{"id":4182,"date":"2017-03-27T17:07:54","date_gmt":"2017-03-27T16:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?page_id=4182"},"modified":"2017-03-30T18:17:15","modified_gmt":"2017-03-30T17:17:15","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/alaska-japan\/leseprobe\/","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Alaska \u2013 Japan&#8220; (Heide Wilts)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/alaska-japan\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n<h2>Leseprobe aus Kapitel 7 &#8222;Midway-Atoll&#8220;:<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover09plus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3642 alignright\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cover09plus-640x1024.jpg\" alt=\"Buch: Alaska \u2013 Japan (Band 9)\" width=\"250\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Abschied von Kauai<\/strong><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">E<\/span>in Highlight unserer Reise nach Japan wird das entlegene Midway-Atoll sein, das die <em>Freydis<\/em> bereits auf ihrer ersten Alaska-Reise angelaufen hat. Dieses Riff mit seinen drei Sand- und Korallenkr\u00fcmeln auf halbem Weg zwischen Kalifornien und Japan ist ein einzigartiges Kleinod der Natur: Dort br\u00fcten von Dezember bis Juni rund zwei Millionen Seev\u00f6gel \u2013 davon mehr als eine Million Laysan- und Schwarzfu\u00df-Albatrosse!<\/p>\n<p>Die 1200-Meilen-Etappe von der Hawaii-Insel Kauai zum Midway-Atoll ist eine Nonstop-Passage: Alle Inseln und Riffe der Kette dazwischen sind streng gesch\u00fctzt und d\u00fcrfen ausschlie\u00dflich von autorisierten Personen betreten werden. Um Midway zu erreichen, m\u00fcssen wir voraussichtlich aus dem Passatg\u00fcrtel in die angrenzende Zone wechselnder Winde, die &#8222;Rossbreiten&#8220;, segeln. Vor vier Jahren war das harmlos auf dieser Strecke \u2013 mit St\u00fcrmen bekamen wir es erst vor den Aleuten zu tun. Aber damals sind wir auch erst Ende Mai gestartet, zu Beginn des Sommers, unser Ziel hie\u00df Alaska. Nun hei\u00dft es Japan, und wir m\u00fcssen Anfang Februar auslaufen.<\/p>\n<p>Seit drei\u00dfig Jahren segeln Erich und ich immer wieder gro\u00dfe Ozeanpassagen zu zweit. Auch wenn sich diese Langfahrten manchmal als schwieriger erwiesen als urspr\u00fcnglich angenommen, so blieben sie uns doch \u00fcberwiegend als besonders sch\u00f6n in Erinnerung. Deshalb waren wir uns diesmal schnell einig, dass wir die 4000 Seemeilen von den Hawaii-Inseln \u00fcber das Midway-Atoll nach Japan \u2013 von der Distanz mehr als eine Atlantik\u00fcberquerung \u2013 zu zweit angehen wollten.<\/p>\n<p>Die wenigen Tage im Hafen von Nawiliwili auf Kauai, unserem letzten Zwischenstopp vor Midway, nutzen Erich und ich zur Vorbereitung auf die lange Weiterreise. Wir bauen einen neuen Motor f\u00fcr die Selbststeueranlage ein, wechseln Lenzpumpen aus, \u00fcbernehmen Diesel und Wasser und kaufen Proviant f\u00fcr die n\u00e4chsten Monate.