{"id":1737,"date":"2014-06-03T09:51:30","date_gmt":"2014-06-03T08:51:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=1737"},"modified":"2017-03-30T18:18:17","modified_gmt":"2017-03-30T17:18:17","slug":"die-anziehungskraft-des-schwer-erreichbaren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/skipper\/die-anziehungskraft-des-schwer-erreichbaren\/","title":{"rendered":"Die Anziehungskraft des schwer Erreichbaren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/mare_logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/mare_logo.jpg\" alt=\"mare_logo\" width=\"640\" height=\"166\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1743\" srcset=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/mare_logo.jpg 640w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/mare_logo-300x78.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><b><i>Text: Peter Sandmeyer Fotos: Erich Wilts<\/i><\/b><\/p>\n<p>Das kennt jeder: mit dem Finger \u00fcber den Globus oder den Schul\u00adatlas streichen und auf den kleinen schwarzen Kr\u00fcmeln in der blauen Weite der Ozeane verharren. Wie mag es dort aussehen? Wer k\u00f6nnte dort wohnen? Heide und Erich Wilts wollten nicht nur tr\u00e4umen. Weit mehr als 200 entlegene Inseln haben sie in 36 Jahren betreten.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4ngt alles mit dem Beginn ihrer Bezie\u00adhung zusammen, der in einem Roman von Nicholas Sparks stehen k\u00f6nnte: Er, gutaussehender Gesch\u00e4ftsmann, liebt das Meer und die K\u00fcstenlandschaft; am Wochen\u00adende segelt er mit seiner Jolle vom Fest\u00adland hin\u00fcber zur Insel und baut an deren entlegener Ostspitze sein Zelt auf. Sie ar\u00adbeitet auf der Insel als \u00c4rztin, tr\u00e4umt in der Nacht, dass ihr am n\u00e4chsten Tag ihr zuk\u00fcnftiger Mann begegnen wird, ein Mann mit einem Boot; am Sonntag wan\u00addert sie im Bikini den Strand entlang und sammelt Muscheln; weiter und weiter ent\u00adfernt sie sich vom Ort, l\u00e4uft in die Einsam\u00adkeit \u2013 und begegnet dort ihm. Sie gef\u00e4llt ihm, er gef\u00e4llt ihr. \u201eHaben Sie vielleicht Lust, ein St\u00fcck mit mir zu segeln?\u201c, fragt er h\u00f6flich. Sie denkt: \u201eEr hat ein Boot!\u201c Es folgt ein kurzer T\u00f6rn auf der Nordsee, bei dem alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Er, verlegen und nicht ganz bei der Sache, f\u00e4hrt eine Patenthalse, sodass ihr der Baum gegen den Kopf schl\u00e4gt, dann l\u00e4uft das Boot auf Grund, er rei\u00dft intuitiv das Schwert hoch, ohne zu beachten, dass sie rittlings auf dem Schwertkasten sitzt; sie ist, als er sie endlich am Strand absetzt, blessiert und heilfroh, wieder an Land zu sein. Er hat inzwischen die Tide f\u00fcr die Heimfahrt verpasst, sein Boot f\u00e4llt auf hal\u00adber Strecke trocken, und es wird eine lan\u00adge, unbequeme Nacht im Watt.<\/p>\n<p>Es war der letzte sch\u00f6ne Sonntag im August 1969 und der erste Tag einer wun\u00adderbaren Partnerschaft. Er hie\u00df Erich, stammte aus L\u00fcbeck und war 27, sie war ebenso alt, kam aus Stuttgart und hie\u00df Heide, und seit ihrer Heirat hei\u00dfen beide mit Familiennamen Wilts. Die Insel, auf der sie sich trafen, hei\u00dft Norderney. Sie war ihre erste gemeinsame Entdeckung. Seitdem sind weit mehr als 200 Inseln dazugekommen, von Jan Mayen in der Gr\u00f6nlandsee bis Deception Island in der Antarktis, von Scott Island im Rossmeer bis Midway im Archipel von Hawaii.