{"id":1958,"date":"2015-08-01T11:07:49","date_gmt":"2015-08-01T10:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=1958"},"modified":"2015-08-01T11:10:31","modified_gmt":"2015-08-01T10:10:31","slug":"auf-biegen-und-brechen-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/auf-biegen-und-brechen-teil-2\/","title":{"rendered":"Auf Biegen und Brechen (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=1956\">Zur\u00fcck zu <big>Teil 1 &#9166;<\/big><\/a><\/p>\n<h2>Teil 2: Sturmfahrt durch die Aleuten<\/h2>\n<p>&#8222;I want to be in Amerika&#8220;, das Lied aus dem Film &#8222;Westsidestory&#8220; dr\u00e4ngt sich mir auf, als sich Attu endlich, am 14. Tag unserer Reise, 500 Meter vor Theodore Point, aus dem Nebel sch\u00e4lt. Die Insel ist die westlichste Insel der Aleuten &#8211; nur 208 Seemeilen weiter beginnt schon die Kette der russischen Kommandeur-Inseln. Vom Festland Alaska ist Attu dagegen am weitesten entfernt &#8211; liegt sozusagen an seinem westlichen Schwanzende.<\/p>\n<p>Was uns auf Attu erwartet, wissen wir nicht, weil wir keine Informationen bekommen konnten. Die Insel ist etwa 900 km<sup>2<\/sup> gro\u00df. Wir haben uns eine Bucht im S\u00fcden ausgesucht und hoffen, dass wir dort trockenen Fu\u00dfes an Land k\u00f6nnen, denn in unserer neuesten Karte sind mehrere Landungsstege eingezeichnet.<\/p>\n<h3>Ein verlassenes Eiland<\/h3>\n<p>Zwei Stunden, nachdem die Insel in Sicht gekommen ist, laufen wir in die Massaker Bay ein und werden von gr\u00fcnen H\u00fcgeln umarmt. Wir <i>s&nbsp;i&nbsp;n&nbsp;d&nbsp;<\/i> in Amerika! Wir haben die lang ersehnte, schwer erarbeitete Grenzmarke zum Beringmeer erreicht. Still und geheimnisvoll liegt der Landflecken vor uns. Weder Schiffe, noch Menschen oder Tiere sind zu sehen, nur ein gro\u00dfes wei\u00dfes Geb\u00e4ude, das wie eine Festung auf einem der H\u00fcgel thront: die ehemalige Loran-Station der U.S. Coast Guard, 2010 geschlossen und damit aller Bewohner beraubt. Von den ehemaligen Landungsstegen ragen nur noch die Holzpfeiler heraus. An ihnen k\u00f6nnen wir die Freydis nicht festmachen, also ankern wir davor.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Vorhut die Insel erkundet, nehmen der Skipper und sin Fru erst einmal eine M\u00fctze Schlaf. Danach setzen wir mit dem zweiten Landungsteam zum Strand \u00fcber. Aus dem Wasser ragt jede Menge verrostetes Kriegsmaterial und auch das Inselgel\u00e4nde ist gespickt mit Kriegsm\u00fcll. Wir besuchen die Station, die sich als recht gut erhalten erweist, aber rundum verrammelt und verriegelt ist: f\u00fcr uns eine uneinnehmbare Festung. Weitere Entdeckungen sparen wir uns f\u00fcr den folgenden Tag auf.<\/p>\n<h3>Ein weiterer Mittwoch \u2013 geschenkt<\/h3>\n<p>Es wird ein besonderer Tag, denn er hat dasselbe Datum wie der vorangegangene: Mittwoch, der 8. Juli. Wir sind zwar schon l\u00e4ngst \u00fcber die Internationale Datumsgrenze gesegelt, haben das aber nicht wahrgenommen. Nun l\u00e4sst sich diese unsichtbare Linie aber nicht mehr \u00fcbersehen. Zu unserer Freude gew\u00e4hrt sie uns ein Zeitgeschenk: einen Tag, den wir bei der Planung unserer Insel-Aufenthalte nicht mit eingerechnet hatten &#8211; noch dazu einen wundersch\u00f6nen Sonnentag. Und das wissen wir um so mehr zu sch\u00e4tzen, als auf Attu, laut Seehandbuch an \u00fcber 300 Tagen im Jahr das typische Aleutenwetter herrscht: dichte Bew\u00f6lkung, Nebel, Regen und oft starke Winde. Nur an acht bis zehn Tagen soll es sonnig und klar sein.