{"id":4180,"date":"2017-03-27T17:05:40","date_gmt":"2017-03-27T16:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=4180"},"modified":"2017-03-30T18:17:15","modified_gmt":"2017-03-30T17:17:15","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/inseln-jenseits-der-zeit\/leseprobe\/","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Inseln jenseits der Zeit&#8220; (Heide Wilts)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/inseln-jenseits-der-zeit\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n<h2>Leseprobe aus Kapitel 3 &#8222;Tanna&#8220;:<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover07plus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3642 alignright\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover07plus-640x1024.jpg\" alt=\"Buch: Inseln jenseits der Zeit (Band 7)\" width=\"250\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">W<\/span>arum gerade Tanna? In Neuseeland hatte uns Christian Fotos dieser Insel gezeigt, von der wir bis dahin noch nie etwas geh\u00f6rt hatten: von fast nackten, wild aussehenden Menschen, die um gigantische B\u00e4ume herumtanzten, von geheimnisvollen Magiern und Masken und einem feuerspeienden Vulkan. Er hatte von Urw\u00e4ldern und D\u00f6rfern berichtet, zu denen noch nie ein Wei\u00dfer vorgedrungen ist. Das schien uns wie aus einer l\u00e4ngst vergangenen Welt. Wir konnten kaum glauben, dass es so etwas heutzutage noch gibt.<\/p>\n<p>In Noumea lernten wir keinen einzigen Segler kennen, der Vanuatu intensiver bereist hatte. Deshalb suchten wir zun\u00e4chst Aneityum auf, um Christian und die anderen Segler zu treffen und von ihnen Tipps und Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Inseln und Gew\u00e4sser von Vanuatu zu bekommen. Der Austausch von Erfahrungen ist besonders wichtig, weil die meisten Seekarten dieses Reviers veraltet sind und die Seehandb\u00fccher nur wenige Informationen bieten. Wie wichtig, l\u00e4sst sich schon daran erkennen, dass Christian und Hannelore vier Jahre zuvor bei Port Resolution ihre erste <em>Donella<\/em>\u00a0verloren haben \u2013 nach 21 Jahren und \u00fcber 60 000 Seemeilen! Sie war eine klassische englische Yacht aus den 1930er-Jahren, ein echtes Liebhaberst\u00fcck. Und sie war nicht versichert. &#8222;Es gab viele Tr\u00e4nen&#8220;, gestanden uns die beiden. Wer einmal gestrandet ist, wie sie und wir (<a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/gestrandet-in-der-weissen-hoelle\/\">Gestrandet in der Wei\u00dfen H\u00f6lle<\/a>), der wei\u00df, was es hei\u00dft, sein Schiff in der Fremde zu verlieren \u2013 und damit alle Sicherheit, alle Geborgenheit und manchmal sogar das Leben. Aber die beiden haben \u00fcberlebt und mit einem anderem Boot einen Neuanfang gewagt.<\/p>\n<p>&#8222;Vermeidet es, die Bucht im Dunkeln anzulaufen&#8220;, warnte uns Christian beim Abschied auf Aneityum. Grund: Damals waren sie bei der Ansteuerung wegen widriger Winde in die Dunkelheit geraten. Laut GPS glaubten sie sich zweieinhalb Meilen vom Ufer entfernt, kollidierten jedoch bei voller Geschwindigkeit mit einem Felsen unmittelbar vor der Steilk\u00fcste. Innerhalb weniger Minuten lief das Boot voll Wasser, ging aber nicht unter, weil es auf dem Riff lag. Sie retteten sich ans Ufer; wie sich herausstellte, war es nur 100 Meter entfernt. Der Skipper konnte sich zun\u00e4chst nicht erkl\u00e4ren, warum seine Navigation versagt hatte. Sp\u00e4ter besorgte er sich in der Hauptstadt Port Vila eine Kopie der Seekarte, mit der er gearbeitet hatte \u2013 es war die neueste amerikanische Karte von 1982 \u2013 und stellte fest, dass sich die Angaben von GPS und Seekarte vor dem Eingang der Bucht um mehrere Seemeilen unterschieden!<\/p>\n<p>Kr\u00e4ftiger Ostwind bl\u00e4st uns aufs Ziel zu. Der Vulkan Yasur, dessen dunkle Rauchfahne wir bereits von Aneityum aus (50 Seemeilen entfernt) erkennen konnten, macht sich immer dramatischer bemerkbar: Alle Viertelstunde h\u00f6ren wir ein explosionsartiges Knallen, gefolgt von gewaltigen Aschenausst\u00f6\u00dfen. In den letzten Wochen soll seine Aktivit\u00e4t stark zugenommen haben. Auch als Kapit\u00e4n Cook auf seiner zweiten Reise 1774 durch die Inselkette segelte und sie &#8222;Neue Hebriden&#8220; nannte, hatte ihm der Yasur wie ein Leuchtturm den Weg nach Tanna gewiesen.