{"id":4176,"date":"2017-03-27T17:02:33","date_gmt":"2017-03-27T16:02:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=4176"},"modified":"2017-03-30T18:17:14","modified_gmt":"2017-03-30T17:17:14","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/segeln-ans-ende-der-welt\/leseprobe\/","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Segeln ans Ende der Welt&#8220; (Heide Wilts)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/segeln-ans-ende-der-welt\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n<h2>Leseprobe aus Kapitel 16 &#8222;Aufbruch ins Uferlose&#8220;:<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover05plus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3642 alignright\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover05plus-640x1024.jpg\" alt=\"Buch: Segeln ans Ende der Welt (Band 5)\" width=\"250\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">B<\/span>evor wir auslaufen, ziehen wir gemeinsam das Res\u00fcm\u00e9e der vergangenen drei Wochen und diskutieren den weiteren Verlauf der Reise. Die Meinung aller: bisher war&#8217;s ein Supertrip; nat\u00fcrlich hat das gute Wetter dazu beigetragen. In Macquarie stehen wir nun am Scheideweg. Je weiter wir nach S\u00fcden dringen, desto st\u00e4rker lastet die Verantwortung f\u00fcr das Unternehmen auf Erich und mir. Wir stellen deshalb zur Diskussion, ob wir tats\u00e4chlich weiter nach S\u00fcden zum Rossmeer segeln \u2013 wie urspr\u00fcnglich geplant \u2013 oder lieber im subantarktischen Bereich mehr Zeit auf den Inseln verbringen wollen.<\/p>\n<p>Von Macquarie bis zur Scott-Insel am Eingang des Rossmeeres haben wir eintausend Seemeilen antarktische Gew\u00e4sser mit allen Gefahren \u2013 St\u00fcrme, Eisberge, Packeis und Schiffsvereisung \u2013 zu durchsteuern. 1200 bis 1500 Seemeilen kommen hinzu, falls uns die Einfahrt ins Rossmeer und dann die R\u00fcckkehr zur Scott-Insel gelingen sollte, und noch weitere tausend Seemeilen antarktische Gew\u00e4sser bis zu den s\u00fcdlichsten subantarktischen Inseln Neuseelands, den Campbells \u2013 gewaltige, un\u00fcberschaubare Entfernungen! Gerade weil die Reise bisher so unproblematisch verlaufen ist, haben wir Bedenken, dass unsere Mitsegler den n\u00e4chsten Abschnitt untersch\u00e4tzen. Wir wollen alle erst einmal eine Nacht dar\u00fcber schlafen, bevor wir eine so schwerwiegende Entscheidung treffen.<\/p>\n<p>Mit dem Schlafen ist das allerdings so eine Sache, denn der Starkwind aus West l\u00e4sst die <em>Freydis<\/em> nervt\u00f6tend in der D\u00fcnung rollen. Am Morgen ist die Bucht ein Rummelplatz: Scharen von Pinguinen nehmen ihr Reinigungsbad um die <em>Freydis<\/em> herum. Einige klopfen mit ihren Stummelfl\u00fcgeln so lautstark an den Rumpf, dass wir &#8222;Herein!&#8220; rufen, und am Strand prallen die Oberk\u00f6rper von Elefantenrobbenbullen dr\u00f6hnend aufeinander. Es gr\u00f6lt, trompetet, schreit und r\u00fclpst: eine Kakophonie sondergleichen!<\/p>\n<p>Mit dem Fr\u00fchst\u00fcck kommt auch die Entscheidung auf die Back: Von unseren f\u00fcnf Mitstreitern wollen vier in die Antarktis. Arnd zum Skipper: &#8222;Ein St\u00fcckchen Eis musst du uns schon zeigen, das bist du uns schuldig!