<\/p>\n<p>Bergauf, bergab wandern wir &#8211; wobei ich wegen meines an Bord l\u00e4dierten R\u00fcckens meist nur hinterher hinken kann &#8211; \u00fcber saftige Wiesen und H\u00fcgel, \u00fcbers\u00e4t mit den sch\u00f6nsten Blumen &#8211; Lupinen, Wilder Iris, Angelika, Fritillaria camschatcensis etc. etc.. Ab und zu gesellen sich neugierige kleine Landv\u00f6gel zu uns oder eine \u00fcberraschte Wildgans fliegt dicht vor uns aus dem hohen Gras. Abgesehen von dem rostigen Schrott darin, hat das einstige Schlachtfeld an der Massaker Bay ein unschuldig-freundliches Gesicht bekommen. Denn hier war es, wo die japanische Armee in einem der gr\u00f6\u00dften Schlachten des Pazifik einen pl\u00f6tzlichen Angriff startete und weit genug in die amerikanischen Verteidigungslinien eindrang. Es kam zu einem erbitterten und brutalen Nahkampf, wobei die Japaner fast bis zum letzten Mann get\u00f6tet wurden. Darunter der japanische Befehlshaber der Insel, Oberst Yasuyo Yamasaki und 2635 Soldaten &#8211; nur 27 Soldaten kamen in Kriegsgefangenschaft. Die Amerikaner z\u00e4hlten 600 Tote und 1200 Verletzte. Das Schlachtfeld wird seit 2008 als Teil des &#8222;World War II Valor in the Pacific National Monument&#8220; als Gedenkst\u00e4tte ausgewiesen.<\/p>\n<p>Von Attu aus segeln wir nach Osten und laufen dabei eine Reihe weiterer Aleuteninsel an, wobei wir uns vor jedem Start durch ein Telefonat mit Herrn Taxwedel von Wetterwelt Kiel vergewissern, ob die Luft sauber ist und keine b\u00f6sen \u00dcberraschungen drohen.<\/p>\n<h3>Kriegsschrott, Minen, Granaten\u2026<\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst aber ziehen wir dicht an der kleinen Insel Shemya vorbei, die &#8211; wie uns Kalle Bunte, ein befreundeter Physikprofessor und ehemaliger Mitsegler, schrieb: in Weltraumschrott-Forscherkreisen eine gewisse Ber\u00fchmtheit erlangt hat, weil dort ein Radar steht, das anfliegende Interkontinentalraketen fr\u00fchzeitig erkennen soll. Es hat aber auch den sehr empfindlichen Sensor eines Weltraumschrott-Detektors (f\u00fcr sehr kleine staubkorngro\u00dfe Partikel) ausgel\u00f6st, wenn er \u00fcber Kamtschatka flog. Das sah dann so aus, als ob es dort immer an der gleichen Stelle Einschl\u00e4ge gab (was sehr unwahrscheinlich ist). Es hat einige M\u00fche gekostet, den Zusammenhang mit dem Radar auf Shemya herzustellen, weil die Amerikaner \u00fcber diese milit\u00e4rische Einrichtung nat\u00fcrlich keine Auskunft geben wollten\u2026<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend passieren wir die Vogelinsel Buldir, unter Vogelkundlern weltber\u00fchmt wegen ihrer gro\u00dfen Seevogel-Kolonien, die in ihren Steilw\u00e4nden br\u00fcten, und dann kommt die Nordspitze von Kiska in Sicht. Aber die Insel verbirgt sich schon bald unter einer dichten Nebelkappe. Orientierung nur durch Radar und Kartenplotter. Georg Wilhelm Steller, der deutsche Naturwissenschaftler