<\/p>\n<p>Vorsorglich legen wir auch unsere neueste Errungenschaft aus den USA auf dem Achterschiff bereit, einen fertig montierten &#8222;Jordan Drogue&#8220;. Dieser neu entwickelte Treibanker \u2013 viele kleine Bremsfallschirme hintereinander an langem Tau \u2013, vor dem man vor Top und Takel abl\u00e4uft, soll verhindern, dass das Boot im Sturm oder Orkan in hohen \u00fcberbrechenden Seen querschl\u00e4gt oder \u00fcber Kopf geht.<\/p>\n<p>Ausnahmsweise \u00fcbernimmt die Coastguard die Formalit\u00e4ten f\u00fcr die Ausklarierung nach Chichi-jima, Japan, denn der einzige Zollbeamte der Insel ist inzwischen pensioniert. Die Beamten w\u00fcnschen uns viel Gl\u00fcck. Auf See winken uns Buckelwale mit ihren langen Flossen zu und auf geht&#8217;s bei Sonnenschein und leichten s\u00fcdlichen Winden gen Westen.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tten wir Midway gestrichen und den Kurs \u00fcber den Passatg\u00fcrtel nach Japan gew\u00e4hlt, wenn wir geahnt h\u00e4tten, was uns das Wetter auf den n\u00e4chsten 2000 Meilen beschert: von wegen &#8222;leichte Winde&#8220; in den Rossbreiten! Bereits nach 12 Stunden, um Mitternacht, dreht der sch\u00f6ne Ostwind \u00fcber S\u00fcdwest auf West und legt im Laufe des Tages auf 7-8 Windst\u00e4rken zu. L\u00e4ngst haben wir unter doppelt gerefftem Gro\u00dfsegel beigedreht und driften mit zwei Knoten nach S\u00fcden, weg von den Inseln und Riffen, an denen wir uns doch ganz gem\u00fctlich hatten entlanghangeln wollen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Rossbreiten-Hoch weit nach S\u00fcden in Richtung \u00c4quator gewandert und an seiner Nordflanke blasen uns starke westliche Winde entgegen. Dazu \u00fcberrascht uns alle paar Tage ein neues Tief mit Winddrehungen \u00fcber S\u00fcd auf S\u00fcdwest, Frontdurchgang und f\u00fcr einige Tage Schwerwetter. Zwar dreht der Wind anschlie\u00dfend wieder langsam auf Nord, bringt Wetterbesserung und ein paar Stunden herrlichen Ostwind. Doch schon rauscht das n\u00e4chste Tief an, und das Spiel beginnt von vorn.<\/p>\n<p><strong>Giftgas mit Starkwind<\/strong><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">W<\/span>ir haben keine Wahl mehr. M\u00fchsam k\u00e4mpfen wir uns gegen die vorherrschenden Winde nach Westen, versuchen jede kleinste Winddrehung zu nutzen, werden gebeutelt und gesto\u00dfen von einer rauen, durch die Meeresstr\u00f6mungen chaotischen See. Segeln zum Abgew\u00f6hnen! So geht das Tag f\u00fcr Tag.<\/p>\n<p>Umso glatter l\u00e4uft alles an Bord. Erich und ich verstehen uns ohne viele Worte. Wir sind aufeinander eingespielt, arbeiten Hand in Hand und sichern uns gegenseitig bei den Man\u00f6vern. Einziger Haken: Wir leiden beide unter Seekrankheit. Um den Magen zu beruhigen, schlucken wir gelegentlich Vomex-Dragees. Au\u00dferdem habe ich mir zur Sicherheit auch ein Scopodern-Pflaster hinters Ohr geklebt. Wenn einer von uns zu m\u00fcde, seekrank oder sonst irgendwie unp\u00e4sslich ist, \u00fcbernimmt automatisch der andere die Wache \u2013 unsere Wachzeiten sind flexibel. Beim Reffen ist unsere Devise &#8222;besser zu fr\u00fch als zu sp\u00e4t&#8220;. Dann kommt nie zu viel Druck auf die Segel und die Gefahr von Unf\u00e4llen oder Materialsch\u00e4den wird minimiert.