&#8220; Nur Heinz w\u00fcrde die Inseltour durch die Subantarktis vorziehen, ist aber auch bereit, einen anderen Beschluss mitzutragen. Meine Gef\u00fchle sind zwiesp\u00e4ltig, denn ich habe auf diesem Schiff schon zu viele bedrohliche Situationen erlebt, als dass ich freudig-\u00fcberzeugt &#8222;ja&#8220; sagen k\u00f6nnte. Doch auch ich will mich der Mehrheit anschlie\u00dfen. F\u00fcr Erich bedeutet der Vorsto\u00df ins Rossmeer eine gewaltige Herausforderung. Vor allem f\u00fcr ihn wird dieser T\u00f6rn verbunden sein mit enormen Anstrengungen und wenig Schlaf, denn er muss immer mit einem Ohr bei der Crew und beim Schiff sein. Wie auch immer \u2013 der Entschluss ist eindeutig! Nicht einmal mein schwarzseherisches Schokoladenei-Bootchen, das ich als &#8222;kleine Bombe&#8220; in die Wagschale werfe, vermag ihn noch zum &#8222;Kentern&#8220; zu bringen. Also auf ins Eis!<\/p>\n<p>Ich backe ein paar Brote auf Vorrat, und nachdem wir unsere Tanks mit Frischwasser aus Reserve-Kanistern aufgef\u00fcllt, Proviant umgestaut und alles sturmsicher festgezurrt und verschlossen haben, lichten wir den Anker und sagen Bucht und Macquarie Ade.<\/p>\n<p>Nach drei Wochen gemeinsamen Segelns sind alle mit dem Schiff vertraut, deshalb gehen wir von zwei Wachen \u00e0 drei Mann auf drei Wachen \u00e0 zwei Mann \u00fcber. Das bedeutet l\u00e4ngere Erholungspausen f\u00fcr alle, wahrscheinlich aber auch, dass die Freiwache bei Man\u00f6vern \u00f6fter zur Unterst\u00fctzung gerufen wird. Bei unsichtigem Wetter in eisverd\u00e4chtigen Gew\u00e4ssern wird die Wache vor\u00fcbergehend um einen Mann verst\u00e4rkt werden, der zus\u00e4tzlich Ausguck h\u00e4lt. Ich selbst bin wachfrei, aber zust\u00e4ndig f\u00fcr Navigation. Au\u00dferdem koche ich f\u00fcr die hungrige Meute und stehe als &#8222;Springer&#8220; zur Verf\u00fcgung, wenn zum Beispiel bei Man\u00f6vern jemand am Ruder gebraucht wird. Erich und ich sch\u00e4rfen insbesondere den Eis-Unerfahrenen ein: Kollision mit einem Eisberg oder Growler bedeutet nicht nur das Ende der Reise, sondern h\u00f6chstwahrscheinlich auch das Ende des Schiffes und der Crew. Ein &#8222;l\u00e4cherliches&#8220; St\u00fcckchen Eis mit einer Kantenl\u00e4nge von zehn Metern, das im Seegang oder nachts kaum auszumachen ist \u2013 neun Zehntel schwimmen unter Wasser \u2013, hat bei einem Volumen von 10 x 10 x 10 = 1000 Kubikmetern ein Gewicht von ann\u00e4hernd eintausend Tonnen, also das Vierzigfache der <em>Freydis<\/em>! Der Zusammenprall mit hartgepresstem Gletschereis ist vergleichbar mit der Fahrt gegen eine Betonwand.<\/p>\n<p>Fremd und unheimlich scheint uns das n\u00e4chste Ziel, das keine Insel oder K\u00fcste an Land ist, sondern nur ein Wegpunkt auf dem GPS, lange 675 Seemeilen entfernt. Ein Punkt in der Wasserw\u00fcste des Ozeans, 61\u00b0 S\u00fcd, 175\u00b0 Ost. Unter dreifach gerefftem Gro\u00dfsegel und ausgebaumter Genua gewinnen wir bei s\u00fcds\u00fcd\u00f6stlichem Kurs langsam Abstand von der Insel. Achterlicher Wind treibt Nieselregen ins Cockpit. Wer keine Wache hat, verzieht sich in die