<\/p>\n<p>Endlich n\u00e4hern wir uns dem Eingang von Port Resolution. Wie Erich beim Vergleich von GPS-Position und Seekarte feststellt, liegt das umgebende Riff tats\u00e4chlich ganze viereinhalb Seemeilen weiter \u00f6stlich als in der Seekarte verzeichnet. &#8222;Die Vermessungen stammen wohl noch aus Cooks Zeiten!&#8220;, entr\u00fcstet er sich \u00fcber den Fehler, der Christians <em>Donella<\/em> zum Verh\u00e4ngnis wurde. &#8222;Da werden wohl noch mehr Yachten stranden, wenn die Karten nicht korrigiert werden!&#8220;<\/p>\n<p>PS: Als ich das Buch fertig stelle, sind mindestens vier weitere Yachten auf dem Riff verloren gegangen.<\/p>\n<p>Der Wind legt zu. Wir werfen den Motor an und laufen etwas \u00f6stlich vom Vulkan in die nach Kapit\u00e4n Cooks <em>Resolution<\/em> benannte Bucht. Die GEOs, die trotz Seekrankheit an Bord mit anfassten, Ruder gingen und turnusm\u00e4\u00dfig den Abwasch \u00fcbernahmen, atmen auf. Andrian: &#8222;Die Angst vor dem Sturm wich der Angst, auf Grund zu laufen, als Skipper Erich das Boot entlang m\u00e4chtiger dunkler Klippen und durch scharfzahnige Korallenriffe man\u00f6vrierte. Dann endlich fiel der Anker in der stillen Lagune, und tr\u00e4ge kam der rote Stahlrumpf der <em>Freydis<\/em> in der einsamen Bucht zu liegen \u2013 wie eine Barke Au\u00dferirdischer.&#8220;<\/p>\n<p>Wir liegen auf der S\u00fcdseite der Bucht vor einer schmalen, sandigen Halbinsel, die zu einer Klippe ansteigt, auf deren Gipfel die H\u00fctten eines Resorts durch die B\u00e4ume schimmern. Auf dem glatten Wasser angeln ein paar M\u00e4nner in Einb\u00e4umen \u2013 die Zeit der Au\u00dfenborder scheint hier noch nicht angebrochen.<\/p>\n<p>Trotz der Korallenk\u00f6pfe, die sich bei ablaufender Tide gef\u00e4hrlich nahe um uns herum aus dem Wasser recken, g\u00f6nnen wir uns eine M\u00fctze Schlaf.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter steht Roman mit seinen Kameras schon in den Startl\u00f6chern. Kein Wunder: Vor dem d\u00fcsteren Kegel des Yasur wirft die Abendsonne ein sanftes Licht auf einen etwa 200 Meter hohen Hang. Seine rotgoldenen Sandsteinklippen kontrastieren wundervoll mit dem tiefen Gr\u00fcn des Dschungels am Ufersaum, aus dem feierlich wei\u00dfe Dampfschwaden steigen. Ein Bild wie aus der Sch\u00f6pfungsgeschichte! Dazu alle zehn bis f\u00fcnfzehn Minuten dieses unheimliche Grollen und donnernde Krachen des Yasur. Auch als die <em>Resolution<\/em> hier lag, war der Vulkan &#8222;in vollem Ausbruch &#8230;Zu gleicher Zeit war die Luft mit Rauch und schwarzer Asche gef\u00fcllt, die in solcher Menge herabfiel, dass in wenigen Stunden das ganze Schiff damit bedeckt war&#8220;, so Georg Forster. Dagegen haben wir&#8217;s noch gut: Der SE-Wind bl\u00e4st die Asche nach Westen von uns weg.<\/p>\n<p>Das GEO-Team l\u00e4sst sich mit kleinem Gep\u00e4ck an Land \u00fcbersetzen. Die beiden ziehen ins Resort. Dann sind sie nicht darauf angewiesen, dass wir sie jedes Mal mit dem Dingi an Land setzen, und k\u00f6nnen sich frei auf der Insel bewegen.<\/p>\n<p>Auch haben sie sich auf Aneityum mit Ibatu, dem H\u00e4uptlingssohn aus Tanna, verabredet, der die Schulferien auf seiner Heimatinsel verbringt. Mit ihm wollen sie in den n\u00e4chsten Tagen einige D\u00f6rfer besuchen und an einer Initiationsfeier und anderen Ritualen teilnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>7. August. Eine Passatst\u00f6rung k\u00fcndigt sich an. Damit die <em>Freydis<\/em> bei der Winddrehung nicht auf die vorwitzigen Korallenk\u00f6pfe gedr\u00fcckt wird, verholen wir sie auf die Nordwestseite der Bucht in tieferes Wasser. W\u00e4hrend Erich danach noch an Bord mit Chris im Maschinenraum werkelt, steuere ich das Dingi an den dunklen Strand im S\u00fcdwesten der Bucht.<\/p>\n<p>Hier muss es gewesen sein, wo Cook und seine Begleiter an Land gingen, wo sich ihnen &#8222;etwa 150 Wilde n\u00e4herten, die allesamt in der einen Hand Waffen, in der anderen aber gr\u00fcne Palmzweige als Friedenszeichen trugen&#8220;, wo die Mannschaft Geschenke austeilte, mit denen die Einheimischen nichts anzufangen wussten und daher ihre Gegengeschenke \u2013 Schweine, Fr\u00fcchte, Wurzeln \u2013 bald wieder einstellten. Und hier war es wohl auch, wo gegen Ende ihres 16-t\u00e4gigen Aufenthaltes einer der Schildwachen kurzerhand einen Melanesier erschoss, der sich, so Forster, &#8222;auf seiner eigenen Insel nichts vorschreiben lassen wollte.