Mein Buch will ich beginnen mit einer Liebeserklärung an die Albatrosse, auf deren südlicher Route um die Erde wir seit über fünf Jahren segeln.
Ihre Silhouette am Himmel ist für mich immer ein erfreulicher, anregender Anblick, und ich werde nie müde, sie beim Flug zu beobachten. Was wir uns selbst mühsam unter Segeln erkämpfen, meistern sie scheinbar schwerelos, fast ohne Flügelschlag. Graziös ziehen sie ihre Schleifen um uns herum, über uns hinweg, in glattem, fehlerlosem Flug mit schlafwandlerischer Sicherheit die wechselnden Auf- und Abwinde über den Wellen nutzend.
Bei Flaute lassen sie sich auf dem Wasser nieder und warten wie wir auf Wind, auf den wir genau wie sie angewiesen sind. Denn auf den Strecken, die wir mit unserer Nussschale über die Ozeane zurücklegen, ist die Menge unseres Treibstoffs nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohne Wind würden wir niemals unsere Ziele erreichen, würden verdursten und verhungern, wenn uns niemand zu Hilfe käme. Auch die Albatrosse sterben ohne Wind. Um ausreichend Nahrung von der Oberfläche der Meereswüste auflesen zu können, müssen sie weite Gebiete absuchen. Flügelschlagend wären ihre Energien viel zu rasch verbraucht.
Aber keine Angst: Der Wind lässt nie lange auf sich warten, nicht hier in den südlichen Vierzigern und Fünfzigern, dieser Rennstrecke hintereinander herjagender Tiefdruckgebiete mit brüllenden, schreienden, kreischenden Winden, mit tosenden, brausenden Stürmen. Dieses Herrschaftsgebiet grandioser, schäumender Wut ist auch das Reich der sanftmütigsten und –gemessen an ihrer Flügelspannweite von über drei Metern – größten aller Seevögel. Hier vollbringen sie unglaubliche Leistungen, legen Distanzen bis zu tausend Kilometer am Tag zurück: Etmale, von denen wir Segler nur träumen. Mit den Westwinden umfliegen sie in weitem Bogen die Antarktis, schweben und gleiten oft jahrelang übers Wasser, ohne auch nur ein einziges Mal Land zu berühren.
Wir segeln in ihrem Revier, auf ihren Kursen. Aber im Gegensatz zu uns brauchen sie keine Uhr, keinen Sextanten, keine Seekarten, kein GPS. Sie finden sich trotzdem zurecht, kennen genau den Verlauf der antarktischen Konvergenz. Diese schmale, rund um die Antarktis wabernde Zone, in der sich sauerstoffreiches kaltes Wasser mit energiegeladenen, warmen Strömungen zu einer nährstoffreichen Suppe verquirlt, garantiert ihnen einen reich gedeckten Tisch. Doch auch hier können wir unsere Begleiter kaum jemals beim Fischen beobachten. Tagblind fischen sie meist bei Nacht. Vielleicht folgen sie unserem Schiffchen, weil es ihre Leibspeise – die Tintenfische – aufscheucht?
Albatrosse folgen gerne Schiffen, auch im Sturm, wenn diese in Gefahr geraten. Abergläubische Seefahrer sahen deshalb Unglücksboten in ihnen. Sie glaubten, diese Vögel, die plötzlich aus den Weiten des unbekannten Ozeans wie aus dem Nichts auftauchten und genauso mysteriös wieder verschwanden, verkörperten die Seelen ertrunkener Kameraden.
Für uns sind Albatrosse die großen Abenteurer der Meere. Ihre Landaufenthalte bleiben nur kurze Unterbrechungen in einem langen, einsamen Leben auf See. Zu ihrer Geburtsinsel kehren sie nur zurück, um sich zu paaren und zu brüten. Auf vielen sturmumtosten subantarktischen Inseln, unseren eigentlichen Zielen, besuchten wir ihre Kolonien. Ihre Zutraulichkeit macht es einfach, sie zu beobachten und zu studieren. Weit entfernt von menschlichen Behausungen, kennen sie keine Feinde und lassen sich widerstandslos von den Biologen der wissenschaftlichen Stationen beringen.
Es gibt mehr als ein Dutzend Albatrosarten: Wander-, Gelbschnabel-, Schwarzbrauen-, Ruß-, Graukopf-, Bulleralbatrosse und wie sie alle heißen. Sie unterscheiden sich in Größe und Färbung ihres Gefieders und Schnabels, aber nicht in ihrem Wesen. Und es ist ihr Wesen – ihre Sanftmut, ihre Grazie, ihre Duldsamkeit, ihr soziales Verhalten in den Kolonien, wo sie oft zusammen mit Pinguinen und anderen Seevögeln brüten -, was mich an diesen Superfliegern vor allem fasziniert. Ihre offensichtliche Freude bei der Ankunft des Partners, dem sie ein ganzes Leben die Treue halten, ihre Hingabe, mit der sie das einzige Junge aufziehen oder trauernd den verletzten Kameraden umsorgen, ihre Demut, mit der sie Leid und Tod ertragen, berühren mit tief und erfüllen mich mit Achtung und Sympathie. Natürlich ist es im wissenschaftlichen Sinne falsch, Tiere mit menschlichen Charaktereigenschaften zu belegen. Es gibt keine „guten“ oder „bösen“ Tiere, weil ihr Verhalten durch Instinkte und nicht durch Absichten geprägt wird. Und doch hat jedes Tier sein eigenes Wesen als Inbegriff der Eigenschaften, die es auszeichnen; und dieses Wesen kann bei uns Sympathie oder Antipathie wecken, kann sogar Sinnbild und Symbol menschlicher Sehnsucht und Zielsetzung sein.
„Der mächtigste König im Luftrevier ist des Sturmes gewaltiger Aar. Die Vöglein erzittern, vernehmen sie sein rauschendes Flügelpaar“, heißt es in einem alten Lied. Doch der Aar oder Adler ist ein Symbol imperialen Herrschaftsanspruchs, er versinnbildlicht Macht, Gewalt, Sieg, Triumph und Unterdrückung. Königreiche und Fürstentümer haben ihn als Hoheitszeichen gewählt, und noch heute führen ihn zahlreiche Staaten als Wappentier. Hätte ich zu wählen, mein Wappentier (oder meine Galionsfigur) wäre ein Albatros. Er stünde für Toleranz, Rücksichtnahme, Demut und Ausdauer. Im Umgang mit der Natur ist Demut und Anpassung meist weitsichtiger als Unterdrückung und Sieg. Gegen die Übermacht der Meere ist auch der Mächtigste ein Jammerlappen, und Draufgänger bezahlen oft genug mit ihrem Leben.
„Der sanfteste König im Luftrevier“, unser ständiger Begleiter auf dieser Reise, ist für mich zu einer Leitfigur geworden wie ein guter Stern. Deshalb heißt dieses Buch „Auf der Route der Albatrosse“.













































