{"id":17,"date":"2010-06-12T23:09:47","date_gmt":"2010-06-12T21:09:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=17"},"modified":"2017-03-30T18:18:52","modified_gmt":"2017-03-30T17:18:52","slug":"die-unendliche-reise","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/veroeffentlichungen\/reiseberichte\/die-unendliche-reise\/","title":{"rendered":"Die unendliche Reise"},"content":{"rendered":"<p><a rel=\"lightbox\" href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2011\/03\/GEO_saison_logo.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2011\/03\/GEO_saison_logo.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"450\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Portr\u00e4t \u00fcber Heide und Erich\u00a0 in der Zeitschrift GEO SAISON, Mai 2000<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Man sp\u00fcrt es: Heide und Erich Wilts sind anders. Seit zehn Jahren leben sie auf See. Immer zusammen, immer ein Team. Extreme Abenteuer haben das Ehepaar gepr\u00e4gt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Jubil\u00e4umsbericht.<\/strong><\/p>\n<h3>Andreas Wenderoth: \u00a0 DIE \u00a0 UNENDLICHE REISE<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><big>M<\/big>anche sagen, sie wollen es oder tr\u00e4umen davon. Und im Grunde k\u00f6nnten es viele. \u201eAber richtig wollen, ist etwas anderes\u201c, sagt Heide Wilts: Sie h\u00e4tten es gewollt. Es war diese Kraft, die in ihnen reifte, bis es nichts mehr gab, das sich ihr in den Weg stellen konnte. Nicht ihre gut bezahlten Jobs, die praktisch unk\u00fcndbar waren, nicht die Warnungen von Freunden und Eltern. Mit 50 haben sie aufgeh\u00f6rt zu arbeiten, weil da am Horizont ein neues Leben auf sie wartete. Mit 50 haben sie hingeworfen, um endlich anzufangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist ein Lebensplan, der sich vollzieht\u201c, sagt Heide Wilts und glaubt, die ganz gro\u00dfen Dinge im Leben entscheidet man sowieso nicht selbst. Vielleicht also war es solch ein h\u00f6herer\u00a0 Plan, der die junge Medizinalassistentin im Sommer 1969 an den Strand von Norderney f\u00fchrte. Vergeblich hatte sie nach Muscheln gesucht, als ein junger Mann aus seiner Jolle stieg und ihr an Stelle dessen einen Schnuller \u00fcberreichte. \u201eDarf es auch so was sein?\u201c Obwohl sie es nicht wollte, musste Heide lachen und f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter war sie auf seinem Schiff. Dort trank sie dann von diesem starken ostfriesischen Tee, den sie eigentlich nicht mochte, und blieb bei dem Mann, der so viel vom Segeln sprach, dass irgendwann sie es war, die vorschlug, sie m\u00fcssten nun ein gr\u00f6\u00dferes Boot bauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFreydis\u201c. Der Name stammt aus der Wikingersaga. Freydis war die Tochter des Gr\u00f6nland-Entdeckers Erik der Rote und die erste Frau, die als Haupt einer Expedition den Atlantik \u00fcberquerte. Freydis, was klang da nicht alles mit? Freydis, das stand, wie Heide Wilts sagt, f\u00fcr Freiheit und Freitag, den Tag also, der vor dem Wochenende kommt. Der Name f\u00fcr ihr Schiff war wohl\u00fcberlegt. 