{"id":4162,"date":"2017-03-27T16:52:48","date_gmt":"2017-03-27T15:52:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=4162"},"modified":"2017-03-30T18:17:14","modified_gmt":"2017-03-30T17:17:14","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/wo-berge-segeln\/leseprobe\/","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Wo Berge segeln&#8220; (Heide Wilts)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/wo-berge-segeln\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n<h2>Leseprobe aus Kapitel 9 &#8222;Alpinistische Akrobatik&#8220;:<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover02plus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3642 alignright\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover02plus-640x1024.jpg\" alt=\"Buch: Wo Berge segeln (Band 2)\" width=\"250\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">M<\/span>ichael und Walter \u2013 unsere beiden Bordalpinisten und Kajakfahrer \u2013 wollen ihren Gr\u00f6nlandaufenthalt mit einer Eisbergbesteigung kr\u00f6nen. Dieser H\u00f6hepunkt ist schon lange geplant, sie sind aufs Beste vorbereitet. Die beiden haben eine komplette Ausr\u00fcstung f\u00fcr das Klettern im Eis mitgebracht und deshalb w\u00e4hrend unserer gesamten bisherigen Fjordfahrt nach einem geeigneten &#8222;Riesen&#8220; Ausschau gehalten. Nun endlich, vor der mehrere Kilometer breiten Front des Gletschers Kanderluk, glauben sie, ihren Traumeisberg gefunden zu haben. Wohnblockgro\u00df und blendend wei\u00df liegt er da im spiegelglatten Wasser des Sundes, und so vertrauenerweckend stabil \u2013 wie f\u00fcr die Ewigkeit gemauert.<\/p>\n<p>Wir fragen uns zuallererst, ob er mit dem Ostgr\u00f6nlandstrom in den Sund gesp\u00fclt und hier auf Grund gelaufen ist. Denn als alter Berg w\u00e4re er f\u00fcr eine Besteigung nicht besonders geeignet. Die fehlende Brandungskehle spricht aber eher f\u00fcr einen jungen, vom Gletscher gekalbten Eisberg. Zun\u00e4chst drehen wir eine Runde um dieses &#8222;Kalb&#8220;. Es wird so stark von Treibeis umsp\u00fclt, da\u00df die <em>Freydis<\/em> M\u00fche hat, voranzukommen.<\/p>\n<p>Die Bedingungen f\u00fcr eine Besteigung scheinen ideal.<\/p>\n<p><em>&#8222;Unser Eisberg&#8220;<\/em>, so Michael sp\u00e4ter in seinem Tagebuch, &#8222;<em>ist kein Berg, sondern ein kleiner Gebirgsstock mit einem etwa 50 m hohen, matterhorn\u00e4hnlichen Gipfel, zwei runden Vorgebirgen und einem kleinen See. 150 m sind es sicher von einem zum anderen Ende. Mehrere in Sonnenlicht getauchte Zacken lassen sprunghaft die Lust zum Klettern in uns wach werden. Eine kleine Bucht ist zu erkennen, von der aus ein Aufstieg aus dem Schlauchboot trockenen Fu\u00dfes m\u00f6glich sein m\u00fc\u00dfte. Des Risikos waren wir uns voll bewu\u00dft, hatten uns eingelesen, wu\u00dften genau, da\u00df bei einer Eisbergbesteigung K\u00f6nnen allein nicht ausreicht. Erstmals \u2013 soweit ich zur\u00fcckdenken kann \u2013 ging ich bewu\u00dft ein Risiko ein, von dem ich wu\u00dfte, da\u00df es nicht kalkulierbar war. Noch heute bin ich unsicher, ob sich Walter \u00fcber diese Tatsache im klaren war. Wenn also das Risiko nicht auszuschlie\u00dfen war, konnte das Motto nur hei\u00dfen: Reduzierung der Gefahr durch Schnelligkeit, Verkleinerung der M\u00f6glichkeit eines Unfalls auch dadurch, allein und immer nur allein auf ein solches Ding zu steigen.