1. Kap Hoorn ist jede Mühe wert (Auszug aus “Wilder Stiller Ozean”):
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In Puerto Natales rüsten wir uns für die bevorstehenden Wochen. Unser Plan: ein Segeltörn durch die Tierra del Fuego - Feuerland.
Unser Ziel: Kap Hoorn. Routiniert bereiteten wir uns und das Schiff auf die Zeit in der Wildnis vor. Es war schließlich nicht das erste
Mal, dass wir uns in diese von heftigen Stürmen heimgesuchte Ecke der Welt wagen wollten. Beinahe wäre es jedoch unser letztes Mal geworden...
Unsere Crew ist komplett, wir legen ab. An Bord: Hans, der bereits um die beiden südlichen Kaps Afrikas (Kap Agulhas und Kap der
Guten Hoffnung) auf der Freydis gesegelt ist und außer uns als Einziger über genügend Blauwasser-Erfahrung für ein solches Revier
verfügt. Ferner unser Frauenpaar Elisabeth und Elke, beide Psychotherapeutinnen. Auf der Ostsee haben sie ein kleines Boot. Und
schließlich Inge mit ihrem Verlobten Sigi. Sie arbeitet als Segellehrerin auf Binnengewässern, er, Finanzberater in Dresden, stammt vom Bodensee.
Gleich beim Überqueren des Golfo Almirante stellt uns das Wetter auf die Probe. Stürmischer Wind schräg von vorn bricht mit Macht über uns
herein. Die Crew muss rasch mit der Freydis vertraut gemacht werden: Elke steht am Ruder, Hans am Mast, Sigi und Inge an den Winschen und
Elisabeth an der Karte. Mit dichtgeknallten, stark gerefften Segeln laufen wir gegen eine kurze hackige See an. Da passiert´s, querab der Isla
Focus! Vielleicht hat Sigi mit zu viel Elan die Riesenwinsch gekurbelt, vielleicht Erich zu spät "Stop" gebrüllt, vielleicht war das Segel nicht gut
genug: Mit lautem Knall explodiert die Genua. Was eben noch ein nagelneues Segel war, ist bloß noch ein nutzloses Stoffknäuel: Nicht die Nähte
sind gerissen - das ließe sich reparieren - sondern das Tuch, gleich mehrfach durch alle Bahnen!
Trotzdem erreichen wir rechtzeitig zum Tidenwechsel den Canal Kirke. Erich hält zu meinem Entsetzen auf den "Malpaso", den engsten der drei
Nadelöhre zu. Mit bis zu 14 Knoten zwängt sich hier das Wasser zwischen steilen Klippen hindurch. Vor 16 Jahren haben mir schon bei der
Passage des breitesten die Haare zu Berg gestanden! Wie ein Wildwasserkanu wird die Freydis durch schäumende Wirbel gerissen. Gewaltige
Strudel drohen unser Boot quer zu schlagen. Wir halten den Atem an. Wie von Geisterhand geleitet, erreicht das Schiff auch diesmal unbeschadet
ruhigeres Wasser. Der Skipper freut sich über seine gelungene Einlage - aber nicht lange.
In der Nähe eines quer verlaufenden Gebirgszuges, auf den wir zuhalten, scheint das Wasser plötzlich zu kochen. Meterhoch wird es
aufgepeitscht, dann treffen uns Williwaws, orkanartige Fallböen, mit solcher Wucht, dass das Grossegel aus den Lieken zu reißen droht. Mit Müh
und Not gelingt es uns, das Tuch herunterzuzerren. Für ein paar Mastrutscher kam die Rettung zu spät, sie sind gebrochen. Unter Maschine quälen
wir uns vorwärts, suchen fieberhaft nach einem halbwegs geschützten Ankerplatz, doch überall nur schrundige Steilküste. Nirgends eine Bucht, in
der das Boot in den Orkanböen, die jetzt aus unterschiedlichen Richtungen auf uns niedersausen, vor Anker frei schwojen könnte. Dann nähern wir
uns dem Ancon sin Salida, zu deutsch Winkel ohne Ausweg. Es ist eine Art Blinddarm am Ende des Seno Union, einem Fjord. Ladrillero hat ihn
einst so genannt, weil es dort bei Nordweststurm für ein Segelboot kein Entkommen gibt.
Doch der Ancon sin Salida erweist sich für uns nicht als Falle, sondern geradezu als ideales Schlupfloch. Hinter einer der Inselchen am Scheitel des
Ancon öffnet sich eine kleine trichterförmige Sandbucht (Pos. 52° 10,9´, 73° 17,1´) mit gutem Ankergrund vor uns, die in keiner Karte verzeichnet
ist. Inge, nach dem Inferno völlig erledigt, fällt in Sigis tröstende Arme. Zur allgemeinen Entspannung hören wir Musik, schauen einer
schwarz-weißen Andengans zu, die ihre Jungen am Ufer entlang spazieren führt. In der Nacht beleuchtet der Mond über dem Schatten der Hügel
die dahinhuschenden Wolken und verwandelt das vom Hang in Kaskaden herabstürzenden Wasser in pures Silber.
Nach einem kurzen Intermezzo mit Winddrehung auf Südwest und Wetterbesserung, bläst es am Morgen erneut aus Nordwest. Der Zeiger des
Barografen kritzelt sich in den Abgrund. Eine neue Front zieht durch, unentwegt pfeift der Sturm über die Insel. Wir sind heilfroh, in der Abdeckung
zu liegen! Hier gelingt es uns sogar die kaputte Genua gegen die einzig verbliebene, leider wesentlich kleinere Genua auszuwechseln. Hans
vollbringt das Wunder in der Mastspitze. Fast drei Tage liegen wir in dieser verwunschenen Nische, warten auf Wetterbesserung und nutzen die
Zeit zu ausgiebigen Landgängen über das wilde Eiland. Nie werde ich seine windgebeugten, verkrüppelten Büsche und Bäume vergessen, deren
Kronen alle nach Nordosten weisen, seine schwammigen Moorwiesen voller kleiner Blüten und Beeren, seine Schilffelder und vor allem seine
unergründlichen, dunklen Seen. Nur ein paar langen Wurzeln, die sich vom torfigen Ufer aus in meine Nähe reckten, habe ich es zu verdanken,
dass man mich in 5000 Jahren aus einem von ihnen nicht als Moorleiche herausfischt.
Im Smith Kanal bläst uns danach wieder Starkwind mit Nieselregen auf die Nase, nur gelegentlich erhellen tolle Regenbögen oder ein paar
Sonnenstrahlen die düstere Stimmung patagonisch - feuerländischen Sommers. Als hätte die Zeit hier stillgestanden, ragt noch immer mitten im
Kanal das große rostige Wrack aus dem Wasser, an dem wir schon vor 16 Jahren vorbeigesegelt sind. Bei der Isla Tamar haben wir den Wind
endlich im Rücken. Wir lösen die Reffs, baumen das Vorsegel aus und rauschen durch die Finsternis des Paso del Mar, dem westlichen Teil der von
Fernando Magellan 1520 entdeckten Verbindung zwischen atlantischem und pazifischem Ozean, die wir bei Kap Edgeworth wieder verlassen.