auf der Gro\u00dfen Nordischen Expedition (1733\u20131743) von Vitus Bering, notierte \u00fcber die von ihnen neu entdeckte Insel in sein Tagebuch:<\/p>\n<blockquote><p>\n\t&#8222;Den 25sten October hatten wir sehr klares Wetter mit Sonnenschein. Dennoch hagelte es Nachmittags zu verschiednen Malen. Am Morgen erblickten wir mit Verwunderung eine grosse hohe Insel auf 51 Graden vor uns im Norden, welche wir auf der Hinreise vierzig Meilen von uns in Osten hatten. Man befand sich am Mittag auf 50 Grad 35 Minuten Norderbreite.&#8220;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Gegensatz zu Steller d\u00fcrfen wir uns auf einen Landgang in Kiska Harbor freuen. Wie auf Attu sind auch hier, am pechschwarzen Vukan-Aschenstrand, die h\u00f6lzernen Landungsstege durch Seegang und Eis zerst\u00f6rt. Als wir mit dem Dingi zum Ufer \u00fcbersetzen, empf\u00e4ngt uns dort ein riesiges Schild: <i>Danger! Unexploded Bombs, Shells, Grenades, Mortars, and Similar Items Are Hazardous. Items May Explode If Moved or Handled.<\/i><\/p>\n<p>Trotzdem riskieren wir einen Marsch \u00fcber die Schotterwege, die mittlerweile von der Natur zur\u00fcck erobert sind und durchs Gel\u00e4nde, das im Bewuchs wie auch im \u00fcberall herumliegenden Kriegsschrott der Insel Attu sehr \u00e4hnelt. Wie diese, hat auch Kiska seit 2008 den Status einer Nationalen Gedenkst\u00e4tte, darauf weisen auch einige Gedenktafeln hin. Noch nachtr\u00e4glich stehen mir die Haare zu Berg, als uns sp\u00e4ter auf Adak der Chef des Munitionsr\u00e4umungskommandos versichert: \u00bbAuf Kiska liegen noch sehr viele japanische Sprengfallen und andere nicht entsch\u00e4rfte Munition. Demn\u00e4chst werde ich dort alles absperren; in Zukunft darf keiner mehr auf die Insel.\u00ab<\/p>\n<h3>\u2026Atombombenversuche\u2026<\/h3>\n<p>Als n\u00e4chstes w\u00fcrden wir gerne Konstantin Habor auf der Insel Amchitka anlaufen, der einen gesch\u00fctzten Ankerplatz versprach. Aber daraus wird nichts, denn laut American Pilot wurde die Insel und die umgebenden Gew\u00e4sser 1986 gesperrt: Die Amerikaner hatten hier Atombomben-Versuche durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Auf der Weiterfahrt nach Adak werden wir von einer gro\u00dfen Delphin-Schule begleitet, Wale blasen aus der Ferne und Orcas schauen dicht vorbei. Bei 6 Windst\u00e4rken aus West l\u00e4uft unser Bootchen wie geschmiert &#8211; st\u00e4ndig zwischen 7-9 Knoten. Um 20 Uhr Bordzeit biegen wir um Kap Adakdak und zwei Stunden sp\u00e4ter, mit Hilfe von Radar und elektronischer Seekarte, in tiefer Dunkelheit und gegen Wind und Regen, in die Kuluk Bay ein. Dort legen wir uns nach einigen Anl\u00e4ufen an einen alten Versorger, der hier als Schwimmponton noch gute Dienste tut. Auch \u00fcber Adak, die dritte Insel, die wir aufsuchen, haben wir vorher wenig in Erfahrung gebracht. Ja, wir wissen nicht einmal, ob hier Menschen leben oder ob sie genauso verwaist ist wie Attu und Kiska. Auch das Internet gab nur wenig Information \u00fcber den aktuellen Stand.