&#8220;<\/p>\n<p>Seitdem sind 225 Jahre vergangen. Nun sind wir es, die hier anlanden, sind wir die &#8222;Entdecker&#8220; \u2013 denn schlie\u00dflich muss jeder die Welt f\u00fcr sich neu entdecken. Vor &#8222;Wilden&#8220; m\u00fcssen wir uns nicht mehr f\u00fcrchten. Wer waren sie, woher kamen sie urspr\u00fcnglich? Waren es die Nachfahren der &#8222;Austronesier&#8220;, die &#8222;Lapita-Leute&#8220;, benannt nach dem Fundort charakteristisch verzierter Tonscherben in Neukaledonien in den 1950ern, die noch an vielen anderen Grabungsst\u00e4tten im Pazifik entdeckt wurden \u2013 erstmalig 1908 von dem deutschen Pater Otto Meyer auf der Insel Wantom im Bismarckarchipel und sp\u00e4ter sogar auf einer der n\u00f6rdlichen Inseln von Vanuatu. Laut C-14 Datierungsmethode waren diese Artefakte 2400 bis 2800 Jahre alt. Die Tr\u00e4ger dieser &#8222;Lapita-Kultur&#8220; kamen aus S\u00fcdchina und Taiwan, und ihre wohl wagemutigste Wanderung aller Zeiten f\u00fchrte zur Besiedlung ganz Polynesiens.<\/p>\n<p>Landeten sie mit ihren gro\u00dfen Kanus, auf denen bis zu drei\u00dfig Mann Platz hatten und auf denen sie auch ihre Pflanzen und Tiere mitbrachten, etwa auch hier? Aber von Kannibalismus ist mir bei diesen ersten gro\u00dfen Seefahrern nichts bekannt. Waren es also doch eher die Nachfahren der &#8222;Non-Austronesier&#8220;, die vor einigen zehntausend Jahren, als zwischen Asien und Australien noch Landbr\u00fccken bestanden, Neu Guinea besiedelten und sich sp\u00e4ter \u00fcber die Inselwelt Melanesiens verteilten? Oder stammen sie von beiden V\u00f6lkern ab, die sich vermischten? Genetische Untersuchungen werden das Dunkel der Vorzeit, in dem sich die Geschichte der Bewohner bis heute verliert, wohl bald aufhellen.<\/p>\n<p>Wer sie auch waren, die hier als Erste landeten: Auch f\u00fcr uns sind diese Inseln eine ganz neue Erfahrung. Bei unserer Landung auf Aneityum, umgeben von vielen Seglerfreunden, habe ich das kaum empfunden. Erst hier wird es mir pl\u00f6tzlich bewusst.<\/p>\n<p>Am Eingang zum Resort entdecke ich zun\u00e4chst etwas Bekanntes: eine Schiffsplanke mit dem Namen <em>Donella<\/em>. Dar\u00fcber prangt ein Holzschild mit der Aufschrift &#8222;Port Resolution, Nipikanamu Yacht Club&#8220;. Mit einem Yachtklub haben die paar Rundh\u00fctten im traditionellen Stil nicht viel gemein. Aber sie sind h\u00fcbsch gelegen, umgeben von Palmen und mit Blick \u00fcber den Naturhafen und \u00fcber die Insel bis zum eintausend Meter hohen Mt. Melen im S\u00fcdosten. In der luftigen Restaurant-Veranda unter dem ausladenden Strohdach treffe ich Jean-Louis Max Herman von &#8222;Island Safaris of Vanuatu&#8220;, franz\u00f6sischer Tourismus-Pionier und intimer Connaisseur der Inseln, den wir sp\u00e4ter, in Port Vila, zusammen mit seiner Familie noch n\u00e4her kennen lernen werden.<\/p>\n<p>Hier ber\u00e4t er gerade die Angestellten hinsichtlich ihrer Aufgaben und Arbeiten im Resort. Mit einem Gast hatte es Unstimmigkeiten gegeben. &#8222;Sie sagen nicht gerne nein&#8220;, erkl\u00e4rt er mir, &#8222;das macht die Sache manchmal schwierig.&#8220;<\/p>\n<p>Dann gibt er uns \u2013 Erich, Chris und die GEOs haben sich mittlerweile auch eingefunden \u2013 einen Einf\u00fchrungskurs in die Tanna-Welt, der mich sehr neugierig macht und f\u00fcr den ich ihm im Nachhinein sehr dankbar bin:<\/p>\n<p>&#8222;Sie ist so vielschichtig, diese Welt&#8220;, berichtet er, &#8222;weil vieles von der alten Kultur schon verloren ging, vieles aber auch noch da ist. Du kratzt an einer Schicht und darunter findest du eine v\u00f6llig andere. Allein die vielen Tabus, die sie traditionell in einem Dorf haben. Und erst die Sprachen! Vanuatu ist das Land mit der gr\u00f6\u00dften linguistischen Vielfalt der Erde: Die 170 000 Einwohner sprechen mehr als hundert Sprachen! Neben Bislama haben sie Umgangs- oder Lokalsprachen, die nur an einem bestimmten Ort