Hatte sich für Magellan das südlich der von ihm entdeckten Straße als ein zusammenhängendes Land: "Feuerland" gezeigt, so offenbarte es sich
dem Freibeuter Francis Drake auf seiner Reise (zweite Erdumsegelung) 1577 bereits als ein Labyrinth aus Inseln und Kanälen: Nachweislich
besuchte er Eilande südlich der Magellanstraße - höchstwahrscheinlich auch die Kap Hoorn Insel.
Im Canal Barbara quälen wir unser Schiff mit voller Motorkraft gegen den Ebbstrom durch die Engen. Aus dem Seno Helado leuchtet uns die
grellweiße Zunge des 4.400 Fuß hohen Gletschers der Isla Santa Inés verheißungsvoll entgegen. Schutz für die Nacht suchen wir jedoch erst in der
Bahia Bedford, und das zusammen mit Scharen von Dampfschiffenten. Wie kleine Schaufelraddampfer wirbeln sie mit ihren Stummelflügeln durchs
Wasser und sind dabei so schnell, dass nicht einmal "Superdampfschiffente" Hans beim Ausbringen der Festmacherleinen im Dingi mithalten kann.
Frühmorgens passieren wir den Einschnitt Punta Dresden, in dem der kleine Kreuzer "Dresden"(vorher schon erklärt: das einzige noch
übriggebliebenes Schiff vom Geschwader des Vizeadmirals Graf Spee nach der Seeschlacht bei den Falklandinseln im ersten Weltkrieg) ein erstes
Versteck fand. Dass die "Dresden" im Inselgewirr Feuerlands unentdeckt bleiben konnte, beweist wie weitläufig und unübersichtlich dieses von den
Schiffen der ganzen Welt seit jeher am meisten gefürchtete, auch heute noch teilweise unvermessene Gebiet ist.
Mit dem Verlassen der Magellanstrasse wagen wir uns auf verbotenes Terrain, denn damit weichen wir von der offiziell vorgeschriebenen Route ab.
Von nun an segeln wir ohne Genehmigung der chilenischen Marine auf eigenes Risiko im Falle einer Havarie. Zwar tolerieren die Behörden
manchen eigenmächtigen Schlenker der Yachties, aber wehe, es passiert etwas. Dann drohen Geldstrafen, Gefängnis und die Beschlagnahmung
des Schiffes. Wir müssen also vorsichtig sein in diesen nur vage vermessenen Gewässern. Der Grund für unsere Kursänderung ist ein ganz
besonderes Ziel, das wir uns auf unserem Weg zum Kap Hoorn gesteckt haben: die Isla Noir, eine kleine Insel weit draußen vor der Küste, auf der
es laut Seehandbuch einen geschützten Ankerplatz geben soll. Aufgrund ihre isolierte Lage 1 1/2 Breitengrade nördlich und 250 Seemeilen
westlich von Kap Hoorn vermuten wir dort noch unverfälschte Natur mit reichem Tierleben.
30 Seemeilen sind es bis zur Isla Noir, also nur ein kleiner Tagestörn. Der allerdings hat es in sich: "Zwischen der Küste und der Schwarzinsel
(Isla Noir) dehnt sich eine Kette von klippenreichen Untiefen, welche die Strecke im Verein mit dem Wüten des Meeres und der Winde überaus
gefahrvoll machen. Kein Schiff wagt dort eine Durchfahrt. Es ist das unbestrittene Reich der Seelöwen und der in Legionen hier lebenden Pinguine.
Wohl landen zuweilen Robbenjäger, doch viele sind es nicht, die wiederkehren und ihre tollkühnen Abenteuer berichten können." (Alberto M. De Agostini 1924, "Zehn Jahre Feuerland")
Wir haben zunächst fantastische Sicht und können unser Ziel schon von weitem erkennen. Mittag trübt es sich stark ein, die Luft wird immer
schwüler, der Wind nimmt kontinuierlich zu. Eine Aufgleitfront? Ein Blick auf die abknickende Barokurve bestätigt unseren Verdacht. Wir halten den
Kurs, reffen aber vorsorglich. Die Sonne ist nur noch als fahle Scheibe zu erkennen, die Inseln um uns herum verschwinden im Dunst. Eine hohe
Altsee aus Südwest fordert erste Opfer der Seekrankheit. Als wir den Nordostzipfel der Insel zu fassen bekommen, hat sich der Wind bereits zum
Sturm ausgewachsen. (Die Reedebucht "Rada Noir", die in der einzig erhältlichen Spezialkarte dieser Insel eingezeichnet ist und die wir ansteuern,
erweist sich als völlig ungeeignet für die Freydis: viel zu ausgesetzt und tief, fast offenes Meer, überall weiße Schaumkronen. Nur große Schiffe
können hier einen gewissen Schutz vor Winden aus NW bis SW finden.) Eskortiert von Pinguinen, Kormoranen, Seeschwalben und Albatrossen,
hangeln wir uns an der Felsküste entlang und halten konzentriert Ausschau nach blinden Klippen, die sich oft nur durch brechende Seen verraten,
vor allem aber nach einem geeigneten Schlupfloch. Wir entdecken eine kleine Einbuchtung mit Sandstrand, wagen uns aber ohne Detailkarte und
Beschreibung nicht durch ihre schmale, von hoher Brandung gesäumte Einfahrt. Der Übersegler zeigt noch eine größere Bucht im Südwesten, die
sich zirka eine Meile ins Inselinnere zieht, davor lauern jedoch viele Untiefen. Trotzdem steuern wir sie an, in der Hoffnung mit hochgeholtem Kiel
in die Bucht einlaufen zu können. Als wir ankommen, hat der Wind so zugelegt, dass wir selbst unter voller Motorkraft nicht mehr weiter kommen. Uns bleibt keine Wahl: Wir müssen in die Bucht.
Eine felsengespickte Einbuchtung voller Brecher wird sichtbar, eine Art Vorhafen zur inneren Lagune. Hinter einer schmalen Flaschenhalsöffnung
winkt in etwa einer Meile Entfernung ein goldgelber Sandstrand am Fuße grüner Hügel: Dort zu ankern wäre ideal. Vorsichtig arbeiten wir uns vor,
überall ragen kelpbewachsene Felsklippen aus dem Wasser. Das Sturmgeheul und das Donnern und Brüllen der sich an den nahen Felsen
brechenden Seen zerren an unseren Nerven. Erich steht auf dem Deckshaus, um besseren Überblick zu haben, ich am Ruder. Doch es hilft nichts,
es kommt, wie es kommen muss: Nachdem wir uns an einigen Klippen erfolgreich vorbeigeschlängelt haben, kracht es! Die Freydis zittert und sitzt
fest, kommt mit der nächsten Böe aber wieder frei. Wir nehmen einen neuen Anlauf und versuchen unser Glück an anderer Stelle. Ich würde mich
gern in eine Schiffsecke flüchten, mir Augen und Ohren zuhalten. Doch bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, kracht es wieder, diesmal
noch heftiger. In voller Fahrt schiebt sich das Schiff auf eine blinde Klippe und kommt nicht mehr frei.
