{"id":2345,"date":"2015-12-22T20:57:49","date_gmt":"2015-12-22T19:57:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=2345"},"modified":"2015-12-22T23:42:30","modified_gmt":"2015-12-22T22:42:30","slug":"episode-4-peter-und-paul-ankern-auf-der-spitze-eines-vulkans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-4-peter-und-paul-ankern-auf-der-spitze-eines-vulkans\/","title":{"rendered":"Episode 4: Peter und Paul &#8211; Ankern auf der Spitze eines Vulkans"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<i>Dienstag, 22.12.2015 :: La Palma<\/i>\n<\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\"><big>&#8222;Und eine Insel ist ja nichts weiter als der Gipfel eines Berges&#8220;<\/big><\/p>\n<p>(Joseph Conrad)<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><big><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/veroeffentlichungen\/episoden\/\">Alle Episoden<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><\/big><\/p>\n<p><big>N<\/big>och immer keine Delphine und Wale zu sehen. Seit den Kapverden halte ich vergeblich Ausschau. Das Meer leer, eine Wasserw\u00fcste ohne Leben, so scheint es. Erich hat den Riss im defekten Auspuffsystem endlich gefunden und versucht ihn abzudichten.<\/p>\n<p>Den Qualm im Schiffsinneren haben wir gr\u00fcndlich satt. \u00dcberhaupt diese verflixten Mallungen, das ewige, eint\u00f6nige Motoren. Was ist schon ein Segelschiff ohne Wind? &#8211; Weder Fisch noch Fleisch!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-ATLANTIK 28 Kopie.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-ATLANTIK 28 Kopie.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Tagen Grau in Grau, Dauerregen, dampfender Waschk\u00fcche und \u00fcbelkeitserregendem Seegang endlich ein Zipfelchen des ersehnten Passats! Wie zwei Lungenfl\u00fcgel, die tief durchatmen, bl\u00e4hen sich die Schmetterlingssegel befreit im Wind und die Freydis nimmt Fahrt auf. &#8222;Zu Peter und Paul&#8220; ruft Erich so fr\u00f6hlich, als w\u00e4ren das unsere liebsten Freunde und nicht nur karge Felsen im Atlantik, die wir da ansteuern. Mit dem Wind kommt auch die gute Laune und der durch die Seekrankheit gebremste Appetit zur\u00fcck. Ruhig und wie geschmiert gleitet unser Schiff \u00fcber die Wellen. W\u00e4hrend Erich die Segel trimmt, haue ich blasse Kapverdeneier in die Pfanne, s\u00e4ble ein St\u00fcck vom kanarischen Ziegenk\u00e4se ab und fische ein paar Gurken aus dem Glas. &#8222;Die Sauregurkenzeit der Mallungen scheint nun endg\u00fcltig vorbei&#8220; t\u00f6nt Erich ausgelassen durchs Schiff und es klingt, als verk\u00fcnde ein Muezzin das Ende der Fastenzeit.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-Atlantik 2002-02.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-Atlantik 2002-02.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aber schon in der Nacht l\u00e4\u00dft unser Schmetterling seine Fl\u00fcgel wieder h\u00e4ngen, der Wind schl\u00e4ft wieder ein. Wolkenwalzen und Regen rollen \u00fcber uns hinweg. Einige Wolkenfetzen scheinen ins Meer zu fallen. Ein riesiger Heckf\u00e4nger h\u00e4lt uns in Atem, immer wieder f\u00e4hrt er auf Kollisionskurs, dreht erst kurz davor ab und geht hinter unserem Heck durch.