15 Meter wurde es lang, hatte f\u00fcr alle F\u00e4lle eine verst\u00e4rkte 20 Millimeter dicke Stahlbodenplatte bekommen, einen Kiel zum Hochwinden, und noch ein paar andere Feinheiten, die sie f\u00fcr Reisen r\u00fcstete, dorthin, wo normale Segelboote in der Regel versagten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1990 ist das Ehepaar Wilts fast st\u00e4ndig auf See. Sie waren die ersten Deutschen, die in die Antarktis gesegelt sind und weltweit die Zweiten, die bei ihrer Antarktis-Umrundung die einzelnen Inseln anliefen. Sieben Jahre lang haben sie dazu gebraucht \u2013 f\u00fcr 45.000 Meilen. Heide hat nie die Leute verstanden, die einmal die Erde umsegelt haben und dann pl\u00f6tzlich aufh\u00f6rten. \u201ePrima\u201c, sagt sie immer, \u201edann kann man doch gleich wieder los\u201c. Vielleicht ist das der Grund, dass sie die Erde \u2013 gemessen an der Zahl der gesegelten Meilen \u2013 inzwischen schon ein dutzendmal umrundet haben. In ein paar Wochen wollen sie erneut aufbrechen. Es ist nur ein kurzes Atemholen, eine Zwischenstation, die sie sich geg\u00f6nnt haben in ihrem Cuxhavener Haus. Und sie dient ausschlie\u00dflich der Vorbereitung der n\u00e4chsten Reise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erich Wilts ist ein B\u00e4r von einem Mann. Der H\u00e4ndedruck des dreifachen Hamburger Judomeisters erinnert an die Szene aus dem Film \u201eDer Seewolf\u201c, in der Raimund Harmsdorf eine rohe Kartoffel in der Faust zerdr\u00fcckt. Durch den dichten Vollbart blicken st\u00e4hlerne, von der Wache auf See geschulte Augen. Neben ihm, in den Bildern fr\u00fcherer Reisen bl\u00e4tternd, sitzt seine Frau, eine zierliche, wenn auch drahtige Person und erkl\u00e4rt mit sanfter Stimme, dass sie in diesem Haus nie findet, wonach sie sucht. Weil sie sowohl auf Reisen wie auch hier zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Koffern leben. Wenn die Wilts\u00b4 auf dem Sofa ihres Cuxhavener Hauses sitzen, wirken sie fast ein bisschen wie Schiffbr\u00fcchige. Es scheint, als w\u00e4re es der feste Boden unter den F\u00fc\u00dfen, der ihnen ungewohnt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da wurde Erich Wilts \u201eextrem\u201c seekrank. \u201eAber Nelson war es auch\u201c, sagt er. Inzwischen sei es etwas besser geworden. Fr\u00fcher hat er oft Blut erbrochen, weil die Speiser\u00f6hre Risse bekam. Das ist das Stadium, in dem der Wunsch reifen kann, \u00fcber Bord zu springen. Aber was anderen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Lust am Segeln genommen h\u00e4tte, hat Wilts nie ernsthaft irritiert. Wenn Erich in der ersten Zeit seekrank wurde, hatte seine Frau immer Angst, er falle aus, \u201eso dass meine eigene Seekrankheit durch den Adrenalinschub dann sofort vorbei war\u201c. Jedenfalls solange, bis er wieder in Ordnung war. Dann fing es bei ihr wieder an. Dieses Wechselspiel hat sich erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor drei Jahren in der S\u00fcdsee bekam er das Dengue-Fieber, und einmal ist er schwer an Malaria erkrankt, Wilts blickt zu seiner Frau. \u201eDa hat sie gedacht, ich nipple ab.\u201c Trotz Prophylaxe, die hat nichts genutzt. Er konnte schon nicht mehr sprechen. Ins Krankenhaus war zu kompliziert, und au\u00dferdem: \u201eDa bekommt er dann eventuell noch Hepatitis.