Immerhin sind wir fast in der Bucht. Durch Klippen und Kelp ist der Schwell gebremst, sodass er uns nicht mehr viel anhaben kann. Erich stellt den
Motor ab, damit das vom Propeller kleingehackte Kelp nicht die Zuleitung zur Auspuffkühlung verstopft. Unsere Chancen, in absehbarer Zeit
aufzuschwimmen, stehen schlecht: die Gezeitentafeln verraten, dass wir im Mittagshochwasser aufgelaufen sind. Das nächste Hochwasser ist in
der Nacht zu erwarten. Auf Grund einer Anomalie wird das Wasser etwas höher auflaufen als mittags. Außerdem wird sich die Springtide (wir
haben Vollmond) stärker bemerkbar machen! Dennoch: Bei Dunkelheit und Sturm aufzuschwimmen, ist alles andere als ein beruhigender Gedanke.
Doch bis dahin ist es noch lange. Jetzt müssen wir erst einmal das Schiff sichern. Hans und Sigi bringen mit dem Dingi zwischen zwei Sturmböen
Leinen zum Ufer aus und binden sie an Krüppelbäumen fest. Zur Sicherheit ist das Dingi mit den beiden durch eine dünne Leine mit der Freydis
verbunden. Stunden später, gegen 18 Uhr, ist das Wasser soweit gefallen, dass der obere Teil des Felsens, auf dem die Freydis liegt, sichtbar
wird. Der Sturm hat sich mittlerweile zum Orkan entwickelt. Das Boot zittert bei jeder Böe. Der Puls ist bei allen deutlich erhöht. Erich: "Ich weiß,
25 Tonnen können nicht einfach wegwehen, aber ich habe trotzdem das Gefühl, die Freydis hebt gleich ab!" Unser Dingi hebt tatsächlich ab: Wie
ein Drachen steigt es aus dem Wasser und schwebt, von der Festmacherleine gehalten, über dem Cockpit und kann nur mit Mühe gebändigt
werden. Alle Mann arbeiten fieberhaft. Wir sichern Sigi und Hans im Dingi mit einer Leine, während sie zusätzlich den Anker mit Kette auf der
Rückseite der Klippe in einer Felsspalte verkanten. Inge, wie Odysseus am Mast festgebunden, ruft die heranrasenden Böen rechtzeitig aus, die
am hochgischtenden Wasser zu erkennen sind. Jedes Mal wenn sie ruft, werfen wir uns aufs Deck, und die beiden Männer auf den Klippen klammern sich an die Kette.
Eine Schreckensnacht liegt vor uns. Vor allem Erich steht unter Druck: Obwohl die Crew dem unerlaubten Inselabstecher zugestimmt hat, trägt er
als Skipper doch die Verantwortung! Er liegt in voller Montur auf der Messebank. Alle halbe Stunde steht er auf und hält Ausschau.
Er malt sich aus, dass nach dem Frontdurchlauf - die Tiefs ziehen in dieser Region normalerweise rasch durch und wir rechnen bereits in der Nacht
mit einer Winddrehung von NW auf SW - vielleicht noch stärkere Böen einsetzen werden und dass dann entweder die Festmacherleine zum Land
reißt oder der Anker aus der Spalte rutscht und wir auf die Klippen an Steuerbord geworfen werden. Dann geraten wir zwar nicht in akute
Lebensgefahr und voraussichtlich übersteht auch die Freydis diese Karambolage, aber wir würden nie mehr aus eigener Kraft tieferes Wasser
erreichen, müssten Hilfe anfordern, mit Strafen rechnen, auf jeden Fall wäre die Reise zu Ende!
Das Wasser kommt früher als erwartet zurück. Logbuch: Um 1.00 Uhr nachts schwimmen wir auf, hängen nun vor Anker mit 30 Meter Kette und 30
Meter der 25mm-Ankertrosse sowie an der Schwimmleine zum Ufer. Wind aus Nordwest mit 12 Beaufort. 2.00 Uhr: Der Orkan hat vorübergehend
etwas nachgelassen, seine Richtung aber nicht geändert und legt nun wieder zu. Das Baro fällt und fällt.
2.30 Uhr: Wir verlängern die Ankerkette um weitere 30 Meter, da wir der Leine nicht mehr trauen. Temperatur deutlich kälter, richtiger Sturz.
Obwohl wir alle unter Anspannung stehen, gehen wir doch sehr freundschaftlich miteinander um. Besonders Hans mit seiner lockeren Art hellt die
Stimmung auf. Ihm scheint jede Strapaze recht, wenn er nur ums Kap Hoorn kommt. Das wollen auch unsere beiden Psychologinnen, denen die
Unsicherheit zwar sichtlich zusetzt, die aber besonnen mit der Situation umgehen. Sigi, von Natur aus ein ruhiger Typ, lässt sich wenig anmerken,
während Inge oft still vor sich hin weint. Später schreibt sie ein Gedicht über diese Tage:
"Sturm, heulend, unerträglich sich steigernd, werde ich klein unter ohnmächtiger Angst. Schutzsuchend an deiner Schulter, weggestoßen durch deine eigene Angst,
ergebe ich mich und weine."
Noch wissen wir nicht, dass zu diesem Zeitpunkt auch Lona, Nils und Carsten mit ihrer "Celtic", nicht weit von uns entfernt auf einem Ankerplatz
der feuerländischen Kanäle in schwere Bedrängnis geraten sind. Verzweifelt kämpfen sie gegen eine Strandung ihres Schiffes, wobei ihnen der
Sturm den Windgenerator aus der Halterung reißt. Sie sind so geschockt, dass sie anschließend ihre geplante Kap-Hoorn-Umrundung nicht vollenden, sondern auf kürzestem Weg an der argentinischen Küste nach Norden segeln.
Der Blick hinaus in die Nacht offenbart ein brodelndes Chaos hoch aufschäumender Wassermassen. Wehe dem, der jetzt draußen auf See ist! Der
Wind hat seine Richtung noch immer nicht geändert, völlig atypisch für diese Region. Im Nachhinein sind wir geradezu dankbar, dass wir bei dem Orkan hoch und trocken saßen - wer weiß, was sonst alles passiert wäre.
Am Morgen dann etwas Sonne, blauer Himmel. Ab und zu besucht uns ein mutiger Magellanpinguin am Boot. Gerädert von dem ständigen Sturm,
der nun auch noch mit Hagel- und Regengüssen aufwartet, schlafen wir abwechselnd über Tag. Erst gegen Abend sind wir wieder alle ansprechbar.
Hans und Sigi bringen eine weitere Leine an Land aus. Inge findet das Sturmgeheul unerträglich. Um sich abzulenken, räumt sie die Kombüse auf
und kocht uns eine warme Suppe. Das Baro fällt weiter. Die nächste grauenvolle Nacht naht.
Vollmond hinter schwarzen, dahinjagenden Wolkenfetzen, Sturmgeheul, Brandungsgetöse, prasselnde Hagelschauer und immer noch diese
entsetzlichen Hammerböen, die unsere Freydis wie ein Spielzeugschiffchen auf die Seite packen. Die Front scheint uns zwar endlich passiert zu
haben, der Wind hat auf West gedreht, doch die Festmacherleinen bleiben zum Zerreißen gespannt. Geben sie dem Druck nach, sitzen wir sofort auf Felsen, die überall um uns herum ihre Zähne blecken.
