auf unsere Begegnung mit den hiesigen Braunbären, den größten Landraubtieren der Erde. Auf den kargen Aleuten leben keine, dafür umso mehr auf der Alaska-Halbinsel und auf der Insel Kodiak. Auf der Alaska-Halbinsel übersteigt die Zahl der Bären die der Menschen bei weitem. Im Allgemeinen verlaufen die Begegnungen von Grisslyz und Menschen ohne Komplikationen, aber wir hören natürlich auch zahlreiche Schauergeschichten von Bären, die in die Siedlungen eingedrungen sind, Menschen angefallen und sogar gefressen haben. Wir sind auf der Hut. Außerhalb der Siedlungen bewegen wir uns nur in übersichtlichem Terrain und mit Trillerpfeife, Tröte und griffbereiten Pfefferspraydosen. Wo kann man die Bären am besten beobachten? Von den Einheimischen bekommen wir einen Tipp: In den Buchten des Katmai-Nationalparks gegenüber der Insel Kodiak kann man sie in der freien Natur beobachten – wenn man etwas Glück hat. Und das haben wir reichlich: Wir ankern ein paar Tage im malerischen Geographic Harbor, am Ende eines Fjordes, der sich über 10 Meilen ins bergige und bewaldete Innere der Alaska-Halbinsel zieht: Eine abwechselungsreiche Szenerie mit Seitenarmen, Inseln, Sandstränden und steinigen Ufern. Da, wo die Gletscherflüsse münden, sind große Flächen aufgespült, die bei Niedrigwasser trocken fallen. Sie sind der bevorzugte Futterplatz von mehreren Bärenfamilien, die hier nach Fressbarem suchen und graben. Wie schön, diese mächtigen Kolosse - sie werden lt. Brockhaus bis zu 3 Meter groß und 1200 Kilo schwer - in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Die Bären nehmen kaum Notiz von uns, solange wir sie vom Schlauchboot aus beobachten. Zu Landgängen in diesem Fjord fehlt uns der Mut: Egal, wo man anlandet – man ist immer gleich von mehreren Bären links und rechts flankiert. Sie können trotz ihres Gewichtes unheimlich schnell sein: 30 Meter in unter 3 Sekunden, da bleibt im Ernstfall keine Zeit für Gegenmaßnahmen, nach Abzug der Schrecksekunde nur noch zwei Sekunden  für ein Stoßgebet.

        6. Shelikof Strait und Kodiak

        Auf den UKW-Sonderkanälen erhalten wir auf den Aleuten und entlang der Alaska-Halbinsel den Wetterbericht für die Küstenabschnitte in Endlosschleife. Aktualisiert wird er zweimal am Tag. Das ist auch nötig, denn die Vorhersagen haben eine kurze Verfallszeit. Oft sind sie schon nach wenigen Stunden überholt. Über die 30 Meilen breite Shelikof Strait, die das Festland von der Insel Kodiak trennt, bekommen wir davon wieder einmal eine Kostprobe: Statt der angekündigten 30 Knoten kämpfen wir uns bei stürmischem Wind und hackiger Stromsee unter drei Reffs zur Uyak Bay und ankern dort im Schutz von Harvester Island. Die Belohnung für die Bolzerei : Ein Fischer mit Sohn und Tochter geht an der Freydis längsseits und schenkt uns zwei große Lachse, die er gerade gefangen hat. Wir bitten die drei zu einem Bier an Bord. Duncan ist von Beruf Anwalt in Kodiak, seine Frau Leslie Schriftstellerin und außerdem Professorin an der dortigen Universität. In den Sommermonaten beziehen sie mit ihren sechs Kindern ihr Sommerhaus am Rande der Wildnis und leben vom Lachsfang. Ob wir morgen Abend Zeit hätten? Alle Mann laden sie uns zu sich zum Abendessen ein. Und als Heide und ich ein paar Tage später die Reise für zwei Wochen in Kodiak unterbrechen, stellen sie uns wie selbstverständlich ihre Villa und den Pick Up ihrer ältesten Tochter zur Verfügung. „Wird ja nicht gebraucht, solange wir auf unserer Farm leben“, meint Duncan.

        7. Kenai-Halbinsel

        10 Tage Dauerregen im Hafen von Kodiak. Unser kleiner elektrischer Heizofen sorgt für erträgliche Temperaturen in der Messe, aber im Cockpit ist es naß, kalt und windig. Wir sind die einzige Yacht im Small Boat Harbor. Unsere Nachbarn sind große und kleine Fischerboote, die wegen des Sturms draußen nicht fischen können. Sie warten wie wir auf Wetterbesserung. Kontakte ergeben sich schnell. Wir werden von ihnen reichlich mit Lachs, Heilbutt und Königskrabben versorgt. Gut, dass wir eine Tiefkühlbox an Bord haben.

        Kodiak ist für uns seit Dutch Harbor das erste Städtchen. Wir nutzen die Gelegenheit, in den Supermärkten unsere Bestände  an Proviant und Getränken wieder aufzustocken.

        Als wir nach zwei Wochen wieder starten, ist unsere Verstärkung aus Deutschland inzwischen eingetroffen. Zu siebt wollen wir auf dem letzten Abschnitt in diesem Jahr noch einmal zu unseren Bären im Katmai-Nationalpark, von dort zu der Insel Augustine mit dem aktivsten Vulkan der Region, und zu den Fjorden und Gletschern der Kenai-Halbinsel. Die Reise beenden werden wir im Prince William Sund, der im Inneren des Golfes von Alaska liegt. Aber es kommt wieder einmal ganz anders:  Ein Sturm auf der Shelikof Strait treibt uns zurück unter Landschutz und zwingt zu einem großen Bogen  um die Inseln Afognak und Shuyak. Ade ihr Bären im Geographic Harbor! Aber so schnell werdet ihr uns nicht los. Wir werden im nächsten Jahr wiederkommen.

        Kaum ist die Luft sauber, wechseln wir hinüber zur Katchemak Bay. Aber schon kündigt sich das nächste Sturmtief an. Wir verstecken uns im Inneren der Bruin Bay. Ohne elektronische Seekarte hätten wir uns in diese strömungsreiche, klippenverseuchte Bucht nicht hineingewagt. Nun liegen wir auf 10 Meter Wassertiefe vor 80 Meter Kette und warten gelassen das Ende der Turbulenzen ab. Fast alle Buchten an der Ostseite der Alaska-Halbinsel können den Ankerliegern  durch Fallwinde in Orkanstärke gefährlich werden, die aus wechselnden Richtungen von den zwei- bis dreitausend Meter hohen Bergen stürzen. Das Seehandbuch ist voll von warnenden Hinweisen. Uns erinnert auch das stark an die Williwaws in Feuerland.

        Endlich ist der Weg frei zur Kenai-Halbinsel mit ihren tief eingeschnittenen Gletscherfjorden. Vorbei segeln wir am Vulkan Augustine, der vor wenigen Monaten erneut ausgebrochen ist und Unmengen von Asche und Lava ausgespuckt hat. Tagelang war der Luftraum für Flugzeuge weiträumig gesperrt. Inzwischen hat sich Augustine merklich beruhigt. Wir passieren die Vulkaninsel im Abstand von einer Meile. Dichter wagen wir uns nicht heran, da im flachen Uferbereich über und unter Wasser mächtige Gesteinsbrocken liegen. Aber auch so ist der Eindruck dieses Vulkans, an dem noch glühende Lava herunterfließt, überaus beeindruckend.

        Wer die Wahl hat, hat die Qual! Entlang der 200 km langen Kenai-Halbinsel ist ein Fjord schöner als der andere. Zwei von ihnen wollen wir näher zu erkunden, den Mc Carty Fjord und den Northwestern Fjord. Das Wetter spielt mit, Lufttemperatur über 20°C, bei Sonnenschein gleiten wir vorbei an Gletschern, die vom Harding Eisfeld steil in die Fjorde abstürzen. Robben treiben auf Eisschollen an uns vorüber. Die Nächte verbringen wir in kleinen geschützten Buchten. Heide und andere aus der Crew zaubern in der Kombüse. Tagsüber setzen wir mit dem Dingi über und wandern in den Seitenfjorden  an den Gletscherflüssen aufwärts. Touristen kommen hier nicht hin. Ab und zu treffen wir auf einen Heilbuttfischer, einmal landen neben uns auf dem Geröllfeld zwei Kunstflieger, um uns kurz „ Hello “ zu sagen.

        Die Trennung von dieser spektakulären Küste fällt uns besonders schwer, doch unsere Zeit ist bemessen. Als wir eines morgens Anker auf gehen wollen, ist das gar nicht so einfach. Wir liegen an einer steilen Abbruchkante eines Gletscherflusses. Der Buganker hat sich auf dem flachen Geröllstrand, der bei Niedrigwasser trocken gefallen ist, tief eingegraben. Ein Zweierkommando muß mit dem Dingi an die Kante und das Eisen aus ein Meter Tiefe ausgraben. Erst dann holen wir den Heckanker, der die Freydis mit 30 Meter Kette und noch mal 30 Meter Ankertrosse nach hinten sichert, über die Ankerwinsch hoch.

