Fragwürdige Rekordjagd?

Hallo Freunde,

ein Artikel in der YACHT Heft 9/2017 mit der Überschrift „Fragwürdige Rekordjagd“ hat uns beide bewogen, zu dem Thema einige sehr persönliche Ansichten zu formulieren. Aus ein paar angedachten Zeilen wurde dann zum Schluss ein längeres Statement, das wir auf unserem Blog verfasst haben.

Antworten auf die Fragen:

  • Warum wollten wir lange nicht durch die Nordwest-Passage?
  • Unsere Erfahrungen mit Packeis und Eisbergen?
  • Woher kommt unser Sinneswandel?
  • Ist die NW-Passage heute überhaupt noch eine große Herausforderung?
  • Eine fragwürdige Rekordjagd?
  • Ein Beitrag zum Thema „Sinnentleerte Rekordsüchte“?

1) Warum keine Nordwest-Passage?

Hunderte Male sind wir in den letzten Jahrzehnten gefragt worden, ob wir nicht durch die Nordwest-Passage segeln wollen. Immer haben wir abgewehrt. Unser Argument: Segeln durch Packeis ist ein Vabanquespiel. Plötzlich und unvorhersehbar kann die Yacht vom Packeis eingeschlossen werden. Dann gibt es kein Entrinnen. Sobald der Wind das Eis zusammenschiebt, wird das Boot zerdrückt, egal aus welchem Material und wie stabil es gebaut ist.

Die Nordwest-Passage mit einem Segelboot zu passieren, hatte in der Vergangenheit für uns nichts mit guter Seemannschaft zu tun, es war eher ein Glücksspiel.

Dabei wollen wir hier gar nicht auf all die Dramen eingehen, die sich im Laufe von 300 Jahren in der NW-Passage abgespielt haben (Franklin-Expedition, die Tragödien der Suchschiffe, die vielen Katastrophen danach), sondern nur einige Beispiele aus jüngerer Zeit erwähnen, die belegen, wie gefährlich und unberechenbar das Packeis für Yachten sein kann.

  • 1977 Carl Emil Petersen und Familie, SY RUNDÖ (Colin Archer): Petersen ist versierter Segler, war vorher viel im Eis von Spitzbergen. Verlust der RUNDÖ beim Verlassen des Scoresby Sundes am 5. Sept 1977 durch Eispressung bei Sturm; Grund waren fehlende Eisinfos durch einen Streik der Piloten, an dem sich auch die Meteorologen beteiligt hatten. Die Crew der RUNDÖ wird per Hubschrauber abgeborgen.
  • 1987 Günter Gassner + zwei Crew, SY SEUFEL VI (vom Typ Maramu) wird südlich vom Kap Farewell (Grönland) am 13./14. Juni 1987 bei schwerem Wetter vom Packeis eingeschlossen. Das Schiff wird zerdrückt, die Crew kann in letzter Minute mit dem Hubschrauber vom Eis abgeborgen werden.
  • 1990 Clark Stede, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Michelle Poncini mit seiner ASMA als erster Deutscher durch die NW-Passage wollte, wird Ende August 1990 in der NW-Passage vom Eis eingeschlossen. Ein kanadischer Eisbrecher eilt zur Hilfe und nimmt die ASMA an Deck. Nach 100 Seemeilen Huckepackfahrt auf dem Eisbrecher setzt sie dieser in eisfreiem Wasser ab. Sie können ihre geplante Reise rund Amerika fortsetzen.
  • 1994 Arved Fuchs mit Crew wird auf der Dagmar Aaen beim Versuch, die Nordost-Passage zu durchqueren, vom Packeis eingeschlossen. „Auf Messers Schneide“ beschreibt er die prekäre Situation, der er nur mit viel Glück, eingedrückten Planken und schwerbeschädigter Ruderanlage entkommt. „Ganz gleich, was ich in meinem Leben noch alles erleben werde, diese Nacht vom 20. auf den 21. August 1994 werde ich niemals in ihrer Intensität und ihren Schrecken vergessen.“ und weiter „…das Eis hat ein großes Leck in den gepanzerten Rumpf (des 16 Seemeilen entfernten russischen Eisbrechers MURMANSK) gerissen.“ (aus „Abenteuer zwischen Tropen und Eis“ S. 31 ff)
  • 2014 Jimmy Cornell mit Crew (SY AVENTURA IV, eine Garcia Exploration 45) scheitert bei seinem ersten Versuch, die Passage zu bezwingen, wegen der geschlossenen Eisdecke an den Engstellen. Er tritt rechtzeitig den Rückzug an und versucht es im Jahr darauf erneut, diesmal von der anderen Seite, also von West nach Ost. Der zweite Versuch gelingt.

