{"id":4168,"date":"2017-03-27T16:57:39","date_gmt":"2017-03-27T15:57:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=4168"},"modified":"2017-03-30T18:17:14","modified_gmt":"2017-03-30T17:17:14","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/auf-der-route-der-albatrosse\/leseprobe\/","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Auf der Route der Albatrosse&#8220; (Heide Wilts)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/auf-der-route-der-albatrosse\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n<h2>Leseprobe aus Kapitel 20 &#8222;Die Reise zu den Crozets&#8220;:<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover04plus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3642 alignright\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover04plus-640x1024.jpg\" alt=\"Buch: Auf der Route der Albatrosse (Band 4)\" width=\"250\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">S<\/span>ieben Beaufort aus Nordwest. Nach zweist\u00fcndigem Kampf gegen Wind und Kelp, das dreimal die K\u00fchlwasserpumpe der Hauptmaschine verstopft \u2013 sie mu\u00df jedesmal ausgebaut und gereinigt werden \u2013, ist der Anker endlich oben. Bis zu den Crozet-Inseln liegen rund 600 Seemeilen gen Osten vor uns. Die Bordzeit wird um zwei Stunden vorgestellt. In der Nacht wechselnde Windst\u00e4rken, manchmal pr\u00e4chtiger Sternenhimmel. Gegen Mittag beruhigt sich die See, der Wind raumt und l\u00e4\u00dft nach, wir tauschen Fock gegen Genua und machen gute Fahrt.<\/p>\n<p>G\u00fcnthers Wetterfax zeigt ein Sturmtief auf 55\u00b0 S\u00fcd und 04\u00b0 West. Brian auf Marion ist mit auf Frequenz; leider k\u00f6nnen wir ihn nicht h\u00f6ren, weil Marion noch zu nahe ist. G\u00fcnther vermittelt und gibt Brian auch unsere Position durch.<\/p>\n<p>Peters Koje ist zusammengebrochen. Pl\u00f6tzlich lag er auf den darunter gestauten Dosen und Eiern, die auf wundersame Weise heil geblieben sind. Um den Schaden zu beheben, m\u00fcssen Koje und Schapps ausger\u00e4umt werden. Der Salon wird vor\u00fcbergehend zur Baustelle, auf der Erich, Peter und Steffen mit der vom Generator betriebenen 220-Volt-Bohrmaschine, mit S\u00e4ge und Hammer hantieren.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend herrliche raume Winde um vier Beaufort. Wir setzen den Blister. Keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter fallen Starkwindb\u00f6en ein und werfen die <em>Freydis<\/em> kr\u00e4ftig auf die Seite. Alles, was im Schiff nicht niet- und nagelfest ist, purzelt durch die Gegend. Gl\u00fccklicherweise ist die Kojenreparatur beendet. In aller Eile wird der Riesenfl\u00fcgel wieder eingezogen.<\/p>\n<p>Wind aus Nordnordwest, sechs bis sieben Beaufort, tr\u00fcbes, graues Wetter, aber nicht so kalt wie in den letzten Tagen. Gegen Mittag klart es ein wenig auf. Ich k\u00e4mpfe mal wieder mit Frischfleisch. Hans hat uns ein halbes tiefgefrorenes Rind eingepackt, in Form von Burenwurst, Spearribs, Roastbeef und Filets. Mein Backofen arbeitet rund um die Uhr auf Hochtouren, es duftet im Schiff wie in einer Gourmetk\u00fcche.<\/p>\n<p>Am Nachmittag nimmt der Wind etwas ab. Erhard und Burkhard, beide Besitzer eines kleinen Segelboots am Bodensee, erz\u00e4hlen wilde Stories vom See und seinen ungemein t\u00fcckischen Winden, die jedes Jahr einige Segler das Leben kosten. Wie beruhigend, da\u00df wir blo\u00df in den Roaring Forties und nicht auf dem Bodensee segeln! In zwei Tagen soll uns eine alte Zyklone von Westen her einholen, funkt G\u00fcnther. Bis zur Ile aux Cochons, der westlichsten der Crozetgruppe, sind es noch 200 Seemeilen, vielleicht schaffen wir&#8217;s, dort Landschutz zu finden, ehe das Tief uns erreicht. Vorsichtshalber bleiben wir etwas n\u00f6rdlich unseres errechneten Kurses, um bei einem vorzeitig aufziehenden Sturm nicht zu weit nach S\u00fcden, an den Crozets vorbei, abgetrieben zu werden. Bei vier bis f\u00fcnf Beaufort aus Nordnordwest segeln wir die ganze Nacht unter Blister, um so rasch wie m\u00f6glich voranzukommen. Das Baro sinkt.<\/p>\n<p>Der Crozet-Archipel besteht aus zwei Gruppen vulkanischer Eilande, die etwa 50 Meilen auseinander liegen: die westliche mit der Hauptinsel Ile aux Cochons (Schweineinsel), der kleinen Ile des Pinguins und einer Minigruppe, den zw\u00f6lf Iles des Ap\u00f4tres (Apostel); die \u00f6stliche mit der Ile de la Possession und der Ile de l&#8217;Est. Die seit 1924 unter franz\u00f6sischer Verwaltung stehenden Inseln sind unbewohnt, mit Ausnahme der Ile de la Possession, auf der sich eine franz\u00f6sische Station befindet.