        8. Finale im Prince William Sund – Mit der Freydis über den Columbia Gletscher

        Die Fjord- und Inselwelt des berühmten Prince William Sundes ist das letzte Revier, das wir in dieser Saison besuchen. Ende August/Anfang September setzen die ersten Herbststürme ein und bis dahin müssen wir einen sicheren Liegeplatz für die Freydis gefunden haben, auf dem sie auch überwintern kann.
        Wale, Robben, Eisberge, Inseln und grandiose Fjorde: Die Meeresbucht mit einem Durchmesser von rund 120 Meilen am Fuße hoher vergletscherter Berge zeigt Alaska von seiner schönsten Seite. Aber das natürlich nicht im Dauerregen, den wir in der zweiten Augusthälfte gepachtet zu haben scheinen. Die Einheimischen zucken bedauernd die Schultern, an so einen langanhaltenden Regen könnten auch sie sich nicht erinnern. Ursache ist ein stationäres Hoch über Britisch Kolumbien. Die Tiefs – normalerweise auf der Durchreise- prallen gegen dieses Hoch und nichts bewegt sich mehr, außer dass Regen fällt.
        Berühmteste Attraktion des PWS ist der Columbia Gletscher, rund 60 km windet er sich durch die Chugach Mountains, bevor er sich auf einer Breite von mehreren Kilometern ins Meer stürzt. Die hohe Abbruchkante des Gletschers ist unser Ziel. Diesmal sind wir nicht nur mit der neuesten Seekarte und der elektronischen C-Map ausgerüstet, sondern auch noch mit einem Yachtführer für den PWS. Für Yachten, die an der Westküste der USA und Kanadas nach Norden segeln, ist der PWS in aller Regel der Wendepunkt. Das erklärt, warum es hier noch einen Cruising Guide gibt, aber nicht dort, wo wir herkommen. Tiefliegende Wolken, Regen und Nebel versperren jeden Blick auf den Gletscher. Zuerst müssen wir eine schmale, nur wenige Meter breite Öffnung durch die ehemalige Endmoräne finden, die in keiner Karte verzeichnet ist. Da auf der gesamten Breite des knapp unter der Wasseroberfläche liegenden Geröllwalls Eisberge gestrandet sind, finden wir die Lücke nach einigem Suchen – durch sie gelangen wir in den inneren Teil des Fjordes vor dem Gletscher. Heide navigiert wie immer mit C-Map und GPS. Was die Karten aber nicht sagen: Der Gletscher ist in den letzten Jahren wegen der Klimaerwärmung um etwa 10 Kilometer zurückgewichen. Laut Karte sind wir inzwischen mit der Freydis längst auf dem Gletscher. Wo die Abbruchkante liegt, können wir auch über das Radar nicht ausmachen. So hangeln wir uns an Eisbergen und –trümmern langsam unter Maschine durch die innere Lagune gen Norden. Es ist eine unwirkliche Stimmung. Das Eis wird immer dichter, die sowieso schon miserable Sicht immer schlechter. Der kalte Atem des riesigen Gletschers bläst uns ins Gesicht. Selbst wenn wir die Abbruchkante erreichen, werden wir kaum etwas erkennen. So entschließen wir uns nach zwei Stunden Irrfahrt zum geordneten Rückzug. Heide hat die GPS-Position der schmalen Lücke auf drei Stellen hinter dem Komma notiert – Gott sei Dank, denn als wir dort ankommen, ist die Lücke nicht wiederzuerkennen: Große Eisberge haben sie inzwischen versperrt. Wir mogeln uns zwischen zwei Brocken hindurch, schrammen einen von ihnen, aber dann haben wir es geschafft.

        Nachdem wir fast zwei Tage in Nebel und Regen zwischen Packeis und Eisbergen herumgegeistert sind, laufen wir in Richtung Cordova, unserem Zielhafen. Wir werden den Columbia Gletscher im nächsten Jahr unter hoffentlich besseren Bedingungen erneut aufsuchen.

        Kaum haben wir die Freydis im kleinen Fischereihafen von Cordova sicher vertäut, fällt der erste Herbststurm mit 65 Knoten über uns her. Dieser Sturm kostet ein erstes Opfer: Unser Nachbar war noch bei 40 Knoten einhand zum Lachsfischen ausgelaufen. Als dann der Sturm überraschend zulegte, war es wohl zu spät zum Umdrehen. Man fand in der anschließenden Suchaktion sein Boot, er selbst ist verschollen.

        Der Hafenmeister stellt uns für den Winter einen sicheren Liegeplatz zwischen zwei Stegen zur Verfügung. Unsere stärksten Ankertaue und Ketten müssen her. Wie eine Spinne im Netz liegt die Freydis nach dieser Prozedur. Der Sohn eines Fischers verspricht uns, regelmäßig nach der Freydis zu schauen und uns per E-Mail zu berichten.

        Aber die Winter sind lang in Alaska und als wir im Februar von einem Bekannten aus Anchorage am Telefon von 17 Meter hohen Schneewehen hören, fliegen Heide und ich zu einer Stipvisite nach Cordova. Bei Temperaturen zwischen minus 20 und 30 Grad C und stürmischen Winden dümpelt die Freydis im Hafen. Der PWS friert im Winter nicht zu, eine warme Meeresströmung aus südlichen Breiten verhindert dies.  Aber kalt ist es an Bord: In der ersten Nacht übertönt unser Zähneklappern die Windgeräusche in der Takelage, dann bekommen wir die Heizsysteme in Gang. Ein kleiner Elektroquirl und die Eberspächer Warmluftheizung geben ihr Bestes – es reicht, um Messe und Vorkammer einigermaßen zu erwärmen. Aber so richtig gemütlich wird es an Bord nicht. Erinnerungen an unsere Überwinterung werden wach. Unsere Durchhalteparole: Gelobt sei, was hart macht.

        Ein Gutes hat die trockene Kälte in Alaska: Bei Tiefkühltemperaturen gibt es keine Korrosion. Hauptmaschine und Aggregate laufen einwandfrei. Nur auf das Trinkwassersystem müssen wir verzichten, da Tanks und Leitungen eingefroren sind. Aber wozu brauchen wir auch Wasser? Duschen gibt es im Hafenbüro und das bisschen Trinkwasser hole ich vom Hafenamt in Kanistern, denn die Leitungen auf den Steganlagen sind natürlich schon vor Monaten stillgelegt worden.

        Beruhigt fliegen wir nach Hause. Ende Mai werden wir wieder kommen. Leider ist die Segelsaison in diesem großartigen Revier sehr kurz, sie reicht nur von Anfang Juni bis Ende August. Klare Sache für uns: Wir bleiben noch zwei Sommer lang in Alaska.

        ***

        Rundbrief vom April 2007:

         

        EISKALT  ERWISCHT…..

        „17 Fuß ? “  „Nein, Erich, Du hast richtig gehört, 17 Meter  hohe Schneeverwehungen sind hier nach den Schneefällen der letzten Wochen gemessen worden“ tönt es am anderen Ende der Leitung aus Alaska. Es wird für uns offensichtlich höchste Zeit, einmal nach dem Rechten zu schauen, schließlich liegt die FREYDIS schon seit September letzten Jahres unbeaufsichtigt zwischen zwei Schwimmstegen im kleinen Fischereihafen von Cordova, in der östlichen Ecke des Prince William Sound, auf 60° nördlicher Breite.

        Als wir Ende Februar mit dem Flieger in Anchorage ankommen, hat sich die Wetterlage geändert. Jetzt erleben die Alaskaner gerade einen ungewöhnlichen Kälteeinbruch mit Temperaturen zwischen minus 20 und 25 Grad Celsius, dazu stürmische Winde, die drei Wochen lang zwischen 40 und 95 Knoten (kein Schreibfehler) pendeln. Durch den Windchill kommt man dann leicht auf minus 40° C. Bei diesen Temperaturen wird Kälte lebensbedrohend, auch bei noch so guter Kleidung. Permanente Warnungen in den Wetterberichten, die Bewohner lassen sich draußen nicht mehr blicken und haben sich in ihre Häuser zurückgezogen.

        Unser gesamtes Gepäck mit aller Wärmekleidung ist beim Umsteigen in Denver nicht in unserem Flieger nach Anchorage gelandet, sondern fliegt fehlgeleitet in die Gegenrichtung nach San Francisco in die Wärme. Bis es wieder bei uns ist, habe ich mir natürlich eine schwere Erkältung zugezogen.

        In der ersten Nacht übertönt unser Zähneklappern die Windgeräusche in der Takelage, dann bekommen wir die Heizsysteme in Gang. Ein kleiner Elektroquirl und die Eberspächer Warmluftheizung geben ihr Bestes – es reicht, um Messe und Vorkammer einigermaßen zu erwärmen. Aber so richtig gemütlich wird es an Bord nicht. Erinnerungen an unsere Überwinterung in der Antarktis werden wach. Unsere Durchhalteparole: Gelobt sei, was hart macht.

        Ein Gutes hat die trockene Kälte in Alaska: Bei Tiefkühltemperaturen gibt es keine Korrosion. Hauptmaschine und Aggregate laufen einwandfrei. Nur auf das Trinkwassersystem müssen wir verzichten, da Tanks und Leitungen eingefroren sind. Aber wozu brauchen wir auch Wasser? Zum Waschen haben wir eh keine große Lust und das bisschen Trinkwasser hole ich vom Hafenamt in Kanistern, denn die Leitungen auf den Steganlagen sind natürlich schon vor Monaten stillgelegt worden.

        Sehr freundlichen und hilfsbereiten Leuten begegnen wir in Cordova. Wir sind die einzigen Fremden in der kleinen Gemeinde und werden oft eingeladen. Der Fischer Ken Adams grillt sogar bei minus 20° C im Sonnenschein vor der Haustür für seine Freunde und uns Berge von Lachs. Kennen gelernt haben wir ihn und seine Frau Debra (sie unterrichtet auf der kleinen Highschool) auf Empfehlung von Otto und Hanni Zimmermann, die mit ihrer ASTRONOTUS (Typ Hydra und der FREYDIS sehr ähnlich) um die Erde gesegelt sind und sich bei ihrem langen Aufenthalt in Cordova ein paar Jahre zuvor mit Ken und Debra angefreundet hatten.

        Unser heimlicher Traum, zu zweit mit der FREYDIS einen Abstecher zum Columbia-Gletscher zu machen, erfüllt sich nicht. Obwohl der Prince William Sound auch im strengen Winter nicht zufriert – Ursache sind die Ausläufer warmer Meeresströmungen – ist uns das Abenteuer bei der Kälte und den Stürmen doch zu gefährlich. In jeder Wettervorhersage wird auf die Gefahr gefrierender Gischt hingewiesen, die zu Decksvereisung und Kopflastigkeit führt. Nein Danke! Der Spaß am Segeln würde uns wahrscheinlich schnell vergehen!

        So fliegen wir dann in der dritten Woche zurück nach Anchorage. Nachdem wir wieder aufgetaut sind, geht die Zeit schnell um mit Museumsbesuchen, mit Einkäufen bei West Marine (u.a. kaufen wir ein neues Schlauchboot und einen neuen Gasherd) und mit einem Besuch bei Jill und Doug, einem Paar, das im Winter im Bear Valley bei Anchorage lebt, dort Schnee- und Lawinenexpertisen für die Regierung erstellt und in den Sommermonaten der letzten 20 Jahre in zwei Einer-Ruderbooten die gesamten Küsten Alaskas, Labradors, Spitzbergens und Teile von Grönland bereist hat. Jill hat über ihre ungewöhnlich abenteuerlichen Unternehmungen ein Buch geschrieben, das auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Seit über einem Jahr stehen wir schon über E.-Mail in Verbindung, wollten uns bereits im letzten Jahr an der Alaska-Halbinsel treffen. Jetzt kriegen wir uns endlich zu fassen.