Dichtgedrängt sitzen wir am Morgen im offenen Deckshaus, das uns gegen Wind und Regen schützt und doch unmittelbar am Geschehen unserer
Umgebung teilhaben lässt. Ein Scuapärchen beäugt neugierig unseren Frühstückstisch und bemüht sich, im Flug die zugeworfenen Brocken
aufzuschnappen. Aber die Böen machen selbst den Experten einen Strich durch die Rechnung: Brocken und Scuas landen meist im Wasser. Aus
dem Kelpgürtel am Eingang taucht immer wieder ein riesiger schwarzer Kopf mit großen Kulleraugen auf. Erich warnt die Damen in der
Achterkammer vor dem "Spanner", der sich bald darauf als kapitaler Seelöwenbulle enttarnt. Wir taufen ihn Oskar. Die zwei Ottern - Max und
Moritz - scheinen uns dagegen gar nicht wahrzunehmen, so unbekümmert frech spielen sie auf den umliegenden Klippen "Fangen". Und die
scheuen Dampfschiffenten halten sowieso auf Diskretion. "Es ist hier wie im Zoo, nur dass w i r die Eingesperrten sind", freut sich Inge, sichtlich aufgemuntert von den tierischen Attraktionen.
Mit einer Miene, die "Mrs. Marple" gut zu Gesicht gestanden hätte erklärt Elisabeth beim Nachmittagstee: "Oskar ist ein Massenmörder!". Und
dann sehen wir es mit eigenen Augen: Im Kelpfeld des Buchteinganges lauert er Pinguinen auf, schnappt sie, schlägt sie aufs Wasser und frisst
einige seiner Opfer. Die anderen überlässt er - tot oder lebendig - einer Meute von Riesensturmvögeln, die das Schlachtfest vollenden. Max und
Moritz genießen währenddessen "Brotzeit" auf Otternart: Auf dem Rücken im Wasser schwimmend, knacken sie die vom Grund heraufgeholten Muscheln zwischen den Pfoten und schlürfen und lecken sie aus.
Gegen Abend dieses zweiten Tages setzt sich die Sonne durch, und die Böen lassen nach. In die Mannschaft kommt Leben. Freudig rüstet wir alle
zum ersten Ausflug an Land: Ein Spaziergang wird es nicht. Der Boden ist aufgeweicht und glitschig, Gras und Büsche bilden einen dichten
Minidschungel und jeder Schritt kostet Kraft. Einer von uns versackt in einem Loch, ein zweiter fällt auf den Bauch, ein dritter auf den Rücken. Ein
paar Rallen schauen unseren lächerlichen Insel-Enterversuchen gelassen zu. Natürlich müssen wir aufgeben und uns stattdessen am steilen
felsigen Ufer vorwärts kämpfen. Ein Otter zeigt uns zwar, wie´s gemacht wird - aber der steckt auch nicht in voller Segelmontur! Dass sich die
Magellanpinguine auch nicht geschickter anstellen, macht sie uns sympathisch. Einer stolpert sogar über Elke, die sich zu einer Verschnaufpause in
die Sonne gelegt hat. Wären doch alle Hindernisse so weich! Bei einbrechender Dunkelheit kehren wir, fröhlich und beglückt vom gemeinsamen
Erlebnis, zurück an Bord. Das Baro bleibt im Keller. Die Nacht und auch den ganzen nächsten Tag wechselhaftes Wetter mit Sturm- und Hagelböen
sowie sintflutartigen Regenfällen. Lufttemperatur mittags im Cockpit + 3° Celsius: Hochsommer in Feuerland!
Während Hans und Inge es vorziehen an Bord zu bleiben, wagen wir wieder einen Landausflug, diesmal zur anderen Seite der Bucht. Dort stecken
wir allerdings auch nach 50 Metern im mannshohen Gestrüpp fest. Von wegen zur Außenseite und dort zu den Kolonien von Felsenhüpferpinguinen,
Sturmvögeln und Albatrossen, wie verheißen! Nur der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt: Die Silhouette im Südwesten der Insel erinnert an
eine große Burg mit hohem Turm und Kuppeln - oder vielleicht doch eher an Alcatraz? Auf der Rückfahrt werden wir in die raue Wirklichkeit
zurückgeholt: Wegen des vielen Kelp lässt sich der Außenborder nicht einsetzen, mit den Riemen aber kommen wir nicht gegen den Wind an.
Während der Böen müssen wir uns mit aller Kraft an den Kelpstrünken festklammern, um nicht geradewegs aus der Bucht hinaus aufs offene Meer
geblasen zu werden. "Hans wäre bestimmt sauer, wenn wir jetzt ohne ihn ums Kap Hoorn gehen!" brüllt Elisabeth, halb lachend, halb weinend,
gegen den Wind an. Als die Böe endlich nachlässt, rudern wir eilig zurück zum Ufer. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Dingi in einem
langen, anstrengenden Marsch am Ufer entlang nach Luv zu treideln. Die Nacht bricht schon herein, als wir von dort, fast ohne Kurskorrektur, zur
Freydis zurücktreiben. Hans und Inge haben sich schon Sorgen um uns gemacht. Einsatzbereit stehen sie mit dem "Lasso" an der Reling, um uns
notfalls einzufangen. Aber die Peilung stimmt. Hans freut sich, dass wir seine Mütze, die ihm nachts vom Kopf geweht ist, an Land wiedergefunden haben. Erich behauptet steif und fest, er habe sie Oskar abgenommen.
Am 16. Januar, nach vier stürmischen Tagen in der Bucht hat sich der Wind soweit gelegt, dass wir auszulaufen beschließen. Wir klaren das Boot
auf und sammeln Anker, Kette und Festmacherleinen ein. Als wir die Freydis zwischen den Stolpersteinen hindurchlavieren wollen, setzt uns die
Strömungen gleich wieder auf einen drauf. Zum Glück können wir sie an einer zum Ufer ausgebrachten Leine rasch wieder herunter winschen. Dann kehren wir der Orkanbucht den Rücken.
Draußen empfängt uns gewaltiger Seegang und eine Mordsbrandung an der Küste, von der wir so schnell wie möglich sicheren Abstand zu
gewinnen suchen. Das Baro krebst noch immer auf 987 Millibar herum, Tendenz leicht fallend. Starkwind und Regenböen lassen uns keine Ruhe.
Unter Groß und ausgebaumter Genua segeln wir zurück ins offizielle Fahrwasser der Kanäle Feuerlands, zunächst in den Brecknocksund. An dessen
Ende finden wir einen Ankerplatz im Schutz einer kleinen Insel. Nach einem gemütlichen Nachtessen unter Deck (auch der Skipper hat sich zur
Entspannung ein paar Bier genehmigt) orgeln plötzlich wieder einmal Williwaws von solcher Stärke auf uns herab, dass die Ankerkette nicht
aufhört zu rumpeln. Erich stürzt den Niedergang hoch, sieht durch die Finsternis eine Klippenwand auf sich zukommen und brüllt: "Anker auf!",
zündet den Motor und schlägt das Ruder ein. Jeder Handgriff sitzt (die Crew ist schließlich durch die harte Isla Noir Schule gegangen!). Binnen
weniger Minuten tasten wir uns, noch immer angespannt, langsam unter Maschine und Scheinwerferlicht aus dem ungastlichen Ort in den Paso
Aguirre hinein. (Wie oft haben wir so etwas in Feuerland nun schon erlebt oder von anderen Yachten gehört! Mit genügend Kette glaubt man sicher
zu liegen, und dann hat der Anker auf den Kelp-überzogenen glitschigen Felsen überhaupt nicht gefasst und beim ersten Williwaw beginnt das Schiff zu treiben.)