Koje; der anstrengende Inselaufenthalt steckt allen noch in den Knochen. Erich und Heinz wechseln sich halbst\u00fcndlich beim Rudergehen ab. Die See ist ungew\u00f6hnlich steil und wild bewegt. Wei\u00df sch\u00e4umende Wassergebirge w\u00e4lzen sich aus unterschiedlichen Richtungen auf uns zu und lassen die <em>Freydis<\/em> torkeln und straucheln. Es sind die h\u00f6chsten Roller, die ich je erlebt habe. Sie erinnern mich an die Monsterwellen nahe Tristan da Cunha oder der s\u00fcdafrikanischen K\u00fcste. Vermutlich sind sie durch den Macquarier\u00fccken verursacht, der hier aus f\u00fcnftausend Metern Tiefe steil aufsteigt. Wenn sie allerdings von Tiefdruckgebieten herr\u00fchren, m\u00fcssen wir mit Sturm rechnen. Arnd steckt den Kopf aus der Achterluke heraus: &#8222;Ihr wisst doch, wenn ich mitsegle, kommt kein Sturm, das hab ich euch doch schon in Australien bewiesen!&#8220;<\/p>\n<p>In der Nacht legt der Wind zu und Regenschauer fegen \u00fcbers Deck. Wir packen drei Reffs ins Gro\u00dfsegel und nehmen die Fock weg. Danach ist erst einmal der &#8222;Dampf raus&#8220; und die <em>Freydis<\/em> bewegt sich wieder manierlicher. Gegen Morgen l\u00e4sst der Wind nach und die Reffs werden wieder ausgepackt. Die Sonne blinzelt ins Cockpit und zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es Rosinenstuten mit hei\u00dfen Kakao. Die Stimmung an Bord ist optimistisch. Wolfgang studiert die \u00dcberseglerkarte: &#8222;Schon ein beruhigendes Gef\u00fchl, Kap Hoorn viertausend Seemeilen querab zu haben!&#8220; Heiner mit Blick aufs GPS: &#8222;Und nur noch 550 Seemeilen zum Waypoint >Nirgendwo<!\"\n\nWei\u00dfe Gipfel wogen auf uns zu und rauschen mit solcher Kraft unter uns hindurch, dass der ganze Schiffsrumpf vibriert wie ein Bassgeigenkasten. Heinz zeigt Galgenhumor: \"Herrlich wie eine Wanderung in den Alpen! Wenn ich das \u00fcberlebe, werde ich mich gern daran erinnern.\" Auch ich wage es kaum, mich an diesem sportlichen Segeln zu freuen, denn es ist hier eben nur so lange \"herrlich\", wie mit dem Schiff alles in Ordnung ist. Bricht ein Stag, ein Want oder kollidieren wir mit einem Hindernis, sind wir schnell in Gefahr. Auf einer solchen Reise erleben wir viel Sch\u00f6nes, Faszinierendes, und doch kann ich es nie ganz unbeschwert genie\u00dfen.\n\nDer Wind dreht auf Gegenrichtung und verst\u00e4rkt sich gegen Abend zum Sturm. Wir setzen die kleine Fock zum eng gerefften Gro\u00dfsegel und versuchen so gut es geht den Holter-di-Polter-Kurs zu halten. In der Nacht prasseln Hagelschauer auf Deck und der Ruderg\u00e4nger wird immer wieder durch eisige Meerwasserduschen \"erfrischt\". Mit seiner Motorradbrille schaut Heinz aus wie ein Rennfahrer. Arnd leiht ihm seine trockene M\u00fctze. \"Wenn ich jemals zur\u00fcckkommen sollte, dann geb' ich dir glatt ein Bier aus\", bedankt sich Heinz mit einem ins Jenseits gerichteten Blick. Uwe kann das nicht mehr mit anh\u00f6ren: \"Wenn du dich entschieden hast mitzusegeln, musst du auch voll dahinterstehen \u2013 schlie\u00dflich wollen wir alle zur\u00fcckkommen!\" Erich ist m\u00fcde, er ist auf jeder Wache pr\u00e4sent, um die Crew bei den Segelman\u00f6vern zu unterst\u00fctzen.