<\/p>\n<p>Auf halbem Wege nach Midway bemerken wir Abgase im Schiff. Erich kontrolliert das Auspuffsystem im Maschinenraum und stellt fest, dass eine Schwei\u00dfnaht am Flansch der Hauptmaschine eingerissen ist. Die Hauptmaschine aber brauchen wir jeden Tag ein bis zwei Stunden zum Laden der Batterien: Die beiden starken Verbraucher \u2013 die Tiefk\u00fchlbox und vor allem die Selbststeueranlage \u2013 wollen versorgt sein, denn der Dieselgenerator hat schon in Mexiko seinen Geist aufgegeben und der mobile Honda Benzingenerator kann bei dem rauen Wetter und der st\u00e4ndig \u00fcberkommenden See nicht an Deck aufgestellt werden.<\/p>\n<p>Sobald die Hauptmaschine l\u00e4uft, m\u00fcssen wir an die frische Luft, sonst ziehen wir uns eine Kohlenmonoxid-Vergiftung zu. Kopfschmerzen und \u00dcbelkeit bleiben trotzdem nicht aus. Was machen wir nur, wenn das Auspuffrohr ganz bricht und abrei\u00dft? Nur unter Segeln, ohne Maschine, k\u00f6nnen wir uns kaum in die schmale, str\u00f6mungsreiche Passage wagen, die zum kleinen Hafen des Midway-Atolls f\u00fchrt. Sie ist nicht ungef\u00e4hrlich, das wissen wir von unserem letzten Besuch, und sie hat schon etliche Schiffe auf dem Gewissen.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter Entsetzen: Das Auspuffrohr ist abgebrochen. Erich fixiert es notd\u00fcrftig mit Draht und kr\u00e4ftigen Expander-Gummis am Flansch. Doch das \u00e4ndert nichts an der Tatsache: Die Maschine darf nur noch im Notfall eingesetzt werden. Das Rohr muss geschwei\u00dft werden.<\/p>\n<p>Sollen wir zur\u00fccksegeln? Aber Kauai liegt nun ebenso weit entfernt im Osten wie Midway im Westen \u2013 600 Meilen! Und wer wei\u00df, ob der Wind nicht bald dreht. In der Hoffnung, dass es an unserem Ziel eine Werkstatt und einen Schwei\u00dfer gibt, beschlie\u00dfen wir weiterzulaufen.<\/p>\n<p>Der Wind dreht am Mittag des folgenden Tages, es ist der 6. Februar, auf SSW: &#8222;Wir laufen wie geschmiert, 6-7, manchmal sogar 8 Knoten!&#8220;, freut sich Erich, nachdem wir die Segel ausgerefft und gefiert haben. Endlich gut vorankommen, endlich frische Luft durch ge\u00f6ffnete Luken, endlich Ruhe im Schiff! Balsam f\u00fcr die strapazierten Nerven.<\/p>\n<p>Warum sich Sorgen machen? Niemand ist \u00fcber Bord gegangen. Und das Rohr, das kriegen wir schon wieder hin! Wir fassen gerade wieder Mut, als Erich bei der Kontrolle der Bilgepumpe einen Bruch am Verteiler unter der Niedergang-Treppe feststellt. &#8222;Jemand muss da drauf gestanden haben&#8220;, brummt er. Und das bedeutet wieder ein paar Stunden Arbeit im schwankenden Boot f\u00fcr ihn, um ein Provisorium anzufertigen.<\/p>\n<p>Als wir am Maro Reef vorbei sind, k\u00f6nnen wir Midway sogar vor\u00fcbergehend anliegen. In der Luft sehen wir immer mehr Laysan- und Schwarzfu\u00df-Albatrosse: Sie haben ihre Nistpl\u00e4tze auf den Inseln und sind auf der Suche nach Futter f\u00fcr ihre Jungen. Doch im Meer schwimmt nicht nur Fisch, sondern auch eine Menge Plastik: W\u00e4hrend meiner Wache entdecke ich eine abgebrochene Stuhllehne, eine Flasche, einen 5-Liter-Kanister, mehrere Plastikt\u00fcten und einen Styropor-Kasten. Und das ist nur Makrom\u00fcll. Klein- und Kleinstteile landen leider oft in den M\u00e4gen der V\u00f6gel.