<\/p>\n<h3>\u2026eine Geisterstadt\u2026<\/h3>\n<p>Und so trifft uns das, was wir hier vorfinden, v\u00f6llig \u00fcberraschend: Mein erster Landgang am fr\u00fchen Morgen f\u00fchrt mich zur unerwartet gro\u00dfen Inselklinik wegen meines R\u00fcckens. Doch das weitl\u00e4ufige Geb\u00e4ude ist g\u00e4hnend leer. Schlie\u00dflich finde ich tats\u00e4chlich eine Kollegin in einem der Zimmer. Sie kann hier nichts f\u00fcr mich tun, sagt sie, r\u00e4t mir nach Dutch Harbor zu fliegen und von dort nach Anchorage, wo es eine orthop\u00e4dische Abteilung und ein MRT gibt. Ich entscheide mich erst einmal f\u00fcr aktives Training. Wir erkunden die gro\u00dfz\u00fcgig angelegte, moderne Stadt mit breiten Stra\u00dfen, einer gro\u00dfen und relativ gut erhaltenen Bungalow-Siedlung, zahlreichen mehrst\u00f6ckigen Hochh\u00e4usern, \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden wie Elementary School, High School, Rathaus, Sportpl\u00e4tzen und besagter Klinik, etc., etc., nicht zu vergessen McDonald, Pizza-Hut und anderen Restaurants, einem Flugplatz &#8211; und &#8211; k&nbsp;a&nbsp;u&nbsp;m&nbsp; Bewohnern (gerade mal 120, wie wir vom B\u00fcrgermeister erfahren). Eine Geisterstadt, eine Mega-Geisterstadt! Gebaut und bewohnt wurde sie tats\u00e4chlich einmal von 90.000 Menschen, so Justin Peach, Chef des Munitions-R\u00e4umungskommandos, den wir im Mini-Supermarkt (mangels K\u00e4ufer t\u00e4glich nur eine Stunde von 7-8 p.m. ge\u00f6ffnet) kennen lernen, und der uns samt Eink\u00e4ufen &#8211; die ersten und ziemlich teuren seit drei Wochen &#8211; mit dem Pickup zum Boot bringt.<\/p>\n<p>Bei Justin zuhause &#8211; in einem der wenigen bewohnten Bungalows &#8211; laden wir den aktuellen Wetterbericht herunter: ein Taifun \u00fcber Japan in der Kategorie 4-5 ist auf dem Weg zu den Aleuten, wo er uns mit letzter Puste &#8211; immerhin noch in Sturmst\u00e4rke &#8211; die kommende Woche zusetzen wird. Au\u00dferdem nehme ich meine erste hei\u00dfe Dusche seit drei Wochen.<\/p>\n<p>Restaurants werden nicht mehr betrieben, aber in einem der Bungalows haben eine Filippinin und ein Amerikaner ein Caf\u00e9 namens &#8222;Blue Bird&#8220; er\u00f6ffnet, wo wir in der &#8222;guten Stube&#8220;, die auch gut besucht ist, ein gut gew\u00fcrztes Abendessen einnehmen. Endlich wieder amerikanische Portionen, schreibt unser Skipper sp\u00e4ter ins Logbuch. Auch ich f\u00fchle mich wohl in den wieder gewonnenen Annehmlichkeiten der Zivilisation.<\/p>\n<p>Was wir dann aber auf der Tour im Pickup erleben, zu der uns Justin einl\u00e4dt, erscheint mir wie aus einem Science Fiction Film: Ein Haus am Rande der Stadt mit dem seltsamen, wei\u00dfen Anntennewald, von dem Justin schmunzelnd behauptet: &#8222;Hier suchen Leute im \u00c4ther nach Aliens&#8220;, und uns sp\u00e4ter verr\u00e4t, dass hier Wissenschaftler der Universit\u00e4t Fairbanks &#8222;Space-Listening&#8220; betreiben. Dann diese weitl\u00e4ufigen Tunnel unter den &#8222;Barracks&#8220; (so wird der gewaltige Hochh\u00e4user-Komplex auf dem H\u00fcgel \u00fcber der Stadt genannt), in denen unter anderem ein Schwimmbad und ein Theater f\u00fcr viele Besucher untergebracht ist. Seit dem Erdbeben im Juli 2014 von der St\u00e4rke 7,9 RS sind sie allerdings nicht mehr so ganz sicher &#8211; laut Justin gibt es im Durchschnitt etwa 30 Erdbeben pro Jahr auf der Insel; die