{"id":2362,"date":"2015-12-23T12:10:40","date_gmt":"2015-12-23T11:10:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=2362"},"modified":"2015-12-23T13:31:59","modified_gmt":"2015-12-23T12:31:59","slug":"episode-7-im-papageienland-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-7-im-papageienland-teil-1\/","title":{"rendered":"Episode 7: Brasilien \u2013 Im Papageienland"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<i>Mittwoch, 23.12.2015, La Palma<\/i>\n<\/p>\n<h2>Brasilianische K\u00fcste &#8211; Segeln im verlorenen Paradies<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-Atlantik 30.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-Atlantik 30.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><big>V<\/big>or 10 Jahren, auf unserer ersten Reise mit der Freydis rund S\u00fcdamerika, war Brasilien f\u00fcr uns das Segelparadies in reinster Auspr\u00e4gung: wegen der Menschen, denen wir dort begegnet sind und die uns gl\u00fccklicher schienen als anderswo, wegen des freundlichen Klimas, der \u00fcppigen Vegetation, der wundervollen Str\u00e4nde und K\u00fcsten. Was haben wir damals unseren Segelt\u00f6rn und Aufenthalt in diesem begnadeten Land genossen! Jahrelang haben wir davon geschw\u00e4rmt und uns vorgenommen, dort die alten Pl\u00e4tze noch einmal aufzusuchen und neue kennenzulernen.<\/p>\n<p>Brasilien erschien uns auch diesmal wieder als traumhaftes Segelrevier. Zwar hat die Zahl der bebauten Buchten und Str\u00e4nde, an denen sich wohlhabende St\u00e4dter aus Sao Paulo und anderen Industriezentren ein zweites Zuhause geschaffen haben, auff\u00e4llig zugenommen, aber immer noch findet man jede Menge sch\u00f6ne und lauschige Ecken und Winkel, in denen man mit seinem Boot v\u00f6llig alleine liegt.<\/p>\n<h3>Gates Areas und Drogen<\/h3>\n<p>Aber wir fanden die Menschen auff\u00e4llig ver\u00e4ndert, und das lag sicher nicht daran, da\u00df wir selbst kritischer geworden waren und mehr hinter die Fassaden blickten. Es stimmte uns sehr betroffen, da\u00df unsere alte Bekannte Marie Louise und andere Europ\u00e4er es nicht mehr wagen, in Salvador am helllichten Tag mit dem Wagen in der Stadt einfach anzuhalten, weil sie f\u00fcrchten, ausgeraubt zu werden, da\u00df die Wohlhabenden immer h\u00f6here Mauern um ihre H\u00e4user und G\u00e4rten ziehen und ihren Besitz Tag und Nacht von bewaffneten W\u00e4chtern besch\u00fctzen lassen, da\u00df unser Traumfleckchen &#8222;Morro de Sao Paolo&#8220;, wo wir vor zehn Jahren am liebsten ein Grundst\u00fcck gekauft h\u00e4tten, um eine Scheibe vom Paradies abzubekommen, inzwischen Umschlagplatz f\u00fcr harte Drogen geworden ist, an denen Touristen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Der absolute Gipfel dieses Alptraumes ist f\u00fcr uns Rio de Janeiro, wo man nicht mal mehr zu Fu\u00df von der Marina zur n\u00e4chsten Bushaltestelle gehen konnte. Unser japanischer Nachbar von der Yacht &#8222;Red Sun&#8220;, der die Warnung nicht ernst nahm, wurde prompt \u00fcberfallen und ausgeraubt.<\/p>\n<h3>Wichtiges Thema: Sicherheit<\/h3>\n<p>Man darf nicht mehr blind irgendwo ankern und sich niederlassen, sondern mu\u00df vorher bei Einheimischen und anderen Yachten Auskunft einholen. Die meisten Segler dort halten st\u00e4ndig Funkkontakt untereinander. Ein wichtiges Thema ist die Sicherheit. Und dabei geht es eben nicht vorwiegend um die pers\u00f6nliche Sicherheit auf See, sondern an Land &#8211; das war fr\u00fcher nicht notwendig. Wir k\u00f6nnen keinem Segler den Besuch dieses einzigartigen Reviers empfehlen, wenn er nicht alle M\u00f6glichkeiten, Informationen auszusch\u00f6pfen, nutzt, zum Beispiel mit Hilfe eines Kurzwellenger\u00e4tes und auch durch Kontakte zu Trans-Ozean-St\u00fctzpunktleitern und anderen Yachten.