<\/p>\n<p>&#8222;Das sind die Kerle, die die Meere leerfischen&#8220; \u00e4rgere ich mich, &#8222;die fahren so lange rum, bis sie volle Ladung haben, gnadenlos, denen entkommt kein Fisch!&#8220; Erich ist schwer am r\u00f6deln, w\u00e4hrend ich die Signalpistole bereit lege, f\u00fcr den Fall, da\u00df er sich noch einmal so gefahrbringend n\u00e4hert. Offensichtlich haben wir aber nun &#8222;sein&#8220; Revier verlassen und er zeigt Einsicht (falls man das so nennen will).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Nachtwache kriechen schwarze spinnenartige Wolkenungeheuer \u00fcber den Himmel und fressen den Mond auf &#8211; gespenstisch! Pl\u00f6tzlich schie\u00dft etwas Dunkles \u00fcbers Deckshaus direkt auf mich zu. Bevor ich mich in Sicherheit bringen kann, bekomme ich einen so derben Schlag gegen die Stirn, da\u00df mir f\u00fcr kurze Zeit Sehen und H\u00f6ren vergeht. Der Kamikazeflieger, ein Prachtexemplar von Fliegendem Fisch, hat den Zusammensto\u00df nicht \u00fcberlebt. Am Morgen wandert er in die Pfanne und ich laufe mit einem dicken Horn auf der Stirn herum.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-ATLANTIK 07.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-ATLANTIK 07.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gleichzeitig mit dem Skipper erwacht auch der Passatwind &#8211; die zwei wissen, was sich geh\u00f6rt! Am Himmel nun die typischen Passatwolken, von unten sehen sie aus wie auf einem Glastablett servierte Sahneh\u00e4ufchen. Unser GPS zeigt noch 150 Meilen bis zum Ziel an. Wir k\u00f6nnen es kaum noch erwarten. Vor zehn Jahren, auf unserer ersten Reise mit der Freydis nach S\u00fcdamerika, waren wir an Peter und Paul vorbeigesegelt. Damals hielten wir uns streng an die Empfehlungen des &#8222;Ocean Passages of the World&#8220;, diesen Segelanweisungen aus der Zeit der Rahsegler, nach denen man auch heute noch Kurse absteckt und in denen so unwirtliche Inseln wie diese nat\u00fcrlich gemieden werden. Aber diesmal wollen wir das entlegene Eiland, das sich als Gipfel eines gigantischen untermeerischen Gebirges &#8211; des mittelatlantischen R\u00fcckens &#8211; \u00fcber den Meeresspiegel erhebt, auf jeden Fall besuchen, fiebern ihm geradezu entgegen. Ich frage mich, was uns eigentlich an diesen paar l\u00e4cherlichen Vulkanfelsen im Meer fasziniert? Nur das bekannt Entdeckungsfieber? Die Freude und Genugtuung, aus eigener Kraft etwas Ersehntes zu erreichen? Etwas, was einem bisher verborgen und unbekannt war, zu Gesicht zu bekommen? Die Einmaligkeit des Ortes? Eines Ortes, an dem es aber doch nur Steine, V\u00f6gel, Spinnen und Krebse gibt, heute nicht anders als zu Darwins Zeiten, der auf seiner Reise um die Welt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts schon so dar\u00fcber berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Bei der Fahrt \u00fcber den Atlantischen Ozean legten wir am Morgen dicht bei der Insel St. Peter und Paul bei. Diese Gruppe von Felsen ist 540 Meilen von der K\u00fcste von Amerika und 350 von der Insel Fernando de Noronha entfernt. Der h\u00f6chste Punkt liegt nur f\u00fcnfzig Fu\u00df \u00fcber dem Meeresspiegel, und der ganze Umfang ist nicht ganz eine Dreiviertelmeile. Dieser kleine Punkt steigt ganz pl\u00f6tzlich aus den Tiefen des Ozeans heraus.Die Felsen erscheinen aus der Entfernung von gl\u00e4nzend wei\u00dfer F\u00e4rbung. Dies kommt zum Teil von den Exkrementen einer ungeheuren Menge von Seev\u00f6geln her, zum Teil von einem \u00dcberzug einer harten gl\u00e4nzenden perlmuttartigen Substanz, welche fest mit der Oberfl\u00e4che der Felsen verbunden ist.