\n\nShackleton hatte auf der NIMROD am 8. Januar 1908 auf dieser Breite ebenfalls mit Sturm zu k\u00e4mpfen, lese ich in seinem Buch \"21 Meilen vom S\u00fcdpol\": \"Da hatte die See das Bollwerk an Steuerbord in St\u00fccke gebrochen und ein kleines H\u00e4uschen auf dem Oberdeck zerschmettert; die Pfortluke war aus den Angeln gerissen worden, sodass das Wasser jetzt an Bord kam und wegschwemmte, was ihm im Wege war ...\"\n\nWer wei\u00df, was uns noch bl\u00fcht?\n\nAm 19.1. um acht Uhr morgens \u00fcberschreiten wir die antarktische Konvergenz auf 56\u00b0 55' S\u00fcd und 162\u00b0 50' Ost. Diese Linie in der Karte ist in der Realit\u00e4t eine etwa zwanzig Meilen breite Zone, in der sich kaltes Wasser aus der Antarktis unter das w\u00e4rmere, um die Erde zirkulierende schiebt. Das bewirkt nicht nur eine \u00c4nderung der Temperatur und der chemischen Zusammensetzung des Meeres, sondern auch seiner Lebewesen und der V\u00f6gel, die sich von ihnen ern\u00e4hren. Tats\u00e4chlich wird es schlagartig k\u00e4lter. Die Mannschaft zieht ihre w\u00e4rmsten Garnituren an. Langsam wird alles im Schiff klamm und feucht und bekommt Salzkrusten. Lufttemperatur im Cockpit: 4,5\u00b0C, Wassertemperatur 3,5\u00b0C. Um unsere Segelkleidung einigerma\u00dfen trocken zu bekommen, lassen wir t\u00e4glich eine Stunde die Warmluft-Heizung blasen. Au\u00dferdem l\u00e4uft der Hauptmotor eine Stunde pro Tag mit und l\u00e4dt nicht nur die Batterien auf, sondern w\u00e4rmt auch die ans K\u00fchlwassersystem angeschlossenen Heizk\u00f6rper.\n\nWolfgang, bereits in mehrere Kleiderlagen geh\u00fcllt, qu\u00e4lt sich auch noch in seinen \u00dcberlebensanzug mit integrierter Rettungsweste \u2013 nur, um im Cockpit Geschirr zu sp\u00fclen.\n\nDie See beruhigt sich am Abend wohltuend. Der Funkkontakt mit Good-as-gold-Mery ist abgebrochen \u2013 wahrscheinlich schlechte Ausbreitungsbedingungen. Daf\u00fcr h\u00f6ren wir Harald in Whangarei, den wir auf der Weihnachtsparty bei Nordmeyers kennen gelernt haben. Er \u00fcbermittelt uns G\u00fcnthers Eisbericht: Packeis bis 165\u00b0 Ost, die Ballenies stecken mittendrin. Wetterprognose f\u00fcr unser Gebiet: Sturm mit acht bis neun Beaufort!\n\nWarten auf Sturm zerrt an den Nerven. Am liebsten w\u00fcrde ich auf Vorhersagen verzichten wie H. Tilmann, Pionier der modernen Extremsegelei, der in \"MISCHIEF Goes South\" schreibt: \"Warum seinen Seelenfrieden st\u00f6ren mit dem Versuch, in die allern\u00e4chste Zukunft zu blicken?\" Doch hier, in dieser m\u00f6rderischen Windzone, sind Sturmwarnungen unter Umst\u00e4nden lebensrettend: Wir k\u00f6nnen den Kurs \u00e4ndern, die <em>Freydis<\/em> sturmklar machen, uns seelisch und k\u00f6rperlich darauf einstellen.