<br \/>\nSicher und geborgen f\u00fchlten wir uns nur an kleineren Ortschaften, wo die Welt noch in Ordnung schien, zum Beispiel in Cairu, in Galeau, in Camamu, in Santa Cruz de Cabralia, auf den Abrolhos Inseln, auf Ilha Grande, in Parati und nat\u00fcrlich auch innerhalb der gutbewachten, manchmal nahezu festungsartig ausgebauten Marinas zwischen Salvador und Rio Grande do Sul.<\/p>\n<p>Aber ich will der Reihe nach berichten:<\/p>\n<h3>Salvador de Bahia<\/h3>\n<p>Heute werden wir Salvador de Bahia erreichen &#8211; gracias deu &#8211; ich bin in Hochstimmung! Es ist Mitternacht, als wir uns mit der Freydis Salvador n\u00e4hern. Mit dem Landwind weht auch der penetrante Mief der Gro\u00dfstadt zu uns her\u00fcber. Selbst blind und taub w\u00fcrde man sie entdecken. In der Bucht liegen mehrere Schiffsriesen auf Reede, Schlepper bugsieren Kolosse in den Hafen wie Ameisen tote K\u00e4fer in den Bau. Eine Bohrinsel steht &#8211; verschwenderisch illuminiert &#8211; wie ein Siegestor im Wasser. Dazwischen tanzen kleine L\u00e4mpchen unsichtbarer Fischerboote wie Geisterlichter \u00fcber der schwarzen See. Immer deutlicher zeichnet sich die Silhouette Salvadors gegen den Himmel ab, in seiner Ober- und Unterstadt sind noch viele Fenster erleuchtet.<\/p>\n<p>\u00dcber den Hafen dr\u00f6hnen Fetzen von Rockmusik und die Masten der vielen Segler, die hier ankern, tanzen im Licht des Mondes einen gespenstischen Tanz. Als der Wind am Morgen dreht, m\u00fcssen wir fluchtartig unseren erstgew\u00e4hlten Ankerplatz verlassen, weil uns einer der Vergn\u00fcgungsschoner mit seinem langen spitzen Kl\u00fcverbaum aufzuspie\u00dfen droht.<\/p>\n<p>Wir nehmen Zuflucht beim kreisrunden, mitten im Wasser stehenden Fort Sao Marcelo, wo wir vor zehn Jahren schon geankert haben. Aber jetzt liegen viel mehr Yachten hier und man kann froh sein, wenn man genug Raum zum Schwojen findet.<\/p>\n<p>Starkwindb\u00f6en und langdauernde Regenf\u00e4lle, die uns drau\u00dfen auf See schon tagelang gebeutelt haben, verschonen uns auch hier nicht. Wenn ich fr\u00fch die Sp\u00fclsch\u00fcssel an Deck stelle, ist sie abends voll Regenwasser. Manchmal stehen tolle Regenb\u00f6gen \u00fcber uns.<\/p>\n<p>Gar nicht so toll, aber ebenso farbenpr\u00e4chtig schillert auch die \u00d6lschicht, die bei einem bestimmten Wind den ganzen Hafen \u00fcberzieht. Zun\u00e4chst habe ich die Bohrinsel als \u00dcbelt\u00e4terin in Verdacht, aber es ist &#8222;nur&#8220; die Zapfs\u00e4ule an der Pier, die w\u00e4hrend des Tankens leckt.<br \/>\nDas P\u00e4rchen auf der kleinen Nachbaryacht hat Streit, es geht hoch her. Am anderen Morgen sieht man den Mann mit einem Pflaster am Kopf und einem Verband um den Arm, die Frau mit einem blauen Auge. Etwas sp\u00e4ter wird es dort wieder laut &#8222;Unter diesen Umst\u00e4nden kannst du nicht hierbleiben!&#8220; br\u00fcllt der Mann. Wenig sp\u00e4ter steigt die Frau mit Gep\u00e4ck ins Beiboot, bindet es los und treibt Richtung Meer, weil sie in der Aufregung die Paddel vergessen hat. Der Mann br\u00fcllt &#8222;schwimm!