<\/p>\n<p>Wir fanden auf der Insel nur zwei Vogelarten &#8211; den T\u00f6lpel und die Seeschwalbe. Beide sind zahm und so wenig daran gew\u00f6hnt, Besucher zu sehen, da\u00df ich eine beliebige Zahl mit einem geologischen Hammer h\u00e4tte t\u00f6ten k\u00f6nnen. Es am\u00fcsierte mich, zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit eine gro\u00dfe behende Krabbe, welche die Felsspalten bewohnt, den Fisch von der Seite eines Nestes wegstahl\u2026 Nicht eine Pflanze, nicht einmal eine Flechte w\u00e4chst auf dieser Insel, und doch wird sie von mehreren Insekten und Spinnen bewohnt.\u201d\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur noch drei\u00dfig Meilen. Erich schaut immer wieder nerv\u00f6s aufs Radar &#8222;diese zwanzig Meter hohen Felsen im Ozean, das ist wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen.&#8220; Als ich etwas sp\u00e4ter auf dem Vordeck Ausschau halte, entdecke ich zwei kleine wei\u00dfe Spitzen genau voraus. &#8222;Ich sehe was, was Du nicht siehst juble ich \u00fcberm\u00fctig. Erich sieht&#8217;s jetzt auch, nimmt das Glas zu Hilfe. &#8222;Ein Dampfer mit wei\u00dfen Aufbauten&#8220;, behauptet er grinsend. &#8222;Ja, richtig&#8220;, freue ich mich, nun selbst durchs Fernglas schauend, &#8222;ich kann sogar seinen Namen erkennen, da steht Peter und Paul&#8220;.<\/p>\n<p><big>W<\/big>ir n\u00e4hern uns\teinem nach Nordwesten offenen, hufeisenf\u00f6rmigen Kranz aus Lavafelsen, deren guanobedeckte Spitzen leuchtend wei\u00df aus dem dunkelblauen Meer ragen. Eine unglaubliche Erscheinung, die Erich zum Seemannsgarn-Spinnen anregt: &#8222;Da kann mich keiner von abhalten, mit den Skiern auf dem Buckel die Gipfel (20 Meter!) zu st\u00fcrmen und dann im Schu\u00df die Guanopisten runterzurasen\u201d, lacht er unternehmungslustig. Aber erst einmal vollf\u00fchren wir B\u00e4rent\u00e4nze auf dem brennend hei\u00dfen Vordeck, als wir die Segel bergen. Bevor wir ankern, wollen wir uns diesen seltsamen Ort, der eher einem \u00fcberdimensionalen, karieszerfressenen Gebiss \u00e4hnelt denn einer Insel, in Ruhe ganz aus der N\u00e4he anschauen. Aber Ruhe suchen wir dort vergebens. Vor der Insel steht ein so gewaltiger Strom, eine so hohe Brandung, da\u00df wir gro\u00dfe M\u00fche haben, nicht abgetrieben zu werden. Kein Wunder, diese Insel &#8222;ist ja nichts weiter als der Gipfel eines Berges\u201d, noch dazu eines so steil abfallenden, da\u00df er die Str\u00f6mung des S\u00fcdost-Passates aufstaut und ablenkt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-Atlantik 42 Kopie.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-Atlantik 42 Kopie.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Drau\u00dfen vor der Insel ankern und dann mit dem Dingi anlanden ist wegen des Stromes nicht m\u00f6glich. Der Einla\u00df in die Bucht ist aber nur etwa so breit wie eine Schiffsl\u00e4nge. Wie da blo\u00df bei dieser bewegten See hineinkommen? Au\u00dferdem scheint man drinnen auch nicht gerade sicher zu liegen, ganz im Gegenteil. Also bestimmt kein Pl\u00e4tzchen f\u00fcr eine geruhsame Nacht.