Daten der Seismografen gehen direkt nach Fairbanks, wo sie ausgewertet werden. Zus\u00e4tzlich ist der bewohnte Teil der Insel aber auch noch unterh\u00f6hlt mit Bunkern, &#8222;Shelter&#8220; (Unterschl\u00fcpfe) f\u00fcr je 40 Personen bei Bomben- und Gas-Angriffen und sogar bei radioaktiver Verseuchung. Mit Jochens Taschenlampe wird eine schwere Eisent\u00fcr sichtbar, eine Duschkabine, K\u00fcche, ein gro\u00dfer Schlafraum mit Haken f\u00fcr H\u00e4ngematten etc., etc., alles, was die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr wochenlanges \u00dcberleben brauchte. Kalte Schauer \u00fcber den R\u00fccken jagt mir dann aber der Besuch der &#8222;Spy-City&#8220;, ein Hochsicherheitstrakt, weit abgelegen und umgeben von einem doppelten Stacheldraht-Verhau; im Innern mehrere gesichtslose Geb\u00e4udekomplexe mit winzigen, hochgelegenen Fenstern. Alles erinnert an ein Strafgefangenenlager. Doch es war ein Ghetto f\u00fcr Spione: Sie durften weder ihre Familien zu sich auf die Insel holen, noch telefonischen Kontakt zu ihnen oder zu sonst jemandem aufnehmen, ja, nicht einmal in die Stadt gehen und mit anderen Bewohnern reden.<\/p>\n<h3>\u2026 \u2013 die Reste des Kalten Krieges<\/h3>\n<p>&#8222;Ein Wahnsinn! Wer hat das alles zu verantworten&#8220;, frage ich Justin. &#8222;Die Regierung Reagan&#8220;, antwortet er. Erich nickt: &#8222;Mit diesem Wettr\u00fcsten hat er die Sowjetunion in den Bankrott getrieben.&#8220; Apropos: Ein Gru\u00df von den Russen des 18. Jahrhunderts ist noch die zerfallende Orthodoxe Holzkirche am Rande der Stadt; sie wurde von einer Milit\u00e4rkapelle ersetzt. Lachen k\u00f6nnen wir erst wieder, als Justin vor einem Waldfleckchen von wenigen Quadratmetern h\u00e4lt und wir auf dem Schild davor die Aufschrift lesen: <i>You are now Entering and Leaving Adak National Forest.<\/i><\/p>\n<p>Bei all dem R\u00fcstungs-Irrsinn habe ich fast vergessen, die wundersch\u00f6ne Landschaft der Insel zu erw\u00e4hnen, die saftig-gr\u00fcnen H\u00fcgel, die gro\u00dfe Lagune, an der wir entlang fuhren, die Buchten, die steilen Klippen am Ufer und die einsamen Str\u00e4nde. Justin schw\u00e4rmt von seiner Besteigung des Mt. Adakdak, der sich vor uns leider im dichten Nebel verbirgt.<\/p>\n<h2>Auf dem Weg nach Unalaska<\/h2>\n<p>Bei dem angek\u00fcndigten schlechten Wetter hatten wir eigentlich vor, direkt nach Umnak in die 300 Seemeilen entfernte Nikolski Bay zu segeln, die Schutz gegen alle Winde bietet. Nach Orkanb\u00f6en und heftigsten Strudeln in der Inside Passage der Adrianof Inseln entschlie\u00dfen wir uns dann aber zu einem Zwischenstopp in der Nazan Bay von Atka. Au\u00dferdem hatten wir geh\u00f6rt, dass es dort ein kleines Dorf von Aleutenbewohnern gibt &#8211; mit Aleuten (so genannt von den Russen im 18. Jahrhundert) oder Unangas, wie sie sich selbst nennen, hatten wir auf dieser Reise noch keinen Kontakt. Denn obgleich die Insel Adak bis auf wenige Milit\u00e4r-Areale heute zu den Aleuten geh\u00f6rt, sind wir dort nur wei\u00dfen Amerikanern oder Filippinos begegnet. Und so ankern wir in der malerischen Bucht vor dem Dorf mit einer h\u00fcbschen Orthodoxen Kirche. Von den ca. 50 Aleuten, die noch ihre eigene Sprache sprechen, sehen wir allerdings wenig. Sie wollen m\u00f6glichst unter sich bleiben (das hat historische Gr\u00fcnde, auf die ich in meinem Buch &#8222;Alaska-Japan&#8220; bereits ausf\u00fchrlich hingewiesen habe), wenn aber Kontakt mit Wei\u00dfen, dann mit ihren Arbeitgebern: hier mit den Betreibern einer kleinen Fisch-Verarbeitungsanlage. Wir sind zwar ein bisschen entt\u00e4uscht, aber noch ist die Reise ja nicht zu Ende.