Von dubiösen Ankerplätzen haben wir die Nase endgültig voll und segeln trotz Müdigkeit die ganze Nacht hindurch. Im Brazo Noroeste, dem
nördlichen Arm des Beagle Kanals, in dem die, in die Darwin Kordillere einschneidenden, Fjordarme alle vor imposanten Gletscherzungen enden,
fühlen wir uns schon beinahe heimisch, so oft haben wir ihn besucht. Wir biegen ab in unseren mehrfingrigen Lieblingsfjord zwischen Seno
Ventisquero Espana und Seno Ventisquero Romanche. In der Karte trägt er noch immer keinen Namen, obwohl wir ihn doch schon vor zehn Jahren
Seno "Freydis" getauft haben! Wenigstens werden wir durch eine Abordnung von Seelöwen begrüßt, die auf einem glattpolierten Felsen am Ende
einer Barre Posten bezogen haben - wenn auch in gewohnt kaltschnäuziger Manier. An den Ufern und Felssimsen wachsen schlanke Buchen,
Zypressen und Myrten und tief im Inneren verzaubert das gleißend-weiße, von Nebelschwaden geheimnisvoll verschleierte Nirwana einer gewaltigen Gletscherzunge die Landschaft ringsum.
Völlig erschöpft fallen wir in einen tiefen Schlaf. Nur Hans findet keine Ruhe, kann diese schöne, kleine Bucht (unser Ankerplatz liegt in einer
lauschig grünen Nische mit Strand und Wasserfall) nicht so recht genießen. Er bangt um seine Kap-Hoorn-Umsegelung. Durch das Forte im Ancon
sin Salida und das Fortissimo auf der Isla Noir ist die Zeit weggelaufen und die Fahrt zu dem berüchtigten Felsen am südlichen Zipfel Amerikas
kaum noch zu schaffen. "Was soll ich meinen Enkeln erzählen?" jammert er und entrüstet sich, als Erich ihm ersatzweise die Kap-Bilder früherer
Reisen anbietet: "Sie sollen nicht mit einer Urlüge aufwachsen!"
(Wie die Segelreise ums KAP HOORN weitergeht, schildert Heide Wilts in ihrem Buch "Wilder stiller Ozean".)
2. Auszug aus dem Buch „WO BERGE SEGELN - Mit der FREYDIS in die Arktis“:
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Michael und Walter – unsere beiden Bordalpinisten und Kajakfahrer – wollen ihren Grönlandaufenthalt mit einer Eisbergbesteigung
krönen. Dieser Höhepunkt ist schon lange geplant, sie sind aufs Beste vorbereitet. Die Beiden haben eine komplette Ausrüstung für
das Klettern im Eis mit gebracht und deshalb während unserer gesamten bisherigen Fjordfahrt nach einem geeigneten „Riesen“
Ausschau gehalten. Nun endlich, vor der mehrere Kilometer breiten Front des Gletschers Kanderluk, glauben sie, ihren Traumeisberg
gefunden zu haben. Wohnblockgroß und blendend weiß liegt er da im spiegelglatten Wasser des Sundes, und so vertrauenerweckend stabil – wie für die Ewigkeit gemauert.
Wir fragen uns zuallererst, ob er mit dem Ostgrönlandstrom in den Sund gespült und hier auf Grund gelaufen ist. Denn als alter Berg
wäre er für eine Besteigung nicht besonders geeignet. Die fehlende Brandungskehle spricht aber eher für einen jungen, vom
Gletscher gekalbten Eisberg. Zunächst drehen wir eine Runde um dieses „Kalb“. Es wird so stark von Treibeis umspült, dass die FREYDIS Mühe hat, voranzukommen.
Die Bedingungen für eine Besteigung scheinen ideal.
„Unser Eisberg“, so Michael später in seinem Tagebuch, „ist kein Berg, sonders ein kleiner Gebirgsstock mit einem etwas 50 m hohen,
matterhornähnlichen Gipfel, zwei runden Vorgebirgen und einem kleinen See. 150 m sind es sicher von einem zum anderen Ende. Mehrere in
Sonnenlicht getauchte Zacken lassen sprunghaft die Lust zum Klettern in uns wach werden. Eine kleine Bucht ist zu erkennen, von der aus ein
Aufstieg aus dem Schlauboot trockenen Fußes möglich sein müsste. Des Risikos waren wir uns voll bewusst, hatten uns eingelesen, wussten
genau, dass bei einer Eisbergbesteigung Können allein nicht ausreicht. Erstmals – soweit ich zurückdenken kann – ging ich bewusst ein Risiko ein,
von dem ich wusste, dass es nicht kalkulierbar war. Noch heute bin ich unsicher, ob sich Walter über diese Tatsache im klaren war. Wenn also das
Risiko nicht auszuschließen war, konnte das Motto nur heißen: Reduzierung der Gefahr durch Schnelligkeit, Verkleinerung der Möglichkeit eines
Unfalls auch dadurch, allein und immer nur allein auf ein solches Ding zu steigen.
Zu Hause hatten Walter und ich einen Plan gemacht, wie wir gemeinsam mit Seilen und Haken einen solchen steilen Riesen angehen wollten.
Schon am Beginn unserer Reise, bei den ersten Begegnungen mit Eisbergen, habe ich diese Taktik dann in Frage gestellt und gegen Walters
Meinung verworfen. Die neue Devise war: allein, schnell, optimal ausgerüstet. Allein heißt, dass immer nur einer auf den kenterbereiten Brocken
steigt. Schnell heißt, seilfrei zu klettern, ohne Mätzchen rauf und so schnell wie möglich wieder runter. Optimal ausgerüstet bedeutet in diesem
Fall, eine Kombination aus Bergsteiger, Taucher und Segler herzustellen, mit Eiskletterausrüstung, Trockentauchanzug und Schwimmweste. Wir
wissen außerdem, so etwas machen wir nur einmal im Leben. Also muss es optimal klappen.
Soviel wir wussten, sind die letzten Eisberge 1933 erklettert worden, als Dr. Arnold Fangk, Film- und
Skipionier, hier in Grönland Eisberge bestieg, um seinen Film ‚S.O.S. Eisberg’ zu drehen. Sein Buch gleichen Namens wurde Walter und mir zur Bibel und holte uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück,
wenn wir gar zu euphorisch die Eisbergbesteigung planten. Und zur Frage des Risikos: Alles ist eine Sache der Statistik“.
Etwas 30 m vom Berg entfernt hält Erich die FREYDIS auf Beobachtungsposten. Michael macht sich an Deck fertig. Lustig sieht er aus in seinem schwarzen Tauchanzug mit der knallroten Schwimmweste darüber
und der violett-blauen Mütze. Allerdings wirken Eisklettergeräte, Bergschuhe und Rucksack etwas deplaziert auf dem Vorschiff eines Seglers.