<\/em><\/p>\n<p>Zu Hause hatten Walter und ich einen Plan gemacht, wie wir gemeinsam mit Seilen und Haken einen solchen steilen Riesen angehen wollten. Schon am Beginn unserer Reise, bei den ersten Begegnungen mit Eisbergen, habe ich diese Taktik dann in Frage gestellt und gegen Walters Meinung verworfen. Die neue Devise war: allein, schnell, optimal ausger\u00fcstet. Allein hei\u00dft, da\u00df immer nur einer auf den kenterbereiten Brocken steigt. Schnell hei\u00dft, seilfrei zu klettern, ohne M\u00e4tzchen rauf und so schnell wie m\u00f6glich wieder runter. Optimal ausger\u00fcstet bedeutet in diesem Fall, eine Kombination aus Bergsteiger, Taucher und Segler herzustellen, mit Eiskletterausr\u00fcstung, Trockentauchanzug und Schwimmweste. Wir wissen au\u00dferdem, so etwas machen wir nur einmal im Leben. Also mu\u00df es optimal klappen.<\/p>\n<p>Soviel wir wu\u00dften, sind die letzten Eisberge 1933 erklettert worden, als Dr. Arnold Fangk, Film- und Skipionier, hier in Gr\u00f6nland Eisberge bestieg, um seinen Film &#8222;S.O.S. Eisberg&#8220; zu drehen. Sein Buch gleichen Namens wurde Walter und mir zur Bibel und holte uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcck, wenn wir gar zu euphorisch die Eisbergbesteigung planten. Und zur Frage des Risikos: Alles ist eine Sache der Statistik.&#8220;<\/p>\n<p>Etwa 30 m vom Berg entfernt h\u00e4lt Erich die <em>Freydis<\/em> auf Beobachtungsposten. Michael macht sich an Deck fertig. Lustig sieht er aus in seinem schwarzen Tauchanzug mit der knallroten Schwimmweste dar\u00fcber und der violett-blauen M\u00fctze. Allerdings wirken Eiskletterger\u00e4te, Bergschuhe und Rucksack etwas deplaziert auf dem Vorschiff eines Seglers.<\/p>\n<p>Wie vereinbart, will Michael als erster auf den Berg und versuchen, die h\u00f6chste Spitze zu erreichen, dann wieder zum Vorgipfel hinabklettern und sich schlie\u00dflich \u00fcberh\u00e4ngend zum Wasser abseilen, wo ihn Folkmar mit dem Schlauchboot aufnehmen soll.<\/p>\n<p>Kalle springt vom Bug aus auf eine gr\u00f6\u00dfere Eisscholle neben der <em>Freydis<\/em>. Er will sich das Schauspiel von da unten aus ansehen. Klaus, der ebenfalls vorne steht, bleibt lieber an Bord. Als F\u00fcnfj\u00e4hriger war er auf einer Eisscholle die Memel hinabgetrieben und konnte damals nur mit knapper Not von seinen Eltern im Paddelboot zur\u00fcckgeholt werden. Er hat also schon schlechte Erfahrungen mit dem launischen Eis gemacht. Wir haben sie noch vor uns. Aber das wissen wir noch nicht.<\/p>\n<p>Ich lege einen neuen Film in die Kamera und einen st\u00e4rkeren Filter vor das Objektiv, da das von den Eisw\u00e4nden reflektierte Sonnenlicht \u00e4u\u00dferst intensiv ist. Die Vorbereitungen f\u00fcr das Filmen nehmen mich derart in Anspruch, da\u00df sie mir beinahe \u00fcber das Unbehagen hinweghelfen, das mich schon w\u00e4hrend der Planung des Unternehmens immer wieder befallen hat. Um mich zu beruhigen, hat Walter mir von Michael erz\u00e4hlt: &#8222;Er ist immer stark motiviert f\u00fcr neue Erlebnisse, aber er geht kein Risiko ein. Er hat beim Bergsteigen schon zu viele Unf\u00e4lle miterlebt, auch mit t\u00f6dlichem Ausgang.