gesprochen werden, und dann haben die M\u00e4nner untereinander noch Varianten, die von den Frauen nicht verstanden werden sollen und umgekehrt. Die Realit\u00e4t ist viel komplexer, als ein Au\u00dfenstehender sie wahrnimmt. Viele Tannesen, die sich heute Christen nennen, glauben gleichzeitig weiterhin an Geister. Dieser Glaube ist so fest in ihnen verankert &#8230; Langsam scheint ihnen auch bewusst zu werden, dass sie viele ihrer alten Traditionen durch den Druck der Kirchen f\u00fcr immer verloren haben, und ihr \u00c4rger \u00fcber das, was man ihnen angetan hat, w\u00e4chst. Einige Kirchen waren und sind relativ tolerant gegen das Kastomwesen, andere aber stiften immer noch viel Verwirrung in den Gemeinden. Auch heute hat das Kastom viel Macht. Ihren Anh\u00e4ngern mangelt es an nichts, sie sind eigentlich damit gl\u00fccklich. Aber wenn sie sich jetzt T-Shirts anziehen und versuchen so zu sein wie der Rest dieser vom Geld regierten Welt, dann werden sie sich bald auf der letzten Stufenleiter dieser Weltgesellschaft wiederfinden: Sie werden bitten m\u00fcssen. Aber das Rad l\u00e4sst sich nicht mehr zur\u00fcckdrehen &#8230; Es ist wie ein Virus, verstehst du?&#8220;<\/p>\n<p>Nach einem gem\u00fctlichen und informativen Fr\u00fchst\u00fcck wollen wir die Solfataren am Berg Yenekahi erkunden, deren Dampffahnen wir im Busch aufsteigen sahen. Eine Kostprobe der unterirdischen Thermalkraft bekommen wir bereits am Ufersaum, wo sich See- und hei\u00dfes Quellwasser zu blubbernden, brodelnden Becken mischt. Die Frauen des Dorfes waschen darin ihre W\u00e4sche und kochen ihr Essen: Taro, Maniok, K\u00fcrbis, Mais und gr\u00fcne Bananen. In etwas k\u00fchleren Pools planschen ihre kleinen Kinder.<\/p>\n<p>Ein schmaler Pfad f\u00fchrt den Hang hinauf, auf dem uns eine junge Frau begegnet, die Englisch spricht. Sie will uns begleiten: &#8222;Das ist besser&#8220;, meint sie, &#8222;denn wenn ihr vom Pfad abkommt, k\u00f6nnt ihr euch die F\u00fc\u00dfe verbr\u00fchen.&#8220; W\u00e4hrend wir zusammen hinaufgehen, stellt sie mir die gleichen Fragen, die mir hier alle stellen: &#8222;Hast du Kinder? Warum nicht? Ist das dein Mann? Euer Boot? Fahrt ihr damit \u00fcbers Meer?&#8220;<\/p>\n<p>Sie hei\u00dft Margret, erz\u00e4hlt von ihrer Familie, die seit einiger Zeit in Port Vila lebt. Nur ihr Gro\u00dfvater ist hier im Dorf geblieben. Sie kam zur\u00fcck, um ihm beizustehen. Als sie 19 war, hat ihr Mann sie zu sich geholt, hinter den H\u00fcgel. Fr\u00fcher hatte die ganze Familie der presbyterianischen Kirche angeh\u00f6rt, wurde dann aber John-Frum-Anh\u00e4nger. (Auf diese Bewegung werde ich noch eingehen.) Vor ein paar Jahren sind sie und ihr Mann zum Bahai&#8217;i-Glauben \u00fcbergetreten. Sie haben zwei Kinder, sind aber nicht verheiratet: &#8222;Mein Mann hat dem Kastom nicht entsprochen. Er h\u00e4tte meinen Eltern eine Menge Schweine und Kavawurzeln f\u00fcr mich zahlen m\u00fcssen, aber er hatte nichts.&#8220; In letzter Zeit streite sie jeden Tag mit ihm, er schlage sie. Am liebsten w\u00fcrde sie weglaufen, nur wohin? Wie soll sie nach Vila kommen? Sie hat sich im Hospital in Lenakel sterilisieren lassen, weil sie keine Kinder mehr will. Margret scheint froh, sich einmal alles von der Seele reden zu k\u00f6nnen. Bei mir, der Fremden, f\u00e4llt ihr das leicht.<\/p>\n<p>Die Leute von der <em>Resolution<\/em> waren damals entsetzt \u00fcber das Los der Frauen auf Tanna. &#8222;Die M\u00e4nner bezeigen nicht die geringste Achtung gegen die Weiber, indes diese auf den kleinsten Wink gehorchten und oft den Dienst von Lasttieren versehen mussten&#8220;, schrieb Georg Forster. Auch John Paton, Rons missionarischer Verwandter, berichtet von der niedrigen Stellung der Frauen auf Tanna, den &#8222;down-trodden slaves&#8220;, die von den M\u00e4nnern geschlagen und missbraucht werden.<\/p>\n<p>Die Menschen haben sich ver\u00e4ndert, die Solfataren sind geblieben. Es ist dr\u00fcckend hei\u00df und stinkt nach faulen Eiern. Der Dschungel um uns herum ist so dicht geworden, dass die Luft steht. &#8222;Vorsicht!