\u201c Also hat sie ihn an Bord gepflegt. Zwei Tage hat sie ihm noch gegeben \u2013 aus \u00e4rztlicher Sicht. \u201eJetzt kannst du nur noch beten\u201c, hat sie gesagt. Das hat dann auch geholfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Direkt unter dem Balkon ihres Hauses ist eine Anlegestelle, die sie noch nie benutzt haben, weil das Schiff dauernd in der Welt unterwegs ist und Cuxhaven denkbar ungeeignet ist als Ausgangsort f\u00fcr Reisen, wie sie ihnen vorschweben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Moment liegt die \u201eFreydis\u201c in Townsville, Ostaustralien. Die letzte Tour war anstrengend: Vorweg 12.000 Seemeilen vom Kap Hoorn nach Neukaledonien. Dort nahmen sie das erste von drei GEO-Teams an Bord. Nach viermonatiger Expedition durch die Inselwelt Melanesiens ging in Papua-Neuguinea der letzte GEO-Reporter von Bord. Wieder allein, segelten die Wilts\u00b4 drei Wochen an der australischen K\u00fcste entlang und brachten das Schiff in den hurrikansicheren Hafen, wo sie es f\u00fcr seinen neuen Einsatz gr\u00fcndlich \u00fcberholen m\u00fcssen. Derzeit sind die Wilts\u00b4 in Cuxhaven mit den Vorbereitungen zu der Tour besch\u00e4ftigt, die sie \u00fcber das Great Barrier Reef, durch die Torresstrasse nach Darwin und sp\u00e4ter von dort \u00fcber den Indischen Ozean nach S\u00fcdafrika f\u00fchren soll. Wenn sie dann von Kapstadt aus die lange Heimreise in die Nordsee hinter sich haben werden, wird die \u201eFreydis\u201c vielleicht in Cuxhaven ankern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange vor ihrem Entschluss, ihre Berufe aufzugeben, hatten sie gemerkt, dass ein Dreiwochenurlaub keine Entsch\u00e4digung ist f\u00fcr das, \u201ewas vorher ein halbes Jahr verloren ging.\u201c Heide Wilts war \u00c4rztin f\u00fcr Allgemeinmedizin und Radiologie und arbeitete als Ober\u00e4rztin an einer Klinik. Sie hat ihren Beruf sehr gern gehabt und \u00fcbt ihn in gewisser Weise auch heute noch aus. Sie kuriert sich, ihren Mann, die Crew, wenn sie Leute mitnehmen, oder die Menschen, die ihr unterwegs auf ihren Reisen begegnen. \u201eIch schau mir \u00fcberall die Kranken an.\u201c Als Erich Wilts k\u00fcndigte, war er Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer gro\u00dfen Firma f\u00fcr Einkauf und Marketing. Anders als seine Frau hatte er sich in seinem Beruf immer weniger zu Hause gef\u00fchlt. Um Prozente feilschen und Provisionen, Einkaufsmacht nutzen, um die Lieferanten zu dr\u00fccken, w\u00e4hrend \u201emenschliche Aspekte verloren gingen.\u201c Wieso eigentlich hatte er das so lange gemacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang, sagte Heide, war es jene Mischung aus Abenteuerlust und Neugier, die den Menschen zum Entdecker macht. Heute sei es mehr die Liebe zur Natur insgesamt. Die Tiere, die man kennen lernt. Das Schwimmen mit den Delphinen. Wenn die Robben unter einem wegtauchen. \u201eDass man neben Albatrossen sitzen kann, die noch nie einen Menschen gesehen haben.\u201c Dass es m\u00f6glich ist, Tieren \u201eohne Feindbild\u201c zu begegnen, weil sie noch keine schlechten Erfahrungen mit den Menschen haben. \u201eHeide hat ein Feeling f\u00fcr die Tiere\u201c, sagt ihr Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, irgendwo auf einer kleinen antarktischen Insel, sitzt sie auf einem Walskelett und ist seltsam traurig, dass die Tiere sich nicht f\u00fcr sie interessieren. Pl\u00f6tzlich l\u00f6st sich ein K\u00f6nigspinguin aus der Kolonie und kommt sehr