&#8220; Dieses Mal aber ist er \u2013 und das steht ja auch in seinem Tagebuch \u2013 seinem Vorsatz untreu geworden: Er geht ganz bewu\u00dft ein nicht kalkulierbares Risiko ein.<\/p>\n<p>Nachtr\u00e4glich frage ich mich: Was ist damals nur los gewesen mit uns? Waren wir blind und taub? Das unheimliche Krachen, das explosionsartige Bersten und die schaurigen Kenterungen der Eisberge, die wir kurz davor miterlebt hatten, waren das noch nicht genug Warnungen?<\/p>\n<p>Doch Folkmar und Michael legen jetzt ab. Nach etwa f\u00fcnf Minuten sind sie dr\u00fcben in der Miniaturbucht angelangt. Zwei Minuten sp\u00e4ter f\u00e4hrt Folkmar wieder aus der Bucht. In 30 m Abstand vom Berg bleibt er abrufbereit liegen. Rasch hat Michael mit seinen Kletterger\u00e4ten die erste kleine Steilstufe \u00fcberwunden. Ohne Pause erklettert er den vielleicht 50 Grad steilen Hang bis zum leicht \u00fcberh\u00e4ngenden Vorgipfel. Meine Kamera surrt, die Fotoapparate klicken. &#8222;Wahnsinn&#8220;, h\u00f6re ich Erich leise sagen, &#8222;einfach Wahnsinn.&#8220; Das Schwarz des Tauchanzugs und das Rot der Schwimmweste heben Michaels Gestalt scharf von der leuchtend wei\u00dfen Wand ab. Die Atmosph\u00e4re gleicht der bei einer Hochseilnummer ohne Netz unter einer riesigen wei\u00dfen Zirkuskuppel. Atemlos vor Spannung verfolgen wir jede Bewegung Michaels. Er steigt ohne Seil, ohne Sicherung. Jeder Fehler w\u00e4re eine Katastrophe. Ein Sturz aus 40 m H\u00f6he ins Wasser ist wie ein Fall auf Beton.<\/p>\n<p>Dann kommt das letzte, schlimmste St\u00fcck: die etwa zehn Meter hohe senkrechte Wand, die zum Gipfelgrat 50 m \u00fcber dem Wasser f\u00fchrt. Die Zacken von Michaels Eiskletterschuhen und sein Pickel krallen sich ins Eis. Zug um Zug gewinnt er H\u00f6he, bis er schlie\u00dflich ganz oben steht und uns lachend zuwinkt. Aber er l\u00e4\u00dft sich keine Zeit, diesen Erfolg zu genie\u00dfen. Sofort klettert er wieder zum Vorgipfel zur\u00fcck und h\u00e4mmert dort einige Spezialhaken tief ins Eis. Dann beginnt das Abseilen vom \u00dcberhang. Wenige Sekunden dauert es nur, ohne Wandber\u00fchrung schwebt Michael unter dem Eissims abw\u00e4rts. Folkmar, der mit dem Schlauchboot schon direkt unter ihm wartet, nimmt ihm die Steigeisen ab. Dann steuern die beiden auf die <em>Freydis<\/em> zu. Schwei\u00dfgebadet in seinem Trockenanzug, aber gl\u00fccklich lachend kommt Michael mit Folkmar an Bord. Die Nervenprobe ist bestanden. Wir sind begeistert, umringen ihn und applaudieren.<\/p>\n<p>Da\u00df Michael gerade eine gro\u00dfe bergsteigerische Leistung vollbracht hat, ist uns allen klar. Die Gefahr, in der er dabei schwebte, wird uns aber erst sp\u00e4ter bewu\u00dft.<\/p>\n<p>Walter steht quasi schon in den Startbl\u00f6cken. Auch f\u00fcr ihn, der erst vor drei Jahren durch seinen Freund Michael zum Bergsteigen kam, bedeutet dieser Eisklotz eine enorme Herausforderung. Michael richtet ihm noch etwas am Brustgeschirr, er ermahnt ihn, nur bis zum Vorgipfel zu gehen, und kritisiert, da\u00df er keine Schwimmweste angelegt hat. Walter lacht nur, rei\u00dft einen Witz, gibt sich betont ruhig. Er steigt zu Folkmar ins Dingi, und sie fahren wieder zum Berg.