{"id":24,"date":"2010-06-16T13:17:07","date_gmt":"2010-06-16T11:17:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=24"},"modified":"2017-03-30T18:18:52","modified_gmt":"2017-03-30T17:18:52","slug":"segeln-in-den-wetterkuchen-der-ozeane","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/veroeffentlichungen\/reiseberichte\/segeln-in-den-wetterkuchen-der-ozeane\/","title":{"rendered":"Segeln in den Wetterk\u00fcchen"},"content":{"rendered":"<h3>Meuterei in einer Wetterk\u00fcche<\/h3>\n<p><a rel=\"lightbox\" href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2010\/06\/Segeln3-2010.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2010\/06\/Segeln3-2010.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"450\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><big>V<\/big>orgestellt hatten wir uns eine vergn\u00fcgliche Urlaubsreise an der australischen S\u00fcdk\u00fcste mit einem segelerfahrenen Paar, das zu unseren besten Freunden z\u00e4hlt. In kleinen Etappen wollten wir von Adelaide nach Hobart (Tasmanien) schippern mit Zeit f\u00fcr Land und Leute. Doch die Wetterk\u00fcche der Bass-Stra\u00dfe machte uns einen dicken Strich durch die Rechnung und stellte unserer langj\u00e4hrige Freundschaft auf eine harte Probe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verhei\u00dfungsvoller Beginn: leichte Winde in der Bucht von Adelaide, wundervolle Urlaubstagen auf Kangaroo Island und ein paar Stunden mit ausgebaumter Genua bei achterlicher Brise in der Backstairs-Passage. Das war\u00b4s dann aber auch mit \u201ehappy sailing\u201c!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den darauf folgenden Wochen erfahren wir, was die Bass-Stra\u00dfe sonst noch alles zu bieten hat: Sie liegt n\u00e4mlich an der Nahtstelle der hei\u00dfen kontinentalen Luftmassen Australiens und den deutlich k\u00fchleren des subantarktischen Raumes. Hier, entlang des vierzigsten Breitengrades bilden sich im Abstand von wenigen Tagen, manchmal Stunden, neue Tiefs. Dazu gesellen sich in dieser Meerenge starke, Gezeiten bedingte Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Starkwind, Regenschauer, aufgesteilte, kabbelige Stromsee, miserable Sicht &#8211; wir sind alle mehr oder weniger seekrank. Mitten in der flachen Einfahrt von Robe, dem ersten kleinen Naturhafen, in dem wir Zuflucht suchen, bleiben wir stecken. Wir haben Niedrigwasser! \u201eEs sieht so aus als ob uns dieser Hafen nicht will\u201c, brummt Erich am Ruder. Wild kurbelt unser Freund das Schwert hoch. Die Freydis kommt frei und schlie\u00dflich liegen wir gut vert\u00e4ut an einer Holzpier. Sturm aus S\u00fcdwest mit Regen und K\u00e4lte. Wie sch\u00f6n, dass wir gesch\u00fctzt im Hafen liegen! F\u00fcr uns sind\u00a0 alle Widrigkeiten der Fahrt vergessen und erledigt. Aber nicht f\u00fcr unsere Freunde&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fragen den Hafenmeister nach dem Wetter f\u00fcr morgen. Er zeigt auf die Boote: \u201cDas wissen am besten die Fischer, wenn die morgen fr\u00fch auslaufen, k\u00f6nnt ihr auch raus.\u201c Sie laufen aus, wir mit ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem n\u00e4chsten Schlag nach Portland werden wir wieder so kr\u00e4ftig gebeutelt, dass unser gemeinsames Landprogramm dort erneut \u00fcberschattet wird von der Frage, ob unsere Freunde mit uns weitersegeln. Diese Reise hat sich f\u00fcr die beiden l\u00e4ngst zu dem entwickelt, was sie gerade nicht sein sollte, zu einem Horrortrip.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als n\u00e4chstes Ziel in der Bass Stra\u00dfe winkt King Island. An der S\u00fcdk\u00fcste der Insel m\u00fcssen wir uns durch ein wahres Labyrinth aus Klippen, Untiefen und Riffen in den Hafen von Grassy hineintasten. Trotz nat\u00fcrlicher und k\u00fcnstlicher Wellenbrecher l\u00e4uft dort eine unangenehm hohe D\u00fcnung hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Muring oder vor Anker kann uns das nicht gef\u00e4hrlich werden. Aber leider ist der kleine Hafen voll belegt mit Fischkuttern. Es bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als an der schmalen Holzpier mit den durch Reifen gepufferten Dalben festzumachen. Dabei