&#8220;. Sie l\u00e4\u00dft sich in voller Montur ins Wasser fallen, zieht das Dingi hinter sich her. Der Mann schaut zu. Ein Segler von einem anderen Boot sammelt Frau und Boot ein.<\/p>\n<p>Nicht nur im Hafen, auch in der Stadt Salvador hat sich die Atmosph\u00e4re ge\u00e4ndert: Viele neue Hochh\u00e4user &#8222;zieren&#8220; die Skyline, eine Menge neuer Hotels, Restaurants und Boutiquen werben um Touristen. Vergeblich suche ich nach dem Steinl\u00e4dchen mit der kleinen Hinterhofschleiferei und dem halbblinden alten Schleifer, wo ich vor zehn Jahren so wundersch\u00f6ne Steine erstand. \u00dcberall nur moderne Schmuck- und Edelstein-Gesch\u00e4fte mit gro\u00dfen Schaufenstern, pr\u00e4chtigen Auslagen und davor h\u00fcbsche schwarze Bahianerinnen in wei\u00dfen Spitzenkleidern, die Touristen zum Eintreten und Kaufen einladen.<\/p>\n<p>Nachdem wir die Atlantik\u00fcberquerung von Gran Canaria aus zu zweit hinter uns gebracht haben, erhalten wir nun Gesellschaft. Thilo und Christine, unsere Freunde aus Ostfriesland, die dort eine gro\u00dfe Baumschule betreiben, wollen drei Wochen ausspannen und mit uns auf der Freydis den Norden Brasiliens erleben.<\/p>\n<p>In Salvador besuchen wir gemeinsam Marie Louise Smith, eine geb\u00fcrtige Leeranerin, die schon 35 Jahre in Salvador lebt. Wir hatten sie und ihren Mann, einen der gr\u00f6\u00dften Kakaomakler der Welt, der damals noch lebte, bei unserem ersten Besuch hier kennen gelernt und gemeinsam mit ihnen viele sch\u00f6ne und anregende Stunden in ihrem herrlichen Haus mit Garten und Swimmingpool verbracht. Marie Louise hat nach dem pl\u00f6tzlichen Tode ihres Mannes unter anderem auch die Leitung ihrer Kakaoplantage \u00fcbernommen, f\u00fcr die sich fr\u00fcher kaum interessiert hatte. Von der Pike auf mu\u00dfte sie alles \u00fcber Kakao-Anbau und -Vermarktung lernen und ist m\u00e4chtig stolz, wie gut sie alles in den Griff bekommen hat. Sie l\u00e4dt uns ein, die 200 Kilometer s\u00fcdlich von Salvador entfernte Plantage zu besuchen. Wir verabreden, da\u00df wir auf unserem Weg nach S\u00fcden einen Abstecher dorthin machen.<\/p>\n<p>Durch Marie Louises Vermittlung sind wir G\u00e4ste des &#8222;Club de Bahia&#8220;. Unser Ankerplatz ist allerdings ungesch\u00fctzt der Atlantikd\u00fcnung ausgesetzt und entsprechend alles andere als gastlich. Aber der Club hat Duschen, ein gro\u00dfes S\u00fc\u00dfwasserschwimmbad, zwei Restaurants und mehrere Aufenthaltsr\u00e4ume, in denen sogar Gymnastik- und Lambadakurse abgehalten werden. Und nat\u00fcrlich ist er streng bewacht. \u00dcberall stehen Schwerbewaffnete und Kontrolleure. In Salvador mu\u00df es nach den Aussagen der Leute, die wir hier kennenlernen, von Einbrechern und Dieben nur so wimmeln. Die Armutskriminalit\u00e4t sei in den letzten Jahren enorm gestiegen. Abends soll man als Ausl\u00e4nder besser nicht das Gel\u00e4nde verlassen, in der Stadt keine Armbanduhr oder gar echten Schmuck tragen, etc., etc.