Segeln in den Wetterküchen

Meuterei in einer Wetterküche

Vorgestellt hatten wir uns eine vergnügliche Urlaubsreise an der australischen Südküste mit einem segelerfahrenen Paar, das zu unseren besten Freunden zählt. In kleinen Etappen wollten wir von Adelaide nach Hobart (Tasmanien) schippern mit Zeit für Land und Leute. Doch die Wetterküche der Bass-Straße machte uns einen dicken Strich durch die Rechnung und stellte unserer langjährige Freundschaft auf eine harte Probe.

Verheißungsvoller Beginn: leichte Winde in der Bucht von Adelaide, wundervolle Urlaubstagen auf Kangaroo Island und ein paar Stunden mit ausgebaumter Genua bei achterlicher Brise in der Backstairs-Passage. Das war´s dann aber auch mit „happy sailing“!

In den darauf folgenden Wochen erfahren wir, was die Bass-Straße sonst noch alles zu bieten hat: Sie liegt nämlich an der Nahtstelle der heißen kontinentalen Luftmassen Australiens und den deutlich kühleren des subantarktischen Raumes. Hier, entlang des vierzigsten Breitengrades bilden sich im Abstand von wenigen Tagen, manchmal Stunden, neue Tiefs. Dazu gesellen sich in dieser Meerenge starke, Gezeiten bedingte Strömungen.

Starkwind, Regenschauer, aufgesteilte, kabbelige Stromsee, miserable Sicht – wir sind alle mehr oder weniger seekrank. Mitten in der flachen Einfahrt von Robe, dem ersten kleinen Naturhafen, in dem wir Zuflucht suchen, bleiben wir stecken. Wir haben Niedrigwasser! „Es sieht so aus als ob uns dieser Hafen nicht will“, brummt Erich am Ruder. Wild kurbelt unser Freund das Schwert hoch. Die Freydis kommt frei und schließlich liegen wir gut vertäut an einer Holzpier. Sturm aus Südwest mit Regen und Kälte. Wie schön, dass wir geschützt im Hafen liegen! Für uns sind  alle Widrigkeiten der Fahrt vergessen und erledigt. Aber nicht für unsere Freunde…

Wir fragen den Hafenmeister nach dem Wetter für morgen. Er zeigt auf die Boote: “Das wissen am besten die Fischer, wenn die morgen früh auslaufen, könnt ihr auch raus.“ Sie laufen aus, wir mit ihnen.

Auf dem nächsten Schlag nach Portland werden wir wieder so kräftig gebeutelt, dass unser gemeinsames Landprogramm dort erneut überschattet wird von der Frage, ob unsere Freunde mit uns weitersegeln. Diese Reise hat sich für die beiden längst zu dem entwickelt, was sie gerade nicht sein sollte, zu einem Horrortrip.

Als nächstes Ziel in der Bass Straße winkt King Island. An der Südküste der Insel müssen wir uns durch ein wahres Labyrinth aus Klippen, Untiefen und Riffen in den Hafen von Grassy hineintasten. Trotz natürlicher und künstlicher Wellenbrecher läuft dort eine unangenehm hohe Dünung hinein.

An der Muring oder vor Anker kann uns das nicht gefährlich werden. Aber leider ist der kleine Hafen voll belegt mit Fischkuttern. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als an der schmalen Holzpier mit den durch Reifen gepufferten Dalben festzumachen. Dabei müssen wir die Leinen ziemlich lose lassen, bis einigermaßen Ruhe ins Schiff kommt. Zwei herrliche Tage verbringen wir gemeinsam auf der Insel. Danach wollen wir um vier Uhr morgens auslaufen, um am folgenden Tag bei Helligkeit die Nordspitze Tasmaniens zu erreichen. Doch die Wetterküche hat etwas ganz Spezielles zusammengebraut: Schon lange vor der Zeit reißen uns ruckartige Schiffsbewegungen und alarmierende Geräusche aus dem Schlaf. Draußen orgeln stürmische Winde durch die Finsternis und in der aufgebrachten See erscheinen die brandungsumtosten Riffe im Mondlicht wie fauchende Meeresungeheuer. Mächtiger Schwell drückt in den Hafen, die Fischerboote wippen und zerren an ihren Muring-Ketten wie bockige Zirkuspferde am Halfter. Die Freydis wird hart gegen die Dalben geschleudert, die Fender quietschen, die Leinen ächzen und knarren – nur eine Frage der Zeit, bis etwas bricht! Angesichts des drohenden Chaos im Hafen wollen Erich und ich so schnell wie möglich auslaufen. Unser Freund weigert sich entsetzt: „Ich weiß, das ist Meuterei, aber ich kann´s nicht ändern. Ich bin doch nicht im Krieg, wo ich mein Leben einsetzen muss!“