<\/p>\n<p>Wie die Prince-Edward-Inseln wurden auch die Crozets 1772 von Marion Dufresne entdeckt. Kapit\u00e4n Cook, der diese nie selbst betrat, benannte die gesamte Gruppe sp\u00e4ter zu Ehren Crozets, der den Befehl \u00fcber die franz\u00f6sische Expedition \u00fcbernommen hatte, nachdem Dufresnes von Maoris in Neuseeland erschlagen worden war, weil er ihre Rituale verletzt hatte. Welch eine seltsame \u00dcbereinstimmung, da\u00df Cook, sieben Jahre nach Dufresnes Tod, auf Hawaii das gleiche Schicksal ereilte. Auch er hatte die Gebr\u00e4uche der Eingeborenen mi\u00dfachtet.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt bleibt uns Zeit, auch andere alte Aufzeichnungen zu studieren, von Schiffbr\u00fcchigen, Robben- und Walf\u00e4ngern, die durch diese Region kreuzten, als noch niemand sich vorstellen konnte, da\u00df hier einmal Menschen zum Vergn\u00fcgen herumsegeln w\u00fcrden. Am 28. November 1886 rammte der franz\u00f6sische Schoner <em>Tamaris<\/em> versteckte Klippen s\u00fcdlich der Ile des Pinguins und sank. 13 Mann der Besatzung erreichten mit etwas Wasser und ein paar Kilo Schiffszwieback in einer kleinen Schaluppe nach zwei Tagen die benachbarte Schweineinsel. Dort hatten britische Robbenf\u00e4nger einst Schweine ausgesetzt, sie sp\u00e4ter aber wieder ausgerottet, weil sich die Tiere haupts\u00e4chlich von toten Pinguinen ern\u00e4hrten und ungenie\u00dfbar wurden. So blieben den Gestrandeten nur Vogeleier und Robbenfleisch zum \u00dcberleben. Verzweifelt ritzten sie im August des folgenden Jahres auf die Deckel alter Konservendosen einen Notruf und h\u00e4ngten sie Albatrossen um den Hals. 48 Tage sp\u00e4ter fanden Fischer in der N\u00e4he von Perth (Australien) einen sterbenden Vogel am Strand und \u00fcberbrachten dessen Luftpost den lokalen Beh\u00f6rden. Noch einmal vergingen zwei Monate, bis ein Rettungskommando von Madagaskar aus in See stach und tats\u00e4chlich die Schweineinsel erreichte. Doch die zw\u00f6lft\u00e4gige Suche verlief erfolglos; die Vermi\u00dften blieben f\u00fcr immer verschollen.<\/p>\n<p>Auch wir steuern die Crozets mit gemischten Gef\u00fchlen an. Auf dem ganzen Archipel scheint es keinen wirklich gesch\u00fctzten Ankerplatz zu geben. Die Navigation ist schwierig, denn die Untiefen um die Inseln sind nicht genau vermessen.<\/p>\n<p>Gegen Morgen zieht nasser, kalter Nebel auf. Bei der rasanten Fahrt durch die hohen Seen surrt und jault die Schwertsicherung so penetrant, da\u00df Burkhard und Manfred in ihren Kojen an Backbord nur mit Walkmen auf den Ohren einschlafen k\u00f6nnen. Noch 130 Meilen bis zur Schweineinsel. Der Wind frischt auf, wir bergen den Blister. Nach Sonnenaufgang rei\u00dft der Nebel auf, am Horizont ein breiter Streifen Blau und blasses Sonnenlicht; gegen Mittag setzt sich die Sonne langsam durch. Luft f\u00fcnf, Wasser vier Grad Celsius. Die Crew lebt auf, freut sich \u00fcber den sch\u00f6nen, geruhsamen Tag. &#8222;Wir sind alle froh, wenn das Tief an uns vorbeigeht, und hoffen auf einen Sommertag auf Crozet&#8220;, schreibt Manfred voller Zuversicht ins Logbuch.<\/p>\n<p>In der Nacht Rauschefahrt unter Blister. Steffen ist begeistert: &#8222;Nebel und intensives Meeresleuchten, phantastisch, gespenstisch! Jetzt kann ich verstehen, warum die alten Seefahrer oft abergl\u00e4ubisch waren und gern Seemansgarn gesponnen haben.&#8220;<\/p>\n<p>Enorm hohe Luftfeuchtigkeit, bei der unsere Brillentr\u00e4ger am Ruder alle M\u00fche haben, den Kompa\u00df zu entziffern. Um 10.00 Uhr haben wir die Schweineinsel zwei Seemeilen voraus im Radar. Bald darauf taucht sie dunkel und schemenhaft aus dem Nebel. Der Wind dreht auf Nordost, wir bergen den Blister. Kurz danach nur noch umlaufende Winde. Wir starten die Maschine, aber die Wasserk\u00fchlung streikt. Wieder ist das Saugrohr der K\u00fchlwasserpumpe mit Kelp verstopft. Es folgen zweieinhalb Stunden Klempnerei im Eiltempo, w\u00e4hrend wir unter Segeln direkt auf die Steilk\u00fcste im Nordwesten der Insel zulaufen. Als das Kelp entfernt ist, das Rohr wieder eingebaut und der Motor schlie\u00dflich gestartet werden kann, droht die Felswand nur noch wenige Kabell\u00e4ngen entfernt.<\/p>\n<p>Bei kaum 200 Meter Sicht hangeln wir uns dicht am Ufer entlang. Pinguine, Sturmv\u00f6gel, Albatrosse und Seeb\u00e4ren nehmen ein gemeinsames morgendliches Reinigungsbad und entsprechend wenig Notiz von uns. An langen schwarzen Str\u00e4nden dr\u00e4ngen sich Hunderte von Pinguinen, und an schroffen H\u00e4ngen schimmern Vogelkolonien wie Flecken wei\u00dfer Leuchtfarbe durch den Nebelregen. Man k\u00f6nnte sie aber auch ohne weiteres nur mit der Nase ausmachen.