<\/p>\n<p>Kalle, von seinem Schollenausflug zur\u00fcckgekehrt, steht nun am Ruder, um die <em>Freydis<\/em> auf der Stelle zu halten. Meine Kamera ist wieder einsatzbereit. Noch einmal werde ich Gelegenheit haben, die Abseilszene zu filmen. Denn ausgerechnet, als Michael vom Berg schwebte, war mein Film zu Ende gewesen. Deshalb bin ich eigentlich recht froh, da\u00df auch Walter den Berg angehen will. Andererseits regt sich wieder eine dumpfe Angst in meiner Magengegend. Aber Michael beruhigt mich: &#8222;Der Walter ist genauso vorsichtig wie ich. Und das Eis ist hervorragend, fest und griffig, es wird gutgehen.&#8220;<\/p>\n<p>Das Dingi hat die kleine Eisbucht erreicht, die jetzt aber im Schatten liegt. Der Eisberg mu\u00df sich also in der Str\u00f6mung ein wenig gedreht haben. Seltsam: Auch diesem Warnzeichen haben wir keinerlei Beachtung geschenkt, es kaum wahrgenommen. Hat die Sorge um die uns noch unbekannten Kletterk\u00fcnste Walters unseren Blick f\u00fcr die doch bekannte, viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr vernebelt?<\/p>\n<p>Den ersten Sockel hat Walter hinter sich. Auf dem Plateau am kleinen See verharrt er kurz, richtet Eisger\u00e4te, Karabinerhaken, Sicherungsschlingen f\u00fcr den 50 Grad steilen Eishang. &#8222;Schneller, Walter, schneller&#8220;, mahnt Michael. Er sagt es leise, eher zu sich selbst. Jetzt ist er nicht mehr so cool, wie wir ihn kennen, er hat Angst um seinen Freund. Walter klettert am Steilhang aufw\u00e4rts. Wenig sp\u00e4ter steht er oben auf dem Vorgipfel. Auch er hat souver\u00e4n sein Ziel erreicht. Einige Schritte tiefer liegt der Abseilplatz.<\/p>\n<p>Michael ruft Anweisungen hin\u00fcber, wie das Seil einzuh\u00e4ngen sei. Wieder ist er unruhig, die Vorbereitungen f\u00fcr das Abseilman\u00f6ver dauern ihm zu lange. Ich dagegen f\u00fchle mich schon aller Sorgen ledig und habe gerade noch Zeit, einen neuen Film einzulegen, da seilt Walter sich schon ab. Er schwebt hinunter, pendelt wie vorhin Michael frei unter dem \u00dcberhang und sitzt gleich darauf bei Folkmar im Dingi.<\/p>\n<p>&#8222;Geschafft!&#8220; Wir sind alle erleichtert und jubeln. Jetzt kann nichts mehr passieren. Problemlos ist der Eisberg ein zweites Mal bezwungen worden. Ich habe meine Abseilszene im Kasten. Es gibt nichts mehr zu fotografieren und zu filmen. Wir legen die Kameras beiseite. Die Akrobatennummer ist zu Ende, denken wir \u2013 und werden von dem, was nun folgt, v\u00f6llig \u00fcberrumpelt.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Minuten verwirklichen sich unsere schlimmsten Alptr\u00e4ume. Wie aus einem Horrorfilm entsprungene, gespenstische Bilder sind in meiner Erinnerung haften geblieben: Der Berg neigt sich fast lautlos vorn\u00fcber. Die 50 m hohe Steilwand, an der sich Walter eben noch abgeseilt hat, versinkt in den Fluten. Es knallt und dr\u00f6hnt, dann bricht der Gipfel, auf dem Michael gestanden und uns zugewinkt hat, wie abgesprengt herunter und zerschellt auf dem Wasser.<\/p>\n<p>&#8222;Wo ist Folkmar? Wo ist Walter?