        Als krönenden Abschluß unseres Alaska-Aufenthaltes verbringen wir die letzten Tage in tiefer Wildnis im Blockhaus unseres guten Bekannten Fred Huith, das er selber in jahrelanger Arbeit errichtet hat. Er stammt aus Bayern, lebt und arbeitet aber schon seit drei Jahrzehnten als Farmer in den USA und hat sich mit seinem Refugium an einem Lachsfluss seinen ganz persönlichen Lebenstraum erfüllt. Der Fluss ist übrigens in den zehn Jahren, die Fred hier lebt, das erste Mal ganz zugefroren, aber wir ertragen die Kälte besser als in Cordova. Der schneidende Wind fehlt und die Sonne scheint bei unseren Wanderungen durch die verschneite Wildnis von morgens bis abends.

        Nach diesem kurzen Rückblick ein Blick in die unmittelbare Zukunft:

        Ende April/Anfang Mai werden sich bei uns in Heidelberg die Crews der in diesem Jahr anstehenden Etappen treffen. Diese Zusammenkünfte dienen dem persönlichen Kennenlernen. Heide und mir sind fast alle von früheren Reisen mit der FREYDIS gut bekannt. Auf den Zusammenkünften werden wir gemeinsam die einzelnen Törns vorbereiten. Denn, wie Ihr vielleicht wisst, haben wir uns für dieses Jahr einiges vorgenommen: Wir wollen noch einmal ein Stück den Weg in Richtung Aleuten zurück, den wir im letzten Jahr gekommen sind, um dann zweimal das Beringmeer und die Beringstrasse zu durchkreuzen. Uns reizt der Besuch seiner entlegenen Inseln mit einem Abstecher nach Sibirien. Die Reisen sind eine große Herausforderung und wir hoffen, sie werden sehr interessant.

        Bei unseren Streifzügen durch die Museen und Läden von Anchorage sind wir immer wieder auf Reste von Mammuts gestoßen, die von den Inseln im Beringmeer und aus Sibirien stammen. Man  kann sie in einigen Läden sogar für viele harte Dollar erstehen. Aber Selbersuchen und –finden setzt natürlich viel mehr Glückshormone frei als profaner Kauf. Heide will deshalb ein kleines fossiles Mammut ausgraben und als Bordmaskottchen mitnehmen. „KNUT“ soll es heissen. Ich fand das eine gute Idee. Wir haben deshalb in Anchorage sechs Spitzhacken, sechs Spaten und sechs Schaufeln geordert und stellen uns vor, dass wir in Sibirien mit den Crews auf Mammutsuche gehen. Heide steckt die Claims ab und ordnet die Fundstücke nach wissenschaftlichen Kriterien, die Crews hacken, spaten und schaufeln was das Zeug hält und ich selber sichere das Gelände gegen aufdringliche Grisslys und Eisbären sowie gegen möglicherweise aufgebrachte Eskimos, die uns ja allesamt nur bei der Arbeit behindern würden, mit Hilfe von Pfefferspray, Tröte und Signalmunition. Letztere haben wir an Bord, Pfefferspray haben wir bereits in der Waffenabteilung vom WalMart in Anchorage gekauft.

        Nicht nur Heide hat ihre Wünsche, sondern auch ich. Bei mir wurden sie ausgelöst durch die Schilderungen von Jill und Doug, die oben erwähnten Ruderer. Sie hatten eines Tages am Ufer des Beringmeers einen verendeten Walrossbullen gefunden. Der hatte nicht nur zwei mächtige Stosszähne aus Elfenbein, sondern noch ein anderes Liebhaberstück für Sammler, einen „ Oosik, den eindrucksvoll großen Penisknochen, der so viele Menschen fasziniert…“ (in Jills Buch S.121).

        So ein männliches Walrossgerippe wollen wir auch finden, die Zähne kann Heide haben, der Knochen ist für mich. Übrigens heute schreiben wir den 1. April. Im Laufe des Monats werde ich 65 und damit ein „rüstiger Greis“. Und wer weiß, was dann noch kommt – es ist sicher gut, für die Zukunft einige Vorkehrungen zu treffen und sich „Stützen“ bereitzulegen.

        Bereits Ende Mai bilde ich das Vorauskommando, um die FREYDIS betriebsbereit zu machen. Soweit Ihr nicht auf einer der Etappen in diesem Sommer mitsegelt, hören oder lesen wir dann erst wieder im Herbst des Jahres voneinander. Dann stellen wir auch den neuen Törnplan für 2008 vor. So wie es aussieht, werden wir die Chance nutzen und noch ein weiteres Jahr in Alaska und in Britisch-Kolumbien verbringen.

        Heide und ich wünschen Euch eine erlebnisreiche Segelsaison voller glücklicher Momente.

         

          Herzliche Grüße aus Heidelberg von

        Rundbrief vom Oktober 2006:

         

        2006 im Überblick:
        Die Reise von Mexiko über Hawaii, das Midway-Atoll, und die Aleuten zum Golf von Alaska ist gut verlaufen, keine besonderen Vorkommnisse, Schiff o.k., Crew o.k.
        FREYDIS überwintert 2006/2007 in Cordova im Prince William Sound.
         
        2007 Fortsetzung der unendlichen Reise: 
        Wir bleiben  in Alaska und kehren noch einmal zurück an die schönsten Plätze. Anschließend besuchen wir die Inseln im Beringmeer und segeln durch die Beringstraße über den Polarkreis nach Kotzebue.

        Wir sind auf dem Wege vom Midway-Atoll zu den Aleuten. Von Klaus, unserem Ornithologen aus Leidenschaft, erhalten wir via Kurzwelle eine Mail an Bord:“…30 Meilen von Dutch Harbor entfernt  brütet auf den Baby Islands ein seltener Vogel, der Whiskered Auklet. Ich habe die Inseln in der Karte nicht gefunden, mein Wunsch wäre, da unbedingt vorbeizusegeln…“

        Als Klaus dann in Dutch Harbor zu uns stößt, winken wir erst einmal ab. Zu gefährlich! Wir sind froh, dass wir durch den Seguam Pass unbeschadet in das Beringmeer gelangt sind und das Seehandbuch verheißt über die Strömungen rund um die Baby Inseln nichts Gutes:  „… zur Springzeit  (und wir hatten gerade Vollmond) erzeugen die Strömungen so schwere Stromkabbelungen, und das auch bei ruhigem Wetter, dass man auf Brecher gefasst sein muß, die auf Deck einsteigen…Stromseen von 4,5 m Höhe sind beobachtet worden…besonders gefährlich für kleinere  Fahrzeuge, auch ohne Wind und Seegang…”. Warum sollten wir uns das antun? Aber auf so interessante Inseln und Vögel verzichten? Die Versuchung ist so groß wie die Herausforderung.  Wir befragen die Fischer in unserer Nachbarschaft und den Hafenkapitän, studieren Detailkarten und Tidenkalender. Heide navigiert uns mit Hilfe unserer neuesten Errungenschaft, den elektronischen Seekarten samt GPS-Maus zwei Tage lang metergenau durch die berüchtigten Pässe. Es ist spannend, aber nicht gefährlich und Klaus  ist happy, er bekommt seinen Vogel und wir anderen haben unser kleines Abenteuer bestanden.

        Und weil wir gerade bei den Vögeln sind, noch ein Wort zu unseren Superfliegern, den Albatrossen, den sanftmütigsten und größten aller Seevögel: Sie verbindet man im Allgemeinen mit der Südhabkugel, aber auch auf der Nordhalbkugel kommen drei Arten von ihnen vor. Klaus verspricht uns für jede Art, die er zu Gesicht bekommt, eine Flasche Champagner. Zehn  Jahre vorher, auf dem Südpazifik, wurde er auf diese Weise 6 Flaschen los. Natürlich halten wir eifrig Ausschau, doch kein einziger lässt sich sehen. Dabei war es doch zwei Wochen vorher noch so einfach gewesen: Auf dem vorangegangenen Abschnitt liefen wir mit der Vorcrew das Midway-Atoll an, einen einsamen Landkrümel im Ozean, 1.300 Seemeilen von Hawaii entfernt. Dort konnten wir fünfhunderttausend Albatrospaare beim Aufziehen ihres Nachwuchses beobachten, das sind je 500. 000 Vogelväter, Vogelmütter und Küken = insgesamt 1,5 Mio Albatrosse. (Auf einen mehr oder weniger will ich mich aber nicht genau festlegen).

        Midway ist ein Naturparadies, wie es schöner nicht sein kann – für uns alle ein unvergessliches Erlebnis.

        Von Mexiko bis Midway waren wir einige tausend Meilen Richtung Westen gesegelt. Nun führt unser Kurs  entlang dem 177sten Längengrad circa 1800 Seemeilen nach Norden. Wie im Zeitraffer vollzieht sich der Wechsel der Klimazonen von den Tropen über die gemäßigten Breiten in die Zone der stürmischen Westwinde, die Wassertemperatur – anfangs noch 28°C  -  fällt auf 5°C. Unsere Wetterfrösche auf dieser langen Strecke über den nordpazifischen Ozean sind unsere Freunde Jochen  aus Düsseldorf und Günther aus dem Taunus. Über Kurzwelle erhalten wir fast täglich E.-mails (für die Spezialisten unter Euch: System Pactor III und SailMail) mit den aktuellen Wetterdaten und mit Ratschlägen für unseren Kurs. Als wir bei der Annäherung an die Aleuten von zwei schweren Sturmtiefs in die Zange genommen werden, zieht Jochen aus Sorge um die Freydis und ihre Crew Oberwetterfrosch Meeno Schrader hinzu. Der rät  „Den Kurs sofort auf W-Kurs ändern und dem Tief entgegenfahren…  und dann auf NW-Kurs so schnell wie möglich aus dem Trog heraussegeln.“ Als wir endlich eine Kurzwellenverbindung aufbauen können, ist es aber schon zu spät für diese vorgeschlagene Kursänderung, denn  das Tief  hat uns erreicht und wir liegen bereits beigedreht unter drei Reffs. Viele von Euch wissen aus den Erfahrungen des Südpolarmeers, dass sich die Freydis beigedreht ganz prächtig verhält, Einen Tag später können wir unsere Reise nach Durchzug des Tiefs unbeschadet fortsetzen.

        Jochen und Günther haben sich viel Mühe gemacht. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle bei ihnen nochmals ganz herzlich auch im Namen unserer Mitsegler bedanken.