2) Unsere Erfahrungen mit Packeis und Eisbergen

  • 1982 An der Antarktischen Halbinsel auf dem Weg von Deception Island zur amerikanischen Forschungsstation Palmer auf Anvers Island, viel Eis im Neumayer Kanal
  • 1986 An der West- und Südküste von Grönland, insbesondere im Prins Christian Sund
  • 1986 Im Scoresbysund an der Ostküste von Grönland
  • 1986 Am 29. September an der Packeisgrenze nördlich von Spitzbergen auf 79°50′
  • 1987 Bei der Umrundung von Spitzbergen in der Hinlopenstrasse zwischen Spitzbergen und Nordostland sowie bei den Sieben Inseln nordwestlich von Spitzbergen
  • 1988 An der Westküste von Grönland, wo wir nach Ausfall der Hauptmaschine 300 Meilen durch Eisberge von Narsassuaq zur Hauptstadt Nuuk segelten, um dort die Maschine zu reparieren
  • 1991 An der Antarktischen Halbinsel und im Kratersee von Deception vor und während unserer Überwinterung
  • 1993 Am Rande von Antarktika in Südgeorgien und bei den Südsandwich Inseln
  • 1994 Am Rande von Antarktika bei Heard Island
  • 1996 Am Eingang zum Rossmeer an der Packeiskante auf 68° Süd bei der Scott Insel
  • 1998 An der Antarktischen Halbinsel im Le Maire Kanal

Unser oberster Grundsatz: Sich nicht vom Packeis einschließen lassen, sondern unter allen Umständen die Möglichkeit eines Rückzugs bewahren.

3) Woher kommt also unser Sinneswandel, jetzt doch durch die Nordwestpassage zu segeln?

Erstens: Durch den Klimawandel hat sich die Eiskappe auf dem Nordpolarmeer drastisch verringert. Deshalb kann man heute mit Geschick und Geduld im kurzen arktischen Sommer diesen Seeweg nehmen, ohne Gefahr zu laufen, vom Eis eingeschlossen zu werden. Sollten die berüchtigten Engstellen Peelsound und Bellotstraße vom Eis doch verschlossen sein, besteht die Möglichkeit, abzuwarten auf sicheren Plätzen wie Gjoa Haven (wo Roald Amundsen zwei Jahre 1903 bis 1905) oder in Cambridge Bay, wo Arved Fuchs von 2003 auf 2004 überwintert hat).

Zweitens: Durch Satellitennavigation und insbesondere durch Satellitentelefon hat sich das Risiko auf diesem Seeweg stark verringert. Bereits in den letzten Jahren haben wir im Nordpazifik über Iridium-Handy in prekären Situationen Informationen von „Wetterwelt“ in Kiel erhalten. Sowohl in Melanesien vor Guam, wo sich uns – völlig ungewöhnlich für die Jahreszeit – ein Taifun in den Weg gestellt hatte, als auch ein Jahr später auf der Reise von Japan zu den Aleuten, wo uns wochenlang anhaltender Starkwind von vorn zu einem Umweg über Kamtschatka zwang.

Über Iridium-Handy können wir in der Nordwest-Passage nicht nur genaue Eisinformationen erhalten, sondern werden auch rechtzeitig vor gefährlichen Wetterumschwüngen gewarnt. Man tappt nicht mehr blind in eine Falle, sondern kann rechtzeitig sichere Ankerplätze aufsuchen oder Legerwall-Situationen vermeiden.

4) Die Nordwest-Passage bleibt dennoch eine große Herausforderung

Trotz Klimawandel und verbesserter Wetter- und Eisvorhersage bleibt die Durchquerung der Nordwest-Passage ein großes Abenteuer und ein Wagnis: Zur Bewältigung gehören auch weiterhin hoher persönlicher Einsatz, Ausdauer, Mut, Leidensfähigkeit – und nicht zuletzt auch Frustrationstoleranz, denn es wird nicht alles so laufen, wie geplant.

Die Crew besteht auf der entscheidenden Etappe von Nome (im nördlichen Beringmeer) bis Ilullisat/Diskobay,Grönland) außer uns beiden aus weiteren sechs Mitseglern – alle sehr segelerfahren. Zwei aus der Crew sind bereits seit unserer ersten Reise in die Antarktis (1981/82) immer wieder auf anspruchsvollen Reisen mit uns unterwegs. Trotzdem wird auch diese Reise wieder menschlich eine Herausforderung – 45 Tage sind wir auf engstem Raum unterwegs und müssen miteinander auskommen. Das ist erfahrungsgemäß nicht einfach und fordert von allen Beteiligten viel gegenseitigen Respekt und Toleranz.