Wir verstehen ihn gut. Doch er lässt außer acht, welchem Risiko unser Boot bei dem auflandigen Wind in diesem „Hafen“ an der Pier ausgesetzt ist. Für ein hochseetüchtiges Schiff ist ein Sturm auf offener See lange nicht so gefährlich wie am mangelhaft geschützten Ufer. Wir geben trotzdem nach, um zu vermeiden, dass uns unsere Freunde Hals über Kopf verlassen. Wir nehmen die Springs weg, geben Vor- und Achterleinen genügend Spielraum und hoffen, dass sich der Sturm bald legt. Aber er nimmt noch zu!

Die Freydis ist kaum mehr zu halten, sie rast an den Dalben hin und her, fährt Fahrstuhl und rennt mit dem Bug gegen die Pier. Nach etwa einer Stunde reißt die Achterleine, dann die Vorleine, die auch gleich noch Teile der Holzpier mitnimmt, an denen sie festgemacht war: dicke Planken mit davor genagelten Autoreifen. Sie schwimmen im Wasser und schlagen gegen den Schiffsrumpf. Das Chaos ist perfekt. Wir sind im Dauereinsatz, um die schlimmsten Rammstöße gegen die Dalben abzufendern. Doch unser armes Schiffchen wird immer wieder mit solcher Wucht dagegen geschleudert, dass außer ihm auch gleich die ganze Pier auseinander zu brechen droht. Der große Ballonfender, den ich in letzter Sekunde, als wieder eine Monsterwelle anrollt, zwischen Bug und Dalben werfe, platzt wie ein Kinderluftballon. Beim Zurückschwojen zischt etwas an meinen Beinen vorbei: Die starke zweite Vorleine hat die große Lipp-Klampe aus dem Stahldeck gerissen – nur zwei dicke Niroschrauben ragen noch heraus.

Erich legt rasch eine Leine mit Drahtvorläufer um unseren Poller am Bug, unser Mitsegler  springt von „Fahrstuhl“ auf die Pier, wo der Leihwagen steht, und befestigt das andere Leinen-Ende an einem soliden Stahlträger an Land. Aber kann man der Trosse und unserem Poller trauen? An ihm soll man das ganze Boot aufhängen können, aber wer weiß schon, was hier für Kräfte wüten? Wir halten uns jetzt in respektvollem Abstand von den Festmacherleinen. Unser Freund bringt sich im Leihwagen in Sicherheit.

Als der Wind auf Südwest dreht, können wir auf den achteren Festmacher verzichten und die Freydis an langer Leine mit der Nase gegen Wind und Pier schwojen lassen. Allmählich kehrt im Schiff wieder Ruhe ein, und entsprechend lässt auch die Anspannung bei uns nach. Den Schrecken in den Gliedern frühstücken wir stumm und lassen uns von der Sonne wärmen, die versöhnlich ins Cockpit scheint. Langsam ebbt der Sturm ab.

Wir beichten dem Hafenkapitän unser Attentat auf die Holzpier. Er sieht sich den Schaden an und winkt großzügig ab. Unsere Freunde fliehen an Land, aber als wir am nächsten Morgen Segel setzen, sind sie zu unserer Freude an Bord zurückgekehrt. Kurz vor dem nächsten Sturm erreichen wir den kleinen Hafen von Stanley, an der Nordküste von Tasmanien. Zwei Tage ist die Bass Straße weiß von Gischt.

Die Auslegung der Wetterkarte in der Zeitung ist wieder vieldeutig wie das Orakel von Delphi. Also vertrauen wir auch hier dem Gespür der Fischer im Hafen: Wind und Wetter für die nächsten 24 Stunden günstig! Also nichts wie raus.