<\/p>\n<p>Seit 1976 segeln die Wilts mit ihren Schiffen \u201eFreydis\u201c, \u201eFreydis II\u201c und \u201eFrey\u00addis III\u201c \u00fcber die Weltmeere, sie schreibt, er fotografiert. Die Eilande, die sie locken, sind nicht die, auf denen golfende Pensio\u00adn\u00e4re ihren Altersruhesitz haben, sondern Archipele wie die Falklands oder die Anti\u00adpoden \u2013 weit weg und wild.<\/p>\n<p>Auch jetzt wollten sie eigentlich nicht in dem kleinen Haus in Heidelberg sein, wo das Gespr\u00e4ch mit ihnen stattfindet, sondern unterwegs. Mitte Mai 2011 sollte es losgehen; ihr Schiff wartete in Japan, eingewintert in einer Marina an der Ost\u00adk\u00fcste, 100 Meilen n\u00f6rdlich von Tokio. Dann bebte am 11. M\u00e4rz 2011 in Japan die Erde, und der Tsunami brach \u00fcber die Marina herein. Die \u201eFreydis\u201c wurde losge\u00adrissen, aufs offene Meer gesaugt und vier Meilen weiter auf die Klippen der Steil\u00adk\u00fcste geworfen, 40 Kilometer entfernt von den geborstenen Reaktoren in Fukushima. Der Flug nach Japan und der Augenschein vor Ort ergaben: Das Schiff ist unrettbar verloren. Doch die Schockstarre der Eig\u00adner dauerte nicht lange. Keine drei Monate sp\u00e4ter kauften sie einen Schiffsrumpf aus Aluminium, den sie mit einer Werft zur \u201eFreydis III\u201c ausbauten. Ende des Jahres geht es mit ihr in die Karibik. Die Wilts sind jetzt 70. <\/p>\n<p>Was treibt sie? \u201eSchwer zu fassen\u201c, sagt Heide Wilts und \u00fcberlegt. Dann: \u201eNeugier, Wissensdurst, Abenteuerlust. Wir wollen Neues, Unbekanntes erleben, unsere Grenzen ausloten, unser Ich erfah\u00adren; es ist nur ein unbestimmtes Gef\u00fchl, das vielleicht sogar genetisch beeinflusst ist und das einen hinaustreibt in die Welt, in extreme Gebiete, zu fremden Gestaden. Es ist dasselbe, was Alpinisten auf Gipfel treibt. Aber schlie\u00dflich sind viele Inseln ja nichts anderes als die Gipfel unterseei\u00adscher Berge.\u201c <\/p>\n<p>Es gibt, schreibt Judith Schalansky im einleitenden Essay zu ihrem \u201eAtlas der abgelegenen Inseln\u201c, eine \u201eFaszination abgeschiedener Orte\u201c, eine magische Anziehungskraft des schwer Erreichbaren. Ihr sind Heide und Erich Wilts seit 36 Jah\u00adren erlegen. \u201eEine Insel ist eine Herausfor\u00adderung\u201c, sagen sie, \u201eje unerreichbarer die Insel, desto gr\u00f6\u00dfer die Herausforderung.\u201c <\/p>\n<p>Selten ist die Insel eine Geliebte, die den Seefahrer nach harter \u00dcberfahrt mit offenen Armen willkommen hei\u00dft. Oft gibt es keinen Hafen, keine gesch\u00fctzte Ankerbucht, keinen Zugang, nur schroffe Felsen oder t\u00fcckische Korallenriffe. Wem es aber gelingt, das alles zu \u00fcberwinden, erlebt ein unerh\u00f6rtes Gl\u00fccksgef\u00fchl. \u201eMan ist stolz, wenn man es geschafft hat\u201c, sagt Heide Wilts. Gl\u00fccklich \u201ewie Schneewitt\u00adchen hinter den sieben Bergen bei den sie\u00adben Zwergen\u201c f\u00fchlte sie sich inmitten von Pinguinen auf Macquarie, einem abwei\u00adsenden St\u00fcck an die Meeresoberfl\u00e4che gepresster Erdkruste zwischen Australien und der Antarktis; und auf den Bounty\u00ad Inseln s\u00fcd\u00f6stlich von Neuseeland \u2013 \u201enir\u00adgends ein Baum, ein Strauch, ein Gras\u00adhalm; ohne zu z\u00f6gern w\u00fcrde man diese Eilande als den unwirtlichsten Ort auf Erden erkl\u00e4ren\u201c \u2013 wird sie angesichts der vielen Seev\u00f6gel und Robben \u201egeradezu in Euphorie versetzt\u201c.