langsam n\u00e4her. Da hat sie \u201ediese tollen bernsteinfarbenen Augen zum ersten Mal\u201c ganz nahe gesehen. Der Pinguin zupft mit dem Schnabel an ihr herum und marschiert irgendwann weg. Aber dann kommt er unerwartet zur\u00fcck und legt ihr einen Stein vor die F\u00fc\u00dfe. Das Zeichen, dass es Zeit f\u00fcr den Nestbau sei. Ein Hochzeitsgeschenk von einem Pinguin. \u201eDas hat mich sehr ber\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei Erich war es mehr das Sportliche\u201c. Der Reiz, Inseln zu entdecken, deren Boden \u00fcber die Jahrtausende h\u00f6chstens eine Handvoll Menschen betreten hatte. Dieses wunderbare Gef\u00fchl, wenn man irgendwo zwischen den Riffen hindurch doch eine Stelle entdeckt, an der man ankern kann. Wenn man auf einer Insel steht, wo einst vielleicht auch James Cook vorbeikam, auf der Suche nach dem S\u00fcdland, das es nicht gab. \u201eMan f\u00fchlt sich schon ein bisschen wie ein Entdecker.\u201c Auch wenn alles bereits entdeckt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heide Wilts zeigt auf das Regal an der Wand: Pottwahlz\u00e4hne, seltene Muscheln, Versteinerungen von Haifischwirbeln und \u2013z\u00e4hnen, die sie an den Str\u00e4nden gesammelt hat,\u00a0 Millionen Jahre alt. Wenn sie so etwas in der Hand h\u00e4lt, sieht sie die Bilder vor sich, sieht Geschichte noch einmal entstehen. \u201eWie die gek\u00e4mpft haben. Wer da wen gefressen hat.\u201c Sie k\u00f6nne sich schon vorstellen, wie Darwin begonnen habe nachzudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was unterscheidet die Wilts\u00b4 von anderen Seglern? In erster Linie, sagt Wilts, \u201edass Segeln f\u00fcr die meisten eine bestimmte Art der Urlaubsgestaltung ist.\u201c In Griechenland oder der Karibik eine schmucke Yacht chartern, nach einem ausgiebigen Fr\u00fchst\u00fcck zum n\u00e4chsten Hafen segeln und dort ein sch\u00f6nes Lokal ansteuern. Irgendwann gehen diese Menschen wieder aufs Schiff, vielleicht baden sie noch ein wenig und nehmen ein paar Drinks. \u201eK\u00f6nnen wir das nicht auch so machen?\u201c, fragt Heide und lacht. Doch dies ist nicht die Wiltsche Vorstellung von einem Segelt\u00f6rn. W\u00e4hrend viele Segler nicht einmal wissen, wie man eine Nacht durchsegelt, segeln sie gro\u00dfe Strecken am St\u00fcck, manchmal sehen sie bis zu sechs Wochen lang nur Wasser. Am Morgen sind sie \u00fcbern\u00e4chtigt. Und dort wo sie aussteigen, wird man nass, denn es gibt keine H\u00e4fen. Daf\u00fcr aber Fliegen, die bei\u00dfen und die so klein sind, dass man sie nicht sieht. \u201eDas Paradies hat seine H\u00f6llen\u201c, sagt Heide Wilts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige haben sie kennen gelernt. Die Geschichten der Wilts\u00b4 erz\u00e4hlen von unvergesslichen Anblicken, Sternstunden, aber auch von Todesangst, St\u00fcrmen und Seebeben. \u201eEs ist nicht wie dauernd Ferien machen, sondern ein ziemlich hartes Leben.\u201c Man trage viel Verantwortung. Wenn etwas Ernsthaftes passieren w\u00fcrde, wissen sie nicht, ob sie dann weitermachen w\u00fcrden. Aber war es etwa nicht ernsthaft, was ihnen bisher passierte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den im s\u00fcdlichsten Teil des Indischen Ozeans gelegenen Crozet-Inseln hatten sie eine einigerma\u00dfen gesch\u00fctzte Bucht gefunden, aber die Brandung war eigentlich zu stark, um an Land zu gehen. \u201eBitte geh nicht\u201c, sagt Heide. Erich macht es trotzdem. Mit einem Alpinistenseil erklimmt er die steile Felswand. Aber dann dreht der Wind in die Bucht, es wurde k\u00e4lter, die Brandung immer h\u00f6her. \u201eWir andern zogen die \u00dcberlebensanz\u00fcge an.