Auf früheren langen Reisen – die längste mit einer Crew dauerte 1994 10 1/2 Wochen von Richards Bay/Südafrika über die Inseln am Rande der Antarktis nach Fremantle/Australien – haben wir es trotz der Enge und vieler Strapazen gemeinsam geschafft, nicht nur kameradschaftlich miteinander umzugehen, sondern auch freundschaftlich und fröhlich. Das ist auch diesmal unser erklärtes Ziel.

Gute Seemannschaft ist in den polaren Regionen in besonderem Maße gefordert:

Wir segeln in einer Natur, die menschenfeindlich ist. Uns erwarten schlechtes Wetter, Nebel, Regen, Sturm, Temperaturen um den Gefrierpunkt, Strömungen und Untiefen. Auch mit GPS und Radar wird die Navigation schwierig, insbesondere da die Seekarten ungenau sind – Abweichungen von mehr als fünf Seemeilen sind keine Seltenheit.

Mit nur wenigen Ausnahmen, wie z.B. in Cambridge Bay, müssen wir uns in der arktischen Wildnis selbst Ankerplätze suchen, die Schutz bieten. Landgänge sind mit dem Risiko verbunden, Eisbären zu begegnen, die – anders als die Grizzlys im Golf von Alaska – auch Jagd auf Menschen machen.

Soweit es der kurze Zeitrahmen des arktischen Sommers erlaubt, werden wir uns, wie auf allen unseren Reisen, Zeit für Land und Leute nehmen.

Vor zehn Jahren (2007) haben wir bereits zweimal das Beringmeer durchquert und sind bis Kotzebue in der Tschuktschensee gelangt. Dabei war es uns ein besonderes Anliegen, die Inseln im Beringmeer und ihre Bewohner kennen zu lernen (Diomede I., St Lawrence, St. Matthew, Pribilofs, Nunivak). Diesmal treibt uns die Neugier noch weiter in den Norden. Der Kreis schließt sich in Grönland, an dessen Küsten wir bereits 1986 und 1988 gesegelt sind.

Mit der Freydis (III) verfügen wir über eine Yacht, die uns für die anstehende Reise in besonderer Weise geeignet erscheint.

Der Konstrukteur Reinke hat sie eigens für unsere anspruchsvollen Reisen konzipiert. Ein Alurumpf mit dreifachem Boden und aufholbarem Schwert, das Boot extra verstärkt an vielen Stellen des Rumpfes, der Aufbauten, des Riggs und der Beschläge. Er hat dieser speziellen Version fürs Eis den Namen 16 M ICE gegeben. Trotzdem: Auch die Version ICE (EIS) ist kein „Eisbrecher“.

 

Editorial (YACHT 15/12)

Editorial „Besonderer geht eigentlich kaum“ (YACHT 15/12)

Den vollständigen Bericht findet ihr unter: Freydis III YACHT-Test

Inzwischen haben wir mit ihr über 30.000 Seemeilen zurückgelegt – unter oft schwierigen Bedingungen. Die Kinderkrankheiten sind ausgemerzt und für die anstehende Reise haben wir sie besonders ausgerüstet – auch für eine 12-monatige Überwinterung im Norden Kanadas oder Grönlands.

5) Fragwürdige Rekordjagd?

Die Freiheit der See: Jeder kann sich ein beliebiges Boot zulegen und damit los segeln. Wer oder was sollte ihn davon abhalten?

  • 1956 bezwang Hannes Lindemann mit einem Klepper-Faltboot und Stützsegel den Atlantik,
  • 1987 glückte dasselbe Rüdiger Nehberg mit einem Tretboot und Hilfsbesegelung,
  • 1984 umrundete Arved Fuchs mit einem Faltboot im Winter Kap Hoorn,
  • 1988 segelten zwei Kanadier mit einem Katamaran (Hobie 18) durchs Eis der NW-Passage,
  • 2000/01 segelte Wilfried Erdmann mit seiner KATHENA NUI (Alu-Slup 10,60 Meter) einhand+nonstop gegen die vorherrschenden Winde um die Welt,
  • 2015 beendete der Schweizer, Yvan Bourgnon seine Weltumsegelung mit einem sechs Meter langen offenen Sportkatamaran, den er – seinen Angaben zufolge – unterwegs über 300-mal nach Kenterungen wieder hatte aufrichten müssen. Jetzt plant er mit seinem Gefährt den nächsten spektakulären Coup: die Durchquerung der Nordwestpassage (Yacht Heft 9/2017). Die YACHT spricht von einer „fragwürdigen Rekordjagd“. Diese Ansicht kann man vertreten, man kann es aber auch wie Friedrich der Große halten, der die Meinung vertrat: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“. Und jeder muss das mit seinem Gewissen und seiner Ansicht von guter Seemannschaft vereinbaren.