<\/p>\n<p>Wegen des schlechten Wetters ist uns ein Landfall auf der Insel zu riskant. Wir entschlie\u00dfen uns, zu den acht Seemeilen entfernten Apostelinseln weiterzusegeln: bei kr\u00e4ftig auffrischenden vorlichen Winden und grober, entgegenlaufender Stromsee ein m\u00fchsamer Weg, trotz Maschinenunterst\u00fctzung. Das Baro ist in den letzten zwei Stunden enorm gefallen, das angek\u00fcndigte Sturmtief hat uns erreicht; wir brauchen dringend einen sicheren Ankerplatz. Doch wo? Die Navigation ist unzuverl\u00e4ssig, die Lage der Inseln nicht genau vermessen. Einzige Alternative: nach Osten ablaufen auf die offene See und dort beidrehen. H\u00e4lt der Sturm jedoch mehrere Tage an, k\u00f6nnen wir das Anlaufen zumindest der westlichen Crozet-Inseln vergessen. Den abgedrifteten Weg wieder zur\u00fcckkreuzen, w\u00fcrde zuviel Zeit kosten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist nach 600 Seemeilen Wasser und Sturm unser Bedarf in dieser Richtung mehr als gedeckt, und wir sind froh und dankbar, am zweiten Meilenstein unserer Reise angekommen zu sein. Schon seit Tagen freuen wir uns auf diese Inseln, ganz besonders auf die Hauptinsel der Apostelgruppe, von der Gerry Clark begeistert schreibt, sie sei vielleicht die aufregendste und unglaublichste aller Inseln, die er je besucht hat. Er ankerte in einer gesch\u00fctzten Bucht und verbrachte dort eine angenehme und ruhige Nacht. Nichts w\u00fcnschen wir uns sehnlicher!<\/p>\n<p>Das Radar zeigt nur noch eine halbe Meile bis zum westlichsten Eiland der Zw\u00f6lf Apostel. Kurze Zeit sp\u00e4ter treten bizarre dunkle Felsinseln aus dem Nebelschleier hervor \u2013 eine davon ist nur ein schmaler, hoher Turm. Allein der Anblick jagt uns schon kalte Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Hier war 1875 das britische Schiff <em>Strathmore<\/em> gestrandet. 44 \u00dcberlebende schafften es, die Ile de la Possession zu erreichen, wo sie erst nach einem halben Jahr von einem amerikanischen Walf\u00e4nger gerettet wurden.<\/p>\n<p>Etwa eine Stunde lang suchen wir nach einem gesch\u00fctzten Liegeplatz. Irgendwo in Nordost mu\u00df die Bucht ja sein, die Gerry Clark beschreibt. Blo\u00df wie sie finden?<\/p>\n<p>Von den steilen H\u00e4ngen herab fauchen uns Fallwinde von allen Seiten an und lassen uns die N\u00e4he der Inseln sp\u00fcren. Immer wieder taucht f\u00fcr Sekunden ein Labyrinth dunkler Felsw\u00e4nde aus der Nebelsuppe auf, gegen die Seen mit grellwei\u00dfen Gischts\u00e4umen branden. Wie Geisterstimmen hallt uns das Heulen und Bellen der Seeb\u00e4ren und das Trompeten der K\u00f6nigspinguine entgegen. Immer wieder kleine Einbuchtungen, steile Felsen links und rechts \u2013 wo sind wir blo\u00df? Das Radar ist auf so kurze Distanzen keine Hilfe. Zu allem \u00dcberflu\u00df zeigt das Echolot keine Tiefe mehr an, es ist defekt. Warum, um Himmels willen, blo\u00df immer in solchen Situationen? Hastig basteln wir ein Provisorium, binden einen Ersatzgeber an den Piekhaken und halten ihn ins Wasser. Es funktioniert.<\/p>\n<p>Aber das Echo warnt uns nicht vor den steil ansteigenden blinden Klippen; das tun auch nicht die an ihnen brandenden Seen, weil die Fallwinde das Wasser ohnehin ringsum zum Kochen bringen. Und dann passiert&#8217;s: Rums! Das Schiff wird durchgesch\u00fcttelt, legt sich im Schwell auf die Seite und mu\u00df harte Schl\u00e4ge einstecken, als es langsam \u00fcber die Felsspitzen holpert. Lieber Gott, blo\u00df kein Leck hier, blo\u00df nicht stranden! Wohin sollten wir uns retten? \u00dcberall nur diese W\u00e4nde &#8230; Rasch wird die Schwertsicherung gel\u00f6st, die <em>Freydis<\/em> kommt wieder frei. Allgemeines Aufatmen. Doch mit einem Ruck stoppt die Fahrt erneut. &#8222;Kurbeln!&#8220; schreit Erich. Karl ist schon dabei. 30 Schl\u00e4ge, das gen\u00fcgt. Voraus ein tieferer Einschnitt. Vielleicht ein Schlupfwinkel? Nein, eine \u00fcble Windd\u00fcse. Also schnell wieder hinaus.<\/p>\n<p>Bald darauf finden wir eine relativ ruhige Bucht, die uns aber viel zu klein ist. Kein winziges Fleckchen Strand, offenbar nur steile Felsw\u00e4nde ohne Aufstiegsm\u00f6glichkeit, mit H\u00f6hlen voller Seeb\u00e4ren. Sie f\u00fchlen sich in dieser martialischen Umgebung ebenso zu Hause wie die Pinguine. An dem langen, von den Felsen h\u00e4ngenden Tang lassen sie sich wie auf Rutschbahnen ins Wasser gleiten. Mit der hochschwappenden See gelangen sie wie im Fahrstuhl zur\u00fcck in ihre Behausungen. Am Ufer gurgeln dunkle H\u00f6hlen, die auf uns wie Eing\u00e4nge zur Unterwelt wirken. &#8222;Scheint eher ein B\u00e4renzwinger als eine Bucht zu sein&#8220;, brummt Erich. Wir machen kehrt \u2013 und kommen sp\u00e4ter doch wieder zur\u00fcck, denn einen besseren Ankerplatz auf Grande Ile finden wir nicht.