\u201c Erich kann nicht mehr zur\u00fcck, und sie nicht zu ihm. Er sieht die brenzlige Situation der andern, aber kann nicht helfen. Wenn sie zerschmettert werden, wird er auf der Insel sterben, es gibt hier niemanden. An Bord machen sie ihr Testament. Niemand mag reden, niemand essen. Trotzdem versucht Heide zu kochen, nur um irgendetwas zu tun. Die Brandung wird immer st\u00e4rker. In der Nacht h\u00e4lt die Ankerkette dem Druck nicht mehr stand und bricht. Jetzt ist die Gefahr gro\u00df, dass das Boot gegen die Felswand prallt. Doch der Reserveanker h\u00e4lt und ein schweres Algenfeld, das der Himmel schickt, wirkt wie eine Feder und bremst das Schiff. Nach langen Stunden dreht der Wind. \u201eIn so einer Situation w\u00fcrden wir uns nicht mehr trennen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder die Sache auf Stewart Island im S\u00fcden Neuseelands, als sie eine kleine Bucht auf der Ostseite der Insel f\u00fcr einigerma\u00dfen gesch\u00fctzt halten. Aber bei den Fischern hei\u00dft die Insel \u201eThe Rock\u201c, etliche Boote sind dort bereits zerschellt, weil der Wind urpl\u00f6tzlich gedreht hat. Sie gehen dennoch an Land. \u201eEs war vor allem mein Dr\u00e4ngen\u201c, sagt Erich. Wenn das Beiboot einen Riss bekommt, k\u00f6nnen sie nicht wieder zur\u00fcck. Es gibt sehr viele Haie, und das Wasser ist zu kalt. Aber davon wollen sie in diesem Moment nichts wissen. Pl\u00f6tzlich werden die Wellen h\u00f6her, und als sie versuchen, zur\u00fcck zu kehren, wirft sie ein gewaltiger Brecher aus dem Beiboot. \u201eHeide wollte nicht mehr.\u201c Aber auf der \u201eFreydis\u201c sind nur zwei unerfahrene Segler zur\u00fcckgeblieben. Er br\u00fcllt sie an: \u201eHeide, du musst\u201c, denn es kann ja nur schlimmer werden. \u201eAber paddeln sie mal, wenn sie Angst haben.\u201c Noch ein paar Mal fliegen sie aus dem Boot. Irgendwann schaffen sie es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, sie seien nicht scharf auf die Gefahr, aber: \u201eMan nimmt das in Kauf.\u201c Sie seien \u201ekeine Selbstm\u00f6rder\u201c, sagen die Wilts\u00b4. \u201eWir lieben das Leben.\u201c Aber um das Sch\u00f6ne zu erfahren, sind sie bereit, sich auch weniger Sch\u00f6nem auszusetzen. \u201eEs gibt soviel Positives, dass man das Negative schluckt.\u201c Und letztlich, sagt Wilts, komme die Gefahr doch immer von dort, wo man sie nicht ahnt. Nach der letzten Reise hat er bei str\u00f6mendem Regen auf der Autobahn bei Tempo 120 ein Rad verloren. \u201eDas w\u00e4re wirklich ein bl\u00f6der Tod gewesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist immer derselbe Traum, der Heide Wilts auf See verfolgt. Immer wird Erich \u00fcberfallen, und sie kann nicht rechtzeitig helfen. Sie h\u00f6rt das Br\u00fcllen der Wellen. Und dann stellt sich heraus, dass es von L\u00f6wen stammt, die ihren Mann angreifen. Manchmal sind es auch B\u00e4ren. Sie hat den Finger am Abzug, aber wegen der K\u00e4lte ist er eingefroren. In ihren Tr\u00e4umen kann sie ihren Mann nie retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wirklichkeit bisher immer. Einmal, vor Sala y Gomez in der N\u00e4he der Osterinsel, hatten Fischer sie gewarnt: \u201eDa gibt es hervorragenden Thunfisch, aber ihr kriegt ihn nicht.