<\/p>\n<p>Vor Einbruch der Dunkelheit lichten wir den Anker. Wie so oft auf dieser Reise, ist der Skipper nach unserer Wache, die um Mitternacht endet, auch weiterhin gefordert: Diesmal wird er nachts um halb Vier durch das Anwerfen der Maschine und durch heftige Schiffsbewegungen geweckt; an Deck findet er ein wildes Tohuwabohu vor: Eine Patenthalse hat die Freydis aus dem Kurs geworfen, der Bulle, der den Gro\u00dfbaum sicherte, war los geworfen und der 6 Meter lange Baum knallte von einer Seite zur anderen. Da die Selbststeueranlage ausgeschaltet war, sa\u00df der Ruderg\u00e4nger geduckt, mit eingezogenem Kopf, hinter dem Kompass, den er aber nicht ablesen konnte, weil das Kompasslicht nicht eingeschaltet war. Die Freydis fuhr dadurch wilde Kreise in aufgebrachter See. 10 Minuten sp\u00e4ter war zwar wieder Ruhe im Schiff, aber um Skippers Schlaf wars geschehen.<\/p>\n<p>Es folgt ein harter, aber sehr abwechslungsreicher Segeltag: Bei Starkwind und hoher See segeln wir dicht vorbei an der Vogelinsel Chagulak &#8211; einem Vulkan. 100.000sende V\u00f6gel im Wasser und in der Luft, dann \u00fcber die Amukta Passage mit Stromschnellen und -wirbeln, die einen aufmerksamen Ruderg\u00e4nger verlangen, weil sie unser Boot oft 30-40 Grad aus der Bahn werfen. Der Nebel hat sich verzogen, und in der D\u00e4mmerung haben wir einen grandiosen Blick auf die Inselgruppe der Four Mountains mit ihren gletscherbedeckten Vulkanen in makelloser Kegelform &#8211; unwirklich sch\u00f6n, wie nicht von dieser Welt!<\/p>\n<h3>Ein Grund zum Feiern\u2026<\/h3>\n<p>Am Tag darauf erreichen wir Nikolski. Erich ins Logbuch: Der Kreis um den Nordpazifik schlie\u00dft sich. Vor neun Jahren waren wir schon einmal, vom Midway-Atoll (Hawaii-Kette) kommend, auf dieser Insel angelandet.<\/p>\n<p>Und das feiern wir alle auf der Freydis mit frischem Heilbutt zum Abendessen. Wir bekommen ihn von dem wei\u00dfen Amerikaner Scott und seiner Unanga-Frau Agrippina geschenkt. Die beiden erinnerten sich noch gut an uns und die alte Freydis. Durch die beiden kriegen wir auch rasch Kontakt zu den \u00fcbrigen Mitgliedern der kleinen Dorf-Gemeinschaft. Wir werden sogar eingeladen an der Trauung am n\u00e4chsten Morgen in der orthodoxen Kirche teilzunehmen, der Priester und seine Frau sind schon aus Dutch Harbor angereist. Das Brautpaar &#8211; Andrew und Maria &#8211; freuen sich \u00fcber unsere Anwesenheit und bitten uns anschlie\u00dfend zum Fest im Gemeindesaal. Dass die Unangas den Wei\u00dfen gegen\u00fcber sehr reserviert sind (und nicht fotografiert werden wollen!), habe ich erw\u00e4hnt. Aber hier lernen wir sie von einer ganz anderen Seite kennen: nicht nur in der Kirche d\u00fcrfen wir sie fotografieren, sondern auch beim Feiern und bei ihren Ritualen. W\u00e4hrend ich noch die Speisen und die Hochzeitstorte genie\u00dfe, muss Erich das Fest allerdings bald verlassen. Bei pl\u00f6tzlich einsetzendem Starkwind slippt der Anker, und die Freydis droht auf die Felsen zu driften.