<\/p>\n<p>Erich klagt zunehmend \u00fcber Kopfdruck, mir ist sowieso kotz\u00fcbel. Nat\u00fcrlich machen wir uns Gedanken, wie wir auf Midway empfangen werden. Die Naturschutz-Bestimmungen sollen strenger geworden sein. Das ist zwar ganz in unserem Sinne, aber wir wissen auch, dass diese Bestimmungen recht unterschiedlich ausgelegt werden. Sind Segelboote \u00fcberhaupt willkommen?<\/p>\n<p>Au\u00dferdem haben wir bereits aus den USA ausklariert, d\u00fcrfen offiziell also gar nicht mehr anlanden. Wir hoffen trotzdem, dass wir auf diesem entlegenen Eiland, fern der B\u00fcrokratie, Verst\u00e4ndnis finden f\u00fcr unsere Situation.<\/p>\n<p>Am 8. und 9. Februar liegen wir wieder einmal beigedreht, nun aber am Nordrand eines sich ausdehnenden Hochs. Daraus weht es mit 40 bis 50 Knoten in ein Orkantief, das dicht n\u00f6rdlich an uns vorbeizieht. G\u00fcnther aus dem Taunus, unser Wetterfrosch, mit dem wir fast t\u00e4glich \u00fcber Iridium-Handy in Verbindung stehen, spricht uns Mut zu. Der Sturm wird in den n\u00e4chsten 24 Stunden abnehmen, der Wind aber nicht drehen, sondern weiter aus West blasen. Keine Aussicht auf eine grundlegende \u00c4nderung. Also bei\u00dfen wir die Z\u00e4hne zusammen und qu\u00e4len uns tagelang weiter gegenan. Besonders unangenehm ist die See, wenn der Wind gegen den Strom steht. Das Schlimmste aber sind die langen, dunklen N\u00e4chte bei Neumond. Dann ist die Bolzerei besonders unertr\u00e4glich, weil man die Brecher nicht sieht, die aufs Boot eindreschen. Man kann sich nicht auf die Schl\u00e4ge einstellen. Wir \u00fcberlegen, ob wir schon einmal so eine schreckliche Fahrt hatten. Wir k\u00f6nnen uns auch an einige Strecken erinnern, aber sie waren nie so lang \u2026<\/p>\n<p>Der Wind l\u00e4sst nur langsam nach. Endlich, am zw\u00f6lften Tag, bringt uns der letzte Kreuzschlag in Lee des Midway-Atolls bis dicht ans Riff. Wir drehen bei, kontrollieren Abstand und Drift mit dem Radar und warten auf den Morgen. Der Wind weht nur noch mit drei bis vier Windst\u00e4rken aus Westen. Nach dem Get\u00f6se der vergangenen Tage genie\u00dfen wir diese Ruhe umso mehr.<\/p>\n<p>Um 08.30 Uhr geht die Sonne auf. Rosa Morgenlicht und der Himmel voller V\u00f6gel. Was f\u00fcr ein traumhafter Anblick!<\/p>\n<p><strong>Schneewittchen-Gef\u00fchle<\/strong><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">M<\/span>idway ist ein Atoll von rund f\u00fcnf Meilen Durchmesser. Die Vulkaninsel selbst ist l\u00e4ngst untergegangen. Nicht aber das umgebende Korallenriff, das weiter gewachsen ist und auf dem sich mit der Zeit drei Riffinseln aus Korallenschutt und Sand aufgebaut haben. Die gr\u00f6\u00dfte ist Sand Island.<\/p>\n<p>Wir melden uns \u00fcber UKW auf der Station, schildern unsere Situation und starten die Maschine. Eine Stunde sp\u00e4ter liegen wir im kleinen Innenhafen von Sand Island an der Pier, wo uns Math, der Stationsleiter, und Toby, der 1. Ingenieur, schon erwarten: &#8222;Stinkt alles nach Abgasen. Mir wird schon \u00fcbel, wenn ich da nur reinschaue!&#8220;, r\u00fcmpft Toby die Nase, als er den Schaden begutachtet, und ist erst einmal schnell wieder von Bord.