<\/p>\n<p>Es ist der Traum jedes Jungen, dessen Finger \u00fcber den Globus oder die Karten des Atlasses wandert und auf den schwar\u00adzen Kr\u00fcmeln in der blauen Weite der Oze\u00adane verharrt. Wie mag es dort aussehen? Wer k\u00f6nnte dort wohnen? Welchen Tieren w\u00fcrde man begegnen? Und welches Leben w\u00fcrde man f\u00fchren? F\u00fcr die meisten bleibt es dann bei den Fingerreisen auf Globus oder Weltkarte.<\/p>\n<h3>Die Suche<\/h3>\n<p><b>\u201eunverf\u00e4lschte Natur mit reichem Tierleben\u201c<\/b><\/p>\n<p>Judith Schalansky hat ihrem Atlas den Untertitel gegeben \u201eF\u00fcnfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde\u201c. Sie vertritt die Mehrheit. Aber f\u00fcr eine kleine Minderheit ist Fernweh ein ernsthaftes Leiden; sie muss tats\u00e4chlich los, den Ozean unter den Kiel nehmen und gucken, was es mit den schwarzen Kr\u00fcmeln in der blauen Weite auf sich hat. Dazu geh\u00f6ren die Wilts. Jeder neue Kr\u00fcmel l\u00f6st Hoffnung aus, die Hoff\u00adnung, auf ein anderes Leben und eine verlorene Natur zu sto\u00dfen, urspr\u00fcnglich, unverdorben, unverf\u00e4lscht. \u201eWenn etwas v\u00f6llig entlegen ist, kann dort noch nicht alles kaputt sein\u201c, sagt Erich Wilts.<\/p>\n<p>Diese Hoffnung lockte sie immer wie\u00adder in Bereiche, wo die Seekarte wegen fehlender Vermessungsdaten nur noch gestrichelt ist. 1981 segelten sie \u2013 noch ohne GPS und Radar \u2013 in die Antarktis; 1991 wollen sie dort sogar auf der unbe\u00adwohnten Insel Deception, einem kollabierten Vulkankrater, \u00fcberwintern. Bei einer Fahrt auf dem Kratersee werden sie von einem urpl\u00f6tzlich hereinbrechenden Orkan \u00fcberrascht, sie erreichen ihren Ankerplatz nicht mehr, das Schiff wird vom Sturm aufs Land gedr\u00fcckt und leck\u00ad geschlagen, knapp k\u00f6nnen sie sich retten. Am n\u00e4chsten Morgen liegt die \u201eFreydis\u201c hoch und trocken an Land und hat sich in eine bizarre Eisskulptur verwandelt.<\/p>\n<p>Sieben Monate harren sie aus im kal\u00adten Inselgef\u00e4ngnis von Deception, nie wird Heide Wilts die Dunkelheit, die Ein\u00adsamkeit und die Angst vergessen; aber auch nie das eigenartige Farbenspiel am Himmel, den ersten Krillschwarm im Fr\u00fchling, die Geburt der Robbenbabys und das Gl\u00fcck, als es gelingt, das gescheiterte Schiff St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu reparieren und wiederzubeleben.<\/p>\n<p>Der Mensch, das lernt sie in diesem antarktischen Winter, ist \u201enur ein leben\u00addes Wesen auf der Erde, das sich genauso durchschlagen muss wie alle anderen Kreaturen\u201c. Der Mensch ver\u00e4ndert sich durch solche Erfahrungen. Er wird mutiger und dem\u00fctiger. Sieben Jahre lang treibt es sie dann rund um die Antarktis und zu fast allen Inseln an ihrer Peripherie. Als sie 1998 wieder an der chilenischen K\u00fcste mit S\u00fcdkurs unterwegs sind, riskieren sie einen Vorsto\u00df in das nur vage kartografier\u00adte Inselgewirr Feuerlands \u2013 und damit einen Versto\u00df gegen die Sicherheitsauf\u00adlagen der chilenischen Marine. Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, die Isla Noir zu erkunden, eine kleine Insel weit drau\u00dfen vor der K\u00fcste, auf der sie wegen ihrer iso\u00adlierten Lage das vermuten, was sie immer wieder suchen: \u201eunverf\u00e4lschte Natur mit reichem Tierleben\u201c.