&#8220;, ruft Margret, nach meiner Hand fassend. Auf der ockerfarbenen Erde unter unseren F\u00fcssen zeigen sich schmierige Bel\u00e4ge, gleich daneben ist der Boden hei\u00df und dampft. Etwas weiter oben, inmitten von Palmen, Banyans und Farnb\u00e4umen dann eine kleine Lichtung mit einem gelblich-wei\u00dfen H\u00fcgel, auf dem aus mehreren \u00d6ffnungen \u00fcbelriechende Gase und Wasserdampf entweichen: der hei\u00dfe Atem des Yasur.<\/p>\n<p>Margret zeigt den Hang hinauf. &#8222;Da oben liegt unser Garten. Wir bauen Mais, Auberginen, Bananen, K\u00fcrbis, Limonen an. Wir haben genug &#8230; Wollt ihr etwas davon? Da ist auch mein Mann!&#8220;, ruft sie pl\u00f6tzlich freudig. Wir entdecken einen kr\u00e4ftigen jungen Mann auf einem Acker, der in unsere Richtung winkt. Margret eilt ihm entgegen. Der Streit scheint begraben, es geht um Wichtigeres \u2013 um Tauschgesch\u00e4fte. Margret weist auf ihr verwaschenes T-Shirt und ihren langen bunten Rock: &#8222;Das ist alles, was ich besitze! Hast du vielleicht einen Rock f\u00fcr mich?&#8220;<\/p>\n<p>Wieder an Bord w\u00fchle ich in den Schapps passende Klamotten heraus, und am n\u00e4chsten Morgen gibt&#8217;s einen fr\u00f6hlichen Tausch gegen Inselkohl, Taro und Karotten.<\/p>\n<p>Wie es wohl bei den gro\u00dfen Tauschgesch\u00e4ften auf den Sandelholzbooten zuging? Nach Cooks Aufenthalt hatten die Insulaner wegen ihres schlimmen Rufs als wilde Kannibalen kaum Kontakt zu Wei\u00dfen gehabt. Diese Aus-der-Welt-Situation war erst beendet, als Mitte des 19. Jahrhunderts Sandelholz und Seegurken auf den Inseln entdeckt wurden. Die H\u00e4ndler brachten die Inselbewohner schnell auf den Geschmack ihrer Tauschwaren: \u00c4xte, Messer, Angelhaken, Glasflaschen, Tabak, Tonpfeifen, Kleidung und Stoffe. F\u00fcr ein St\u00fcck Eisen konnte man eine ganze Schiffsladung voll Sandelholz kaufen \u2013 tolle Schn\u00e4ppchen! Skrupellose H\u00e4ndler schreckten nicht einmal davor zur\u00fcck, Menschen zu kidnappen und als Tauschobjekte einzusetzen: Das funktionierte bestens, weil zwischen Tanna und Erromango ewiger Kriegszustand herrschte und die jeweiligen &#8222;Feinde&#8220; begehrt waren. Was mit ihnen passierte, scherte die H\u00e4ndler nicht. Enorme Profite wurden gemacht und auf Aneityum, Erromango und Tanna sogar Handelszentren er\u00f6ffnet. Mit der Verknappung des Holzes boten die H\u00e4ndler den Einheimischen auch teure Musketen und Pulver, wodurch die Bewohner der K\u00fcste denen im Inland weit \u00fcberlegen waren und die fein ausgewogene Macht auf Tanna aus der Balance geriet. Die Folge war ein schier endloser Krieg. &#8222;Die Sandelholzh\u00e4ndler sind eine Klasse der gottlosesten M\u00e4nner, grausam und niedertr\u00e4chtig, dass wir uns sch\u00e4men, sie unsere Landleute zu nennen&#8220;, wetterte John Paton.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Laut Max haben die meisten Bewohner Tannas (ca. 19000) ihre traditionelle Lebensart, das &#8222;Kastom&#8220;, beibehalten oder sind zu ihr zur\u00fcckgekehrt, wobei sie sich allerdings in vielen ihrer Rituale der modernen Welt angepasst haben. Das gilt ebenso f\u00fcr die Anh\u00e4nger des John-Frum-Kults \u2013 wie hier stellen sie auch auf Efate und Aniwa ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung. \u00dcber diese Bewegung wusste ich nur, dass es sich um eine Art Cargo-Kult handelt. Doch im Gegensatz zum Cargo-Kult, der im Zweiten Weltkrieg entstand und dessen Anh\u00e4nger glauben, dass durch Vermittlung von Geistern zu ihren Wohle gro\u00dfe Mengen europ\u00e4ischer G\u00fcter als &#8222;cargo&#8220; (Fracht) in Schiffen und Flugzeugen von \u00dcbersee zu ihnen kommen werden, wurde die John-Frum-Bewegung bereits 1938 ins Leben gerufen und hatte zun\u00e4chst nichts mit den Amerikanern zu tun. Der amerikanische Einfluss darauf kam erst sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Zu diesen John-Frum-Anh\u00e4ngern geh\u00f6ren auch die Bewohner eines kleinen Dorfes in unserer N\u00e4he. Fr\u00f6stelnd hocken sie vor den Eing\u00e4ngen ihrer Bl\u00e4tterh\u00fctten und warten auf Sonne. Nach mehreren Regeng\u00fcssen ist die Luft erheblich abgek\u00fchlt. Niemand hier ist auf schlechtes Wetter eingestellt: M\u00e4nner tragen kurze Hosen, Frauen Wickelr\u00f6cke und T-Shirts.