<\/p>\n<p>Die Insel entsch\u00e4digt uns mit ihren einmaligen Naturwundern f\u00fcr alle M\u00fchsal: Hier sind gerade \u00fcber 420 000 Paare von Laysan- und 24 000 Paare von Schwarzfu\u00df-Albatrossen am Balzen, Br\u00fcten oder mit der Aufzucht ihrer Jungen besch\u00e4ftigt. Wenn man die Jungv\u00f6gel mitz\u00e4hlt, sind es sogar weit \u00fcber eine Millionen Albatrosse!<\/p>\n<p>Ich kann kaum beschreiben, wie gl\u00fccklich ich hier bin. Nicht nur, weil der Auspuff repariert wird, sondern weil ich mich, inmitten all der tapsenden, tanzenden, trompetenden, schnabelklappernden Albatrosse f\u00fchle wie im M\u00e4rchen \u2013 wie Schneewittchen bei den, nicht sieben, sondern 1,5 Millionen Zwergen!<\/p>\n<p>Die gefiederten Wichte, die kaum Scheu vor mir zeigen, sind \u00fcberall, sitzen oder wandern auf allen Stra\u00dfen, Wegen, Wiesen, Waldfl\u00e4chen und Str\u00e4nden, spazieren durch alle G\u00e4rten und offenen T\u00fcren. Sogar die <em>Freydis<\/em> haben einige schon besucht.<\/p>\n<p>Mit dem gasbetriebenen Cart, das uns der Stationsleiter Math zur Verf\u00fcgung gestellt hat, k\u00f6nnen wir nur Slalom fahren und m\u00fcssen immer wieder anhalten, wenn sich Gruppen junger Erwachsener auf offener Stra\u00dfe zanken und Schnabelgefechte liefern oder wenn sie in Tanz- Ekstase die Welt um sich herum vergessen. Aber was macht das schon, wenn die einzigen Termine die Mahlzeiten im &#8222;Clipper House&#8220; sind? Dass wir&#8217;s trotzdem eilig haben, liegt allein an Mr. Pongs Kochk\u00fcnsten. Und was f\u00fcr eine k\u00f6stliche Torte er f\u00fcr mich gebacken hat an meinem Geburtstag!<\/p>\n<p>K\u00fcchenchef Pong geh\u00f6rt zu den etwa 50 Thail\u00e4ndern, die f\u00fcr mindestens ein Jahr unter Vertrag stehen. Sie arbeiten in der Werkstatt, im Restaurant, in den G\u00e4rten und der Hydrokultur-Anlage, auf dem Flugplatz und wo immer sie sonst noch gebraucht werden. Ihre Freundlichkeit macht die Insel f\u00fcr uns zu einem kleinen &#8222;Land des L\u00e4chelns&#8220;.<\/p>\n<p>Dass uns das L\u00e4cheln nicht vergeht, daf\u00fcr sorgt auch die Hilfsbereitschaft einiger Amerikaner: Toby zum Beispiel schwei\u00dft mit seinem Thai-Gehilfen Poem nicht nur das Auspuffrohr, sondern baut auch gleich noch eine solide Aufh\u00e4ngung daf\u00fcr im Maschinenraum. Tracy, die Leiterin des Besucherzentrums (wir sind derzeit die einzigen Besucher) ist eine kompetente Ansprechpartnerin in Sachen Naturschutz, V\u00f6gel und Meerestiere und bleibt kaum eine Antwort auf unsere vielen Fragen schuldig. Und wie dankbar bin ich Darlin, der gewichtigen Eskimodame aus Anchorage, dass sie uns zum Flugplatz begleitet, um uns dort einen ganz besonderen Gast vorzustellen, falls er nicht gerade ausgeflogen ist. Wir haben Gl\u00fcck und entdecken ihn nach einigem Suchen: Wie ein einzelner L\u00f6wenzahn auf einer Wiese voller G\u00e4nsebl\u00fcmchen ragt er dort aus den Laysans, die neben der Rollbahn nisten. Der Supervogel ist ein weiblicher Kurzschwanz-Albatros, deutlich gr\u00f6\u00dfer als seine Verwandten, mit goldgelbem Kopfgefieder und gewaltigem, hellrosa Schnabel. Als einzige Vertreterin einer sehr seltenen Art, die bisher nur auf der japanischen Vulkaninsel Tori-shima br\u00fctet und mit einer Gesamtpopulation von rund 60 Paaren angegeben wird, ist sie auf Midway eine echte ornithologische Sensation. Ihr scheint das weniger zu gefallen: Ziemlich verloren sitzt sie auf einem verlassenen Laysan-Ei und wartet seit vielen Wochen auf ihren Partner. Der m\u00fcsste schon lange da sein. Lost at sea?