<\/p>\n<h3>Die Gefahren<\/h3>\n<p><b>\u201eSturmgeheul, Hagelschauer, Hammerb\u00f6en\u201c<\/b><\/p>\n<p>Dort, so sagt Erich Wilts 13 Jahre und viele Seemeilen sp\u00e4ter, habe er dann \u201eeine der schlimmsten Situationen\u201c seines Lebens erlebt. Auf der Fahrt zur Insel ent\u00adwickelt sich ein Sturm, der sich zum Orkan steigert; die auf der Seekarte nur angedeutete Ankerbucht erweist sich als Falle. Vor einer anderen Bucht, die mehr Schutz bietet, lauern gef\u00e4hrliche Untiefen, aber sie haben keine Wahl mehr, der Sturm ist st\u00e4rker als ihr Schiffsdiesel, ihnen bleibt nur noch der Versuch, das Innere der Bucht zu erreichen, aber da kracht es auch schon, das Schiff hat sich auf eine blinde Klippe geschoben und sitzt fest. Zw\u00f6lf Stunden rei\u00dft und r\u00fcttelt der Orkan an der bewegungsunf\u00e4higen \u201eFrey\u00addis\u201c. Mit dem Hochwasser der folgenden Nacht schwimmt sie zwar wieder auf, kann aber nur notd\u00fcrftig mit Anker und Landleinen gesichert werden. \u201eSturmge\u00adheul, Brandungsget\u00f6se, prasselnde Hagel\u00adschauer und immer noch diese entsetz\u00adlichen Hammerb\u00f6en, die unsere \u201aFreydis\u2018 wie ein Spielzeugschiffchen auf die Seite packen.\u201c Zwei endlose Tage verbringen sie in dieser Lage an Bord, um nach dem Abflauen des Sturmes am dritten Tag fest\u00ad zustellen, dass auf der ganzen Insel mannshohes Gestr\u00fcpp wuchert, in dem man keine 50 Meter vorw\u00e4rts kommt. Sie fahren davon, ohne mehr von der Isla Noir gesehen zu haben als die Bucht, in der sie gefangen waren. Inseltraum und Insel\u00adrealit\u00e4t fanden nicht zusammen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches widerfuhr ihnen in Tristan da Cunha, jener kleinen Gruppe winziger Eilande im S\u00fcdatlantik, auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Buenos Aires. Nur die Hauptinsel ist bewohnt, die einzige Siedlung hat den Namen Edinburgh of the Seven Seas, und ihre Geschichte ist so lang und so abenteuerlich, dass dieses ein\u00adsamste aller Eilande lange ein beliebtes Ziel f\u00fcr europ\u00e4ische Ausbruchsfantasien und Gesellschaftsutopien war. Im \u201eAtlas der abgelegenen Inseln\u201c kann man nach\u00adlesen, dass selbst Arno Schmidt von einer \u201eSiedlerstelle\u201c auf Tristan tr\u00e4umte, \u201eso 20 acres; dicht neben der kleinen Funkstation; und ein Wellblechh\u00fcttchen von 80 Quadratmetern\u201c sowie einer ungek\u00fcrzten Ausgabe des fr\u00fchaufkl\u00e4rerischen Romans \u201eDie Insel Felsenburg\u201c von Johann Gott\u00adfried Schnabel im Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Vom Besuch auf Tristan versprachen sich die Wilts 1993 auf ihrer Fahrt von Feuerland nach Australien \u201eeinen H\u00f6he\u00adpunkt der Reise\u201c. Bevor sie die Hauptinsel erreichen, ankern sie, ersch\u00f6pft von st\u00fcr\u00admischen Wochen im S\u00fcdpolarmeer, einen Tag in der einzigen gesch\u00fctzten Bucht weit und breit vor Nightingale, einem klei\u00adnen, unbewohnten Nachbareiland, Kin\u00adderstube von Sturmtauchern, Albatrossen und Pinguinen. \u201eWas f\u00fcr eine Insel! Ein St\u00fcck Paradies!\u201c, ger\u00e4t Heide Wilts wieder ins Schw\u00e4rmen. Was sie nicht wei\u00df: Das Paradies steht unter Naturschutz, und als sie sich tags darauf auf Tristan anmelden, verweigert ihnen der britische Adminis\u00adtrator den Zutritt. Grund: unerlaubter Landgang auf Nightingale. Trotz aller Bit\u00adten d\u00fcrfen sie nicht an Land, d\u00fcrfen auch keinen Diesel bunkern und ihre Vorr\u00e4te nicht erg\u00e4nzen, lediglich frisches Wasser wird ihnen gew\u00e4hrt und zum Schiff gebracht. Dann m\u00fcssen sie ihren Anker aufholen und weiter segeln bis zum n\u00e4chs\u00adten Hafen \u2013 2770 Kilometer.