\u2026<\/p>\n<p>Wir machen einen Ausflug mit unseren brasilianischen Bekannten Vera und David auf deren Katamaran nach Itaparika, der sch\u00f6nen Insel gegen\u00fcber von Salvador mit Traumstr\u00e4nden, Palmenhainen, Fischerd\u00f6rfern, kleinen Hotels und jetzt sogar einem Club Mediterran\u00e9. Neben uns eine weitere brasilianische Yacht: auf ihrem Heckkorb sitzt ein gro\u00dfer gr\u00fcner Papagei unter einem himmelblauen Sonnenschirm, schl\u00e4gt Purzelb\u00e4ume und gr\u00f6lt dazu den neuesten Lambada-Hit Unter ihm schwimmt &#8222;Hasardeur&#8220;, der kleine schwarz-wei\u00dfe Hund unserer Gastgeber, der als echter Gl\u00fccksj\u00e4ger seine Chance, da\u00df der Papagei ins Wasser f\u00e4llt, keinesfalls verpassen will. Vom Strand her dr\u00f6hnt ohrenbet\u00e4ubende Trompetenmusik. Das Musikkorps einer Polizeigarde \u00fcbt &#8222;Freude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunke\u201d, Beethoven w\u00fcrde sich im Grabe herumdrehen, wenn er da zuh\u00f6rte. Auf der R\u00fcckfahrt entpuppt sich &#8222;Hasardeur&#8220; als hervorragender Wachg\u00e4nger; bei Dunkelheit verbellt er die Tonnen schon lange bevor wir sie entdecken k\u00f6nnen. Auch dieses Revier hat es in sich: vor zwei Wochen ist eine italienische Yacht nachts auf das Riff vor Itaparica gelaufen und sofort gesunken.<\/p>\n<h3>Morro<\/h3>\n<p>Wir segeln nach Morro, der Insel mit dem kleinen Dorf, das uns damals so gut gefiel, und ankern in &#8222;unserer&#8220; Bucht am Palmenstrand.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-ATLANTIK 10.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-ATLANTIK 10.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Isla Saudade mit Neroi<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-ATLANTIK 29.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-ATLANTIK 29.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-ATLANTIK 11.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-ATLANTIK 11.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Erstes besuchen wir unseren brasilianischen Freund Neroi, den wir auf unserer ersten Reise dort kennen gelernt und mit dem wir unvergesslich sch\u00f6ne und lustige Tage verbracht haben. Damals wohnte er auf der anderen Seite des Berges, jetzt keine hundert Meter von der Bucht entfernt, in der wir ankern. Er hat sein Land getauscht und sich hier \u2013 ganz im Palmenwald versteckt \u2013 wieder ein \u00e4hnliches Haus aus Palmen, Schilf und Bambus gebaut wie dort: ein kleines Wunderwerk aus phantasievollen, praktischen Einf\u00e4llen gepaart mit handwerklicher Geschicklichkeit. Eine stabile Leiter f\u00fchrt uns hinauf zu einem gro\u00dfen Wohnzimmer mit dazugeh\u00f6riger K\u00fcche, in das auf halber H\u00f6he zum Dach zwei Schlafabteile wie \u00fcberdimensionale Schwalbennester ragen. Statt T\u00fcren zieren Muschelketten die Eing\u00e4nge und das Dach ist mit Piacava-B\u00fcscheln so dicht gedeckt, da\u00df es auch bei tropischen Regeng\u00fcssen keinen Tropfen durchl\u00e4\u00dft. Zum Meer hin zieht sich \u00fcber die ganze Breite des Hauses eine Veranda voller K\u00f6rbe und Tont\u00f6pfe, in denen Neroi alle m\u00f6glichen Heil- und K\u00fcchenkr\u00e4uter zieht, die einen angenehm w\u00fcrzigen Duft im ganzen Haus verbreiten. Aus dem Hahn in der K\u00fcche flie\u00dft kristallklares Wasser, das ohne Pumpe von einer etwas h\u00f6her gelegenen Quelle frei Haus geliefert wird. Diese Quelle war zu Beginn des Jahrhunderts von Walf\u00e4ngern unten am Strand in Steine gefa\u00dft und zur Wasserversorgung ihre Schiffe genutzt worden, erfahren wir. Und tats\u00e4chlich k\u00f6nnen wir dort den Brunnen und sogar Mauerreste alter Trankochereien entdecken. Selbst heutzutage verirrt sich gelegentlich noch ein Wal in diese Gegend. Erst im letzten Jahr ein gro\u00dfer Finnwal, der leider hier strandete. Das ganze Dorf hat danach wochenlang nur noch Walfleisch gegessen, erz\u00e4hlt Neroi. Die Rippen und Wirbel des Riesen zieren heute als Rundb\u00f6gen und Barhocker die neue Diskothek.