<\/p>\n<p>Als zus\u00e4tzliche Sicherung zum Anker wollen wir wenigstens noch eine Leine an Land ausbringen. &#8222;Dort oben ist eine Art Poller, da k\u00f6nnen wir sie festmachen&#8220;, freut sich Erich, zur Felswand deutend. Aber der Poller wandert und gibt sich als Seeb\u00e4r zu erkennen. Steffen, Burkhard und Manfred gelingt es, die Insel vom Dingi aus \u00fcber einen Felsvorsprung zu entern und die vorbereiteten, gesplei\u00dften Drahtseile zu befestigen; Tauwerk w\u00fcrde sich an den scharfen Felsen kaputt scheuern. An das Ende des 20-Meter-Drahtseils werden 100 Meter Leine gekn\u00fcpft. Wie wichtig diese Vorsichtsma\u00dfnahme ist, soll sich bald herausstellen.<\/p>\n<p>Nach einer guten Stunde kehren die drei durchgefroren, aber dennoch in Hochstimmung an Bord zur\u00fcck. Sie seien auf der Au\u00dfenseite der Insel \u00fcber Pinguin-Trampelpfade hochgestiegen, berichten sie, am Hang g\u00e4be es eine gro\u00dfe Kolonie Felsenh\u00fcpferpinguine, und weiter oben sei der Boden durchl\u00f6chert mit Bruth\u00f6hlen. &#8222;Vom Gipfel der Insel hatten wir eine wunderbare Aussicht: nach allen Seiten herrlicher Nebel!&#8220; lacht Manfred, und Burkhard, der bei der Landung ins Wasser gefallen ist, beeilt sich, die nassen Klamotten abzustreifen und sich in der Koje wieder aufzuw\u00e4rmen.<\/p>\n<p>Morgen, wenn sich die D\u00fcnung gelegt hat, wollen wir alle gemeinsam an Land gehen.<\/p>\n<p>Gem\u00fctliches Abendessen \u2013 Gem\u00fcseeintopf mit Burenwurst \u2013, dann Lesen oder Tagebuchschreiben. Drau\u00dfen ist es stockdunkel. Pl\u00f6tzlich fliegt etwas durch die Luft. Karl, der im ersten Moment dachte, jemand habe ihm \u2013 versehentlich nat\u00fcrlich \u2013 einen nassen Lappen ins Gesicht geworfen, will gerade protestieren. Doch zu seinen F\u00fc\u00dfen hockt ein Entensturmvogel, genauso verdattert wie er selbst. Noch mehrere vom Licht irritierte V\u00f6gel besuchen uns an diesem Abend, fliegen sogar ins Schiff hinein. Wir haben M\u00fche, sie alle wieder hinauszutragen, bevor sie sich irgendwo verstecken und Gefahr laufen, von uns eingesperrt oder getreten zu werden. Schlie\u00dflich l\u00f6schen wir das Licht.<\/p>\n<p>Das Baro sinkt und sinkt, welche Teufelei hat das Wetter denn noch im Sinn? Schwere Fallb\u00f6en orgeln von den Felsen auf uns herab, der Anker ruckt. Die Schreie der V\u00f6gel, das Bellen und Heulen der Seeb\u00e4ren hallen durch die Nacht, und der Wind in der Takelage singt uns ein unheimliches Schlaflied.<\/p>\n<p>Um 05.00 Uhr habe ich Ankerwache. Peitschende Sturmb\u00f6en werfen die <em>Freydis<\/em> kreuz und quer, soweit Leine und Anker es erlauben. Gischtteufel tanzen durch die Bucht. Der Nebel hat sich verfl\u00fcchtigt. Drau\u00dfen ist die H\u00f6lle los, \u00fcberall Schaumk\u00e4mme, waagerecht fliegendes Wasser. Es tost, donnert und kracht. \u00dcber die Eingangsfelsen spritzt die Brandung viele Meter hoch. Die Bucht ist ein ungem\u00fctliches Nest geworden. Im Cockpit ist es na\u00df und kalt. Als g\u00e4be es f\u00fcr sie keinen Sturm, jumpen Pinguine und Robben durch die aufgew\u00fchlte See. Zwei Stunden sp\u00e4ter Frontdurchzug, steiler Baro-Anstieg. Typisches R\u00fcckseitenwetter zieht auf: blauer Himmel und Sonnenschein. Gegen Mittag ist der Spuk vorbei. Auf zur Insel. &#8222;Blo\u00df keine Zeit verlieren!&#8220; treibt uns Erich zur Eile an.<\/p>\n<p>Die See bricht sich immer noch mit hohen wei\u00dfen Gischts\u00e4umen ringsum an den Felsen. Nur dort, wo wir gestern die Drahtschlinge angebracht haben, ist es auch heute wieder relativ ruhig. Der Aufstieg k\u00f6nnte klappen, meinen die Experten, w\u00e4hrend Erhard, Karl und ich lieber auf der <em>Freydis<\/em> bleiben wollen. Zwar k\u00e4me ich gern gleich mit auf die Insel, aber die Brandung ist mir noch zu hoch, das Anlanden zu riskant. Erich verspricht, mich in ein paar Stunden zu holen, wenn die See sich beruhigt hat.<\/p>\n<p>Erich, Manfred, Burkhard, Peter, Steffen und Erhard, der das Dingi wieder zur\u00fcckbringen soll, setzen in zwei Sch\u00fcben zur Insel \u00fcber. Sie spannen eine d\u00fcnne Leine vom Schiff zum Land, an der sich Erhard auf dem R\u00fcckweg gut entlanghangeln kann; au\u00dferdem besteht auf diese Weise keine Gefahr, bei ablandigem Wind aufs offene Meer hinaus getrieben zu werden. Bei dem hohen Schwell gelingt das Landeman\u00f6ver nur knapp. Erich l\u00e4\u00dft mir von Erhard ausrichten, da\u00df ich heute besser an Bord bleiben sollte.