        Als wir auf den Aleuten ankommen, liegen die großen Ozeanpassagen hinter uns. Wir segeln die nächsten zwei Monate, meist in Tagesabschnitten, entlang den Küsten der Aleuten, der Alaska-Halbinsel, der Insel Kodiak, der Kenai-Halbinsel und des Prince William Sundes. Landschaftlich und klimatisch erinnert uns dieser Teil Alaskas mit seinen Fjorden, Gletschern und Vulkanen immer wieder an Patagonien und Feuerland. Darüber hinaus sind wir beeindruckt von dem außerordentlich reichen Tierleben. So viele Wale wie im Norden von Kodiak auf dem Wege zur Vulkaninsel Augustine haben Heide und ich auf allen Reisen zusammen nicht gesehen. Braunbären gibt es auf der Alaskahalbinsel weit mehr als Einwohner. Für uns ist es ein Privileg, etliche Bärenfamilien im Katmai National Park von Bord und vom Dingi aus wenigen Metern Entfernung  beobachten zu können.

        Besonders angetan sind wir von dem Interesse und der Gastfreundschaft der Menschen, die wir in den Siedlungen und Ankerbuchten entlang der Küste antreffen, das erinnert uns an unsere frühen Reisen ins Europäische Nordmeer in den Sechziger und Siebziger Jahren. Viele tolle zwischenmenschliche Erfahrungen! Auf der langen Reise zwischen Dutch Harbor und dem Prince William Sound treffen wir nur auf zwei weitere Yachten.  Diese Region liegt abseits der üblichen Touristenströme und wird auch nur von wenigen Yachties besucht. Das ist wohl auch mit ein Grund für den herzlichen Kontakt, den wir zu den Menschen, überwiegend Fischer oder in der Fischverarbeitung tätig, bekommen.

        Die ganze Küste ist ein Eldorado für Angler und Fischer. Wir schwelgen in Lachs und Heilbutt. Die Freydis wird zum 3 Sterne Fischrestaurant.
         

        Das Jahr 2006 brachte uns eine lange und abwechslungsreiche Saison: Sie begann für Heide und mich im November 2005 mit den Vorbereitungsarbeiten auf der Freydis in La Paz/Mexiko und endete – mit zweimonatiger Unterbrechung auf Kauai – Ende August 2006 in Cordova/Golf von Alaska. An den Törns von Mexiko bis zum Golf von Alaska nahmen insgesamt 30 Leute teil, 24 von Ihnen waren bereits auf früheren Reisen mit der Freydis dabei, meist in der Kap Hoorn Region und im Südpolarmeer. Nach spätestens einer Woche waren wir wieder ein eingespieltes Team. Heide und ich bedanken uns bei allen Mitseglern für ihren Einsatz und ihre Kameradschaft. Besonders bedanken möchten wir uns bei Peter Chmella, der auf dieser Reise am längsten an Bord war, nämlich ganze acht Wochen,  i m m e r  ansprechbar und hilfsbereit bei etwaigen Problemen an der Maschine oder an Deck (wie oft, lieber Peter, haben wir beide die verdammten Dieselfilter reinigen müssen, nachdem der mexikanische Reservediesel bereits bei +13,5°C geliert war?) . Unser besonderer Dank gilt auch unserem Freund Albert Strobl, der in Cordova bis zum ganz zum Schluß an Bord blieb und uns noch die letzte Woche beim Aufklaren und Einmotten der Freydis geholfen hat - das auch noch unter den lausigsten Wetterbedingungen (ähnlich wie in Deutschland war der August im Golf von Alaska außerhalb der Norm total verregnet). Außer Dauerregen hat uns in Cordova noch der erste Herbststurm mit 65 Knoten erwischt. Aus Sorge um unser Schiff haben wir es nach allen möglichen Seiten verkettet und vertäut. Jetzt hoffen wir, dass die Freydis die Winterstürme, die durch den Golf von Alaska toben, gut übersteht. 

        Die Saison 2007 wird kürzer :
        Alaska hat uns noch soviel zu bieten, dass wir auch in 2007 in diesem einzigartigen Revier bleiben.  Heide und ich werden spätestens im Februar/März einige Wochen an Bord verbringen um nach dem Rechten zu schauen und, wenn es die winterlichen Bedingungen erlauben, im Prince William Sound herumschippern (Mal sehen, ob wir den Columbia-Gletscher, vor dem wir mit der letzten Crew zwei Tage im Nebel zwischen Packeis und Eisbergen herumgegeistert sind, nicht doch  zu Gesicht bekommen).
        In den drei Sommermonaten (Juni, Juli und August) wollen wir noch einmal die schönsten Stellen besuchen, die wir in diesem Jahr kennen gelernt haben und zusätzlich einen Abstecher über den Polarkreis wagen.
        Juni 2007: Geplant sind zwei  15tägige Törns von Cordova/Prince William Sound nach Kodiak und                 danach von Kodiak nach King Cove (am westlichen Ende der Alaska-Halbinsel). Auf diesen beiden Törns laufen wir noch einmal die Highlights aus dem Vorjahr an.
        Juli 2007: Nach kurzer Unterbrechung in King Cove folgt ein dreiwöchiger Törn zu den Inseln im Beringmeer. Danach geht es weiter durch die Beringstraße und über den Polarkreis nach Kotzebue  (Zielhafen).
        August 2007: Mit der nächsten Crew wollen wir die Freydis  auf demselben Wege zurücksegeln. Einzelheiten gibt es im
        aktuellen Törnplan . Mitsegler auf den 4 Törns sind sehr willkommen!

        Die Freydis bleibt  im darauf folgenden Winter 2007/2008 in King Cove. Wir haben den  Ort bereits auf dem Hinweg in diesem Jahr besucht. Der kleine geschützte Fischereihafen, verfügt über einen modernen Travellift, der locker 40 to hebt; diesmal können wir die Freydis also aufbocken und müssen uns nicht wieder solche Sorgen wegen der Winterstürme und  möglicher Tsunamis machen.

        Das war 2006 und der Ausblick auf 2007. Wir hoffen, Ihr hattet ebenfalls eine tolle Segelsaison.

        Rundbrief vom April 2006:

         

        An unsere Freunde und Mitsegler:

        "A COLLISION AT SEA CAN RUIN YOUR WHOLE DAY"...

        Über diesen Spruch, der die Kaffeemug unserer Freundin Nancy auf Big Island/Hawaii zierte, haben wir uns wohl deswegen so amüsieren können, weil gerade eine unbeschwerte Überfahrt von Mexiko nach Hawaii hinter uns lag - keine Kollision auf See, weder mit noch auf der FREYDIS. Zu Beginn zerrte zwar eine tagelange Flaute an unseren Nerven, aber der dann einsetzende kräftige Passat schob die FREYDIS anschließend zügig voran und machte das Segeln mit der schnell eingespielten, erfahrenen Crew für alle zum tollen Ereignis. Nach knapp 3000 Meilen liefen wir am 21. Tag in den Hafen von Hilo/Hawaii ein. Unsere Mitsegler haben gerne die gewonnenen Tage zu Ausflügen auf dieser sicherlich interessantesten Vulkaninsel des Archipels genutzt.

        Der zweite Akt war etwas beschwerlicher: Kaum hatte unsere Crew die Heimreise angetreten, liefen die Ausläufer der Winterstürme im Nordpazifik in nicht enden wollender Zahl über die Inseln Hawaiis. In die scheinbar sichere Radio Bay, zum Meer nicht nur abgeschirmt durch das vorgelagerte Riff, sondern auch durch einen hohen Steinwall darauf, rollten die Brecher in voller Breite hinein. Heide und ich hatten schon vorher die gesamten 80 Meter Kette ausgebracht. In der Nacht waren wir der drei Meter hohen Betonpier im Rücken trotzdem bedrohlich nahe gekommen, so dass wir die Reservekette, ebenfalls 13mm stark, aus der Bilge zerrten - noch mal 70 Meter. Jetzt hielten zwar beide Anker. Nachdem aber eine unserer Nachbaryachten an die Betonpier geschmettert worden war und das schlechte Wetter kein Ende nehmen wollte, entschlossen wir uns, die FREYDIS hier keinesfalls zwei Monate unbeaufsichtigt liegen zu lassen. Wir hatten bereits mit dem Leihwagen erfolglos alle anderen Häfen auf Big Island inspiziert und flogen deshalb für ein paar Tage zur westlichsten Insel, Kauai. Dort hatten wir Glück: Im kleinen Hafen Nawiliwili bekamen wir mit viel gutem Willen der Behörden (es gibt dort keine privat betriebenen Marinas) endlich eine sichere Box. Dort liegt sie nun, die FREYDIS, und wird bewacht von dem Hafenmeister Richard (hat u.a. deutsche Vorfahren), dem Stegnachbarn Kamal Salibi (ein gebürtiger Libanese) und Renate aus Oberbayern, die vor ein paar Jahren mit ihrem Mann Bernd auf der Segelyacht NANUK die Erde umrundet hatte und sich nun hier auf Kauai als Ethnologin in einem pädagogischen Projekt engagiert, welches die Wiederbelebung traditioneller polynesischer Seefahrt fördert und u.a. den Nachbau alter Polynesischer Segelkanus zum Ziel hat, dem Vaka Taumako Projekt. (Wer sich von Euch für dieses Thema interessiert, findet mehr unter www.vaka.org und unter www.traditionen.org). Renate hat uns mit der neuen Umgebung vertraut gemacht und sich rührend um uns gekümmert.

        Die fünf Wochen, die Heide und ich für die Hawaii-Inseln eingeplant hatten, waren jedenfalls schnell vorbei. Zur Zeit weilen wir in Heidelberg. Am 8. Mai bilde ich das Vorauskommando und mache die FREYDIS für den Törn zu den Aleuten einsatzbereit. Mit Crew geht es dann Ende Mai los. Zuerst zum Midway-Atoll, das wir anlaufen dürfen, nachdem Heide in Honolulu beim U.S. Fish & Wildlife Service eine Sondergenehmigung für uns erwirkt hat, dann nach Unalaska/ Dutch Harbor. Über die Aleuten wollen wir zur Alaska-Halbinsel und nach Kodiak und von dort über die Kenai-Halbinsel zum Prince William Sound. Dort wird die FREYDIS voraussichtlich überwintern, vielleicht bleiben Heide und ich ebenfalls während des Winters 2006/2007 eine Zeitlang an Bord.