<\/p>\n<p>Dass dem Traum von einer Insel so brachial der Zutritt zu ihrer Wirklichkeit verwehrt wird, haben die beiden nie wieder erlebt. Die Korrektur des Traumes durch die Wirklichkeit aber oft. Besonders oft dort, wo die europ\u00e4ische Wahrnehmung dem Substantiv \u201eInsel\u201c ge\u00adradezu automatisch das Adjektiv \u201eparadie\u00adsisch\u201c anheftet: in der S\u00fcdsee. Die \u201eelysi\u00adschen\u201c Inseln der Seligen werden seit Stevenson und Gauguin gerne dort loka\u00adlisiert, wo sich Kokospalmen an wei\u00dfen Str\u00e4nden wiegen, vor denen das glasklare Wasser eines Atolls das immerw\u00e4hrende Blau des Himmels spiegelt. Der Mythos sei auch gar nicht falsch, sagen Heide und Erich Wilts, \u201ees gibt solche Inseln, wir   ha\u00adben sie besucht\u201c. 1996 beispielsweise ler\u00adnen sie im Archipel der Cook \u00adInseln ein St\u00fcck S\u00fcdseeidyll kennen. Palmerston hei\u00dft es, ein Korallenatoll mit einer Lagu\u00adne von sechs Meilen Durchmesser.<\/p>\n<p>Als sie sich n\u00e4hern, kommt ihnen ein Motorboot entgegen und lotst die \u201eFrey\u00addis\u201c zum einzigen Ankerplatz der Insel. Sie treffen auf ein kleines D\u00f6rfchen, fr\u00f6h\u00adliche Kinder, gastfreundliche Erwachsene, eine Gesellschaft, in der alles allen geh\u00f6rt; es gibt den Besuchern zu Ehren ein Fest\u00adessen mit Thunfisch in Kokosmilch, Huhn, Reis, Salat und Papaya\u00ad und Ananast\u00f6rt\u00adchen. Und sie erfahren die Geschichte der Insel, die ein Abenteuerroman ist. Von James Cook entdeckt, von einem schot\u00adtischen Pflanzer auf Tahiti erworben, vom britischen Schiffszimmerer William Mars\u00adters, der dorthin als Verwalter entsandt wurde, und seinen drei polynesischen Frauen besiedelt \u2013 alle 50 Einwohner der Insel stammten von ihm ab \u2013, bildet Pal\u00admerston eine exotische Zeitkapsel. Heide Wilts notierte: \u201eDurch ihre isolierte Lage ist diese 50\u00ad Seelen \u00adInsel, auf der es weder Flugplatz noch Telefon gibt und ein rascher Kontakt mit der Au\u00dfenwelt nur \u00fcber Funk m\u00f6glich ist, eine wahre Schatztruhe poly\u00adnesischer Kultur geblieben, in der Gast\u00adfreundschaft \u00fcber allem steht.\u201c<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter, 1999, besucht die \u201eFreydis\u201c das Atoll noch einmal. Jetzt gibt es Internet, die Zahl der Yachten, die die Insel besuchen, ist auf \u00fcber 50 hochgeschnellt, es gibt einen \u201eYachtclub\u201c, wo man hei\u00dfen Kaffee und kaltes Bier kaufen kann, Duschen und Toiletten sind in Pla\u00adnung, auch die Anschaffung von Tiefk\u00fchl\u00adtruhen, um Fisch f\u00fcr den Verkauf lagern zu k\u00f6nnen. Zehn Jahre sp\u00e4ter werden den S\u00fcdseetouristen Sechs\u00adtage\u00adTrips von Rarotonga nach Palmerston angeboten. Die Idylle hat den Markt entdeckt.<\/p>\n<p>Paradiesisch erscheinen uns Inseln ja schon deswegen, weil sie Inseln sind. Nicht Kontinent, nicht Ozean, feste Aus\u00adnahmezust\u00e4nde in der fl\u00fcssigen See, begrenzte Masse inmitten von weiter Leere. Ihre Uhren gehen anders, Zeit ist keine knappe Ressource. Das pr\u00e4gt auch Menschen, die auf Inseln leben. Ihre Hei\u00admat ist isoliert, unverbunden mit der Welt, einsam. Heide und Erich Wilts wurden Zeugen eines Wandels. Satellitentelefone und Satellitennavigation, TV, Internet und E\u00adMail haben die Isolation beendet. Nur unbewohnte Inseln sind noch unverbun\u00adden und einsam.