m\u00fcssen wir die Leinen ziemlich lose lassen, bis einigerma\u00dfen Ruhe ins Schiff kommt. Zwei herrliche Tage verbringen wir gemeinsam auf der Insel. Danach wollen wir um vier Uhr morgens auslaufen, um am folgenden Tag bei Helligkeit die Nordspitze Tasmaniens zu erreichen. Doch die Wetterk\u00fcche hat etwas ganz Spezielles zusammengebraut: Schon lange vor der Zeit rei\u00dfen uns ruckartige Schiffsbewegungen und alarmierende Ger\u00e4usche aus dem Schlaf. Drau\u00dfen orgeln st\u00fcrmische Winde durch die Finsternis und in der aufgebrachten See erscheinen die brandungsumtosten Riffe im Mondlicht wie fauchende Meeresungeheuer. M\u00e4chtiger Schwell dr\u00fcckt in den Hafen, die Fischerboote wippen und zerren an ihren Muring-Ketten wie bockige Zirkuspferde am Halfter. Die Freydis wird hart gegen die Dalben geschleudert, die Fender quietschen, die Leinen \u00e4chzen und knarren \u2013 nur eine Frage der Zeit, bis etwas bricht! Angesichts des drohenden Chaos im Hafen wollen Erich und ich so schnell wie m\u00f6glich auslaufen. Unser Freund weigert sich entsetzt: \u201eIch wei\u00df, das ist Meuterei, aber ich kann\u00b4s nicht \u00e4ndern. Ich bin doch nicht im Krieg, wo ich mein Leben einsetzen muss!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verstehen ihn gut. Doch er l\u00e4sst au\u00dfer acht, welchem Risiko unser Boot bei dem auflandigen Wind in diesem \u201eHafen\u201c an der Pier ausgesetzt ist. F\u00fcr ein hochseet\u00fcchtiges Schiff ist ein Sturm auf offener See lange nicht so gef\u00e4hrlich wie am mangelhaft gesch\u00fctzten Ufer. Wir geben trotzdem nach, um zu vermeiden, dass uns unsere Freunde Hals \u00fcber Kopf verlassen. Wir nehmen die Springs weg, geben Vor- und Achterleinen gen\u00fcgend Spielraum und hoffen, dass sich der Sturm bald legt. Aber er nimmt noch zu!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freydis ist kaum mehr zu halten, sie rast an den Dalben hin und her, f\u00e4hrt Fahrstuhl und rennt mit dem Bug gegen die Pier. Nach etwa einer Stunde rei\u00dft die Achterleine, dann die Vorleine, die auch gleich noch Teile der Holzpier mitnimmt, an denen sie festgemacht war: dicke Planken mit davor genagelten Autoreifen. Sie schwimmen im Wasser und schlagen gegen den Schiffsrumpf. Das Chaos ist perfekt. Wir sind im Dauereinsatz, um die schlimmsten Rammst\u00f6\u00dfe gegen die Dalben abzufendern. Doch unser armes Schiffchen wird immer wieder mit solcher Wucht dagegen geschleudert, dass au\u00dfer ihm auch gleich die ganze Pier auseinander zu brechen droht. Der gro\u00dfe Ballonfender, den ich in letzter Sekunde, als wieder eine Monsterwelle anrollt, zwischen Bug und Dalben werfe, platzt wie ein Kinderluftballon. Beim Zur\u00fcckschwojen zischt etwas an meinen Beinen vorbei: Die starke zweite Vorleine hat die gro\u00dfe Lipp-Klampe aus dem Stahldeck gerissen \u2013 nur zwei dicke Niroschrauben ragen noch heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erich legt rasch eine Leine mit Drahtvorl\u00e4ufer um unseren Poller am Bug, unser Mitsegler\u00a0 springt von \u201eFahrstuhl\u201c auf die Pier, wo der Leihwagen steht, und befestigt das andere Leinen-Ende an einem soliden Stahltr\u00e4ger an Land. Aber kann man der Trosse und unserem Poller trauen? An ihm soll man das ganze Boot aufh\u00e4ngen k\u00f6nnen, aber wer wei\u00df schon, was hier f\u00fcr Kr\u00e4fte w\u00fcten? Wir halten uns jetzt in respektvollem Abstand von den Festmacherleinen. Unser Freund bringt sich im Leihwagen in Sicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Wind auf S\u00fcdwest dreht, k\u00f6nnen wir auf den achteren Festmacher verzichten und die Freydis an langer Leine mit der Nase gegen Wind und Pier schwojen lassen. Allm\u00e4hlich kehrt im Schiff wieder Ruhe ein, und entsprechend l\u00e4sst auch die Anspannung bei uns nach. Den Schrecken in den Gliedern fr\u00fchst\u00fccken wir stumm und lassen uns von der Sonne w\u00e4rmen, die vers\u00f6hnlich ins Cockpit scheint. Langsam ebbt der Sturm ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir beichten dem Hafenkapit\u00e4n unser Attentat auf die Holzpier. Er sieht sich den Schaden an und winkt gro\u00dfz\u00fcgig ab. Unsere Freunde