<\/p>\n<p><strong>Blutzoll und Plastiksuppe<\/strong><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-flat\" style=\"font-size:1.5em\">B<\/span>isher haben die Albatrosse alle menschlichen Eingriffe \u00fcberlebt: Zuerst die japanischen Feder- und Eiersammler, dann die &#8222;Pacific Cable Companie&#8220;, die 1903 von Midway aus einen Teil des weltumspannenden Kabel-Kommunikationssystems installierte, als N\u00e4chstes die &#8222;Trans Pacific Flying Clipper&#8220;-Wasserflugzeuge der &#8222;Pan American Airlines&#8220; in den 1930ern und selbst den Zweiten Weltkrieg mit der Auftankstation f\u00fcr die amerikanischen U-Boote und der Schlacht um Midway. Noch bis 1996 haben sie ihren Brutplatz mit 3000 hier stationierten Marinesoldaten geteilt, und bis heute ertragen sie die Rollbahn und den Tower, obwohl diese einen st\u00e4ndigen Blutzoll von ihnen fordern.<\/p>\n<p>Doch verglichen damit sind die Herausforderungen, denen sie nun ausgesetzt sind, viel gewaltiger und zudem allgegenw\u00e4rtig! Denn selbst an einem so entlegenen Winkel der Erde, in dem nun, nach Abzug des Milit\u00e4rs, scheinbar alles wieder einen paradiesischen Gang nimmt, greift der lange Arm der menschlichen Zivilisation ein: durch den Klimawandel, der besonders diese flachen Riffinseln bedroht, durch die Longline-Fischerei, falls diese Praktiken nicht bald ge\u00e4ndert werden, und durch die wachsende Verschmutzung der Meere.<\/p>\n<p>Expeditionen und wissenschaftliche Untersuchungen haben in j\u00fcngster Zeit eine kreisf\u00f6rmige Str\u00f6mung zwischen Nordamerika und Asien nachgewiesen, in deren Zentrum die Hawaiikette liegt. In diesem Wirbel, der von der Erdrotation und den Winden in Gang gehalten wird, zirkulieren zig Millionen Tonnen an Kunststoffm\u00fcll oft jahrelang wie in einem Karussell, bis sie schlie\u00dflich nach und nach von anderen Str\u00f6mungen erfasst und weiterverteilt werden. &#8222;Great Pacific Garbage Patch&#8220; nennen Experten diese Plastiksuppe.<\/p>\n<p>Die Str\u00e4nde auf Midway gleichen einer M\u00fclldeponie. Hier wird neben toten Robben und strangulierten Seev\u00f6geln alles angeschwemmt, was Menschen ins Meer werfen oder was \u00fcber Bord f\u00e4llt: vor allem Nylonnetze, Schwimmk\u00f6rper von Netzen, Angelhaken, Angelleinen, Angelruten, Zahnb\u00fcrsten, K\u00e4mme, Verschlusskappen, Flaschen, Feuerzeuge, Kugelschreiber, Sandschippchen, Badetiere, Golfb\u00e4lle, T\u00f6pfe, Eimer, Yoghurtbecher, Plastikringe von Bierdosen-Sixpacks, CD-H\u00fcllen, CDs, sogar Fernseher und K\u00fchlschr\u00e4nke. Einen ganzen Haushalt k\u00f6nnte man sich zusammensuchen und gleich noch eine Anglerausstattung dazu.