<\/p>\n<p>Noch ist die Welt an Bord in Ordnung: Bei Nordwestwind segeln wir mit ausgebaumter Genua durch sternklare Nacht. Das Baro macht einen Sturz nach unten und der Wind, der pl\u00f6tzlich aus Wests\u00fcdwest bl\u00e4st, w\u00e4chst sich schnell zum Sturm aus. Unter ausgebaumter, verkleinerter Genua und dreifach gerefftem Gro\u00dfsegel fliegt die <em>Freydis<\/em> f\u00f6rmlich \u00fcber die aufgew\u00fchlte See. Man k\u00f6nnte meinen, sie wolle in einem Rutsch in McMurdo landen. Die H\u00e4lfte der Strecke zum Waypoint haben wir hinter uns. Aber was bedeutet das? Die un\u00fcbersehbaren Entfernungen bergen so viele Unw\u00e4gbarkeiten, dass man gar nicht ans Ziel zu denken wagt, geschweige denn an Landg\u00e4nge. Ru\u00dfalbatrosse und Sturmtaucher folgen uns mit dem Wind und kleine, langbeinige Sturmschwalben trippeln, hopsen, flattern und picken unerm\u00fcdlich auf unserer Heckwelle herum, einem f\u00fcr sie offenbar reich gedeckten Tisch.<\/p>\n<p>Eine hohe, \u00fcberbrechende D\u00fcnung rollt von achtern an. Heiner st\u00f6hnt \u00fcber die Knochenarbeit am Ruder. Wachkamerad Arnd unger\u00fchrt: &#8222;Daran bist du ja gew\u00f6hnt als Orthop\u00e4de!&#8220; Manchmal kommt die <em>Freydis<\/em> aus dem Rhythmus und ins Schlingern. Gef\u00e4hrlich wird es nur, wenn sie aus dem Ruder l\u00e4uft und die Genua pl\u00f6tzlich back steht. Dann hagelt es Kameras, Taschenlampen und Marlspieker aus dem Cockpit in die Messe herab, und Baum und Schot sind extrem belastet. Wenn das Schiff unter Segeln partout nicht mehr durch den Wind auf Kurs will, muss sogar der Motor helfen. Neidisch beobachten wir die Albatrosse und Sturmv\u00f6gel, die heute ihre Schleifen ganz besonders schneidig &#8222;segeln&#8220;.<\/p>\n<p>In der Nacht passieren wir den 60. Breitengrad und laufen etwas s\u00fcdlicher als urspr\u00fcnglich geplant, weil wir nach Osten abgetrieben werden; dabei halten wir eifrig Ausschau nach Eis. Auch das Radar nehmen wir zu Hilfe, weil die Sicht miserabel ist: hoher Seegang, alles grau in grau mit wei\u00dfen Gischtkronen. Das Baro ist weiterhin auf dem Trip nach unten. Wir segeln in den &#8222;Kreischenden Sechzigern&#8220;, was kann man da anderes erwarten? Zum Gl\u00fcck ist es nachts nur noch zwei Stunden, von 24 bis 2 Uhr, dunkel.<\/p>\n<p>Es schneit, die Luft hat bereits antarktischen Biss. K\u00e4lte kriecht durch Schlafsack und Kleidung, kalte Finger und F\u00fc\u00dfe schmerzen w\u00e4hrend des Rudergehens, und das Leben an Bord spielt sich au\u00dferhalb der Wache weitgehend unter Deck ab, wo die Heizung bl\u00e4st. Die Wachhabenden m\u00fcssen sich zwischendurch immer wieder mit hei\u00dfen Getr\u00e4nken auch von innen aufw\u00e4rmen. Noch zehn bis vierzehn Tage eiskalte Segelei stehen uns bevor, bis wir unseren Fu\u00df \u2013 vielleicht \u2013 auf Land oder Schelfeis setzen k\u00f6nnen. Von Scott Island (67\u00b024&#8242; S\u00fcd, 179\u00b055&#8242; West) am Eingang zum Rossmeer erwarten wir keinerlei Schutz: &#8222;Diese Insel ist etwa eine Viertelmeile lang, eineinviertel Kabel breit, 39 Meter hoch und von steil herabst\u00fcrzenden Klippen umgeben; es gibt kleine, ansteigende Str\u00e4nde voller Felsbrocken.&#8220; (The Antarctic Pilot)<\/p>\n<p>Einzige Alternative zu McMurdo w\u00e4re Kap Adare 310 Meilen s\u00fcdwestlich der Scott-Insel, in dessen N\u00e4he einige tiefere Buchten liegen, so sie denn zug\u00e4nglich sind. Doch wenn wir Kap Adare ansteuern, ist uns der Weg weiter ins Rossmeer und nach McMurdo versperrt, denn den starken gegenlaufenden Strom (bis zu drei Knoten) an der K\u00fcste k\u00f6nnen wir nie und nimmer mit der <em>Freydis<\/em> aussegeln.