<\/p>\n<p>Sollen wir aufgeben? Den Landgang einfach streichen? Kommt nicht in Frage, zu sehr und zu lange haben wir uns auf diese widerspenstig-unwirtliche Insel gefreut (seltsam sind sie schon, unsere Gel\u00fcste). Wir wollen wenigstens versuchen, f\u00fcr ein paar Stunden an Land zu gehen und Aufnahmen von den zahllosen, \u00fcberall auf den Felsvorspr\u00fcngen sitzenden V\u00f6geln zu machen, die uns jetzt neugierig beobachten. Wir entscheiden uns mit voller Motorkraft durch das Nadel\u00f6hr zu preschen. Ein riskanter Balanceakt, ein Gef\u00fchl wie es ein Seilt\u00e4nzer haben mu\u00df: einen Schritt daneben, und\u2026 \u2013 Aber es gl\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Minibucht bietet nur einen sehr unvollkommenen Schutz gegen die brandende Windsee. Sie ist gerade so gro\u00df, da\u00df sich die Freydis darin drehen kann. Wie in einem schaukelnden Kessel schwappt das Wasser in dem B\u00fcchtlein hin und her, kreuz und quer und \u00fcber den Rand. In unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden st\u00fcrzen Wasserkaskaden durch die mehr oder weniger breiten L\u00fccken des zerfressenen Gebisses. Ein \u00e4u\u00dferst unruhiger Ort mit einem Schwell, der die Freydis zwei Meter hoch katapultiert, wieder absenkt und dabei mal nach rechts, mal nach links gegen blinde Klippen treibt. Wir ankern in Luv, k\u00f6nnen aber kaum Kette stecken, alles viel zu winzig. Der Anker bricht deshalb immer wieder aus. Erich, der ihn jedesmal wieder \u00fcber Hand hochholen und neu ausbringen mu\u00df \u2013 die Handankerwinsch ist defekt &#8211; hat eine Heidenarbeit. F\u00fcr mich am Steuer bedeutet das Jonglieren zwischen Scilla und Charybdis eine \u00fcble Angstpartie. Immer wieder versetzen uns die, in ihrer St\u00e4rke und Richtung unberechenbaren Wasserkr\u00e4fte bedrohlich nahe an die Felsen heran.<\/p>\n<p>Zweimal kann ich eine Grundber\u00fchrung nicht verhindern, gl\u00fccklicherweise nur mit dem Drehkiel. Um einigerma\u00dfen sicher zu liegen, m\u00fc\u00dften wir Leinen ausbringen, die wir an den Felsen vert\u00e4uen. Aber dazu br\u00e4uchte man mehr als nur vier H\u00e4nde, nur zu zweit geht da gar nichts. Zu all unseren M\u00fchen lacht sich die \u00c4quatorsonne eins und verbrennt dabei unbarmherzig unsere schwei\u00dfnasse Haut. Auch das Gebiss scheint h\u00e4misch zu grinsen, als wir schlie\u00dflich, schweren Herzens aufgeben und Kurs nehmen auf Fernando de Noronha. Was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung! W\u00e4hrend ich ganz froh bin, diesem Gierschlund so schadlos entkommen zu sein, ist Erich ersch\u00f6pft und f\u00fchlt sich niedergeschlagen, um den ersehnten und verdienten Landgang geprellt. Erst als die Felsen achtern im Dunst verschwinden, wird er wieder ansprechbar. Da wird aus dem Verschwinden ein Verzeihen und Vergessen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-ATLANTIK 08.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-ATLANTIK 08.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 22.12.2015 :: La Palma &#8222;Und eine Insel ist ja nichts weiter als der Gipfel eines Berges&#8220; (Joseph Conrad) Alle Episoden Noch immer keine Delphine und Wale zu sehen. Seit den Kapverden halte ich vergeblich Ausschau. 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