Wie vereinbart, will Michael als erster auf den Berg und versuchen, die höchste Spitze zu erreichen, dann wieder zum Vorgipfel hinabklettern und sich schließlich überhängend zum Wasser abseilen, wo ihn Folkmar
mit dem Schlauchboot aufnehmen soll.
Kalle springt vom Bug aus auf eine größere Eisscholle neben der FREYDIS. Er will sich das Schauspiel von
da unten aus ansehen. Klaus, der ebenfalls vorne steht, bleibt lieber an Bord. Als Fünfjähriger war er auf einer Eisscholle die Memel hinabgetrieben und konnte damals nur mit knapper Not von seinen Eltern im
Paddelboot zurückgeholt werden. Er hat also schon schlechte Erfahrungen mit dem launischen Eis gemacht. Wir haben sie noch vor uns. Aber das wissen wir noch nicht.
Ich lege einen neuen Film in die Kamera und einen stärkeren Filter vor das Objektiv, da das von den Eiswänden reflektierte Sonnenlicht äußerst intensiv ist. Die Vorbereitungen für das Filmen nehmen mich
derart in Anspruch, dass sie mir beinahe über das Unbehagen hinweghelfen, das mich schon während der Planung des Unternehmens immer wieder
befallen hat. Um mich zu beruhigen, hat Walter mir von Michael erzählt: „Er ist immer stark motiviert für neue Erlebnisse, aber er geht kein Risiko
ein. Er hat beim Bergsteigen schon zu viele Unfälle miterlebt, auch mit tödlichem Ausgang“. Dieses Mal aber ist er - und das steht ja auch in
seinem Tagebuch – seinem Vorsatz untreu geworden: Er geht ganz bewusst ein nicht kalkulierbares Risiko ein.
Nachträglich frage ich mich: Was ist damals nur los gewesen mit uns? Waren wir blind und taub? Das unheimliche Krachen, das explosionsartige
Bersten und die schaurigen Kenterungen der Eisberge, die wir kurz davor miterlebt hatten, waren das noch nicht genug Warnungen?
Doch Folkmar und Michael legen jetzt ab. Nach etwa fünf Minuten sind sie drüben in der Miniaturbucht angelangt. Zwei Minuten später fährt
Folkmar wieder aus der Bucht. In 30 m Abstand vom Berg bleibt er abrufbereit liegen. Rasch hat Michael mit seinen Klettergeräten die erste kleine
Steilstufe überwunden. Ohne Pause erklettert er den vielleicht 50 Grad steilen Hang bis zum leicht überhängenden Vorgipfel. Meine Kamera surrt,
die Fotoapparate klicken. „Wahnsinn“, höre ich Erich leise sagen, „einfach Wahnsinn“. Das Schwarz des Tauchanzugs und das Rot der
Schwimmweste heben Michaels Gestalt scharf von der leuchtend weißen Wand ab. Die Atmosphäre gleicht der bei einer Hochseilnummer ohne
Netz unter einer riesigen weißen Zirkuskuppel. Atemlos vor Spannung verfolgen wir jede Bewegung Michaels. Er steigt ohne Seil, ohne Sicherung.
Jeder Fehler wäre eine Katastrophe. Ein Sturz aus 40 m Höhe ins Wasser ist wie ein Fall auf Beton.
Dann kommt das letzte, schlimmste Stück: die etwa zehn Meter hohe senkrechte Wand, die zum Gipfelgrat 50 m über dem Wasser führt. Die
Zacken von Michaels Eiskletterschuhen und sein Pickel krallen sich ins Eis. Zug um Zug gewinnt er Höhe, bis er schließlich ganz oben steht und
uns lachend zuwinkt. Aber er lässt sich keine Zeit, diesen Erfolg zu genießen. Sofort klettert er wieder zum Vorgipfel zurück und hämmert dort
einige Spezialhaken tief ins Eis. Dann beginnt das Abseilen vom Überhang. Wenige Sekunden dauert es nur, ohne Wandberührung schwebt Michael
unter dem Eissims abwärts. Folkmar, der mit dem Schlauchboot schon direkt unter ihm wartet, nimmt ihm die Steigeisen ab. Dann steuern die
beiden auf die FREYDIS zu. Schweißgebadet in seinem Trockenanzug, aber glücklich lachend kommt Michael mit Folkmar an Bord. Die Nervenprobe ist bestanden. Wir sind begeistert, umringen ihn und applaudieren.
Dass Michael gerade eine große bergsteigerische Leistung vollbracht hat, ist uns allen klar. Die Gefahr, in der er dabei schwebte, wird uns aber erst später bewusst.
Walter steht quasi schon in den Startblöcken. Auch für ihn, der erst vor drei Jahren durch seinen Freund Michael zum Bergsteigen kam, bedeutet
dieser Eisklotz eine enorme Herausforderung. Michael richtet ihm noch etwas am Brustgeschirr, er ermahnt ihn, nur bis zum Vorgipfel zu gehen,
und kritisiert, dass er keine Schwimmweste angelegt hat. Walter lacht nur, reißt einen Witz, gibt sich betont ruhig. Er steigt zu Folkmar ins Dingi, und sie fahren wieder zum Berg.
Kalle, von seinem Schollenausflug zurückgekehrt, steht nun am Ruder, um die FREYDIS auf der Stelle zu halten. Meine Kamera ist wieder
einsatzbereit. Noch einmal werde ich Gelegenheit haben, die Abseilszene zu filmen. Denn ausgerechnet, als Michael vom Berg schwebte, war mein
Film zu Ende gewesen. Deshalb bin ich eigentlich recht froh, dass auch Walter den Berg angehen will. Andererseits regt sich wieder eine dumpfe
Angst in meiner Magengegend. Aber Michael beruhigt mich: „Der Walter ist genauso vorsichtig wie ich. Und das Eis ist hervorragend, fest und griffig, es wird gut gehen.“
Das Dingi hat die kleine Eisbucht erreicht, die jetzt aber im Schatten liegt. Der Eisberg muss sich also in der Strömung ein wenig gedreht haben.
Seltsam: Auch diesem Warnzeichen haben wir keinerlei Beachtung geschenkt, es kaum wahrgenommen. Hat die Sorge um die uns noch
unbekannten Kletterkünste Walters unseren Blick für die doch bekannte, viel größere Gefahr vernebelt?
Den ersten Sockel hat Walter hinter sich. Auf dem Plateau am kleinen See verharrt er kurz, richtet Eisgeräte, Karabinerhaken, Sicherungsschlingen für den 50 Grad steilen Eishang. „Schneller, Walter, schneller“, mahnt
Michael. Er sagt es leise, eher zu sich selbst. Jetzt ist er nicht mehr so cool, wie wir ihn kennen, er hat Angst um seinen Freund. Walter klettert
am Steilhang aufwärts. Wenig später steht er oben auf dem Vorgipfel. Auch er hat souverän sein Ziel erreicht. Einige Schritte tiefer liegt der Abseilplatz.