        Im September des Jahres sind wir wieder in Heidelberg. Dann werden wir uns kurzfristig bei Euch mit dem Törnplan für 2007 melden. Diesen jetzt schon zu erstellen macht wenig Sinn, da wir 2007 im Revier von Alaska bleiben wollen und deshalb noch die Erfahrungen aus den Törns der kommenden Monate in die Planung einfließen lassen möchten. Vielleicht segeln wir in 2007 einen Teil der Strecke bis Dutch Harbor zurück. Es reizt uns auch ein Abstecher zur Beringstraße und über den Polarkreis nach Kotzebue und zur russischen Seite der Beringsee. Auf dem Wege dahin liegen eine Reihe interessanter Inseln und Eskimosiedlungen und Tierparadiese, die zu besuchen sich sicherlich lohnt.
        Aber jetzt freuen wir uns erst einmal auf die drei Törns, die in diesem Jahr noch anstehen - in einem Revier, das vermutlich einzigartig ist: Eine grandiose Mischung aus Grönland und Feuerland stellen wir uns vor. Warten wir's ab !

        Ein kleines Jubiläum steht im Juni dieses Jahres an: Dann ist es 30 Jahre her, dass Heide und ich mit der ersten FREYDIS (eine Reinke „Super Secura" von 11,30 mtr Länge, Marke Selbstausbau) losgesegelt sind. Auf ihrer Jungfernreise brachten wir unsere erste „Eiserne Lady" mit Freunden von Leer nach Kiel und von dort segelten wir zu zweit über Bornholm, Kalmar und die Aland Inseln nach Uusikaupunki an der finnischen Küste und zurück.

        Von der Mittsommernacht in Mariehamn ist mir nur die erste Stunde in Erinnerung geblieben. Wir waren am späten Nachmittag angekommen, müde, verschwitzt, glücklich und durstig. Heide bereitete eine Kleinigkeit zu Essen und ich genehmigte mir einen nicht zu kleinen Gin Tonic auf den gelungenen Landfall. „Der schmeckt sehr intensiv" war mein Kommentar nach dem ersten großen Schluck. „Du musst ihn verdünnen" kommentierte Heide aus der Kombüse. Ich schenkte kräftig aus der Tonicflasche nach. Vergessen hatte ich, dass wir dem rigiden schwedischen Zoll in Kalmar ein Schnippchen geschlagen und vor der Kontrolle zwei Flaschen Gordons in leere Schweppesflaschen umgefüllt hatten.
        Die Wirkung war enorm: Nach wenigen Minuten war ich sternhagelblau, so dass meine liebe Frau es mit der Angst zu tun bekam und mir den Magen auspumpen wollte. Aber ich kam ihrem Tatendrang zuvor, fiel wie ein Baum auf die Koje und bin erst am nächsten Mittag wieder aufgewacht.

        Wir wünschen den Seglern unter Euch eine tolle Segelsaison 2006 ! ! Euch allen: Ohren stiev hollen ! !

        Rundbrief vom Juni 2005:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        RAZO-LERCHE ! Wer kann schon mit diesem Vogel etwas verbinden? Also i c h kann es und sechs weitere Mitsegler, die auf der Atlantiküberquerung Anfang des Jahres dabei waren – und natürlich ORNI(thologe) KLAUS, der uns dazu angestiftet hat, den Inselkrümel RAZO in der Kap -Verden - Gruppe anzulaufen und zu entern (wie schon weiland Sala y Gomez und andere Inseln im Südpazifik, wo Klaus das erste Mal dabei war). Diese Lerche existiert nur noch in wenigen Exemplaren auf RAZO und es ist ein großes Glück für den, der diesen äußerst seltenen Vogel auf der schroffen, schwer zugänglichen Insel nicht nur beobachten, sondern sogar fotografieren kann und dazu eine Reihe anderer Vögel, denen dieser kleine Flecken im Meer zum Überleben dient.

        Die Weiterreise stand unter einem guten Stern. Zwar war der Passat übellaunisch - zweimal brach im Masttop der Umlenkblock des Spifalls mit der Folge, dass einer der beiden Spibäume zu Bruch ging – aber wir erreichten Grenada nach 16 Tagen in bester Verfassung. Die Einzelkämpfer des Beginns waren am Ende zu einer Crew zusammengewachsen, die am liebsten gleich die Reise geschlossen fortgesetzt hätte.

        Mit neuer Crew folgten zwei Supertörns entlang der venezolanischen Küste mit attraktiven Inseln, Riffen und Lagunen. Am Ende dieser Abschnitte der Clou: Wir durften einen Blick ins Paradies werfen und sogar darinnen segeln, im San Blas Archipel vor der Küste von Panama. Dieses wirklich einzigartige Revier mussten wir leider schon nach gut einer Woche verlassen. Dafür durften wir uns mit korrupten Behörden in Panama wegen unserer Passage durch den Kanal herumquälen (ein Kapitel für sich). Ein Gutes hatte die lange Wartezeit für Yachten aber doch : Sie machte die Rückkehr zu den San Blas möglich und wir haben die vielen Stunden und Tage, die wir in den Coco Bandero Cays mit anderen Yachties aus Österreich, der Schweiz und DL verbracht haben, in allerschönster Erinnerung.

        Kein Paradies ohne Hölle. Sie tat sich auf, nachdem wir den Kanal passiert hatten. Der Passat fiel aus, es wurde entsetzlich heiß und schwül, und das auf dem ganzen Weg von Panama bis Acapulco. Da halfen auch keine geöffneten Luken, keine Windsäcke, keine Ventilatoren und keine Kühlbox. Unsere Mitsegler und Heide kamen damit ganz gut klar, aber ich hätte mich am liebsten ins kühle Naß gestürzt und den Haien zum Fraß vorgeworfen, denn in Costa Rica hatte ich mir zu allem Unglück auch noch einen Mittelfußknochen gebrochen. Nur – das Naß war nicht kühl sondern piwarm (31 – 32 Grad) und die Haie pflegmatisch wie ich selbst. Unser spindeldürrer, asketischer OLDIE Gerhard Niemann dagegen schien von einem Hitzeschutzschild umgeben zu sein. In den sechs Wochen von Panama bis Acapulco habe ich keinen Schweißtropfen an ihm wahrgenommen, während sich unter mir - egal, wo ich lag oder stand – sofort eine Pfütze bildete. (Beim Abschied in Acapulco zieht Gerhard Bilanz: „Das war meine achte Reise mit der Freydis und mein 30. Segeltörn insgesamt – und noch nie habe ich Ölzeug oder Stiefel gebraucht.“ Das mach´ ihm mal erst einer nach!

        Ab Acapulco hatten Heide und ich es dann eilig, schnell nach Norden in kühlere Gefilde zu kommen. Tatsächlich nahmen die Wasser- und Lufttemperaturen jeden Tag um ca 1 Grad ab und in La Paz an der Südspitze der Kalifornischen Halbinsel konnten wir befreit aufatmen. Wir hatten unser Ziel erreicht. Fast 10.000 sm hatte die Freydis seit Ihrem Start im August des vergangenen Jahres zurückgelegt und das Tor nach Hawaii und Alaska ist jetzt aufgestoßen. Die Freydis liegt die nächsten Monate aufgebockt in einer soliden Bootswerft und wir sind sicher, dass sie dort die Hurrikansaison gut überstehen wird. Eberhard Wolff, Stützpunktleiter von Trans-Ocean, und die kleine deutsche Gemeinde, die wir schnell kennen gelernt haben, wollen auch ein Auge auf unseren Schatz werfen.

        Sechs Törns und sechs Crews von den Kap Verden bis La Paz: Das Zusammenleben und Zusammensegeln war auf allen Abschnitten erfreulich und hat uns Spaß gemacht. Ob eine Crew zusammenpaßt, stellt sich ja immer erst während eines Törns heraus.

        Rundbrief vom Dezember 2004:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        Am 6. August 2004 sind wir von Leer aus mit der FREYDIS zu unserer 7. Weltreise gestartet. (Unsere erste begann übrigens auch in Leer an einem 6. August, und zwar vor 23 Jahren,1981, damals, als wir das erste Mal mit ihr loszogen rund Südamerika und als erste Deutsche in die Antarktis segelten.)

        Unserem erneuten Start war über ein Jahr harte Arbeit an der FREYDIS vorangegangen, die inzwischen 25 Jahre alt geworden ist und weit mehr als 200.000 Meilen auf dem Buckel hat, das entspricht 10 Runden um den Globus.

        Wir wussten, was auf uns zukam: eine gewaltige Arbeit und wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, die „Freydis“ wieder auf Vorderfrau zu bringen. Dazu kam unser Umzug von Cuxhaven nach Heidelberg und die Renovierung und Einrichtung unseres neuen 300 Jahre alten Hauses. Und am Ende waren wir völlig erschöpft und ausgelaugt – wir sind älter geworden, und das spüren wir.

        Zuerst der Stahlrumpf: Viele Teile wurden ausgewechselt, das Cockpit z.B. ganz aus Niro erneuert. Neue Hauptmaschine samt Getriebe, neues Stevenrohr mit Welle und Propeller, neue Aggregate, neue Luken, neue Fenster, neue Steuersäule und Ruderanlage, neuer Decksbelag, neue Seeventile, innen neue Isolierung, neue Verschalung, neue sanitäre Einrichtungen, neue Heizungssysteme, neue Kühlung, neuer Gasherd mit Leitungen, die gesamte Elektrik und Elektronik erneuert, neue Segel, neues Tauwerk, Schwenkkiel überholt und Umlenkung erneuert, Hilfsdiesel und Generator generalüberholt.  Der ganze Rumpf wurde gesandstrahlt und der Anstrich neu aufgebaut. Kein Zentimeter altes Kabel oder alter Schlauch sind im Schiff verblieben.

        Da fragt sich mancher: Lohnt denn der ganze Aufwand? Doch wir haben vorher „ja“ gesagt und sind auch jetzt noch davon überzeugt, das für uns Richtige getan zu haben. Es ist eine Entscheidung, die wir nicht mit dem Kopf getroffen haben, sondern mit dem Herzen. Die „Freydis“ ist einen langen Abschnitt unseres Lebens mit uns durch „Dick und Dünn“ gegangen. Wir hängen an ihr, sind mit ihr bestens vertraut. Jetzt hoffen wir, dass sie noch für weitere 10 – 12 Jahre fit ist und wir hoffen das auch von uns. Jedes Jahr ist ein Geschenk – das wissen wir sehr wohl.