<\/p>\n<p>Was nutzen alle Spekulationen im Reich der St\u00fcrme und des Eises, alles ist mit gro\u00dfem Fragezeichen versehen. Mit Argusaugen beobachte ich das Baro, das immer steiler f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Am Abend erreicht uns eine schlimme Nachricht \u00fcber den \u00c4ther: G\u00fcnther gibt mit Grabesstimme den Bericht vom Deutschen Wetterdienst Hamburg durch, den er eigens f\u00fcr unser Seegebiet eingeholt hat: Wir liegen genau in der Zugbahn eines Orkantiefs mit elf bis zw\u00f6lf Beaufort und zehn bis zw\u00f6lf Meter hohen Wellen. Heute Nacht soll die H\u00f6lle f\u00fcr uns losgehen! Anschlie\u00dfend sechs Tage Sturm zwischen acht und zehn Beaufort. Bei uns herrscht h\u00f6chste Alarmstufe! Meine Knie werden weich \u2013 ich denke an die furchtbaren St\u00fcrme, die wir im s\u00fcdindischen Ozean erlebt haben, und dabei f\u00e4llt mir auch wieder ein, was uns der SEAWATCH-Schatzsucher in Bluff berichtet hatte: von unvorstellbar heftigen katabatischen St\u00fcrmen und vierzig Meter hohen Wellen. An Land h\u00f6rt sich so etwas \u00fcbertrieben an \u2013 aber nun? Auch die &#8222;Achillesfersen&#8220; unserer <em>Freydis<\/em> sind mir pl\u00f6tzlich wieder deutlich bewusst. Die Schwertsicherung kann durch die Gewalt der Seen gelockert werden oder durchscheuern. Bei einer Kenterung w\u00fcrde unser voll beladenes Schiff mit dem offenen Deckshaus voll laufen und sinken wie ein Stein! Auch kein Notruf und kein Epirb hilft dann mehr. Wenn sie uns finden, sind wir l\u00e4ngst erfroren oder ertrunken. Das omin\u00f6se Spielzeugbootchen aus dem \u00dcberraschungsei steht anklagend in der Navigationsecke!<\/p>\n<p>Ich versuche Angst und Unsicherheit zu verdr\u00e4ngen, um keine Fehler zu machen. Die Anspannung ist auch bei den anderen zu sp\u00fcren, doch alle sind gefasst. Erich spricht die erforderlichen Ma\u00dfnahmen durch. Abgesehen von den beiden gro\u00dfen Tauwerktrommeln, die am Reitbalken festgelascht sind, m\u00fcssen wir alles unter Deck schaffen, was nicht niet- und nagelfest ist, auch die 25 Kanister Dieselreserve, dazu Trysegel und Sturmfock unterschlagen und unseren Kurs um neunzig Grad \u2013 Richtung Nord \u2013 \u00e4ndern. Wir hoffen, dadurch den Abstand zum Kern des Orkantiefs m\u00f6glichst schnell zu vergr\u00f6\u00dfern. Wir nehmen uns vor, bei Einsetzen des Sturmes nicht beizudrehen, sondern so lange irgend m\u00f6glich mit Kleinstbesegelung vor dem Sturm abzulaufen, aus unserer Erfahrung die sicherste Vorbeugung gegen Querschlagen und \u00dcberkopfgehen.<\/p>\n<p>Doch der Orkan bleibt aus, &#8222;nur&#8220; Starkwind bis Sturm und eine enorm hohe D\u00fcnung aus S\u00fcden beuteln uns. Schon am folgenden Tag steigt das Baro wieder. Von G\u00fcnther erfahren wir, dass das Tief weiter s\u00fcdlich von uns durchgezogen ist. Gro\u00dfes Aufatmen, fast Euphorie! Gr\u00fc\u00dfe von zu Hause; man sei sehr besorgt gewesen, h\u00f6ren wir. Wie gut es tut, dass jemand an uns denkt, unseren einsamen Kurs mit Anteilnahme begleitet! Noch nie haben wir mit der <em>Freydis<\/em> so gro\u00dfe Entfernungen durch extreme Zonen in einem St\u00fcck gesegelt \u2013 wochenlang nichts als trostlose graue, nasse, kalte Wasserw\u00fcste um uns herum.