<\/p>\n<p>Was die Mannschaft auf der Insel erlebt, beschreibt Burkhard in seinem Tagebuch: &#8222;Ich versuche, vom Dingi aus an Land zu springen, finde jedoch keinen Halt am glitschigen Fels. Keine leichte Sache bei dieser Brandung. Manfred will aufgeben, zu gef\u00e4hrlich, meint er. Aber ich versuch&#8217;s noch einmal, und es klappt. Freudenschreie auf der <em>Freydis<\/em> und in mir selbst. An einem Felsen befestige ich ein Seil, um den anderen das Klettern zu erleichtern. Zu f\u00fcnft stiefeln wir los, besteigen den h\u00f6chsten Punkt in stundenlangem kr\u00e4ftezehrendem Marsch \u00fcber das oberste Stockwerk der Insel. Auf den gr\u00fcnen Matten br\u00fcten im Windschatten die Wanderalbatrosse und Felsh\u00fcpfer-Pinguine: ein Vogeldorado, in dem wir viel Zeit verbringen, um die Tiere zu beobachten und zu fotografieren. Wir finden sogar Schwarzbrauen- und die von Erich gesuchten, seltenen Gelbnasen-Albatrosse.<\/p>\n<p>Oben herrscht ein tierischer Wind, der immer schlimmer wird. Auf dem Bauch liegend, robbe ich an eine senkrechte Felskante heran und blicke in die D\u00fcse zur Nachbarinsel mit ihren Riffen und Felsen. Hier haben wir gestern im Nebel eine Ankerbucht gesucht \u2013 unglaublich! Als ich wieder oben bin, geht&#8217;s auf den R\u00fcckweg. Erich und Steffen sind schon vorausgelaufen. Pl\u00f6tzlich erfa\u00dft mich eine B\u00f6 und wirbelt mich durch die Luft. Ich habe keine Gewalt mehr \u00fcber mich \u2013 ein saudummes Gef\u00fchl. Der Orkan schmei\u00dft mich schlie\u00dflich auf den Boden. Mein linkes Knie schmerzt, und ich habe \u00fcberall Sch\u00fcrfwunden. Wegen der K\u00e4lte sp\u00fcre ich allerdings wenig. Manfred und Peter kommen zu mir gekrochen, um mir zu helfen. Aber bei dem f\u00fcrchterlichen Wind \u2013 Erich spricht sp\u00e4ter von 14 Windst\u00e4rken \u2013 hat jeder f\u00fcr sich selbst zu k\u00e4mpfen. Auf allen Vieren, st\u00e4ndig an Felsen festgeklammert, kriechen wir den Hang hinunter.&#8220;<\/p>\n<p>Unsere Hoffnung, die See w\u00fcrde sich beruhigen, erf\u00fcllt sich nicht. Obwohl die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel scheint, der Wind \u2013 soweit wir das in der Bucht beurteilen k\u00f6nnen \u2013 abnimmt und das Baro steigt, wird sie immer wilder. Zu meinem Entsetzen haben die Seen ihre Richtung gewechselt, so da\u00df die Brecher jetzt direkt in unsere kleine Bucht branden. Wei\u00df vor Gischt, liegt sie wie im Nebel. Dann die erste Wasserwand &#8230; Eine etwa acht Meter hohe, sch\u00e4umende Woge rast auf uns zu, \u00fcbersp\u00fclt den gesamten Felseingang der Bucht und einen Gro\u00dfteil der H\u00f6hlen. Etwa jede f\u00fcnfzigste See ist so ein Kaventsmann. Es sind hohe D\u00fcnungswellen, die sich auf dem flacheren Ufer zu Grundseen aufsteilen, brechen und eine m\u00f6rderische Brandung erzeugen. Da\u00df sie nicht \u00fcber unserem Schiff zusammenschlagen, verdanken wir allein dem breiten, d\u00e4mpfenden Kelpg\u00fcrtel, hinter dem wir liegen.<\/p>\n<p>Die Seeb\u00e4ren haben sich auf die h\u00f6chstgelegenen Felsen verkrochen und raufen sich br\u00fcllend um die sichersten Pl\u00e4tze. Pinguine werden in Scharen von den Simsen gewaschen, ohne jede Chance, wieder aufsteigen zu k\u00f6nnen. Nur wenigen gelingt es, sich weiter oben an die Felsw\u00e4nde zu krallen. Sie tun mir leid, aber uns geht es noch schlechter, viel, viel schlechter. Wir bangen um unser Leben. Die Festmachertrosse erweist sich als Segen, sie l\u00e4uft nicht direkt, sondern in einer Kurve um das Kelpfeld herum und wirkt dadurch wie eine Feder. Aber das Schleifen der Kette, das Rucken des Ankers l\u00e4\u00dft uns schaudern. Sollte er sich losrei\u00dfen, zerschellen wir bestimmt an der Felswand. Wir m\u00fcssen unbedingt einen zweiten Anker ausbringen!<\/p>\n<p>Unter Erichs Koje krame ich eilig zwei \u00dcberlebensanz\u00fcge f\u00fcr Karl und Erhard heraus, ich selbst ziehe meinen Na\u00dfbiber an. Das letzte Mal habe ich ihn bei der Strandung auf Deception getragen. Damals bin ich davongekommen, das Schicksal war mir gn\u00e4dig. &#8222;Einmal ist genug&#8220;, hei\u00dft es. Habe ich nichts daraus gelernt? Ist das jetzt die Strafe?<\/p>\n<p>Gemeinsam zerren wir die 30 Meter Reservekette aus der Bilge, sch\u00e4keln sie an den zweiten B\u00fcgelanker und werfen, nachdem wir die Kette am Poller befestigt haben, vom Cockpit aus Anker samt Kette \u00fcber Bord. Danach ist uns ein wenig wohler. Aber unsere Situation bleibt unver\u00e4ndert kritisch.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine atemberaubende Szenerie! Ginge es nicht ums \u00dcberleben, k\u00f6nnte man sie staunend genie\u00dfen oder filmisch und fotografisch dokumentieren. So aber mag ich kaum hinschauen. Bei Todesangst ist Dokumentation kein Thema mehr.