\u201c Weil ihn die Haie vorher haben. \u201eDas ist bestimmt \u00fcbertrieben\u201c, hat Erich gedacht. Aber als sie am Nachmittag in einer kleinen Bucht Essensreste \u00fcber Bord kippten, hat Heide zuf\u00e4llig gesehen, dass unter dem Boot \u201eein Hai an dem andern\u201c war. Eigentlich wollten sie gerade schwimmen gehen. \u201eDa h\u00e4tten wir alt ausgesehen\u201c, sagt Erich. \u201eOder d\u00fcnn\u201c, erg\u00e4nzt Heide.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn Krisensituationen hat sie die besseren Nerven\u201c, sagt Erich, \u201eda ist sie pl\u00f6tzlich eiskalt.\u201c Vorher mache sie ja \u201eviel Zirkus\u201c aber wenn es darauf ankommt\u2026 \u201eWenn ich voll dahinter stehe, kann ich die Angst wegschieben\u201c, erkl\u00e4rt Heide: \u201eMein Leben geht doch vor. Erich sei etwas leichtsinniger, habe so einen jungenhaften \u00dcbermut.\u201c Sie ist es, die bremst, wenn es Not tut. \u201eHaarscharf ist mir eben zu eng\u201c, sagt Heide. \u201eDeswegen hat er mich auch geheiratet \u2013 damit er nicht ins Verderben ger\u00e4t.\u201c \u201eIch h\u00f6re in solchen Momenten auch auf sie\u201c, sagt Erich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man \u00fcber einen so langen Zeitraum auf See mehr oder weniger allein mit seiner Frau verbringen kann, werde er \u00f6fter gefragt. \u201eEs ist doch gut\u201c, sagt Erich, und dass sie die gleichen Ziele h\u00e4tten. Was ihr am wichtigsten ist? \u201eMein Mann und das Zusammenleben mit ihm.\u201c Denn, sagt sie, wenn sie ihm nicht erz\u00e4hlen k\u00f6nnte von den Wundern der Natur, wenn sie ihre Empfindungen nicht teilen k\u00f6nnte, w\u00e4re doch etwas von dieser Sch\u00f6nheit verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Antarktis gilt es, bestimmte Regeln zu befolgen. Das Eis immer an einer Seite liegengelassen, immer an den Kanten lang. Aber was, wenn wie auf ihrer letzten Reise, pl\u00f6tzlich das Eis auch auf der anderen Seite erscheint, und f\u00fcnf Meilen weiter vorne und dann auch hinten, wenn pl\u00f6tzlich \u00fcber Eis ist, das Eis sie umzingelt, die Sicht schw\u00e4cher und das Risiko eines Wassereinbruchs immer h\u00f6her wird? Wilts erkl\u00e4rt mit n\u00fcchternen Worten, was dann passiert: \u201eDas Boot wird so leicht zerquetscht wie eine Coladose.\u201c Wie durch ein Wunder finden sie dann doch einen Weg aus dem Eis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An jenem schwarzen Freitag im Mai vor acht Jahren gibt es keinen Ausweg mehr. Als die gr\u00f6\u00dften Strapazen ihrer Reise durch die gef\u00e4hrlichsten Segelreviere der Welt eigentlich \u00fcberstanden scheinen und sie den Naturhafen der Insel \u201eDeception\u201c ansteuern, auf der ihre \u00dcberwinterung in der Antarktis geplant ist, \u00fcberrascht sie der Orkan. Innerhalb von zehn Minuten sacken die Temperaturen. Sie stranden. Schwere Brecher heben das Schiff in die H\u00f6he und lassen es wieder herab krachen. Wasser dringt ein. Mit dem Abpumpen kommen sie nicht nach. 15 Stunden probieren sie den Aufstand gegen die Natur \u2013 und verlieren den Kampf. \u201eWir m\u00fcssen das Boot verlassen, wenn wir nicht erfrieren wollen\u201c, sagt Erich. Aber Heide hat \u201equasi schon abgeschlossen\u201c. \u201eIch war sicher, dass ich sterben w\u00fcrde.