        Beide 62 Jahre alt sind wir jetzt wieder unterwegs. Zu Beginn erwischte uns ein Hoch, das zur Freude unserer Mitsegler auch noch wie ihr Skipper „Erich“ hieß und durch die ganze Nordsee und den Ärmelkanal anhielt - soviel Flaute haben wir in diesem Revier in über 40 Jahren nicht erlebt. Für die neue Maschine, einen Mercedes 6-Zylinder, und mit 126 PS doppelt so stark wie ihre Vorgängerin, war das eine leichte Übung, aber für uns schon eine arge Zumutung. Als dann der erste schwere Sturm kam, der vorher als Hurrikan „Bonnie“ schreckliche Verwüstungen in der Karibik angerichtet hatte, lagen wir sicher vertäut im winzigen Fischerhafen von Lampaul auf unserer Lieblingsinsel Ouessant am Ausgang des Kanals und ließen die französiche Küche hochleben in dem Inselrestaurant „Duchesse Anne“, während es draußen heulte und stürmte. Die Biskaya überquerten wir anschließend bei moderatem Wind und von Lissabon über Madeira und die Kanaren kam dann der heißersehnte Nordostpassat, zuerst mäßig und etwas unbeständig in Richtung und Stärke. Er zwang zu vielen Segelmanövern und hielt die Crew auf Trab. Von den Kanaren an legte er zu und wehte dann zum Schluß der Reise stark bis stürmisch, so dass wir zeitweise nur noch mit zwei Reffs im Groß und kleinem Vorsegel steuern konnten. Aber das mag die fast dreißig Tonnen schwere „Freydis“, und wir mögen das auch.

        Im kleinen Hafen La Restinga auf der Insel Hierro, der westlichsten Kanareninsel, legten wir einen Gedenkstop ein. Schließlich war Hierro für Jahrhunderte das Ende der damals bekannten Welt und durch ihren Leuchtturm lief in der Ära der Spanier und Portugiesen der Nullmeridian bis die Engländer ihn kurzerhand durch die Sternwarte von Greenwich legten. Außer uns lag hier noch eine weitere Yacht unter dem Stander von Trans-Ocean, die „Summertime“. Mit dem Deutsch-Österreichischen Eignerpaar Klaus und Edith freundeten wir uns an und segelten gemeinsam die 750 Seemeilen bis zur Kap Verden Insel SAL. „Mackern“ heißt das in der Sprache des Seemanns. Die „Summertime“ startete einen halben Tag später, wog aber nur die Hälfte der „Freydis“ bei größerer Segelfläche. In jedem Fahrtensegler steckt bekanntlich auch ein kleiner Regattafan und der kommt bei solcher Gelegenheit zum Vorschein. Regattafieber breitete sich auf der „Freydis“ aus. Zuerst holte die „Summertime“ schnell auf, aber mit zunehmendem Wind konnte die „Freydis“ in den letzten beiden Tagen dennoch ihren knappen Vorsprung behaupten. An der Nordspitze von SAL trafen wir uns wieder und fotografierten unsere Schiffe gegenseitig in voller Aktion, bevor wir in der Bucht von Palmeira auf der Insel SAL gemeinsam vor Anker gingen.

        In Leer hatten wir die „Freydis“ generalüberholt und in Ostfriesland zahlreiche Vorträge über unsere Reisen gehalten. Darüber hinaus hatten wir in „OMA“, dem „Ostfriesland Magazin“ in Reportagen über unsere Abenteuer berichtet. So war es nicht verwunderlich, dass auf den vier Teilabschnitten von Leer bis zu den Kap Verden über die Hälfte unserer Mitsegler aus waschechten Ostfriesen und Butenostfriesen bestand. Klar, dass auf einigen Törns Platt die Umgangssprache wurde. Da waren Thilo, unser treuer Freund aus Weener, der die „Freydis“ seinerzeit mitgebaut hatte und schon vor 23 Jahren als Student mit uns in die Antarktis gesegelt war, und Richard aus Logabirum, der uns für die Überholung der „Freydis“ sein Betriebsgelände und seine Werkstätten zur Verfügung gestellt hatte, wobei er uns mit Rat und Tat zur Seite stand.  Zur Crew war auch Helmut gestoßen, Gründer eines Shanty-Chors und bekannt als „der singende Ostfriese“. Er sorgte  auf der Biskaya für die nötige Stimmung mit Musik von seiner CD und mit „Life“- Einlagen vom „Ostfriesenlied“ bis zum Lied „vom alten Leuchtturmwärter, der hinter sich das Licht ausmacht“.

        Nach einem Vortrag in Leer kam zu uns ein Landwirt aus Middelsterborg, ein Namensvetter, wie sich herausstellte, aber nicht mit uns verwandt. Sein Sohn habe nun den Hof übernommen und jetzt zöge es ihn auf die See. Nun nehmen wir eigentlich keine Segelunkundigen mit auf die Reise, aber, stur, wie Ostfriesen nun einmal sind, ließ er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Schließlich gaben wir nach. Unseren Vorschlag, an dem ersten Abschnitt teilzunehmen - Ems, holländische Küste und Kanal - weil wir dachten, dass wir ihn jederzeit in einem Hafen absetzen könnten, falls es nicht hinhaute, lehnte er ab: Er wollte „richtiges Meer“ und er hatte sich den Abschnitt über die Biskaya nach Lissabon in den Kopf gesetzt. Und so geschah es dann. Der Skipper nahm ihn auf seine Wache und führte ihn in die Geheimnisse des Steuerns ein und es wurde für ihn ein „Bombentörn“ und er plant schon seine nächste Reise auf der „Freydis“.

        Unverhofft meldete sich ein Volker aus Wiesmoor, der jahrelang zur See gefahren war. Der richtige Mann: Trotz unerträglicher Sommerhitze und Aufbruchstress half er uns selbstlos in den letzten zwei Wochen vor dem Start bei der Ausrüstung und Verproviantierung.

        Und dann kam da noch die Christa mit Hans-Jörg, Ihrem Mann, dazu. „Kennst Du mich noch?“ fragte sie schelmisch nach einem Vortrag in Logabirum, „wir waren Nachbarn auf der Nesse in Leer und haben als Kinder zusammen auf der Straße gespielt“. Nun lag das zwar 50 Jahre zurück, aber auch der Skipper konnte sich gut an das schlacksige Blondschopftöchterlein vom Gastwirt Huneke auf dem Viehhof erinnern.

        Die Ostfriesen sind immer noch ein Volk von Seefahrern, sie waren Walfänger und Fischer, sie stellten und stellen immer noch Kapitäne und Besatzungen in der Handelsschifffahrt – und der Skipper, dessen Vorfahren aus der Gegend von Marienhafe stammen, behauptet, dass Klaus Störtebeker, der von dort aus seine Kaperfahrten unternahm, sein Ahnherr war - und es kamen so viele Ostfriesen auf die „Freydis“, bis alle Kojen auf den vier Etappen belegt waren.

        Zwei Tage, bevor wir die Kap Verden erreichten, zogen rötliche Wolken über uns hinweg. Es waren riesige Heuschreckenschwärme, die vom stürmischen Passat von der 300 Seemeilen entfernten afrikanischen Küste aufs offene Meer getrieben worden waren. Viele versuchten, auf der „Freydis“ notzulanden. Zu unserem Glück misslangen die meisten ihrer Manöver. Durch die Windströmung an den Segeln stürzten die Heuschrecken ins Meer. Viele, ja Millionen, waren vorher schon entkräftet und streckenweise war die Meeresoberfläche mit ihren Körpern wie von einem rötlichen Teppich bedeckt. Seit diesem Erlebnis haben wir eine sehr konkrete Vorstellung von dieser „Biblischen Plage“. Wir sammelten die im Segel und auf Deck herumkrabbelnden Heuschrecken ein. Aber der Vorschlag des Skippers, sie mit Knoblauch in Olivenöl zu rösten und sie wie Langostinos zu genießen, stieß auf wenig Begeisterung.

        In der letzten Nacht auf See hatten wir Neumond. Bei Starkwind rauschte die „Freydis“ durch die pechschwarze Finsternis . In der aufgewühlten See hatte der Rudergänger Mühe, das Schiff auf Kurs zu halten und wurde alle  halbe Stunde am Ruder abgelöst. Die „Summertime“ saß uns im Nacken und die „Freydis“ trug soviel Segel, wie gerade noch vertretbar. An Deck war es trotz des Windes warm, denn wir segelten ja längst in den Tropen. Im Schiff war die Hitze kaum zu ertragen und wir hatten die Messeluke einen Spalt geöffnet, damit Durchzug entstehen konnte. Nachts um vier plötzlich ein Schrei und Tumult in der Doppelkoje, wo Hans-Jörg und Christa eben noch friedlich schliefen, wegen der Hitze dürftigst bekleidet. Ein Fliegender Fisch, 25 cm lang, zappelte hilflos auf Christas Bauch. Er war von der „Freydis“ aufgescheucht worden, hatte bei der Flucht im Dunkeln die Orientierung verloren und war durch den Lukenspalt in die Messe gesegelt. Es dauerte eine Weile, bis Hans-Jörg den glitschigen Fisch eingefangen und wieder in sein Element zurück befördert hatte. Auf diesen Schreck genehmigte sich die Crew einen Schluck Folts Krüden, Christa deren zwei.

        Originalton im Logbuch am 15. Oktober: Diese Nacht regnet es Fliegende Fische. Einer landet durch die Messeluke auf Christa´s Bauch. Großes Juhu.

        8 Uhr: Gespräch mit Klaus über UKW: „Summertime“ hat die Nacht mit 4 Reffs im Groß überstanden. Sie segelt 8 Meilen hinter uns im Kielwasser.

        13:30 Drehen bei an der NW-Ecke von Sal am Kap Punta Preta

        14:30 Die Summertime hat uns erreicht. Gemeinsame Fotosession bei 6 – 7 Bft, zunehmend 8 und dann ab in den Hafen Palmeira unter Landschutz.

        Fröhliches Wiedersehen mit Karl-Heinz Lange, dem Trans-Ocean Stützpunktleiter, der die Freydis in den nächsten zwei Monaten betreuen wird.

        Abends Skipperessen bei Carlita, leider überschattet von dem Diebstahl der Pässe und belichteten Filme aus dem offenen Leihwagen unserer Mitsegler Hans und Marion.

        Jetzt dümpelt die Freydis in der Obhut des Trans-Ocean Stützpunktleiters Karl-Heinz Lange, den wir bereits vor zwei Jahren auf unserer Rückreise nach Deutschland kennen gelernt hatten, im Hafen von Palmeira auf der Insel SAL. Die Kap Verden sind ein heißes Pflaster – immerhin sind wir bzw unsere Mitsegler in den vergangenen Jahren bei vier Besuchen dreimal bestohlen worden - aber Karl-Heinz sorgt mit dafür, dass Palmeira ein sicherer Hort für Weltumsegler bleibt und jede Nacht schlafen zwei Söhne des Fischers Frank an Bord, damit sich nicht Inhalt und Ausrüstung der „Freydis“ verselbständigen und neue Liebhaber finden. Wir brauchen sie noch.