<\/p>\n<p>Die Bucht ist zu einem sch\u00e4umenden Hexenkessel geworden. Die <em>Freydis<\/em> tanzt auf und ab, wird hochgerissen und zur\u00fcckgeworfen, hin und her geschleudert wie in einem \u00fcberdimensionalen Shaker. Das ganze Schiff scheint in Aufruhr, alles poltert durcheinander: Dosen und Flaschen in den Schapps, Geschirr in den Schr\u00e4nken, Decken, Kissen, Klamotten, Walkmen, B\u00fccher aus den Kojen. T\u00fcren \u00f6ffnen sich, schlagen hysterisch auf und zu, die schwere Klappe zum Motorraum landet krachend im Gang \u2013 ein Tohuwabohu. Lohnt es noch, hier aufzur\u00e4umen, w\u00e4hrend Schlimmeres droht? Ich r\u00e4ume trotzdem auf, mechanisch wie ein Roboter. Was sonst? Warten auf das Ende. Auf welches? Das Gef\u00fchl der Ohnmacht ist am schlimmsten.<\/p>\n<p>Wie zum Hohn steigt das Baro weiter; trotzdem haben wir Orkan. Die Stunden vergehen, und nichts wird besser, im Gegenteil: Immer h\u00e4ufiger \u00f6ffnen sich g\u00e4hnende T\u00e4ler vor uns. Das Wasser weicht zur\u00fcck, als ob die ganze Bucht leergesaugt werden sollte. Fassungslos blicken wir in Abgr\u00fcnde und glauben, jeden Moment mit dem Schiff auf Grund zu hauen, aber da kommen schon die n\u00e4chsten Wasserw\u00e4nde angerollt, senkrecht wie kleine Tsunamis. Alles mitrei\u00dfend, peitschen sie durch die Bucht, brechen sich bei nun ablaufendem Wasser auch an einem Unterwasserfelsen ganz in unserer N\u00e4he, den wir bisher noch gar nicht bemerkt haben. Wenn das Kelpfeld vor uns nicht w\u00e4re, das ihnen die Spitze ihrer zerst\u00f6rerischen Kraft nimmt, w\u00e4ren wir verloren. Es wirkt wie Waltran, den die Seeleute fr\u00fcher \u00fcber Bord kippten, um im Sturm die Wellen zu bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p>Wir zwingen uns zur Ruhe. Am liebsten w\u00fcrden wir die beiden Ankerketten und die Festmacherleine loswerfen und mit voller Maschinenkraft auslaufen. Doch bei der geringsten Komplikation mit der Maschine w\u00fcrden wir von den Brechern an den Felsen zermalmt werden. Wenn wir mit unserer 60-PS-Maschine tats\u00e4chlich rausk\u00e4men, m\u00fc\u00dften wir die anderen Crewmitglieder auf der Insel ohne Nahrung und ohne ausreichende Kleidung zur\u00fccklassen. Und wer wei\u00df, wann wir zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten, falls uns der Sturm vertriebe? Auch h\u00e4tten wir keine Anker mehr, um in einer anderen Bucht Sicherheit zu finden. Also abwarten.<\/p>\n<p>Trotzdem beherrscht uns weiterhin qu\u00e4lender Zwiespalt: auslaufen oder nicht? Wenn Erich doch blo\u00df hier w\u00e4re! Aber er wei\u00df ja nicht einmal, was in der Bucht los ist. Der Gedanke, ihn vielleicht nie mehr wiederzusehen, ihm nichts mehr sagen zu k\u00f6nnen, bereitet mir Schmerzen. Damals bei unserer Strandung waren wir wenigstens zusammen. Ihn oben am Felsrand zu sehen, w\u00e4re mir schon ein Trost. Aufs Schiff kann er nicht zur\u00fcck, niemand kann jetzt auf- oder absteigen, nicht einmal die Pinguine.<\/p>\n<p>Nicht nur mein Herz rast, wenn die Roller kommen, die Ketten sich spannen, es unter uns ruckt und rumpelt. Auch Karl und Erhard haben Angst. Jedesmal denken wir, jetzt rei\u00dft es die Anker heraus. Karl ist still und ungewohnt ernst, Erhard eher ruhelos. Angeleint robbt er aufs Vordeck, schaut nach Leinen und Ankerketten und ist \u00fcberhaupt unerm\u00fcdlich in seiner Sorge ums Schiff. Wir m\u00fcssen den Motor startklar machen, vielleicht ist er bald unsere einzige Chance. Aber das viele Kelp um uns herum! Es wird \u2013 wie schon so oft \u2013 den Impeller verstopfen, und was dann? Wo bleiben nur die F\u00fcnf auf der Insel? Die Sonne steht schon tief, warum kommen sie nicht? Ist ihnen etwas passiert?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich steht Manfred oben am Fels. &#8222;Da kommen sie&#8220;, ruft Erhard. &#8222;Da sind auch Erich und die anderen. Endlich!&#8220; Auch wenn sie an unserer Not nichts \u00e4ndern k\u00f6nnen, empfinden wir ihre Anwesenheit doch als gro\u00dfe Erleichterung, als n\u00e4hmen sie uns etwas ab von unserer Angst. Ich freue mich, Erich zu sehen, f\u00fchle mich gleichzeitig aber gerade jetzt entsetzlich allein und im Stich gelassen. Hatte ich nicht davor gewarnt, an Land zu gehen? Jetzt haben wir den Schlamassel! W\u00e4ren wir alle an Bord geblieben, h\u00e4tten wir bei den ersten Brechern aus der Bucht laufen, drau\u00dfen auf offener See beidrehen und abwarten k\u00f6nnen. So aber haben wir hier gewartet und ausgeharrt, bis es zum Auslaufen zu sp\u00e4t war und vielleicht f\u00fcr alles andere auch.<\/p>\n<p>Dieses verdammte Fotografieren! &#8222;Nein, ich will nicht, da\u00df du fotografierst! Nicht jetzt, nicht hier. Schei\u00dffotos!