&#8220; schreit jemand. Sie m\u00fc\u00dften eigentlich l\u00e4ngst wieder zur <em>Freydis<\/em> zur\u00fcckgekehrt sein. Ich habe das Dingi noch kurz zuvor hinter dem Berg verschwinden sehen und mich gefragt, ob sie wohl eine Ehrenrunde drehen wollen. Und jetzt sind sie von den herabst\u00fcrzenden Eismassen begraben, von dem drehenden Berg in die Tiefe gerissen worden! Unheilvoll schaukelt der wei\u00dfe Kolo\u00df in dem milchig-gr\u00fcnen, aufsch\u00e4umenden Eisbrei.<\/p>\n<p>Dann sehen wir das Schlauchboot, aber nur mit Folkmar. Wie die offene Schale einer Riesenmuschel h\u00e4ngt die Eiswand \u00fcber ihm, droht ihn in einer Falle zu fangen. Ein grauenvoller Anblick! Sp\u00e4testens jetzt wissen wir, da\u00df es hier um Leben oder Tod geht. Aber auch Folkmar sieht die drohende Wand und gibt Gas. Der Au\u00dfenborder heult auf; durch brodelndes Wasser prescht das Dingi aus dem Bereich des kenternden Eises.<\/p>\n<p>Wo aber ist Walter geblieben? W\u00e4hrend uns die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen durch den Kopf schie\u00dfen, sehen wir den Eis\u00fcberhang verharren, drei Meter \u00fcber dem Wasser bleibt er wie festgezurrt stehen und pendelt dann langsam zur\u00fcck. Die Falle ist nicht zugeschnappt. &#8222;Dort!&#8220; Michael hat die Sprache wiedergefunden. &#8222;Dort, der schwarze Punkt, das mu\u00df Walter sein!&#8220;<\/p>\n<p>Der Kopf im Wasser ist deutlich zu erkennen. Folkmar braust sofort darauf zu. Jetzt droht die flache Eissch\u00fcssel wieder auf die beiden herabzust\u00fcrzen. Wir sehen, wie sich das gelbe Schlauchboot mit Folkmar von dem schwankenden Eisdach entfernt, und h\u00f6ren Michaels beschw\u00f6rende Worte: &#8222;Walter mu\u00df dranh\u00e4ngen. Sie werden es schaffen, Folkmar wird es schaffen.&#8220;<\/p>\n<p>Walter liegt im Boot, als Folkmar an der <em>Freydis<\/em> festmacht. So sieht wohl jemand aus, den gerade der Blitz getroffen hat, denke ich, als ich seinen Gesichtsausdruck erkenne. Er ist pudelna\u00df, aber der Anzug hat ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Die Handkn\u00f6chel sind ein wenig aufgesch\u00fcrft, sonst fehlt ihm nichts. Nur die Witze, die er rei\u00dft, als er an Bord klettert, klingen schal, und wir alle bleiben still, k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber lachen.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck weiter w\u00e4lzt sich immer noch der Berg wie ein riesiges Untier in seinem Eisbrei. So lange wir ihn sp\u00e4ter sehen k\u00f6nnen, wiegt er sich langsam rhythmisch hin und her \u2013 wie die Unruh einer riesigen Uhr, die beinahe Walters letzte Stunde geschlagen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das ganze Unternehmen, von der Wahl des Eisbergs bis zu Walters gl\u00fccklicher Rettung, hat alles in allem drei Stunden gedauert \u2013 drei Stunden, nach denen wir fix und fertig sind. Unter dem Stichwort &#8222;Man\u00f6verkritik&#8220; versucht Michael sp\u00e4ter, das Geschehen in seinem Tagebuch sachlich und k\u00fchl zu analysieren: &#8222;<em>Nach dem bestandenen Abenteuer meinte Sepp an Bord, da\u00df uns der Eisberg unsere Grenzen gezeigt habe. Er hatte unrecht. Wir wu\u00dften um die Risiken, hatten sie einkalkuliert, st\u00fctzten uns auf die Statistik und die Wahrscheinlichkeit. Wir waren Hasardeure, doch das Hasardspiel war uns bewu\u00dft.