<\/p>\n<p>Wir fragen nach dem Chief. Eine junge Frau, die Englisch radebrecht, f\u00fchrt uns den H\u00fcgel hinauf, vorbei an einem roten Holzkreuz (Symbol des Kultes, abgeschaut im Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Ambulanz), ein paar alten Grabsteinen und einem gl\u00e4nzenden Edelstahltank, auf dem sich die Dorfjugend wie auf einem Affenfelsen niedergelassen hat und sich in der gerade durchbrechenden Sonne w\u00e4rmt. &#8222;Aus der <em>Donella<\/em>?&#8220; Die Jugend nickt fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Oben angelangt, spricht unsere Begleiterin mit einem \u00e4lteren Mann, der Holzst\u00fccke sortiert. &#8222;Narua, Chief&#8220;, stellt sie ihn kurz vor und eilt den H\u00fcgel wieder hinunter.<\/p>\n<p>&#8222;Sori tomas, mi no toktok Inglis&#8220;, entschuldigt sich das Dorf-Oberhaupt. Er deutet mit einer Geste an, wir k\u00f6nnten auf einem Holzstapel Platz nehmen, und ruft seinen erwachsenen Sohn Russell, der Englisch spricht. Er will Lehrer werden und hat in Vila die h\u00f6here Schule besucht, aber nun sei diese bankrott. &#8222;Lange Zeit gab es nur christliche Schulen in Vanuatu, aber auch jetzt ist es nicht gut bestellt mit der Schulbildung&#8220;, beschwert er sich. Vater und Sohn sind nicht zufrieden mit der westlich orientierten Politik in Vila: &#8222;Einige Ideen der Europ\u00e4er sind gut f\u00fcr uns, andere sehr schlecht! Unsere Leute wollen das Land nach eigenen Vorstellungen regieren.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was w\u00fcrdet ihr euch von der Regierung w\u00fcnschen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dass unser Dorf endlich S\u00fc\u00dfwasser bekommt! Bisher sammeln wir Regenwasser, zum Beispiel im Tank der gestrandeten Yacht. Wir besitzen zwar eine Pumpe, aber die pumpt nur schlechtes Wasser, der Brunnen liegt zu nahe am Meer.&#8220;<\/p>\n<p>Russel hilft dem Vater beim Bau einer neuen H\u00fctte. Seine Br\u00fcder sind Fischer, seine Schwestern bestellen die G\u00e4rten und kochen das Essen. Die J\u00fcngste gesellt sich zu uns. Sie wird bald heiraten, wie es Sitte ist: &#8222;Wenn ein Mann und ein M\u00e4dchen sich einig sind und er sie zu sich nehmen will, dann handeln die Eltern den Preis f\u00fcr die Tochter in Kavawurzeln und Schweinen aus.&#8220; Auch der Chief bekam diesen Preis, als seine \u00e4lteste Tochter mit ihrem Mann fortzog. Daf\u00fcr gab er den beiden K\u00f6rbe, Matten und viele andere Dinge. Als Ersatz f\u00fcr die Tochter muss eine weibliche Person zu den Brauteltern ziehen, meist eine Schwester des Br\u00e4utigams oder aber die erstgeborene Tochter des Paares ab dem 8. bis 10. Lebensjahr. Sie muss mit den Brauteltern leben und diese sind verantwortlich f\u00fcr sie. Wenn nichts dagegen spricht, darf die leibliche Mutter ihre Tochter gelegentlich besuchen und umgekehrt.<\/p>\n<p>&#8222;Der Mutter ihr Kind wegnehmen, was hat das f\u00fcr einen Sinn?&#8220;, frage ich best\u00fcrzt. Der Chief l\u00e4chelt: Traditionen stellt man nicht in Frage.<\/p>\n<p>Der Abend bricht herein: F\u00fcr Chief und Sohn ist es Zeit, zum Nakamal zu gehen, dem Platz im Dorf, wo sich die M\u00e4nner treffen, um miteinander Kava zu trinken und die Ereignisse des Tages zu besprechen.<\/p>\n<p>Alles scheint mir fast wie zu Cooks Zeiten, als Georg Forster die nat\u00fcrliche Freundlichkeit der Menschen lobte: &#8222;Sie gestatteten uns, ihre H\u00fctten zu besuchen, und lie\u00dfen uns mitten unter sich sitzen, wie es sonst nur den Mitgliedern der Familie geziemt.&#8220;<\/p>\n<p>In den Augen der Europ\u00e4er des 18. Jahrhunderts waren die Bewohner Tannas ein Naturvolk ohne hierarchische Strukturen und ohne Sinn f\u00fcr Kommerz. Doch das Bild des &#8222;Edlen Wilden&#8220;, das von den franz\u00f6sischen Philosophen der Aufkl\u00e4rung verbreitete wurde, verkehrte sich schon bald ins Gegenteil: &#8220; Verrat, Kriegs- und Mordlust gelten als ihre Hauptz\u00fcge, fast \u00fcberall scheuen sich die europ\u00e4ischen Seeleute, das Land zu betreten, und auch die Missionare stellen sie auf eine sittlich \u00fcberaus niedrige Stufe &#8230;&#8220;, hei\u00dft es in einer geografischen Abhandlung von 1875. &#8222;Man darf nicht vergessen, dass gerade die Bewohner der Neuen Hebriden mehr als alle \u00fcbrigen Melanesier in dem letzten halben Jahrhundert von den Europ\u00e4ern misshandelt, von verworfenen Seeleuten bestohlen, verwundet, gemordet, in die Sklaverei gef\u00fchrt sind, und man wird daher die Gr\u00e4ueltaten begreiflich finden &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Der &#8222;clash of cultures&#8220; hatte das Jahrtausende alte Weltbild der Insulaner ins Wanken gebracht, sie verunsichert, gedem\u00fctigt, gespalten. Verzweifelt suchten sie einen R\u00fcckweg zu selbstbestimmtem Leben. Viele fanden es im John-Frum-Kult.