<\/p>\n<p>Seit unserem letzten Besuch hat sich Morro, das vertr\u00e4umte kleine Fischerdorf zu einem richtigen Ferienort gemausert. Mehrere kleine Hotels und Pensionen sind gebaut worden und viele H\u00e4user, von denen fast jedes Quartiere f\u00fcr G\u00e4ste anbietet, daneben auch Restaurants, Caf\u00e9s und Kneipen, und sogar eine Diskothek (die mit den Walknochen). Alles zwar in recht bescheidenem Stil und zu gepfefferten Preisen &#8211; aber man hat sich den W\u00fcnschen der Sommerg\u00e4ste aus Sao Paulo und Minas Gerais angepa\u00dft. Die Schattenseiten des Ferienparadieses bleiben allerdings keinem lange verborgen: Immer wieder sehen wir Gestalten mit glasigen Augen durch den Ort wanken. Und in den kleinen Bambuskneipen am Palmenstrand wird nicht nur frischgefangener Fisch gegessen und Bier und Caipirinha getrunken, sondern auch Marihuana geraucht und Kokain geschnupft. Etwa 20% der Einheimischen sollen regelm\u00e4\u00dfig Marihuana rauchen, erfahren wir, Kokain dagegen k\u00f6nnten sich nur die Reichen und die Europ\u00e4er leisten. &#8222;Drogen und Einsamkeit haben schon zu viel Streit und Frust in den h\u00fcbschen H\u00e4uschen gef\u00fchrt und viele Ehen sind daran kaputt gegangen&#8220;, wei\u00df unser Freund.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-ATLANTIK 12.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-ATLANTIK 12.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neroi, 40 Jahre, spricht sehr gut Deutsch. Er war fr\u00fcher f\u00fcnf Jahre in N\u00fcrnberg, um sich zum Krankenpfleger ausbilden zu lassen. Das kommt der Bev\u00f6lkerung und auch ihm selbst sehr zugute, denn der n\u00e4chste Arzt ist noch immer weit und teuer. Geld kann er mit diesem Job zwar hier nicht verdienen, aber das bekommt er von wohlhabenden Brasilianern, denen er \u00e4hnlich originelle Ferienh\u00e4user entwirft und baut, wie sein eigenes. Allerdings nur, wenn er nichts Besseres vorhat. Er braucht nicht viel Geld zum Leben, wozu auch? Zeit f\u00fcr seine Freunde und f\u00fcr sich zu haben, ist ihm wichtiger. Trotz manch schlechter Erfahrung und Ern\u00fcchterung gerade im Rahmen der dortigen Rauschgiftszene, scheint Neroi ein gl\u00fccklicher Mensch geblieben zu sein.<\/p>\n<p>Wir begleiten ihn zu einer viele Quadratkilometer gro\u00dfen Kokosplantage, die an die Ortschaft Morro grenzt und wo sich alles um die Kokosnuss dreht. Selbst die Pferde, auf denen Neroi, leidenschaftlicher Reiter, \u00fcber die Insel galoppiert, werden mit Kokosn\u00fcssen gef\u00fcttert.<\/p>\n<p>Besonders gerne fressen sie keimende N\u00fcsse, deren Inneres ausschaut wie Eierschaum und auch so schmeckt. Aber wer mag nicht gerne Kokos-Merengen? Die harten N\u00fcsse knacken, ist Schwerarbeit. Mit der Machete m\u00fcssen die Schalen gespalten und die reife Nu\u00df dann aus dem Bast gesch\u00e4lt werden. Der &#8220;Nu\u00dfknacker-Champion&#8220; der Farm bringt&#8217;s auf 3000 gesch\u00e4lte N\u00fcsse pro Tag! Ein ganz sch\u00f6ner Nussberg.