&#8220; schreie ich nach oben, obwohl mir eher zum Weinen zumute ist. Aber Erich hat gar keinen Fotoapparat mehr in der Hand. Er schaut nach der Festmacherleine, macht Zeichen und br\u00fcllt, wir sollen den Motor laufen lassen, zehn Minuten, damit er nicht streikt, wenn wir ihn brauchen. Also Entl\u00fcften, Ventil \u00f6ffnen, Keilriemen zurechtklopfen, starten. Aus dem Auspuff sprudelt das Wasser, wie es soll. Unser letzter Ausweg schnurrt beruhigend. Nach zehn Minuten stellen wir die Maschine wieder ab. Wie gut, etwas tun zu k\u00f6nnen. Erich scheint sich zu freuen. Er h\u00e4lt die Faust hoch, sch\u00fcttelt sie: Viel Gl\u00fcck und blo\u00df nicht unterkriegen lassen, hei\u00dft das.<\/p>\n<p>Aber es geht ihm nicht gut dabei. &#8222;Als wir nach sechsst\u00fcndiger, anstrengender Wanderung durch die gro\u00dfartige Natur auf der Grande Ile der Apostelgruppe zu unserer Ankerbucht zur\u00fcckkehren, bin ich auf den grauenhaften Anblick, der sich uns bietet, nicht vorbereitet&#8220;, schreibt er sp\u00e4ter ins Logbuch. &#8222;Das Bild der tanzenden <em>Freydis<\/em>, die sich bei jedem Brecher f\u00fcnf bis zehn Meter hebt und dabei auf die Steilk\u00fcste zurast, ist furchteinfl\u00f6\u00dfend. Ich bin in tiefer Sorge um Heide, Erhard und Karl. Sie m\u00fcssen die Bucht fluchtartig verlassen, denke ich spontan. Wenn Anker und Festmacherleine slippen und ein Brecher sie trifft, sind sie verloren. Die drei h\u00e4tten nur das Schlauchboot, aber keine M\u00f6glichkeit, an Land zu kommen. Als erstes \u00fcberpr\u00fcfe ich die Leinenverbindung. Wir ver\u00e4ndern die Lage des 20-Meter-Drahtstanders an seinem Ende, damit die Leine nicht an den Felsen durchscheuert. Dann suchen wir noch einmal die ganze Bucht ab, ob es nicht doch einen Flecken, vielleicht eine H\u00f6hle gibt, wo sie mit dem Dingi anlanden k\u00f6nnten; dann w\u00fcrden wir sie mit unseren Leinen von oben abbergen. Aber vergebens.&#8220;<\/p>\n<p>Die Sonne ist untergegangen, dunkle Wolken sind am Himmel aufgezogen. Unsere Leute haben eine eiskalte, windige Nacht im Freien vor sich. Trotzdem w\u00e4ren wir tausendmal lieber bei ihnen als hier an Bord. Vor Einbruch der Dunkelheit schaut Erhard noch einmal aufs Vorschiff und k\u00fcrzt die Festmacherleine, die aus der Kl\u00fcse gesprungen ist und an der Lochleiste schamfilt. Au\u00dferdem schneiden wir die d\u00fcnne Dingi-Sorgleine zum Land durch, die sich nun v\u00f6llig verheddert kreuz und quer unterm Schiff durchzieht. Wir m\u00fcssen verhindern, da\u00df sie uns bei einem Auslaufman\u00f6ver in den Propeller ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Riesensturmv\u00f6gel schwimmen am Kelprand, zerfleischen verwundete Pinguine und Robbenbabies, die von den Brechern gegen die Felsen geschlagen wurden. Vielleicht hacken sie irgendwann genauso auf uns herum?<\/p>\n<p>Aus Erhards Notizbuch: &#8222;Diese Nacht werden wir um unser \u00dcberleben besorgt sein. Solange es hell ist, kann ich mich durch Arbeit ablenken, bei Dunkelheit bleibt nur noch das Warten. Gut, da\u00df Heide und Karl normal reagieren. Es gibt Runden, wo ich mich nur dank autogenen Trainings ruhig halten kann. Ich bin sicher, da\u00df meine Chance zu \u00fcberleben sehr gering ist. Negative und positive Ereignisse aus meinem Leben gehen mir durch den Kopf. Ich bin traurig dar\u00fcber, da\u00df meine Freundin bei meinem eventuellen Tod leiden mu\u00df. Aber nun bin ich soweit, da\u00df ich mir sage, was passiert, das passiert. Auch wenn ich in der Brandung treibe, ich werde nicht aufgeben!&#8220;<\/p>\n<p>Karl: &#8222;Die vielen Stunden mit dem Tod vor Augen sind schrecklich. Ich habe ja gewu\u00dft, da\u00df dieser Indikt\u00f6rn keine normale Segelreise wird. In B\u00fcchern habe ich von 150 Kilometer Windgeschwindigkeit, von Monsterwellen und von kochender See gelesen. Aber wer kann sich so etwas schon vorstellen, wenn er es nicht am eigenen Leib erfahren hat? Den \u00dcberlebensanzug wollte ich gar nicht anziehen \u2013 wenn es soweit ist, sollte es lieber schnell gehen \u2013, aber dann habe ich daran gedacht, da\u00df ich meiner Frau versprochen habe, wiederzukommen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Nacht bricht herein, rabenschwarz. Die satanische Ger\u00e4uschkulisse der Bucht terrorisiert uns jetzt noch lauter. Das Heranrauschen und Branden der Seen, das Heulen und Br\u00fcllen der Seeb\u00e4ren in ihren H\u00f6hlen, das Rucken, Scharren und Rumpeln der Anker unter uns ist kaum noch zu ertragen. Ab und zu leuchten wir mit dem Halogenscheinwerfer das Inferno ab, um unsere Position zu \u00fcberpr\u00fcfen. Aber in der Nacht sind Entfernungen schlecht einzusch\u00e4tzen. Die Wand scheint n\u00e4her zu r\u00fccken und mit ihr die grellwei\u00dfen Brandungstreifen und Gischtfont\u00e4nen. Irgendwann entdecken wir, da\u00df der Ankerball vertrieben ist. Ein b\u00f6ses Omen: Auf Deception, vor drei Jahren, war das der Auftakt zur Strandung. Slippt der Anker, ist er gebrochen? Bei Dunkelheit schwer zu beurteilen. Wenn der andere Anker ebenfalls slippt oder bricht, dann gute Nacht!