<\/em><\/p>\n<p><em>Was war passiert? Walter hatte versucht, ein zweites Mal den Berg zu besteigen, um zur\u00fcckgelassenes Material zu bergen. Karabinerschlingen und Eishaken im Wert von 80 Mark waren der Beweggrund f\u00fcr dieses Risiko. Was ihm passierte, h\u00e4tte mir genauso passieren k\u00f6nnen. Der Unterschied? Walter stieg vom Dingi aus nochmals auf den Berg \u2013 oder wollte es zumindest versuchen. Da kenterte die riesige Eismasse. Walter, noch am Anfang, wurde unter Wasser gedr\u00fcckt. Wie tief, wei\u00df er nicht mehr. Er l\u00f6ste seine Eisger\u00e4te geistesgegenw\u00e4rtig und wurde vom Trockenanzug nach oben getragen. Das Gl\u00fcck war, da\u00df die Falle nicht zuschnappte, da\u00df die Hohlkehle des Eis\u00fcberhangs nicht durchkenterte und den Kletterer erb\u00e4rmlich ers\u00e4ufte \u2013 und da\u00df Folkmar im rechten Moment die richtigen und k\u00fchnen Entscheidungen traf.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Statistik war diesmal auf unserer Seite. Doch ebenso, wie man im Leben einen Lotto-Sechser haben kann, kentert auch mal ein Eisberg, wenn man ihn besteigt. Doch was w\u00e4re passiert, wenn sich der Winkel im senkrechten Kletterst\u00fcck, wo die Steigeisen nur millimetertief eingeschlagen waren, um wenige Grad zum \u00dcberh\u00e4ngenden hin ver\u00e4ndert h\u00e4tte? Wir w\u00e4ren aus der Wand gefallen wie Steine!<\/em><\/p>\n<p><em>Den Eisberg wird es wahrscheinlich nicht mehr geben. Vielleicht gelang es ihm, aus dem Sund herauszukommen, mit dem Gr\u00f6nlandstrom nach Norden zu ziehen und mit dem Labradorstrom wieder nach S\u00fcden zu segeln. F\u00fcr uns hat sich ein Pubert\u00e4tstraum erf\u00fcllt. Es ist gutgegangen, haarscharf. Der wahre Held ist Folkmar, er war Spitze. Wir tauften deshalb den Eisberg nach alter gr\u00f6nl\u00e4ndischer Manier &#8222;Folkmars Toppen&#8220;.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Am Abend schon wieder einigerma\u00dfen von unserem Schock regeneriert, legen wir voller Erwartung an der Radio-und Fernsehstation am Ausgang des Prins-Christian-Sundes an. Dies soll unser vorl\u00e4ufig letzter Gr\u00f6nlandaufenthalt sein, da wir von hier aus zun\u00e4chst nach Island segeln wollen. Die beiden D\u00e4nen, die uns am Vortag auf der <em>Freydis<\/em> besucht haben, stehen an der Pier, um uns willkommen zu hei\u00dfen. Auch die beiden Schlittenhunde, die sie bei sich haben, scheinen sich \u00fcber unseren Besuch zu freuen.<\/p>\n<p>Auf der Station erwarten uns k\u00fchle Drinks und hei\u00dfe Duschen. Allerdings erst, nachdem wir die 400 Stufen einer h\u00f6lzernen Himmelsleiter bew\u00e4ltigt haben, die auf Pf\u00e4hlen einen steilen Felshang zur 200 m h\u00f6her gelegenen Station hinauff\u00fchrt. Wegen der Schnee- und Eismassen im Winter und des vielen Regens im Sommer stehen auf solchen Pf\u00e4hlen auch die Br\u00fccken, die oben auf dem kleinen Felsplateau die im Viereck angeordneten Containerh\u00fctten mit Aufenthalts-, Arbeits-, Schlaf-, E\u00df- und Sanit\u00e4rtrakt untereinander verbinden. &#8222;Hells Corner&#8220;, H\u00f6llen-Eck, hei\u00dft dieses kahle Felsennest nicht zu Unrecht, denn besonders im Januar und Februar sollen hier St\u00fcrme mit 100 Knoten und mehr Windgeschwindigkeit toben.