<\/p>\n<p>Wir gehen wieder auf den alten Kurs zur\u00fcck, verlegen den Wegpunkt nun aber direkt auf die noch 250 Seemeilen, also zweieinhalb Tage, entfernte Scott-Insel. Die K\u00e4lte ist jetzt die gr\u00f6\u00dfte Gefahr. Luft plus 2\u00b0C, Wasser minus 1\u00b0C.<\/p>\n<p>&#8222;Eis, Eiiis!&#8220;, br\u00fcllt Uwe und f\u00e4llt vor Aufregung beinahe den Niedergang hinunter, als er eilig seine Kamera holt, &#8222;ein fu\u00dfballgro\u00dfes St\u00fcck!&#8220; \u2013 &#8222;Eis? Nicht Styropor? Oder eine wei\u00dfe Plastikt\u00fcte? Was ihr da drau\u00dfen wieder gesehen haben wollt!&#8220;, t\u00f6nt&#8217;s unterk\u00fchlt aus den Kojen. &#8222;So wird einem der anstrengende und erfolgreiche Ausguck w\u00e4hrend der Wache gedankt!&#8220;, brummt Uwe entt\u00e4uscht. &#8222;Und wenn ich hier einen Dinosaurier vorbeitreiben sehe \u2013 ich sag&#8216; nichts mehr!&#8220; Nat\u00fcrlich hasten alle in ihre Klamotten, um den wei\u00dfen &#8222;Fu\u00dfball&#8220; geb\u00fchrend zu bewundern.<\/p>\n<p>Es schneit. Die Crew tritt gesalbt und mit Skibrillen ihre Wachen an. Nur Erich hat entz\u00fcndete Augen, weil er sich nicht ans Eincremen und Brilletragen gew\u00f6hnen will. Seine nassen Handschuhe sind hart gefroren, und er gleicht mehr einem Schneemann als einem Seemann am Ruder. Heinz streckt seine gestiefelten F\u00fc\u00dfe w\u00e4rmeheischend vom Cockpit in den Salon hinunter, aber dort ist&#8217;s jetzt auch nicht w\u00e4rmer \u2013 wir heizen nicht mehr beim Segeln, das verbraucht zu viel Energie. Nur das Geschirr wird neuerdings mit warmem Wasser gesp\u00fclt, sonst fallen uns wom\u00f6glich noch die Finger ab: Seewassertemperatur minus 2\u00b0C. Kondenswasser tropft von den Luken und Fenstern. Ich bin froh, dass ich ein paar gro\u00dfe Folienst\u00fccke mitgenommen habe. Diese ziehen wir nun unter die Matratzen und heften sie an die oberen Fensterlaibungen; so bleiben wenigstens die Kojen trocken.<\/p>\n<p>Am Abend der erste gro\u00dfe Eisberg voraus. Funkgespr\u00e4ch mit G\u00fcnther, Relais durch Christian (ein Deutscher, der sich seit 1980 in der Bay of Islands niedergelassen hat). Er k\u00fcndigt ein neues Sturmtief \u2013 970 Hektopascal \u2013 an, das n\u00f6rdlich von uns durchziehen soll. &#8222;Wir hoffen, es in Lee der Scott-Insel abwettern zu k\u00f6nnen&#8220;, ruft Erich zuversichtlich ins Mikrofon. Als Arnd aus dem Hintergrund t\u00f6nt: &#8222;Das n\u00e4chste Tief wollte ich eigentlich in der Badewanne in McMurdo erleben!&#8220;, lachen alle.<\/p>\n<p>Die ganze Nacht Bolzerei gegen See und Wind. Der Barograf zeichnet eine Sinuskurve nach unten. Inbr\u00fcnstig hoffen wir, ungeschoren die Scott-Insel zu erreichen, vielleicht gibt&#8217;s dort ja doch ein Ruhepl\u00e4tzchen. &#8222;Wenn es dort nur Eis gibt und keine M\u00f6glichkeit zu landen, beschwer ich mich bei der Reiseleitung!&#8220;, knurrt Uwe, dem der Humor noch nicht vergegangen ist.