<\/p>\n<p>Volont\u00e4re sammeln vieles ein, aber man br\u00e4uchte eine ganze Kompanie, um die Str\u00e4nde fortw\u00e4hrend zu s\u00e4ubern. Und nicht nur die See sp\u00fclt den Plastikm\u00fcll an. Auch die Albatrosse bringen Kunststoff auf die Insel, nach Sch\u00e4tzung der Biologen jedes Jahr etwa f\u00fcnf Tonnen, und zwar als Futter f\u00fcr ihre Jungen. Seit Millionen von Jahren sammeln sie von der Meeresoberfl\u00e4che auf, was dort schwimmt. Sie haben nicht gelernt, Plastikst\u00fccke von ihrer normalen Nahrung, den Tintenfischen, zu unterscheiden. L\u00e4sst der Kunststoffanteil im Futter es zu, dass die Jungen die ersten Monate \u00fcberleben, dann sind sie auch meist imstande, die unverdaulichen Reste als &#8222;Gew\u00f6lle&#8220; auszuw\u00fcrgen. Normalerweise sind das Tintenfischschn\u00e4bel, nun aber sind es auch bunte, metallisch-schillernde Feuerzeuge, Kugelschreiber, Spielzeugfiguren, Verschlusskappen, Zahnb\u00fcrsten usw. Die ganze Insel ist dann \u00fcbers\u00e4t damit. Im &#8222;Visitor Center&#8220; sind neben besonders skurrilen Artefakten aus solchen Gew\u00f6llen auch R\u00f6ntgenaufnahmen von Albatrossen ausgestellt, deren Bauchraum von Feuerzeugen ausgef\u00fcllt ist. Auch wir entdecken viele tote Jungv\u00f6gel. Doch das &#8222;gro\u00dfe Sterben&#8220; beginnt erst noch, wenn die Tiere etwas \u00e4lter sind. Laut Tracy verenden 30 bis 40 Prozent vom Nachwuchs in jeder Saison.<\/p>\n<p>Die <em>Freydis<\/em> ist kein wissenschaftliches Expeditionsschiff, wir machen keine mikroskopischen oder chemischen Untersuchungen. Trotzdem ist uns in den 40 Jahren, in denen wir durch die Weltmeere segeln, nicht verborgen geblieben, dass Str\u00f6mungen daf\u00fcr sorgen, dass M\u00fcll und Giftstoffe, wo immer sie ins Meer gelangen, \u00fcber die ganze Erde verteilt werden und am Ende wieder bei uns landen. Ein kleiner Zeuge davon sitzt in meiner Vitrine: eines von 20 000 in Japan \u00fcber Bord gegangener Plastik-Entchen, das wir an einem einsamen Strand in Alaska fanden.<\/p>\n<p>Obwohl zurzeit das Bild der Insel von den Albatrossen gepr\u00e4gt wird, entdecken wir hier auch viele andere Vogelarten. Einige ruhen sich von der Wanderschaft aus, andere gehen ihrem Brutgesch\u00e4ft nach. Als wir das erste Mal nach Sonnenuntergang zu Fu\u00df vom Clipper House zur <em>Freydis<\/em> zur\u00fcckgingen, bekamen wir einen ganz sch\u00f6nen Schrecken. Pl\u00f6tzlich verd\u00fcsterte sich der Himmel \u00fcber uns und die Luft war voller dahinhuschender, -gleitender, -flatternder, -zwitschernder Schatten. Nun wissen wir&#8217;s: Es sind Sturmv\u00f6gel \u2013 genauer gesagt Bonin-Sturmv\u00f6gel mit einer Spannweite von immerhin 70 cm \u2013, die jeden Abend von ihrem Tag auf See zur\u00fcckkehren. Sobald sie gelandet und in ihren unterirdischen H\u00f6hlen verschwunden sind, endet das Spektakel so rasch, wie es begonnen hat.