        Wir haben die Reise für zwei Monate unterbrochen, denn noch ist Hurrikan-Saison in der Karibik, die in diesem Jahr bereits mehrfach von Wirbelstürmen heimgesucht wurde. Aber Weihnachten wollen wir weiter. Zuerst über den Atlantik nach Grenada, dann über die venezolanische Küste, die ABC-Inseln und die St. Blas-Inseln nach Panama. Von da entlang der Küste von Mittelamerika und Mexiko bis zum Golf von Kalifornien.

        Hier werden wir Mitte bis Ende 2005 wieder eine Hurrikan-Saison aussetzen und dann in 2006 über Hawaii nach Alaska, dem Höhepunkt auf dieser Reise, weitersegeln. Für die Erkundung von Alaska und Britisch-Kolumbien werden wir uns viel Zeit nehmen und danach wahrscheinlich zurück in die Südsee steuern. Schaun wir mal!
        .

        Rundbrief vom Dezember 2003:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        Herzliche Weihnachtsgrüße von Bord der Freydis. Nach einem langen heißen, arbeitsreichen Sommer haben sich die Außentemperaturen endlich auf angenehme 0 bis 7 Grad Celsius eingependelt. Die Freydis liegt immer noch unterm Dach unseres Freundes Richard Hartema in Leer auf 53°14,6´ Nord und 07°31´Ost. Wir kommen mit der Überholung gut voran und sind zur Zeit dabei, die neue Maschine einzubauen – wieder ein Mercedes, aber diesmal ein 6-Zylinder vom Typ OM 366 mit entsprechend höherer Leistung als ihre Vorgängerin, die zwar 25 Jahre durchgehalten hat, aber zu schwach war, wenn es darauf an kam.

        Während ich mich vornehmlich um die Generalüberholung der Freydis kümmere, hat Heide ihr neues erzählendes Buch „Wilder Stiller Ozean“ vollendet, den vierten und letzten Band über unsere siebenjährige Antarktisumrundung. Es ist jüngst zur Buchmesse in Frankfurt erschienen. Einen Prospekt haben wir beigefügt und legen Euch das neue Werk warm ans Herz.

        „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorbei, in der man kann“. Wir arbeiten darauf hin, dass dieser weise Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach sich auch ein weiteres Mal nicht bei uns beiden bewahrheitet und blasen schon jetzt zum neuen Aufbruch im August nächsten Jahres: Unser Fernziel ist Alaska, und wir wollen es in kleineren Etappen via Kanaren, Karibik, Panamakanal, Mexiko und Hawaii erreichen.

        Die ersten drei Törns haben wir schon festgelegt. Danach soll eine mehrmonatige Pause folgen. Wer von Euch Lust hat, uns auf einem der Abschnitte zu begleiten, ist herzlich willkommen. Törnplan und weitere Einzelheiten findet Ihr auf der Rückseite dieses Briefes.

        Im Laufe der letzten Monate haben wir zahlreiche (Rück-)meldungen aus Euren Reihen bekommen. Wir freuen uns immer wieder über ein Lebenszeichen und es ist schön, dass auch nach Abschluss unserer großen Reise weiterhin Kontakte zu vielen von Euch bestehen. Wir hoffen, dass das auch künftig der Fall sein wird.

        Seid herzlich gegrüßt, kommt gut ins neue Jahr, und hoffentlich auf Wiedersehen in alter Frische
        .

        Rundbrief vom Dezember 2002:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        Die Reise unseres Lebens ist zuende. Am 20. Juli dieses Jahres machten wir die Leinen fest am Steg des SV Leer, von wo wir 12 Jahre zuvor aufgebrochen waren. Unsere Leeraner Freunde bereiteten uns einen herzlichen Empfang, wofür wir uns, auch im Namen unserer auf dem letzten Teilstück mitsegelnden Freunde Heiner, Karl und Erhard vielmals bedanken. Ein schöner Abschluß war das!

        Gleich zweimal sind wir auf dem Heimweg von Kapstadt nach Leer über den Atlantik gesegelt: Zu zweit im SE-Passat von Walvis Bay/Namibia über St. Helena und Ascension nach Joao Pessoa im Nordosten Brasiliens und anschließend mit wechselnden Crews von Brasilien über die Kap Verden und die Azoren zu unserer Lieblingsinsel Ouessant bei Brest. Der erste Teil war durchweg entspannend, der zweite Teil oft ätzend wegen der Schwüle und Flauten in den Kalmen am Äquator und dem bis zu den Azoren meist von vorne blasenden NE-Passat. In Rauschefahrt ging es bei strammen Winden aus dem westlichen Quadranten von den Azoren zum Eingang des Ärmelkanals. Aber auf dem allerletzten Teilstück von Oostende bis Borkum riß unsere Glücksträhne und eine harte Zielkreuz gegen starken bis stürmischen Nordostwind blieb uns nicht erspart. Wir waren froh, als wir Borkum nach 330 Seemeilen Schinderei endlich zu fassen hatten. Beim Einlaufen schwächelte das Getriebe - nicht nur bei uns war die Luft raus.

        Heides runden Geburtstag feierten wir im Yachtclub von Walvis Bay, Erichs ebenso runden beim Überqueren des Äquators. Auf der Freydis wurden schon Ehen gestiftet, Kinder gezeugt und auch der Grundstein für Trennungen gelegt. Trotzdem gelang es unserem Mitsegler und SMS-Experten Candidus aus Graz beim Anlaufen der Ile d'Ouessant uns zu überraschen: An der Pier erwartete ihn und uns seine Frau Annelies aus einem ganz besonderen Anlaß: Ihr 50. Hochzeitstag stand vor der Tür und wir feierten ihn gebührend an Bord der Freydis.

        Die Freydis hat Glück gehabt. Sie fand nach der Reise Unterschlupf bei Richard Hartema in Logabirum auf seinem Betriebsgrundstück am Rande von Leer. Überdacht und mit trockenen Lagerräumen für all das an Ausrüstung, was wir aus ihrem Bauch geholt haben, wartet sie nun darauf, dass wir sie von Grund auf überholen. Unsere Entscheidung für die "Eiserne Lady" und gegen eine neue, moderne Version aus Alu wurde weniger vom Verstand und mehr vom Herzen diktiert. Wir haben beschlossen, gemeinsam alt zu werden.

        Die Reise ist vorüber, die Freydis zurück. Keine ernsthaften Verletzungen in all den Jahren, weder bei uns noch bei einem der rund 300 Mitsegler. Wir dürfen zufrieden sein. Bleibt uns zum Schluß nur noch die angenehme Pflicht, vielen zu danken. Ganz besonders unseren Freunden und Mitseglern, die auf einem oder mehreren Abschnitten dabei waren, Freud und Leid mit uns geteilt und wesentlich zum guten Gelingen des Unternehmens beigetragen haben; ausdrücklich nennen möchten wir Erhard Schorge und Heiner Borgmann wegen ihres Mutes während des Brandes bzw. nach der Strandung,

        den zahlreichen Trans-Ocean Stützpunktleitern rund um den Globus, die uns mit Rat und Tat unterstützt haben,

        Günther Hirschberg von Intermar für die Wetterprognosen, auch wenn sie oft schaurig-schön waren,

        Kommodore Helmut Bellmer und Frau Sonnhild Sallmann von Trans-Ocean für ihre Betreuung,

        last not least Herrn Thilo von Cölln für seine Freundschaft.

        Krönender Abschluß der 12 jährigen Reise war die Verleihung des Trans-Ocean -Preises vor ein paar Wochen. (Die Laudatio haben wir diesem Rundbrief als Anlage 2 beigefügt). Wir haben den Preis 1982 das erste Mal bekommen. Also haltet Euch fit: In zwanzig Jahren sind wir wieder dabei !

        Frohe Weihnachten, guten Rutsch und Auf Wiedersehen wünschen Euch.

        Rundbrief vom Dezember 2001:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        Wir sind nur zu einem kurzen Zwischenaufenthalt in Deutschland und setzen unsere Heimreise nach Cuxhaven mit der Freydis wie geplant Anfang Januar von Kapstadt aus fort. Über das, was hinter uns liegt und das, was wir nun vorhaben, wollen wir kurz berichten:

        Happy Sailing ist den Weltumseglern beim Überqueren des Indischen Ozeans selten oder gar nicht vergönnt - da machte Rasmus bei uns keine Ausnahme. Trotzdem haben wir unsere Entscheidung, um die Südspitze Afrikas zu segeln, statt durchs Rote Meer, nicht bereut. Denn im Indik gibt es im Vergleich zum Pazifik zwar weit weniger Inseln, aber die sind wirklich einzigartig. Auf diesem Kurs konnten wir besuchen: Scott Reef, Bali, Christmas und Cocos-Keeling sowie Rodriguez, Cargados Carachos Shoals, Mauritius, Reunion und Madagaskar. Seit wir das erste Mal vor über 30 Jahren in "Hundeleben in Herrlichkeit" von Ernst Jürgen Koch über die meisten dieser Inseln gelesen hatten, träumten wir davon, sie eines Tages selbst zu besuchen. Enttäuscht worden sind wir nicht, auch wenn sich in der Zwischenzeit vieles geändert haben mag. Von ausgedehnten Sandriffen über phantastische Atolle und Lagunen bis hin zum Hochgebirge und aktiven Vulkanen wurde uns alles geboten. Jede der bewohnten Inseln hat ein eigenes Flair und eine eigene Kultur, je nachdem, welchen Einflüssen sie ausgesetzt war, asiatischen, afrikanischen, australischen oder europäischen. Auch heute wird Gastfreundschaft noch groß geschrieben; überall waren wir willkommen.

        Von Darwin im Norden Australiens nach Bali in Indonesien standen zwei unterschiedliche Kurse zur Auswahl. Der erste führt auf direktem Wege (etwa 1000 sm) nach Bali und verspricht herrlich entspanntes Passatsegeln mit einem Zwischenstop auf dem Ashmore Reef auf halber Strecke. Der zweite ist zwar ein erheblicher Umweg (ca. 1600 sm), aber dafür entschied sich die Crew: Entlang dem unberührtesten Küstenstreifen Australiens , der wilden Kimberley Coast zur Hafenstadt Broome und von dort über das Scott Reef nach Bali. Die spektakulären Flussfahrten auf dem King George River und dem Prince Regent River über Sandbarren und Stromschnellen zu gigantischen Wasserfällen zwischen hundert Meter hohen Steilwänden, und zwischen Mangroven und Mondlandschaften wird keiner von uns vergessen. Aber natürlich war es auch anstrengend, in der Hitze durch ein Revier zu manövrieren, das z.T. noch nicht einmal kartografiert ist. Ins Wasser springen oder fallen durfte auch keiner. Die überall auf Beute lauernden "Salties", die Salzwasserkrokodile, hätten sich gefreut. In diesem Revier hat sich die Freydis mit ihrem Drehkiel und ihrer dicken Bodenplatte wieder einmal bestens bewährt, z.B. als wir eines Abends auf acht Meter Wassertiefe ankerten und zu unserer Überraschung wenige Stunden später trockenfielen.