<\/p>\n<p>Slalomfahrt durch Eisberge und Growler. Einige sieht man wegen der hohen See kaum oder gar nicht auf dem Radar. Ein Gl\u00fcck, dass es nachts nicht mehr ganz dunkel wird.<\/p>\n<p>Wir befinden uns auf etwa derselben Position, auf der Ross 1839 berichtete: &#8222;Zwischen zahlreichen Eisbergen und vielem Treibeis setzten wir unsere Reise nach S\u00fcden fort. Wir erblickten sehr viele Wale &#8230; Sie waren so wenig scheu, dass unsere dicht vorbeisegelnden Schiffe sie nicht zu st\u00f6ren schienen.&#8220; Die Walf\u00e4nger haben seine Nachricht damals freudig vernommen und sich nicht lange bitten lassen. Wir schauen uns die Augen nach den Meeresriesen aus, haben auf dieser Antarktisreise aber noch keinen einzigen zu Gesicht bekommen!<\/p>\n<p>Bald darauf kreuzte Ross den Kurs des russischen Seefahrers Bellingshausen, der zwanzig Jahre vor ihm durch dieses unbekannte Gew\u00e4sser segelte. Von der Scott-Insel, die wir ansteuern, haben beide Forscher nichts geahnt; sie soll laut &#8222;The Antarctic Pilot&#8220; erst im Dezember 1902 entdeckt worden sein.<\/p>\n<p>In der Nacht passieren wir die s\u00fcdlichste Breite \u2013 64\u00b046&#8242; S\u00fcd \u2013, die wir f\u00fcnfzehn Jahre zuvor, am 13. Januar 1982, an der Antarktischen Halbinsel erreicht haben. Um uns herum haben sich jede Menge Tafeleisberge aufgebaut, zum Teil kilometerlange, \u00fcber f\u00fcnfzig Meter hohe Bl\u00f6cke. Wir segeln wie durch eine stille, geheimnisvolle Stadt mit Geb\u00e4uden wie von Christo verpackt. Eines davon, mit Torb\u00f6gen, Br\u00fccken, Erkern, T\u00fcrmen und einem t\u00fcrkisblauen See, erinnert er an ein herrliches Schloss, vielleicht der Palast der Schneek\u00f6nigin aus Andersens M\u00e4rchen?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in die n\u00fcchterne Wirklichkeit: Arnd sammelt eifrig kleine Eisbr\u00f6ckchen vom Wasser f\u00fcr einen Kollegen, der im Forschungszentrum J\u00fclich &#8222;die Korrelation zwischen Sauerstoff-Isotopen und Klimaparametern&#8220; untersucht. Bald darauf h\u00f6ren wir Haralds und sehr leise auch G\u00fcnthers Stimme aus dem Funkger\u00e4t: &#8222;Kap Adare von Packeis umgeben, Scott-Insel eisfrei!&#8220; Wenigstens dieser Kr\u00fcmel hei\u00dft uns also willkommen!<\/p>\n<div class=\"su-button-center\"><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/segeln-ans-ende-der-welt\/#kaufen\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#111;background-color:#febd69;border-color:#cc9854;border-radius:5px\" target=\"_self\" title=\"Buch kaufen\"><span style=\"color:#111;padding:7px 20px;font-size:16px;line-height:24px;border-color:#ffd196;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:16px;color:#111\"><\/i> Buch kaufen<\/span><\/a><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/segeln-ans-ende-der-welt\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Buchvorstellung \u00a0\/\/ Zur Buchserie Leseprobe aus Kapitel 16 &#8222;Aufbruch ins Uferlose&#8220;: evor wir auslaufen, ziehen wir gemeinsam das Res\u00fcm\u00e9e der vergangenen drei Wochen und diskutieren den weiteren Verlauf der Reise. 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