<\/p>\n<h3>Die Gelassenheit<\/h3>\n<p><b>\u201eWir waren nie auf der Suche nach dem Paradies\u201c<\/b><\/p>\n<p>Im gleichen Tempo, wie die \u201eS\u00fcdsee\u00adparadiese\u201c ihren alten Zauber verloren, wuchsen die neuen Paradiese der exklusi\u00adven Resorts mit ihrem k\u00fcnstlichen Zauber: Man wohnt in luxuri\u00f6sen Bungalows, die auf Stelzen in der Lagune stehen, das Fr\u00fchst\u00fcck wird im Auslegerkanu gebracht und auf Glastischen serviert, durch die hindurch man bunte Fische unter dem Bungalow beobachten kann. An solchen Pl\u00e4tzen aber hat man ein anderes Ver\u00adst\u00e4ndnis von Gastfreundschaft, wie die Wilts auf Tetiaroa nahe Tahiti feststellen mussten, der einstigen Privatinsel von Hol\u00adlywoodstar Marlon Brando, die nach sei\u00adnem Tod in eine Luxusanlage f\u00fcr zahlungs\u00adkr\u00e4ftige Urlauber umgewandelt wurde. Die deutschen Segler wollten dort etwas trinken. Sie wurden nicht bedient.<\/p>\n<p>Paradiesische Inseln? Inselparadiese? Je genauer die Wilts die Gesellschaft und Kultur einer Insel kennenlernten, desto fragw\u00fcrdiger wurde ihnen solche Kenn\u00adzeichnung. Selbst da, wo ein Eiland so abgelegen ist, dass es der Kommerzialisie\u00adrung entging und viel von seiner traditio\u00adnellen Kultur bewahrte wie die s\u00fcdlichste bewohnte Salomonen\u00adInsel Tikopia, fan\u00adden sie keinen Garten Eden. Der Zusam\u00admenhalt der Gemeinschaft, auf den ersten Blick intakt, erweist sich auf den zweiten Blick als drakonisch und despotisch, der Freiraum des Einzelnen ist eng, die Selbst\u00admordrate hoch. \u201eDer paradiesische Land\u00ad kr\u00fcmel\u201c, so Heide Wilts, \u201ekann zur Zwangsjacke werden.\u201c Es ist unsere, die europ\u00e4ische Sehnsucht nach dem verlore\u00adnen Paradies, die sich Projektionsfl\u00e4che sucht. Es ist unser Traum vom ewigen Sommer und Windgefl\u00fcster in Palmenwip\u00adfeln, der dann auf eine Realit\u00e4t am Fu\u00df der Palmen trifft, die einengend und bedr\u00fc\u00adckend ist. Traum und Wirklichkeit finden nicht zusammen.<\/p>\n<p>Wo lagen sie am dichtesten beieinan\u00adder? Heide und Erich Wilts sind sich unschl\u00fcssig. Andere Frage: Welche unter allen besuchten Inseln wollen sie unbe\u00addingt wiedersehen? Er antwortet spontan: \u201eSpiekeroog.\u201c Sie denkt eher an S\u00fcdgeor\u00adgien. Aber die Erf\u00fcllung der Sehnsucht, das wissen sie, wartet weder hier noch dort. \u201eWir waren nie auf der Suche nach dem Paradies, genauso wenig wie auf der Flucht vor der Zivilisation.\u201c <\/p>\n<p>Doch es gibt Inseln, auf denen sie sich lebendiger und gl\u00fccklicher f\u00fchlen als auf anderen. Galapagos geh\u00f6rt dazu, dieses fantastische Laborato\u00adrium der Evolution. Auch die baumlose Sankt\u00ad-Lorenz-\u00adInsel inmitten der Beringsee, letzter Rest einer Landbr\u00fccke, die w\u00e4h\u00adrend der gro\u00dfen Eiszeit vor 20 000 Jahren Alaska und Sibirien verband. Erdge\u00adschichtlich ist dies einer der spannendsten Orte unseres Planeten; hier lassen sich die Wanderungen von Mammuts und Men\u00adschen von Kontinent zu Kontinent und die erste Besiedelung der Neuen Welt nach\u00ad vollziehen, und dennoch ist diese Insel ein wei\u00dfer Fleck. Es gibt kaum Literatur, kei\u00adne Unterlagen, selbst im Internet nur ein paar d\u00fcrftige Zeilen, ein Ort f\u00fcr Entdecker.