<\/p>\n<p>Auch andere Meerestiere suchen die Insel auf. Wenn wir mittags durch den Casuarinen-Hain zur Old Seaplane Ramp schlendern, k\u00f6nnen wir meist ein paar Hawaii-M\u00f6nchsrobben bewundern, die sich von ihrer n\u00e4chtlichen Jagd darauf ausruhen. Der angrenzende Strand ist dagegen der Lieblingsplatz Gr\u00fcner Meerschildkr\u00f6ten, die sich dort gern in der Sonne w\u00e4rmen. Ganz besonders sch\u00f6n ist es, fr\u00fchmorgens die Spinner-Delphine am Hafen vorbei in die Lagune zur\u00fcckkehren zu sehen. Dann vergesse ich oft, dass wir doch nach Japan wollen \u2026<\/p>\n<p>Schweren Herzens bereiten wir uns nach acht Tagen darauf vor, dieses lebenspralle Fleckchen Erde zu verlassen. Die Wetterprognose, die wir im Internet abfragten, ist g\u00fcnstig. Zwar bildet sich ein starkes Tief in Japan, aber Japan ist noch weit.<\/p>\n<p>Doch dann m\u00fcssen wir noch zwei Tage anh\u00e4ngen: Ein Albatros hat unsere Mastspitze gestreift, dabei Topplicht und Windex zerst\u00f6rt und die UKW-Antenne verbogen. Die Kollision hat er zwar ohne Schaden \u00fcberstanden, am Morgen aber wandert er ziemlich rastlos-ratlos schnabelklappernd an Deck umher: Er muss Futter f\u00fcr sein Junges holen, aber wie soll er hier abheben? Als ihm Erich den Schnabel zuh\u00e4lt und ihn ins Wasser gleiten l\u00e4sst, paddelt er eilig aus der Bucht und startet anschlie\u00dfend gegen den Wind.<\/p>\n<p>Bei uns liegen die Dinge nicht so einfach: Erich muss in die Mastspitze und die schadhaften Teile herunterholen. Die UKW-Antenne l\u00e4sst sich zum Gl\u00fcck aufrichten. Dann m\u00fcssen wir eine provisorische Topplampe basteln \u2013 ein leeres Nescaf\u00e9-Glas leistet uns dabei gute Dienste \u2013 und den Reserve-Windex auskramen.<\/p>\n<p>Und damit die Albatrosse in der Nacht unsere Arbeit nicht wieder zunichte machen, klettert Erich erst am Morgen, kurz vor dem Auslaufen, ein zweites Mal in die Mastspitze. Dann laufen wir aus. Kurs SSW, um dem Sturmtief auszuweichen, das sich nun doch von Japan her n\u00e4hert.<\/p>\n<div class=\"su-button-center\"><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/alaska-japan\/#kaufen\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#111;background-color:#febd69;border-color:#cc9854;border-radius:5px\" target=\"_self\" title=\"Buch kaufen\"><span style=\"color:#111;padding:7px 20px;font-size:16px;line-height:24px;border-color:#ffd196;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:16px;color:#111\"><\/i> Buch kaufen<\/span><\/a><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/alaska-japan\/\">Zur Buchvorstellung<\/a> \u00a0\/\/ <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/\">Zur Buchserie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Buchvorstellung \u00a0\/\/ Zur Buchserie Leseprobe aus Kapitel 7 &#8222;Midway-Atoll&#8220;: Abschied von Kauai in Highlight unserer Reise nach Japan wird das entlegene Midway-Atoll sein, das die Freydis bereits auf ihrer ersten Alaska-Reise angelaufen hat. Dieses Riff mit seinen drei Sand- &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/buecher\/alaska-japan\/leseprobe\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":4138,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4182","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4182"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4320,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4182\/revisions\/4320"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}