<\/p>\n<p>&#8222;Als ich ein kleiner Junge war, kam John Frum, um mit meinem Vater und anderen Leuten zu sprechen&#8220;, berichtet Ronnie, ein etwa 60-j\u00e4hriger Dorfbewohner, ein paar Tage sp\u00e4ter w\u00e4hrend eines Gespr\u00e4chs mit Andrian und mir. Dazu hatte er sich bereit erkl\u00e4rt, weil er verst\u00e4ndliches Englisch spricht und &#8222;Kommodore&#8220; des &#8222;Yacht Club&#8220; ist: Es war seine Idee, die Bungalows mit Unterst\u00fctzung eines Neuseel\u00e4nders und anderer Ratgeber zu bauen.<\/p>\n<p>&#8222;Einige Leute sagen, er war eine reale Person, andere, er war ein Geist. Mein Vater erz\u00e4hlte mir, dass es ein wei\u00dfer Mann gewesen ist, so wie du einer bist (er blickt zu Andrian), zugleich aber doch einer von uns, denn er kannte unsere Sprache. Er hatte einen Spazierstock bei sich und trug ein wei\u00dfes Jackett mit blinkenden Kn\u00f6pfen. Die Leute f\u00fchlten sich von ihm verstanden, und was er prophezeite, das traf sp\u00e4ter auch wirklich ein. Er sagte, wir k\u00f6nnten auch Flugzeuge und Trucks haben. Damals hatte auf Tanna noch keiner von uns ein Flugzeug oder Auto gesehen. Aber dann kamen tats\u00e4chlich Flugzeuge und Autos auf die Insel. Er sagte auch, wir sollten zu unserem Kastom stehen &#8230;<\/p>\n<p>Es gibt viele Dinge, die von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr uns sind, etwa die Steine \u2013 ganz spezielle Steine, mit denen man vieles bewirken kann, denn sie haben magische Kr\u00e4fte: Legen wir zum Beispiel bestimmte Bl\u00e4tter auf einen bestimmten Stein, dann w\u00e4chst ein bestimmter Baum schneller oder tr\u00e4gt eher Fr\u00fcchte. Und im Garten muss man die Bl\u00e4tter einer Pflanze erst mit dem Stein in Ber\u00fchrung bringen, damit die Saat aufgeht. Aber wir d\u00fcrfen die Steine nicht zeigen: F\u00fcr Fremde sind sie tabu! Es gibt auch nur noch wenige, denn die Missionare nahmen uns viele und warfen sie ins Wasser. Sie waren sehr streng &#8230; \u2013 und dann kam John Frum und sagte, wir sollten unser Kastom behalten und dass er eines Tages wiederkommt und uns Reicht\u00fcmer bringt, damit wir so leben k\u00f6nnen wie die Menschen in Europa &#8230; Sein Erscheinen hat die Leute hier sehr bewegt. Es gab ein gro\u00dfes Treffen der Bigmen auf Tanna, und das war der Beginn der John-Frum-Bewegung.&#8220;<\/p>\n<p>Das mit den Reicht\u00fcmern h\u00f6re sich f\u00fcr Au\u00dfenstehende etwas l\u00e4cherlich an, so, als ob sie nicht arbeiten wollten, weil alles irgendwann vom Himmel f\u00e4llt, meint Andrian.<\/p>\n<p>Ronnie ist irritiert: &#8222;Die meisten von uns glauben an John Frum und warten. Die Christen warten doch auch auf den Erl\u00f6ser. Sie glauben doch auch, dass er eines Tages kommt und ihnen das Himmelreich bringt, und halten Ausschau nach ihm. Der Unterschied ist nur, dass John Frum wirklich bei uns war \u2013 als ein Mensch, versteht du? Seitdem viele unsere Leute aber ins Gef\u00e4ngnis mussten, kam er nur noch als Geist&#8230; &#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Eure Leute haben uns erz\u00e4hlt, dass John Frum mit 5000 Soldaten im Vulkan sitzt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mein Gro\u00dfvater hat mir von einem Tunnel im Vulkan berichtet, der direkt nach Amerika zu John Frum f\u00fchrt&#8220;, meint Ronnie z\u00f6gernd. &#8222;Und als der Vulkan jetzt wieder aktiv wurde, gro\u00dfen L\u00e4rm machte und Feuer und Steine spuckte, haben sich die Leute ge\u00e4ngstigt, aber sie glauben weiterhin, dass es etwas Gutes ank\u00fcndigt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was hat es eigentlich mit dem roten Kreuz am Eingang eures Dorfes auf sich und wozu die Flagge der American Navy?