Michael ruft Anweisungen hinüber, wie das Seil einzuhängen sei. Wieder ist er unruhig, die Vorbereitungen für das Abseilmanöver dauern ihm zu
lange. Ich dagegen fühle mich schon aller Sorgen ledig und habe gerade noch Zeit, einen neuen Film einzulegen, da seilt Walter sich schon ab. Er
schwebt hinunter, pendelt wie vorhin Michael frei unter dem Überhang und sitzt gleich darauf bei Folkmar im Dingi.
„Geschafft!“ Wir sind alle erleichtert und jubeln. Jetzt kann nichts mehr passieren. Problemlos ist der Eisberg ein zweites Mal bezwungen worden.
Ich habe meine Abseilszene im Kasten. Es gibt nichts mehr zu fotografieren und zu filmen. Wir legen die Kameras beiseite. Die Akrobatennummer
ist zu Ende, denken wir – und werden von dem, was nun folgt, völlig überrumpelt.
In den nächsten Minuten verwirklichen sich unsere schlimmsten Alpträume. Wie aus einem Horrorfilm entsprungene, gespenstische Bilder sind in
meiner Erinnerung haften geblieben: Der Berg neigt sich fast lautlos vornüber. Die 50 m hohe Steilwand, an der sich Walter eben noch abgeseilt
hat, versinkt in den Fluten. Es knallt und dröhnt, dann bricht der Gipfel, auf dem Michael gestanden und uns zugewinkt hat, wie abgesprengt herunter und zerschellt auf dem Wasser.
„Wo ist Folkmar? Wo ist Walter?“ schreit jemand. Sie müssten eigentlich längst wieder zur FREYDIS zurückgekehrt sein. Ich habe das Dingi noch
kurz zuvor hinter dem Berg verschwinden sehen und mich gefragt, ob sie wohl eine Ehrenrunde drehen wollen. Und jetzt sind sie von den
herabstürzenden Eismassen begraben, von dem drehenden Berg in die Tiefe gerissen worden! Unheilvoll schaukelt der weiße Koloss in dem milchig-grünen, aufschäumenden Eisbrei.
Dann sehen wir das Schlauchboot, aber nur mit Folkmar. Wie die offene Schale einer Riesenmuschel hängt die Eiswand über ihm, droht ihn in einer
Falle zu fangen. Ein grauenvoller Anblick! Spätestens jetzt wissen wir, dass es hier um Leben oder Tod geht. Aber auch Folkmar sieht die drohende
Wand und gibt Gas. Der Außenborder heut auf; durch brodelndes Wasser prescht das Dingi aus dem Bereich des kenternden Eises.
Wo aber ist Walter geblieben? Während uns die schlimmsten Befürchtungen durch den Kopf schießen, sehen wir den Eisüberhang verharren, drei
Meter über dem Wasser bleibt er wie festgezurrt stehen und pendelt dann langsam zurück. Die Falle ist nicht zugeschnappt. „Dort!“ Michael hat die Sprache wiedergefunden. „Dort, der schwarze Punkt, das muss Walter sein!“
Der Kopf im Wasser ist deutlich zu erkennen. Folkmar braust sofort darauf zu. Jetzt droht die flache Eisschüssel wieder auf die beiden
herabzustürzen. Wir sehen, wie sich das gelbe Schlauchboot mit Folkmar von dem schwankenden Eisdach entfernt, und hören Michaels
beschwörende Worte: “Walter muss dranhängen. Sie werden es schaffen, Folkmar wird es schaffen.“
Walter liegt im Boot, als Folkmar an der FREYDIS festmacht. So sieht wohl jemand aus, den gerade der Blitz getroffen hat, denke ich, als ich
seinen Gesichtsaudruck erkenne. Er ist pudelnass, aber der Anzug hat ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Die Handknöchel sind ein wenig
aufgeschürft, sonst fehlt ihm nichts. Nur die Witze, der er reißt, als er an Bord klettert, klingen schal, und wir alle bleiben still, können nicht
darüber lachen. Ein Stück weiter wälzt sich immer noch der Berg wie ein riesiges Untier in seinem Eisbrei. So lange wir ihn später sehen können,
wiegt er sich langsam rhythmisch hin und her – wie die Unruh einer riesigen Uhr, die beinahe Walters letzte Stunde geschlagen hätte.
Das ganze Unternehmen, von der Wahl des Eisbergs bis zu Walters glücklicher Rettung, hat alles in allem drei Stunden gedauert – drei Stunden,
nach denen wir fix und fertig sind. Unter dem Stichwort „Manöverkritik“ versucht Michael später, das Geschehen in seinem Tagebuch sachlich und kühl zu analysieren:
„Nach dem bestandenen Abenteuer meinte Sepp an Bord, dass uns der Eisberg unsere Grenzen gezeigt habe. Er hatte unrecht. Wir wussten um
die Risiken, hatten sie einkalkuliert, stützten uns auf die Statistik und die Wahrscheinlichkeit. Wir waren Hasardeure, doch das Hasardspiel war uns bewusst.
Was war passiert? Walter hatte versucht, ein zweites Mal den Berg zu besteigen, um zurückgelassenes Material zu bergen. Karabinerschlingen
und Eishaken im Wert von 80 Mark waren der Beweggrund für dieses Risiko. Was ihm passierte, hätte mir genauso passieren können. Der
Unterschied? Walter stieg vom Dingi aus nochmals auf den Berg – oder wollte es zumindest versuchen. Da kenterte die riesige Eismasse. Walter,
noch am Anfang, wurde unter Wasser gedrückt. Wie tief, weiß er nicht mehr. Er löste seine Eisgeräte geistesgegenwärtig und wurde vom
Trockenanzug nach oben getragen. Das Glück war, dass die Falle nicht zuschnappte, dass die Hohlkehle des Eisüberhangs nicht durchkenterte und
den Kletterer erbärmlich ersäufte – und dass Folkmar im rechten Moment die richtigen und kühnen Entscheidungen traf.
Die Statistik war diesmal auf unserer Seite. Doch ebenso, wie man im Leben einen Lotto-Sechser haben kann, kentert auch mal ein Eisberg, wenn
man ihn besteigt. Doch was wäre passiert, wenn sich der Winkel im senkrechten Kletterstück, wo die Steigeisen nur millimetertief eingeschlagen
waren, um wenige Grad zum Überhängenden hin verändert hätte? Wir wären aus der Wand gefallen wie Steine!
Den Eisberg wird es wahrscheinlich nicht mehr geben. Vielleicht gelang es ihm, aus dem Sund herauszukommen, mit dem Grönlandstrom nach
Norden zu ziehen und mit dem Labradorstrom wieder nach Süden zu segeln. Für uns hat sich ein Pubertätstraum erfüllt. Es ist gutgegangen,
haarscharf. Der wahre Held ist Folkmar, er war Spitze. Wir tauften deshalb den Eisberg nach alter grönländischer Manier ‚Folkmars Toppen’.“
Am Abend schon wieder einigermaßen von unserem Schock regeneriert, legen wir voller Erwartung an der Radio- und Fernsehstation am Ausgang
des Prins-Christian-Sundes an. Dies soll unser vorläufig letzter Grönlandaufenthalt sein, da wir von hier aus zunächst nach Island segeln wollen.
Die beiden Dänen, die uns am Vortag auf der FREYDIS besucht haben, stehen an der Pier, um uns willkommen zu heißen. Auch die beiden Schlittenhunde, die sie bei sich haben, scheinen sich über unseren Besuch zu freuen.