<\/p>\n<p>Am Abend liegt die Freydis in der Bucht wieder n\u00e4her am Ufer und hat zus\u00e4tzlich zum Anker eine Leinenverbindung zur einzigen Muringtonne. In der Nacht B\u00f6en um 40 Knoten &#8211; der Taifun aus Japan l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen! Wir m\u00fcssen Ankerwache halten.<\/p>\n<h3>\u2026und ein Bad in den heissen Quellen<\/h3>\n<p>Die Hot Springs in der Inanudak Bay soll ein letzter H\u00f6hepunkt dieses Reiseabschnitts werden. Sie liegen 30 Seemeilen entfernt auf derselben Insel. Eine nasse Landung in der flachen Hot Springs Cove und das unebene und schwer begehbare Gel\u00e4nde, l\u00e4sst die Suche nach den hei\u00dfen Quellen zu einer kleinen Herausforderung werden. &#8222;Da sind sie, da sind sie!&#8220; frohlockt Erich schlie\u00dflich, auf eine etwa 3 Kilometer entfernte Stelle im Inneren der Insel zeigend, von der wei\u00dfer Dampf aufsteigt. W\u00e4hrend die Crew den R\u00fcckzug an Bord vorzieht, trabt der Skipper wie ein Elch durch die unwegsame Landschaft in Richtung Dampf-Fahne. Ich haste ihm hinterher wie ein fl\u00fcgellahmes Huhn, von einem Loch ins n\u00e4chste plumpsend, im Sumpf fast versinkend und todesmutig auf glatten Steinen durch eiskalte Gebirgsb\u00e4che wankend. Aber die Fumarole winkt mir freundlich zu. Und dann liegen wir tats\u00e4chlich im hei\u00dfen Wasser eines kleinen Pools &#8211; wohlig entspannt. Das Leben ist sch\u00f6n!<\/p>\n<h3>Ankunft<\/h3>\n<p>Unter ausgebaumter Genua und zwei Reffs im Gro\u00df brausen wir durch die Nacht unserem Ziel entgegen: Dutch Harbor auf Unalaska. Bereits am Mittag liegen wir aufgetankt an unserem alten Liegeplatz im Small Boat Harbour.<\/p>\n<p>(Er bietet guten Schutz gegen st\u00fcrmische Winde und wir sind schon nach wenigen Metern im Zentrum der \u201eCity&#8220; &#8211; d.h. bei den beiden Superm\u00e4rkten. Wasser und Strom sind angeschlossen und gleich um die Ecke k\u00f6nnen wir uns in einer Fischfabrik kostenlos einloggen. Aber das Insel-Netz ist \u00fcberlastet und die Verbindung miserabel &#8211; abends bricht sie gar zusammen. Nach zwei Stunden haben wir unsere Mails heruntergeladen, aber auch ziemlich schlechte Laune wegen der Warterei.)<\/p>\n<p>4 \u00bd Wochen waren wir unterwegs, knapp 2500 Seemeilen liegen seit Japan im Kielwasser der Freydis, 1500 nonstop \u00fcber See und 1000 in der Aleutenkette. F\u00fcr die neue Freydis war es die erste Reise in ein extremes Gebiet. Sie hat sie mit Bravour gemeistert und die Crew hat ihr Bestes gegeben.<\/p>\n<p>Herzliche Gr\u00fcsse<\/p>\n<p>Heide<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=1956\">Zur\u00fcck zu <big>Teil 1 &#9166;<\/big><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur\u00fcck zu Teil 1 &#9166; Teil 2: Sturmfahrt durch die Aleuten &#8222;I want to be in Amerika&#8220;, das Lied aus dem Film &#8222;Westsidestory&#8220; dr\u00e4ngt sich mir auf, als sich Attu endlich, am 14. 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