&#8220;, wollen wir wissen.<\/p>\n<p>&#8222;Das rote Kreuz bedeutet \u203aErschie\u00dft uns nicht!\u2039, unser Dorf ist \u203aneutral\u2039. Viele meinen auch, dass es etwas mit Christus zu tun hat, weil John Frum zur Familie von Christus geh\u00f6rt, der gekreuzigt wurde. Die Fahne gab uns die <em>World Discoverer<\/em>, die vor einiger Zeit in der Bucht ankerte. Tanna-Leute glauben, dass John Frum ein Navy-Mann ist, weil die Amerikaner w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges eine Nachricht auf die Insel geschickt haben: Menschen aus Tanna sollten zur Army kommen. Damals wurden 1000 Leute aus Tanna von einem amerikanischen Schiff nach Port Vila gebracht, um beim Entladen der Schiffsfrachten zu helfen.&#8220;<\/p>\n<p>Andrian: &#8222;Da kamen sie dann mit den von John Frum verhei\u00dfenen Reicht\u00fcmern in Ber\u00fchrung &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja &#8230;, mein Vater hat damals die Leute auf der Insel f\u00fcr den Transport gesammelt.&#8220;<\/p>\n<p>War sein Gro\u00dfvater vielleicht der alte Chief, der den Missionar John Paton vor seinen M\u00f6rdern versteckte, schie\u00dft es mir durch den Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Mein Vater war der Bruder des Chiefs von Port Resolution&#8220;, erkl\u00e4rt Ronnie. John Paton lebte auf dem H\u00fcgel, den jetzt das Resort einnimmt, weil dort immer ein frischer Wind weht. Er zog dorthin, nachdem seine Frau und sein Kind unten am Ufer, wo die Familie anfangs lebte, gestorben waren. An der Stelle, auf der jetzt diese Restauranth\u00fctte steht \u2013 also genau hier, wo wir jetzt sind (wir sitzen auf der Veranda) \u2013 baute er die Kirche.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;War dein Gro\u00dfvater Kannibale?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sicher, das waren damals die meisten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Tannas Regenmacher hat seinen Magie-Stein weggepackt. Am Morgen weckt uns strahlender Sonnenschein. Als wir mit dem Dingi anlanden, stehen Andrian und Roman schon am Strand. Sie sind von ihrem Binnenlandausflug zur\u00fcckgekehrt. Als G\u00e4ste des Aneityum-Lehrers haben sie in dessen Heimatdorf an einer Kava-Sitzung und sogar an einer Initiationsfeier teilgenommen: Viele Leute der umliegenden D\u00f6rfer seinen gekommen und an die 40 Schweine geschlachtet worden. Sie wurden mit dem Nationalgericht Laplap \u2013 &#8222;es schmeckt genauso wie es hei\u00dft&#8220; \u2013 versorgt und nahmen an einer Kava-Sitzung teil: Die Wurzel wurde von jungen M\u00e4nnern zerkaut, die Masse aus Kava und Speichel in einen Reissack gef\u00fcllt, \u00fcber einer gro\u00dfen Holzschale ausgewrungen und mit Wasser versetzt. Um nicht unh\u00f6flich zu wirken, h\u00e4tten sie tats\u00e4chlich eine Kokosschale voll der schlammigen Br\u00fche hinuntergest\u00fcrzt. Als Gastgeschenke erhielten sie Nambas (Grasb\u00fcschel, die an Bastg\u00fcrteln \u00fcber den Genitalien h\u00e4ngen) und Bastr\u00f6ckchen, die zu tragen sie sich bisher noch nicht entschlie\u00dfen konnten. Sogar ein lebendes Huhn hat man ihnen in die Arme gedr\u00fcckt. Als sie mit dem Pick-up im Aschenfeld stecken blieben, wussten sie nicht, wohin damit. Die Bediensteten im Resort waren darum nicht verlegen: Sie kochten es noch am sp\u00e4ten Abend f\u00fcr die m\u00fcden Heimkehrer in die &#8222;Tanna Soup&#8220;.<\/p>\n[&#8230;]\n<div class=\"su-button-center\"><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/inseln-jenseits-der-zeit\/#kaufen\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#111;background-color:#febd69;border-color:#cc9854;border-radius:5px\" target=\"_self\" title=\"Buch kaufen\"><span style=\"color:#111;padding:7px 20px;font-size:16px;line-height:24px;border-color:#ffd196;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:16px;color:#111\"><\/i> Buch kaufen<\/span><\/a><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/inseln-jenseits-der-zeit\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Buchvorstellung \u00a0\/\/ Zur Buchserie Leseprobe aus Kapitel 3 &#8222;Tanna&#8220;: arum gerade Tanna? 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