Auch auf Flinders Island hat der Wettergott kein Einsehen mit uns. Als wir nach einem Blick auf unseren Barographen den Hafenmeister besorgt nach dem Wetter fragen, brummt er: „Die Vorhersage auf Flinders ist einfach, es gibt nur awful, very awful oder simply terrible.“ – „Und die weiteren Aussichten für die Nacht?“ – „The wind blows a dog off his chain!“ („Der Wind bläst einen Hund von der Kette!“) Na, hoffentlich die Freydis nicht von ihren Leinen! Nach umfangreichen Sicherungen überstehen wir die Sturmnacht zwar schlaflos, aber ohne böse Überraschung. Die kommt erst, als unsere Freunde uns eröffnen, dass sie uns das restliche Stück nach Hobart nicht mehr begleiten wollen. Sie wollen mit dem Inselhüpfer nach Tasmanien. Wir nicken betrübt und müssen mit dem Unabänderlichen fertig werden. Zu zweit hangeln wir uns an der Westküste Tasmaniens nach Hobart, wo wir eine Woche später ein Wiedersehen mit den beiden im „Drunken Admiral“ feiern.

Wer in der Passatzone um die Erde segelt, hält sich in der Regel frei von Wetterküchen, weil er ständig in einer Hochdruckzone segelt. Das haben schon die Rahsegler zu nutzen gewusst, die schlecht kreuzen konnten. Andere Regionen der Ozeane zählt man dagegen zu den Wetterküchen. Dort treffen kalte und warme Meeresströmungen aufeinander und die darüber liegenden, unterschiedlich temperierten Luftmassen, bilden Wirbel, aus denen sich Tiefs entwickeln. Kaum ein Segler, der den Nordatlantik von West nach Ost überquert und nicht seine ganz speziellen Erfahrungen mit der Wetterküche des Golfstroms gemacht hätte. Und so wie den Golfstrom, gibt es zahlreiche vergleichbare Ströme in den Ozeanen: Humbold-, Agulhas-, Benguela-, Ostgrönlandstrom, El Nino, um nur einige zu nennen – und jede dieser Wetterküchen hat dazu noch ihre eigenen Tücken. Deshalb bereiten sich Segler für diese Regionen gründlich vor mit entsprechenden Seehandbüchern und – so es sie gibt – Revierführern. Eine gute Quelle sind auch die Erfahrungsberichte anderer Segler in den Segelzeitschriften und den Veröffentlichungen vom Verein Trans-Ocean, dem immerhin 5000 Blauwasser-Segler angehören. Wie man Wetterküchen am besten vermeidet oder zu welcher Jahreszeit man sie durchsegelt, erfährt man auch in „Segelrouten der Weltmeere“ von Jimmy Cornell.

PS: Die einzige Meeresströmung, die den gesamten Globus umfasst, ist der Antarktische Zirkumpolarstrom, eine kalte Meeresströmung auf der Südhalbkugel, welche die drei Ozeane miteinander verbindet. Da dieser Strom das Wetter der gesamten Erde beeinflusst, wird er auch als „die Wetterküche der Erde“ bezeichnet. Auf unserer Antarktisumrundung haben wir sieben Jahre lang diese Küche „genossen“. Nicht, dass wir die Hölle suchten, aber nur so konnten wir unseren „Himmel“ finden: die einsamsten Naturparadiese dieses Planeten am Rande der Antarktis.

2 Kommentare zu Segeln in den Wetterküchen

  1. Pingback: Segeln in den Wetterküchen der Ozeane « Mit der Freydis von Pol zu Pol

  2. Hallo,liebe Wilts und die tapferen Freunde,die Reise war ein Teufelsritt.
    Kann da nicht mitreden,aber ein wenig vorstellen.Auf der Ostsee haben
    wir schon einmal einen Sturm erlebt,der uns bald das Boot gekostet hat.
    Damit will ich natürlich Ihren “ Teufelsritt“überhaupt nicht vergleichen.
    Ich dachte da an Ihre Mitsegler.Seekrank ist,wenn man sie richtig hat,
    erbaermlich.Mich hatte es damals erst richtig gepackt,als meine Ablösung
    am Ruder war.“Schichtwechsel“.Heute weiss ich,TÄDIKEIT lenkt ab.
    Auf jeden Fall freue ich mich,die WUNDEN an der Freydis sind sicher
    wieder behoben und allen geht es wieder gut.
    Ich wünsche einen guten weiteren Reiseverlauf.
    Peter Metzmacher
    Habe leider keine Webseite,muß erst einmal einen Auskenner fragen,
    wie man dzu kommt.

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