3. Vorwort aus dem Buch „AUF DER ROUTE DER ALBATROSSE“:
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Mein Buch will ich beginnen mit einer Liebeserklärung an die Albatrosse, auf deren südlicher Route um die Erde wir seit über fünf
Jahren segeln. Ihre Silhouette am Himmel ist für mich immer ein erfreulicher, anregender Anblick, und ich werde nie müde, sie beim
Flug zu beobachten. Was wir uns selbst mühsam unter Segeln erkämpfen, meistern sie scheinbar schwerelos, fast ohne Flügelschlag.
Graziös ziehen sie ihre Schleifen um uns herum, über uns hinweg, in glattem, fehlerlosem Flug mit schlafwandlerischer Sicherheit die
wechselnden Auf- und Abwinde über den Wellen nutzend. Bei Flaute lassen sie sich auf dem Wasser nieder und warten wie wir auf
Wind, auf den wir genau wie sie angewiesen sind. Denn auf den Strecken, die wir mit unserer Nussschale über die Ozeane
zurücklegen, ist die Menge unseres Treibstoffs nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohne Wind würden wir niemals unsere Ziele
erreichen, würden verdursten und verhungern, wenn uns niemand zu Hilfe käme. Auch die Albatrosse sterben ohne Wind. Um
ausreichend Nahrung von der Oberfläche der Meereswüste auflesen zu können, müssen sie weite Gebiete absuchen. Flügelschlagend wären ihre Energien viel zu rasch verbraucht.
Aber keine Angst: Der Wind lässt nie lange auf sich warten, nicht hier in den südlichen Vierzigern und Fünfzigern, dieser Rennstrecke
hintereinander herjagender Tiefdruckgebiete mit brüllenden, schreienden, kreischenden Winden, mit tosenden, brausenden Stürmen. Dieses
Herrschaftsgebiet grandioser, schäumender Wut ist auch das Reich der sanftmütigsten und –gemessen an ihrer Flügelspannweite von über drei
Metern – größten aller Seevögel. Hier vollbringen sie unglaubliche Leistungen, legen Distanzen bis zu tausend Kilometer am Tag zurück: Etmale,
von denen wir Segler nur träumen. Mit den Westwinden umfliegen sie in weitem Bogen die Antarktis, schweben und gleiten oft jahrelang übers Wasser, ohne auch nur ein einziges Mal Land zu berühren.
Wir segeln in ihrem Revier, auf ihren Kursen. Aber im Gegensatz zu uns brauchen sie keine Uhr, keinen Sextanten, keine Seekarten, kein GPS. Sie
finden sich trotzdem zurecht, kennen genau den Verlauf der antarktischen Konvergenz. Diese schmale, rund um die Antarktis wabernde Zone, in
der sich sauerstoffreiches kaltes Wasser mit energiegeladenen, warmen Strömungen zu einer nährstoffreichen Suppe verquirlt, garantiert ihnen
einen reich gedeckten Tisch. Doch auch hier können wir unsere Begleiter kaum jemals beim Fischen beobachten. Tagblind fischen sie meist bei
Nacht. Vielleicht folgen sie unserem Schiffchen, weil es ihre Leibspeise – die Tintenfische – aufscheucht?
Albatrosse folgen gerne Schiffen, auch im Sturm, wenn diese in Gefahr geraten. Abergläubische Seefahrer sahen deshalb Unglücksboten in ihnen.
Sie glaubten, diese Vögel, die plötzlich aus den Weiten des unbekannten Ozeans wie aus dem Nichts auftauchten und genauso mysteriös wieder verschwanden, verkörperten die Seelen ertrunkener Kameraden.
Für uns sind Albatrosse die großen Abenteurer der Meere. Ihre Landaufenthalte bleiben nur kurze Unterbrechungen in einem langen, einsamen
Leben auf See. Zu ihrer Geburtsinsel kehren sie nur zurück, um sich zu paaren und zu brüten. Auf vielen sturmumtosten subantarktischen Inseln,
unseren eigentlichen Zielen, besuchten wir ihre Kolonien. Ihre Zutraulichkeit macht es einfach, sie zu beobachten und zu studieren. Weit entfernt
von menschlichen Behausungen, kennen sie keine Feinde und lassen sich widerstandslos von den Biologen der wissenschaftlichen Stationen beringen.
Es gibt mehr als ein Dutzend Albatrosarten: Wander-, Gelbschnabel-, Schwarzbrauen-, Ruß-, Graukopf-, Bulleralbatrosse und wie sie alle heißen.
Sie unterscheiden sich in Größe und Färbung ihres Gefieders und Schnabels, aber nicht in ihrem Wesen. Und es ist ihr Wesen – ihre Sanftmut, ihre
Grazie, ihre Duldsamkeit, ihr soziales Verhalten in den Kolonien, wo sie oft zusammen mit Pinguinen und anderen Seevögeln brüten -, was mich
an diesen Superfliegern vor allem fasziniert. Ihre offensichtliche Freude bei der Ankunft des Partners, dem sie ein ganzes Leben die Treue halten,
ihre Hingabe, mit der sie das einzige Junge aufziehen oder trauernd den verletzten Kameraden umsorgen, ihre Demut, mit der sie Leid und Tod
ertragen, berühren mit tief und erfüllen mich mit Achtung und Sympathie. Natürlich ist es im wissenschaftlichen Sinne falsch, Tiere mit
menschlichen Charaktereigenschaften zu belegen. Es gibt keine „guten“ oder „bösen“ Tiere, weil ihr Verhalten durch Instinkte und nicht durch
Absichten geprägt wird. Und doch hat jedes Tier sein eigenes Wesen als Inbegriff der Eigenschaften, die es auszeichnen; und dieses Wesen kann
bei uns Sympathie oder Antipathie wecken, kann sogar Sinnbild und Symbol menschlicher Sehnsucht und Zielsetzung sein.
„Der mächtigste König im Luftrevier ist des Sturmes gewaltiger Aar. Die Vöglein erzittern, vernehmen sie sein rauschendes Flügelpaar“, heißt es in
einem alten Lied. Doch der Aar oder Adler ist ein Symbol imperialen Herrschaftsanspruchs, er versinnbildlicht Macht, Gewalt, Sieg, Triumph und
Unterdrückung. Königreiche und Fürstentümer haben ihn als Hoheitszeichen gewählt, und noch heute führen ihn zahlreiche Staaten als
Wappentier. Hätte ich zu wählen, mein Wappentier (oder meine Galionsfigur) wäre ein Albatros. Er stünde für Toleranz, Rücksichtnahme, Demut
und Ausdauer. Im Umgang mit der Natur ist Demut und Anpassung meist weitsichtiger als Unterdrückung und Sieg. Gegen die Übermacht der
Meere ist auch der Mächtigste ein Jammerlappen, und Draufgänger bezahlen oft genug mit ihrem Leben.
„Der sanfteste König im Luftrevier“, unser ständiger Begleiter auf dieser Reise, ist für mich zu einer Leitfigur geworden wie ein guter Stern. Deshalb heißt dieses Buch „Auf der Route der Albatrosse“.
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