<\/p>\n<p>Ich \u00fcberwinde meine Schreckensstarre, bereite Kakao, hole Kekse und Schokolade. Wir brauchen unsere Kr\u00e4fte dringend; zwar haben wir alle keinen Appetit, aber einen leeren Magen. Auf den Keksen kauen wir herum wie auf Schuhsohlen. Mir ist spei\u00fcbel. Immer h\u00e4ufiger leuchten wir jetzt unsere Umgebung ab, k\u00f6nnen jedoch zum Gl\u00fcck keine weitere \u00c4nderung unserer Position erkennen.<\/p>\n<p>Warum nehmen blo\u00df die Wellen nicht ab? Wir haben doch fast keinen Wind mehr, allenfalls ist er umlaufend. Ich kann mir diese verr\u00fcckte See nur damit erkl\u00e4ren, da\u00df weiter drau\u00dfen ein schrecklicher Sturm w\u00fctet und wir den Schwell abkriegen.<\/p>\n<p>Manchmal sehen wir unsere Leute oben auf den Klippen, wie sie versuchen, sich durch Bewegung warm zu halten. Sie sind verschwitzt von ihrem Ausflug zur\u00fcckgekommen und jetzt v\u00f6llig unterk\u00fchlt. &#8222;Wir versuchten, in w\u00e4rmender L\u00f6ffelstellung im Schutz eines Steilhangs zu schlafen&#8220;, erinnert sich Erich sp\u00e4ter an die Nacht. &#8222;Aber die K\u00e4lte und die Angst, da\u00df sich die <em>Freydis<\/em> losrei\u00dfen k\u00f6nnte, mit allen entsetzlichen Folgen, lie\u00df mich nicht zur Ruhe kommen. Um uns herum Hunderte von Pinguinen mit ihren Jungen. Da\u00df wir im Pinguinkot lagen, st\u00f6rte mich nicht. Aber kaum hatten wir uns hingelegt, kamen die Scheidenschn\u00e4bler, diese kleinen wei\u00dfen Leichenfledderer, um an uns herumzupicken.&#8220;<\/p>\n<p>Morgengrauen, und noch immer Weltuntergangsstimmung! Aber kein Zweifel: Die Roller werden niedriger, kommen in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden und verlieren an Kraft. Zwischen den hohen Wasserw\u00e4nden gibt es immer wieder Serien flacherer Wellen. Das ist eine Besserung unserer Lage, die uns neues Leben einhaucht, uns endlich wieder Mut fassen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Erhard sieht eine Chance, unsere Landg\u00e4nger zu bergen. Wir befestigen am Dingi eine d\u00fcnne Leine, die Erhard hinter sich herziehen will. Falls etwas schiefgeht, werden Karl und ich die Leine, so rasch wir k\u00f6nnen, einholen und daran das Dingi mit Erhard zur <em>Freydis<\/em> zur\u00fcckziehen. Wir binden auch die Paddel im Boot fest, damit sie nicht herausgewaschen werden k\u00f6nnen. Ich bewundere Erhards Mut: Er rudert zun\u00e4chst am Kelprand entlang und dann vorsichtig, st\u00e4ndig nach Brechern Ausschau haltend, \u00fcber das freie, noch immer von m\u00f6rderischen Seen bedrohte Wasserst\u00fcck in Richtung auf den Abstiegsfelsen.<\/p>\n<p>Auch die Landg\u00e4nger sind startklar. Nach zwei bis drei extrem hohen Brechern herrscht immer etwas Ruhe in der Bucht, das m\u00fcssen wir ausnutzen. Das Boot tanzt unter den Felsen auf und nieder. Die einzige Chance, an Bord zu kommen, ist ein gewagter Sprung, wenn das Dingi auf einer Welle emporschwappt. Burkhard und Manfred wollen zuerst springen \u2013 und werden prompt vom Fels gewaschen. Manfred kann sich noch nach oben hangeln, Burkhard h\u00e4ngt in der Steilwand am Seil. Zweiter Anlauf zu einem haarstr\u00e4ubenden Man\u00f6ver: Erhard man\u00f6vriert das Dingi unter Burkhard, der sich hineinfallen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Die Bergung der \u00fcbrigen vier verl\u00e4uft ohne Komplikationen. Steffen: &#8222;Ich wundere mich, da\u00df keiner von uns in Panik geraten ist. Ich hatte schreckliche Angst, aber ich bin gesprungen.&#8220;<\/p>\n<p>Als alle heil an Bord sind, flie\u00dfen Tr\u00e4nen. Fluchtartig verlassen wir die Bucht.<\/p>\n<div class=\"su-button-center\"><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/auf-der-route-der-albatrosse\/#kaufen\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#111;background-color:#febd69;border-color:#cc9854;border-radius:5px\" target=\"_self\" title=\"Buch kaufen\"><span style=\"color:#111;padding:7px 20px;font-size:16px;line-height:24px;border-color:#ffd196;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:16px;color:#111\"><\/i> Buch kaufen<\/span><\/a><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/auf-der-route-der-albatrosse\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Buchvorstellung \u00a0\/\/ Zur Buchserie Leseprobe aus Kapitel 20 &#8222;Die Reise zu den Crozets&#8220;: ieben Beaufort aus Nordwest. 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