<\/p>\n<p>&#8222;Marilyn Monroe&#8220;, die kesse wei\u00dfe Hundedame, entwickelt gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr Kalle, der nach den Tagen auf See Freude an der Bewegung hat und stundenlang mit ihr herumtollt. &#8222;Blacky&#8220;, der schwarz-braune, schon recht betagte R\u00fcde, steht dem Treiben der Jugend eher gelassen gegen\u00fcber und trottet immer nur brav hinter der forschen Marilyn her. Einen Schlitten haben die beiden noch nie ziehen m\u00fcssen. Als Maskottchen der Station haben sie es besser getroffen als die anderen, echten Schlittenhunde Gr\u00f6nlands, die den ganzen Sommer \u00fcber angekettet vor den H\u00e4usern liegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nach dem Hochgenu\u00df einer hei\u00dfen Dusche sitzen wir noch bis sp\u00e4t in der Nacht mit den f\u00fcnf d\u00e4nischen Stationsangeh\u00f6rigen, welche die gesamte Anlage versorgen, in ihrem gem\u00fctlichen Aufenthaltsraum. Neben der gutbest\u00fcckten Bar gibt es hier eine kleine Bibliotheks- und Lese-Ecke, einen Fernseh- und Video-Apparat und sogar einen Billardtisch. F\u00fcr Freizeitbesch\u00e4ftigung an langen Winterabenden ist gesorgt. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen mehrere Fotos von Segelyachten, welche die Station in den letzten Jahren besucht haben, darunter auch eines von der Ketsch &lt;em&gt;Reindeer&lt;\/em&gt; aus Detroit. Eines ihrer Crewmitglieder, Susan Windheim, hat w\u00e4hrend ihres Aufenthalts das Hundep\u00e4rchen Marilyn Monroe und Blacky so treffend in Haltung und Mimik portr\u00e4tiert, da\u00df ihre Zeichnung schlie\u00dflich als Postkarte in D\u00e4nemark gedruckt worden ist und nun mit dem Stempel der Station verschenkt oder verkauft wird.<\/p>\n<p>\u00dcber die Geschichte der Station erfahren wir, da\u00df Hell&#8217;s Corner bis in die 40er Jahre den Amerikanern als Fr\u00fchwarnanlage diente. Damals lag die Station unten neben der Pier, wo jetzt nur noch die Vorratslager stehen. In den 60er Jahren war sie \u2013 Ursache unbekannt \u2013 ausgebrannt. Haupts\u00e4chlich des Schnees wegen, mit dem die Station auf dem fr\u00fcheren Standort im Winter stets zu k\u00e4mpfen hatte, wurde sie anschlie\u00dfend in ihrer jetzigen Form oben auf den Felsen neu erbaut.<br \/>\nDie jungen Leute \u2013 drei Installateure, ein Zimmermann und ein Koch \u2013 bleiben bis zu f\u00fcnf Jahre auf der Station (bei nur einem j\u00e4hrlichen Freiflug und vier Wochen D\u00e4nemarkurlaub ist das eine lange Zeit in einer der einsamsten Ecken der Welt). &#8222;Aber danach hat man dann auch einige Kronen auf der hohen Kante&#8220;, erkl\u00e4rt uns der Installateur Freddy. &#8222;Die Bezahlung ist gut, und ausgeben kann man hier nichts.&#8220; Bei ihm, so meint er zuversichtlich, wird das Ersparte vielleicht sogar reichen, um anschlie\u00dfend ein eigenes kleines Gesch\u00e4ft in D\u00e4nemark aufzumachen.