<\/p>\n<p>Wenn sie all die Inseln, die sie besucht haben, Revue passieren lassen, zeigt sich, dass ihre Erlebnisse umso intensiver waren, je abgelegener und menschenfer\u00adner die Pl\u00e4tze waren. \u201eNur an den noch relativ wei\u00dfen Flecken unserer Erdkugel finden wir das, was wir wirklich suchen: ungeb\u00e4ndigte Natur, reiches Tierleben und eine in ihrer Urspr\u00fcnglichkeit belas\u00adsene Landschaft.\u201c Da kommen Inseltraum und Inselwirklichkeit sich sehr nahe.<\/p>\n<p>Absolut zur Deckung gekommen aber sind sie nur in einem Fall: der Isla Podest\u00e1, die zwischen den Osterinseln und der Isla Robins\u00f3n Crusoe liegt. Die Seekarte gab ihre Position an: Breite 32\u00b0 14&#8242; S, L\u00e4nge 89\u00b0 08&#8242; W. Und es war die aktuellste Karte der britischen Admiralit\u00e4t, die Erich Wilts vor der Fahrt durch den S\u00fcdpazifik 1997 besorgt hatte. Mit Tiefenlinien und Details war sie eingezeichnet: eine ovale Insel, 12,20 Meter hoch. Sechs weitere Seekar\u00adten best\u00e4tigten Existenz und Lage der Insel. Doch es gab sie nicht. Weder mit GPS noch mit Sextant war irgendein Kr\u00fc\u00admel Land auf der angegebenen Position zu entdecken. \u201eUnd es war ein absolut wind\u00adstiller Tag, ruhige See, kein Regen, kein Dunst, man konnte weit gucken.\u201c<\/p>\n<p>Isla Podest\u00e1 geh\u00f6rt zur Liste der Phan\u00adtominseln, die nach der vermeintlichen \u201eEntdeckung\u201c eine manchmal erstaunlich lange Existenz auf den Seekarten f\u00fchren, ohne je gesichtet zu werden. In ihrem Fall konnte die Realit\u00e4t der Insel den Traum von ihr nicht widerlegen. <\/p>\n<p><i>Der Hamburger Autor Peter Sandmeyer, Jahrgang 1944, lernte die Wilts vor 21 Jahren in einem langen Funkgespr\u00e4ch kennen. Sie wollten 1991 in einer s\u00fcdpolaren Bucht \u00fcberwintern, doch ihr Schiff wurde in einem Orkan an Land geworfen und verwandelte sich in eine Eisskulptur. Ihm gelang es, eine Verbindung zu den beiden herzustellen. Den Titel seines \u201eStern\u201c- Berichts \u201eGestrandet in der wei\u00dfen H\u00f6lle\u201c \u00fcbernahm Heide Wilts sp\u00e4ter f\u00fcr ihr Buch \u00fcber das Abenteuer. Judith Schalanskys Buch, das sich literarisch und bildlich ertr\u00e4umt, was Heide und Erich Wilts in Jahrzehnten in der Realit\u00e4t erfahren haben, ist 2009 im mare-verlag erschienen. Ihr mit etlichen Preisen ausgezeichneter bibliophiler \u201eAtlas\u201c ist als Medizin gegen Fernweh inzwischen bestens bew\u00e4hrt.<\/i><\/p>\n<p><b>Originalartikel:<\/b> <\/p>\n<li>MARE: <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2013\/01\/mare%20052-058%20Wilts.pdf\">Die Anziehungskraft des schwer Erreichbaren<\/a><\/li>\n<p>mare No. 93, August\/September 2012 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Text: Peter Sandmeyer Fotos: Erich Wilts Das kennt jeder: mit dem Finger \u00fcber den Globus oder den Schul\u00adatlas streichen und auf den kleinen schwarzen Kr\u00fcmeln in der blauen Weite der Ozeane verharren. Wie mag es dort aussehen? Wer &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/skipper\/die-anziehungskraft-des-schwer-erreichbaren\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":147,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1737","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1737"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1749,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1737\/revisions\/1749"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}