Rekorde aufzustellen ist nicht unser Anliegen.

Wie denn auch? Bereits über zweihundert Segelyachten sind in den letzten Jahrzehnten durch die Nordwest-Passage gegangen.

Der erste war 1977 der Belgier Willy de Roos, der einhand mit seiner 13 Meter langen Ketsch WILLIWAW die Nordwest-Passage bezwang. Für diese Leistung erhielt er die Blue Water Medal, die höchste Auszeichnung des Cruising Club of America.

Der erste Deutsche, der es versucht hat, war 1990 Clark Stede. Er ist mit seiner ASMA durchgekommen, allerdings das entscheidende Stück „Huckepack“ auf einem Eisbrecher.

Danach passierte Arved Fuchs mit seiner Dagmar Aaen zweimal die NW-Passage, 1993 von Ost nach West und 2003 bis 2004 von West nach Ost (mit Überwinterung in Cambridge Bay).

In diesem Jahr will der Schweizer Yvan Bourgnon mit einem sechs Meter langen Sportkatamaran durch die Passage.

Das sind zweifellos Rekordfahrten und auch als solche von vornherein geplant.

Dagegen hoffen wir nur auf eine anspruchsvolle, abenteuerliche und möglichst wenig spektakuläre Durchquerung der Nordwestpassage und darauf, dass alle Teilnehmer nicht nur gesund in Grönland ankommen, sondern sich auch gerne an diese gemeinsame Unternehmung erinnern.

Von dem Wissenschaftsjournalisten Uwe George, jahrzehntelang Expeditionsleiter des GEO-Magazins („Mister GEO“), stammt der Satz: „Wir leben im Zeitalter um sich greifender sinnentleerter Rekordsüchte„. Da sind wir mit ihm ganz einer Meinung.

Das Zitat im Zusammenhang: Er schrieb die erste Kritik zu Heides Buch „WILDER STILLER OZEAN“, dem vierten und letzten Teil unserer siebenjährigen Antarktis-Umrundung von 1991 bis 1998:

Im Zeitalter um sich greifender, sinnentleerter Rekordsüchte liest sich „Wilder Stiller Ozean“ wie eine Fortsetzung der Berichte großer seefahrender Forschungsreisender vergangener Jahrhunderte – eine liebevolle, spannende, aber auch faktenreiche Nachlese in entlegensten Winkeln der Erde, welche oftmals selbst den altvorderen Seefahrern noch unzugänglich waren. Ich wünsche dem Buch viele, möglichst angstfreie Leser.

Wer es lesen will – auf Papier oder als E-Book – hier ist der Link:

Bücher und E-Books

In diesem Sinne grüßen Euch
Heide + Erich

Walskelett Heide mit Pinguin

Aus dem Buch „Wilder Stiller Ozean“

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2 Kommentare zu Fragwürdige Rekordjagd?

  1. Hans Bertl sagt:

    Ich glaube an die glückliche Realisierung Eures Planes NORDWEST-PASSAGE,
    erstens wegen der verantwortungsbewussten Vorbereitung und
    zweitens wegen der langjährigen Erfahrungen in arktischen Gewässern. Die Wahl von West nach Ost bietet sicher bessere Chancen auf Erfolg.
    Wünsche Euch von Herzen gutes Gelingen und sicheres Ankommen im Nordatlantik.
    Leider bin ich für meine Person eher ein Warmwasser-Segler und kann nur mit Bewunderung Eure spannenden Berichte lesen.
    Mit besten Wünschen und in Erwartung der nächsten spannenden Vorträge
    Hans Bertl / Österreich

  2. Sepp Krimmer sagt:

    Ich habe die Freydis-II vor vier Jahren in BoraBora getroffen und ein solches Boot
    (vor allem die Nachfolgerin) ist prädestiniert für solche Aufgaben, da braucht man nur eine Crew, die sich der Aufgabe stellt.
    Und mit eurer Erfahrung ist diese Reise sicherlich sehr spannend, aber nicht unnötig
    gefährlich.
    Ich freue mich euch leserisch begleiten zu dürfen.
    Alles Gute und liebe Grüße von Sepp
    PS: Vor vier Wochen war ich wieder am „Gate“ von BoraBora, wo wir euch damals
    getroffen haben 🙂

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