<\/p>\n<p>Ein Boot bringt einmal im Monat Frischverpflegung und Post. In Notf\u00e4llen kann telefonisch ein Schiff oder sogar ein Helikopter angefordert werden, der etwa einen Kranken oder Verungl\u00fcckten zur \u00e4rztlichen Versorgung ins Krankenhaus fliegt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sind wir zu d\u00e4nischem Sm\u00f8rrebrod eingeladen, mit herrlich duftendem Filterkaffee und Eiern, die gerade erst von den stationseigenen Hennen gelegt worden sind. Sie werden \u2013 neben ein paar Tauben \u2013 in einem infrarotbeheizten Freiluftgehege gehalten, liebevoll betreut und nat\u00fcrlich niemals geschlachtet. Als ich sie fr\u00f6hlich im Mist scharren sehe, mu\u00df ich daran denken, da\u00df sie bestimmt lieber in Gr\u00f6nland frieren, als bei uns in Legehennen-Batterien dahinzuvegetieren.<\/p>\n<p>Der Chef der Station erz\u00e4hlt auf Folkmars Frage nach Eisb\u00e4ren, da\u00df vor zwei Jahren ein B\u00e4r mit Treibeis an der K\u00fcste heruntergekommen sei. Da er die Leute auf der Station gef\u00e4hrdete, mu\u00dfte er schlie\u00dflich erlegt werden. Eisb\u00e4ren sollen auf diese Art \u00fcbrigens h\u00e4ufiger nach S\u00fcdgr\u00f6nland gelangen, wo sie dann in Schafherden einbrechen.<\/p>\n<p>Wir f\u00fchren einige Telefonate nach Hause, um unseren baldigen Aufbruch nach Island anzuk\u00fcndigen, und holen letzte Ausk\u00fcnfte beim Eiswarndienst in Narsarsuaq ein, wobei wir auch erfahren, da\u00df der Scoresby-Sund, den wir nach Island besuchen wollen, zur Zeit immer noch vom Eis versperrt ist. Dann hei\u00dft es Abschied nehmen von dieser Station, die uns mit ihrer gem\u00fctlichen und freundlichen Atmosph\u00e4re in eisiger Umgebung stark an die Palmer-Station in der Antarktis erinnert hat. Vor f\u00fcnf Jahren sind wir dort auf etwa gleicher, allerdings s\u00fcdlicher Breite genauso gastlich und herzlich aufgenommen worden.<\/p>\n<p>Freddy und die beiden Schlittenhunde begleiten uns hinunter zur Pier, wo im Vorratslager ein riesiges Proviantpaket auf uns wartet. &#8222;It&#8217;s like Christmas&#8220;, bedankt sich Erich bei Freddy, als wir die vielen, liebevoll ausgesuchten d\u00e4nischen K\u00f6stlichkeiten verstauen. Mit dieser Verproviantierung steht die <em>Freydis<\/em>-Komb\u00fcse nun einer Gourmetk\u00fcche in nichts mehr nach.<\/p>\n<div class=\"su-button-center\"><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/wo-berge-segeln\/#kaufen\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#111;background-color:#febd69;border-color:#cc9854;border-radius:5px\" target=\"_self\" title=\"Buch kaufen\"><span style=\"color:#111;padding:7px 20px;font-size:16px;line-height:24px;border-color:#ffd196;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:16px;color:#111\"><\/i> Buch kaufen<\/span><\/a><\/div>\n<a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/wo-berge-segeln\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Buchvorstellung \u00a0\/\/ Zur Buchserie Leseprobe aus Kapitel 9 &#8222;Alpinistische Akrobatik&#8220;: ichael und Walter \u2013 unsere beiden Bordalpinisten und Kajakfahrer \u2013 wollen ihren Gr\u00f6nlandaufenthalt mit einer Eisbergbesteigung kr\u00f6nen. Dieser H\u00f6hepunkt ist schon lange geplant, sie sind aufs Beste vorbereitet. 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