fliehen an Land, aber als wir am n\u00e4chsten Morgen Segel setzen, sind sie zu unserer Freude an Bord zur\u00fcckgekehrt. Kurz vor dem n\u00e4chsten Sturm erreichen wir den kleinen Hafen von Stanley, an der Nordk\u00fcste von Tasmanien. Zwei Tage ist die Bass Stra\u00dfe wei\u00df von Gischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auslegung der Wetterkarte in der Zeitung ist wieder vieldeutig wie das Orakel von Delphi. Also vertrauen wir auch hier dem Gesp\u00fcr der Fischer im Hafen: Wind und Wetter f\u00fcr die n\u00e4chsten 24 Stunden g\u00fcnstig! Also nichts wie raus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch auf Flinders Island hat der Wettergott kein Einsehen mit uns. Als wir nach einem Blick auf unseren Barographen den Hafenmeister besorgt nach dem Wetter fragen, brummt er: \u201eDie Vorhersage auf Flinders ist einfach, es gibt nur awful, very awful oder simply terrible.\u201c \u2013 \u201eUnd die weiteren Aussichten f\u00fcr die Nacht?\u201c \u2013 \u201eThe wind blows a dog off his chain!\u201c (\u201eDer Wind bl\u00e4st einen Hund von der Kette!\u201c) Na, hoffentlich die Freydis nicht von ihren Leinen! Nach umfangreichen Sicherungen \u00fcberstehen wir die Sturmnacht zwar schlaflos, aber ohne b\u00f6se \u00dcberraschung. Die kommt erst, als unsere Freunde uns er\u00f6ffnen, dass sie uns das restliche St\u00fcck nach Hobart nicht mehr begleiten wollen. Sie wollen mit dem Inselh\u00fcpfer nach Tasmanien. Wir nicken betr\u00fcbt und m\u00fcssen mit dem Unab\u00e4nderlichen fertig werden. Zu zweit hangeln wir uns an der Westk\u00fcste Tasmaniens nach Hobart, wo wir eine Woche sp\u00e4ter ein Wiedersehen mit den beiden im \u201eDrunken Admiral\u201c feiern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in der Passatzone um die Erde segelt, h\u00e4lt sich in der Regel frei von Wetterk\u00fcchen, weil er st\u00e4ndig in einer Hochdruckzone segelt. Das haben schon die Rahsegler zu nutzen gewusst, die schlecht kreuzen konnten. Andere Regionen der Ozeane z\u00e4hlt man dagegen zu den Wetterk\u00fcchen. Dort treffen kalte und warme Meeresstr\u00f6mungen aufeinander und die dar\u00fcber liegenden, unterschiedlich temperierten Luftmassen, bilden Wirbel, aus denen sich Tiefs entwickeln. Kaum ein Segler, der den Nordatlantik von West nach Ost \u00fcberquert und nicht seine ganz speziellen Erfahrungen mit der Wetterk\u00fcche des Golfstroms gemacht h\u00e4tte. Und so wie den Golfstrom, gibt es zahlreiche vergleichbare Str\u00f6me in den Ozeanen: Humbold-, Agulhas-, Benguela-, Ostgr\u00f6nlandstrom, El Nino, um nur einige zu nennen &#8211; und jede dieser Wetterk\u00fcchen hat dazu noch ihre eigenen T\u00fccken. Deshalb bereiten sich Segler f\u00fcr diese Regionen gr\u00fcndlich vor mit entsprechenden Seehandb\u00fcchern und &#8211; so es sie gibt \u2013 Revierf\u00fchrern. Eine gute Quelle sind auch die Erfahrungsberichte anderer Segler in den Segelzeitschriften und den Ver\u00f6ffentlichungen vom Verein Trans-Ocean, dem immerhin 5000 Blauwasser-Segler angeh\u00f6ren. Wie man Wetterk\u00fcchen am besten vermeidet oder zu welcher Jahreszeit man sie durchsegelt, erf\u00e4hrt man auch in \u201eSegelrouten der Weltmeere\u201c von Jimmy Cornell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: Die einzige Meeresstr\u00f6mung, die den gesamten Globus umfasst, ist der Antarktische Zirkumpolarstrom, eine kalte Meeresstr\u00f6mung auf der S\u00fcdhalbkugel, welche die drei Ozeane miteinander verbindet. Da dieser Strom das Wetter der gesamten Erde beeinflusst, wird er auch als \u201edie Wetterk\u00fcche der Erde\u201c bezeichnet. Auf unserer Antarktisumrundung haben wir sieben Jahre lang diese K\u00fcche \u201egenossen\u201c. Nicht, dass wir die H\u00f6lle suchten, aber nur so konnten wir unseren \u201eHimmel\u201c finden: die einsamsten Naturparadiese dieses Planeten am Rande der Antarktis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meuterei in einer Wetterk\u00fcche Vorgestellt hatten wir uns eine vergn\u00fcgliche Urlaubsreise an der australischen S\u00fcdk\u00fcste mit einem segelerfahrenen Paar, das zu unseren besten Freunden z\u00e4hlt. 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