        Der INDIK:
        Da wir zur besten Jahreszeit, also im Südwinter segelten, profitierten wir vom SO Passat, der durchweg mit 20 bis 25 Knoten wehte, aber auch Sturmstärke erreichte. Auf dem Teilstück von Bali über Christmas und Cocos nach Mauritius segelten wir beide allein. Das Vergnügen an der schnellen über 3000 Seemeilen langen Ozeanpassage wurde durch eine unangenehme Querdünung getrübt, die auf dieser Strecke, von Stürmen im Südpolarmeer erzeugt, unaufhörlich aus Süd bis Südwest heranrollt, Mensch und Material strapaziert und das Segeln für uns manchmal zu einer Tortur werden ließ. Von zwei befreundeten Yachten, die im gleichen Zeitraum wie wir auf diesem Abschnitt unterwegs waren, verlor die eine ihren Schwenkkiel und bei der anderen brach die Selbststeueranlage. "Ankommen ist das Schönste" war denn auch unsere Meinung, als wir den kleinen Naturhafen auf Rodriguez nach vielen Wochen auf See ohne größere Blessuren erreicht hatten.

        Ab Mauritius folgten drei sehr schöne Zwei- und Dreiwochentörns mit Crews, mit Zwischenaufenthalten in Reunion und Madagaskar und entlang der südafrikanischen Küste von Durban bis Kapstadt, wo die Freydis jetzt liegt und auf uns wartet.

        Bei allen Teilnehmern auf den Crewetappen möchten wir uns für den Einsatz und die Kameradschaft sehr herzlich bedanken. Wir erinnern uns gerne an die gemeinsam bestandenen Abenteuer und die vielen schönen und geselligen Stunden an Bord und an Land. Ich bin dabei, das Bildmaterial zu sortieren und werde wie versprochen allen Crews einen Satz mit den besten Fotos zur Verfügung stellen - als kleines Dankeschön.

        Wie geht es weiter ?
        Mit Crew starten wir Anfang Januar von Kapstadt nach Walvisbay/Namibia zu unserer siebenmonatigen Rückreise nach Cuxhaven. Die Atlantiküberquerung über St. Helena und Ascension nach Natal/Brasilien werden wir wieder alleine segeln. Danach folgen Törns mit Crews mit Stops auf den Kap Verden, den Azoren und Brest.

        In Cuxhaven beenden wir unseren doppelten Salto um die Erde Ende Juli/Anfang August. Wir hoffen, viele von Euch im Herbst des Jahres 2002 beim Treffen der Trans-Ocean Segler in Cuxhaven wiederzusehen, soweit Ihr nicht auf einem der Atlantiktörns dabei seid. Aber bevor wir hierzu einladen, möchten wir erst einmal heil und gesund zurück sein.

        Wir wünschen Euch allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Vor allem bleibt gesund!

        Auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr, an Bord oder in Cuxhaven freuen sich Eure .

        Rundbrief vom Januar 2001:

         


        Guten Tag, Ihr Lieben !

        Wir melden uns zurück von unserer diesjährigen  Reise durch das Grosse Barriere Riff im Osten  Australiens. Wir haben alles gut überstanden und  hoffen, dass auch Ihr gesund und munter seid. Was wir  erlebt haben - zuerst allein und dann mit Crew - war  unbeschwertes Segeln vom Feinsten, vom schwülen, heißen  Finale in Darwin und den Salzwasserkrokodilen in der Torresstraße, die uns zum Fressen gerne  hatten, einmal abgesehen. Wir hatten uns auf eine  knifflige Navigation durch die unzähligen Riffe  eingestellt, aber mit guten Karten, Radar und GPS  kann man sich auch nachts bewegen, solange man das  gut befeuerte Hauptfahrwasser nicht verlässt.  Neunhundert Seemeilen im Passat, ungezählte schöne  und interessante Inseln auf dem Wege und viele  Ankerplätze im Riff zum Schnorcheln - ein Hochgenuß!

        Gerade mit dem Flugzeug in Australien angekommen  erkrankte Heide und musste sich in einer Klinik in  Townsville einer schweren Operation unterziehen. Es  ist halt nicht selbstverständlich, dass immer alles  problemlos und nach Wunsch verläuft.

        Den vierwöchigen Aufenthalt in Townsville haben wir  dazu genutzt, die FREYDIS auf der Werft gründlich zu  überholen. Hier hatte Heinrich Eichenbrenner, Trans-Ocean  Stützpunktleiter und Teilhaber an der Rosshaven  Marine, maßgeblichen Anteil. Er wusste, worauf es  ankam, war er doch selber vor einigen Jahren zusammen  mit seiner Frau um die Welt gesegelt.

        Die FREYDIS liegt jetzt während der heißen Monate (es  ist Taifunsaison) in der Obhut von Bekannten in der  Cullen Bay Marina in Darwin. Zu Beginn der kühleren  Jahreszeit Mitte April 2001 fliegen wir dorthin zurück,  bringen die FREYDIS auf Vordermann, um Anfang Mai  unsere Reise über Bali, Christmas- und Cocos Island  , Mauritius, Madagaskar nach Durban und Kapstadt  fortzusetzen. Die Crews für die Törns über den  Indik liegen weitgehend fest.

        Wie es danach weitergeht?

        Wir sind auf Heimatkurs und wollen nach 12 Jahren und  zwei Weltumsegelungen in Folge zurück in den  heimatlichen Hafen nach Cuxhaven. Der Törnplan für  die letzten Etappen im Süd- und Nordatlantik steht (siehe  auch unter
        "Törns"). Wir würden uns über Beteiligung  an den Törns aus Euren Reihen freuen. Ihr seid wie  immer herzlich willkommen.


        Rundbrief vom Januar 2000:

         


        Prost Neujahr, Ihr Lieben !

        Lang ist's her, dass wir uns das letzte Mal bei Euch  gemeldet haben. Viele Briefe von Euch, die uns im  letzten Jahr im Südpazifik erreicht haben, konnten  wir noch nicht beantworten. Wir haben uns über diese  sehr gefreut und sagen "Danke Schön".

        Ein Kraftakt liegt hinter uns. Als wir kurz vor  Weihnachten in Townsville/Queensland das andere Ende  des Ozeans erreicht hatten, waren wir deshalb sehr glücklich:  Alle Teilnehmer waren heil und gesund geblieben und  die FREYDIS hatte die gut 16.000 Seemeilen (Erdumfang  21.600 sm) ohne nennenswerte Schäden überstanden.

        18 Monate vorher waren wir mitten im Winter am Kap  Hoorn aufgebrochen und hatten die FREYDIS  etappenweise mit wechselnden Crews und auch zu zweit  durch Feuerland, Patagonien, Polynesien und  Melanesien - mit nur kurzer Unterbrechung während  der Hurrikansaison - über den gesamten Südpazifik  gesegelt.

        Kern unserer Unternehmung war eine viermonatige  Expedition in Melanesien mit drei Journalistenteams  des Reportagemagazins GEO, die mit der FREYDIS und  uns entlegene und schwer zugängliche Inseln und  Volksstämme in Vanuatu, den Salomonen und Papua-Neuguinea  aufsuchen wollten. Wir hatten das gleiche Anliegen  wie sie. Denn auch uns fasziniert und fordert immer  wieder heraus der Besuch entlegener, schwer zu  erreichender Winkel unseres Planeten und die  Begegnung mit Menschen dort, die oft noch sehr  abgeschieden leben.

        Die anspruchsvolle Produktion (lt.GEO "aufwendigste  in ihrer Geschichte" ) erforderte entsprechend  großen Einsatz aller Teilnehmer und war nicht immer  einfach, denn die äußeren Bedingungen waren alles  andere als ideal: Hitze, Schwüle, Gewitterstürme  und unbeständige Winde im Kalmengürtel des Äuators;  hohe Gesundheitsrisiken, malariaverseuchte Inseln und
        Hai- und krokodilverseuchte Gewässer; ein  riffgespicktes, strömungsreiches Segelrevier mit  ungenauen Seekarten und oft nur unzureichend geschützten  Ankerplätzen; erbitterte Bürgerkriege in der  Hauptstadt und auf der Hauptinsel der Salomonen sowie  auf der Insel Bougainville in Papua - Neuguinea;  schlechte Versorgungsmöglichkeiten für die  Mannschaft und noch schlechtere Reparaturbedingungen  für die FREYDIS; last not least der permanente Zeit-  und Erfolgsdruck unter dem die GEO-Teams (und damit  auch wir) standen, von denen keiner segelerfahren und  etliche seekrank waren.

        DAS FAZIT : Alle sind gesund und die FREYDIS ist  unversehrt.

        Nach ersten Informationen aus der Redaktion haben  alle drei Teams erfreulicherweise sehr gutes Bild-  und Textmaterial nach hause gebracht, das jetzt zu  einer vierteiligen Serie in den
        ‚Grünen Heften' verdichtet wird und in den  Monaten August bis November 2000 erscheint.

        Hat sich auch für uns die Mühe gelohnt ?

        Diese GEO-Expedition war kein Urlaubstörn wie die  vorangegangenen Törns in Polynesien und die  Schlussfahrt von Papua - Neuguinea nach Australien  mit einigen von Euch. Es war ein schweißtreibendes  Unternehmen mit hohem Einsatz und vielen Risiken. Und  es war ein Blick in eine schon vergangen geglaubte  Welt mit einer Fülle ungewöhnlichster Eindrücke  und Begegnungen.

        Abgesehen von den oben genannten Widrigkeiten - und  vielleicht auch als Lohn für sie - war auch für uns  diese Expedition ein großer Gewinn mit Erlebnissen  und Erfahrungen, die wir uns nicht hätten träumen  lassen.

        Wir sind froh, dass wir sie gemacht haben. Die Reise  war den "Schweiß der Edlen wert". Und wir  bedanken uns bei denen von Euch, die mit uns  geschwitzt haben.

        Bleibt gesund, habt eine schöne Segelsaison und auf  Wiedersehen!

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