\u201c Das Heck ist bereits unter einem Eiswall begraben, Stalaktiten h\u00e4ngen \u00fcberall von der Decke herab. Sie springen ins Wasser, 30 Meter bis zum Ufer. Sie erreichen die rettende Station.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Tag sp\u00e4ter ist der Orkan vorbei. Aber was ist aus ihrem Boot geworden? Ein riesiger Eisblock liegt vor ihnen, ein gestrandetes Schiff, in grotesker Schr\u00e4glage, hilflos wie ein K\u00e4fer auf dem R\u00fccken. Das Schiff ist versichert, aber trotzdem ist es \u201eals wenn ein geliebter Mensch gestorben w\u00e4re. Ich habe nie gewusst, dass ich so eine Beziehung zu dem Schiff hatte\u201c, sagt Erich. Tagelang l\u00e4uft er wie in Trance umher. Sie hacken Eis und sch\u00f6pfen Wasser und irgendwann auch die Hoffnung, das Boot vielleicht doch wieder flott zu kriegen. Die Erfrierungen bemerken sie erst sp\u00e4ter. Es gelingt ihnen, das Boot leer zu pumpen, abzudichten und provisorisch zu reparieren. Sechs Monate sp\u00e4ter l\u00f6st sich auch das Eis des Kratersees, und die schon tot gesagte \u201eFreydis\u201c schwimmt. Als sogar der Motor, der bei der Strandung unter Eis und Salzwasser war, wieder anspringt, k\u00f6nnen sie es kaum fassen. \u201eManchmal denke ich, unser Gl\u00fccktopf ist langsam ersch\u00f6pft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Erkenntnis ziehen sie aus all ihren Reisen? \u201eDie zivile Welt kommt uns nicht mehr so interessant vor.\u201c Jede Form von \u00dcberheblichkeitsgef\u00fchlen ist unangemessen. Nein, sie f\u00fchlten sich nicht als Naturbeherrscher, daf\u00fcr sei ihre Ehrfurcht zu gro\u00df. In der Antarktis hat der Mensch den Tieren nichts voraus. Dort ist er nicht die Krone der Sch\u00f6pfung, sondern \u201enur ein lebendes Wesen auf der Erde, das sich genauso durchschlagen muss wie alle anderen Kreaturen.\u201c Und vieles k\u00f6nne man von ihnen lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inmitten einer riesigen Albatroskolonie auf den Falklands lief am Rande einer Schneise, die die V\u00f6gel zum Starten und Landen freihalten, ein Albatros mit gebrochenem Fl\u00fcgel. Sein Partner lief hinter ihm, zupfte und s\u00e4ubert ihn. Hinter beiden schritten zwei Skuas, gro\u00dfe Raubm\u00f6wen, wie b\u00f6se Geister, dem Todgeweihten auf der Spur. \u201eEs war ein Leichenzug\u201c, sagt Heide. Je schlechter es dem Albatros ging, desto n\u00e4her kamen die M\u00f6wen. Der Albatros hatte sich abgewandt von seinen Artgenossen, und die andern mieden ihn, weil es sinnlos war, sich dem Tod in den Weg zu stellen. Der Tod hatte eine gro\u00dfe Normalit\u00e4t, niemand lehnte sich gegen ihn auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie ein Albatros w\u00fcrde sie gerne sterben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Portr\u00e4t \u00fcber Heide und Erich\u00a0 in der Zeitschrift GEO SAISON, Mai 2000 Man sp\u00fcrt es: Heide und Erich Wilts sind anders. Seit zehn Jahren leben sie auf See. Immer zusammen, immer ein Team. Extreme Abenteuer haben das Ehepaar gepr\u00e4gt. 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