<\/p>\n<p>Im gro\u00dfr\u00e4umigen Sommerhaus des Besitzers &#8211; er soll ein direkter Nachfahre Napoleons sein &#8211; staunen wir auch nicht schlecht: die W\u00e4nde sind geradezu tapeziert mit wundersch\u00f6n gezeichneten Wasserschildkr\u00f6ten-Panzern. Eine herrliche, wertvolle Sammlung w\u00fcrde man sagen, ginge es nicht um eine bedrohte Tierart. Wir k\u00f6nnen uns nicht daran freuen und fragen uns wieder mal, wie&#8217;s hier wohl in zwanzig Jahren mit der Tierwelt ausschaut. Unser Freund Neroi glaubt nicht, da\u00df die erwachsene Bev\u00f6lkerung seines Landes noch zu einem vern\u00fcnftigen Umgang mit der Natur gebracht werden kann. &#8222;Sie sehen nicht ein, da\u00df sie pl\u00f6tzlich keine Schildkr\u00f6ten und keine Kaimane mehr t\u00f6ten, keine W\u00e4lder mehr abbrennen und die Pille nehmen sollen. Selbst durch Gesetze lassen sie sich von ihren Gewohnheiten nicht abbringen. Und die brasilianische Polizei ist langm\u00fctig.&#8220; Aber sind <i>wir<\/i> etwa besser, wir Europ\u00e4er mit unseren Autoabgasen, verseuchten Deponien und radioaktiven Abf\u00e4llen?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den sch\u00f6nen Schildkr\u00f6ten. Mit Marie Louise haben wir au\u00dferhalb Salvadors am Strand eine Aufzuchtstation f\u00fcr Meeresschildkr\u00f6ten besucht. Ein Hoffnungsschimmer, wenigstens f\u00fcr die Schildkr\u00f6ten.<\/p>\n<p>Mit Neroi geht&#8217;s auf der Freydis zu dem kleinen Urwalddorf Cairu, wo wir zwei deutsche Franziskaner-Pater wiedersehen wollen, die wir dort vor zehn Jahren kennen gelernt haben. Die beiden sind schon seit 1932 im Ort und beide nun schon 75 Jahre alt. Sie leben in einem alten Kloster, das bereits 1624 fertiggestellt, sp\u00e4ter dem Verfall preisgegeben worden war und erst wieder vor fast 60 Jahren durch die beiden tatkr\u00e4ftigen Patres bewohnbar gemacht wurde. Wir sind sehr gespannt, wie es ihnen jetzt geht. Pater Rufinus ist gerade zu Besuch in Deutschland, und so k\u00f6nnen wir leider nur Pater Lambertus begr\u00fc\u00dfen. Er kann sich noch gut an uns erinnern. Pater Rufinus w\u00e4re ja damals am liebsten auf der Freydis mit nach Rio gesegelt, schmunzelt er. Der wolle ja immer weg. Neulich sei er tats\u00e4chlich mal ausgezogen, hatte seinen Cairu-&#8222;Koller&#8220; gekriegt und sich versetzen lassen. &#8222;Aber wenn man 35 Jahre in Eigenregie hier gelebt hat, ist es gar nicht mehr so einfach, wo anders klarzukommen&#8220;, erkl\u00e4rt der Pater. Schon nach drei Tagen sei Rufinus reuig zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Pater Lambertus dagegen scheint recht zufrieden hier in Brasilien. Von den Politikern, die sich gerade profilieren wollten und auf Stimmenfang durchs Land reisten, bek\u00e4me das Kloster jetzt sogar ab und zu ein wenig Geld, das k\u00f6nnten sie gut gebrauchen. Er f\u00fchrt uns durch die kleine Klosterkirche in der die wundervoll geschnitzte alte Kanzel und das edle Gest\u00fchl v\u00f6llig von Termiten zerfressen ist. Eine kleine Schreinerwerkstatt mit vorsintflutlichen Werkzeugen bem\u00fcht sich in Handarbeit um die Restaurierung und leistet Erstaunliches. Eine schwere Arbeit, denn nur sehr hartes, termitenresistentes Holz darf verwendet werden. J\u00fcngst haben Lambertus und Rufinus ihre Ordensbr\u00fcder in Deutschland angeschrieben und um Geld f\u00fcr einen neuen Beichtstuhl gebeten. Die Antwort war negativ: man habe kein Geld f\u00fcr brasilianische Kunstdenkm\u00e4ler. Aber die beiden Padres sind nicht so leicht abzuspeisen. Die Bitte wurde umformuliert, wobei sie nat\u00fcrlich weiterhin der Wahrheit entsprach: Man m\u00f6ge ihnen doch das Geld schicken, damit sie einem armen Mann in Not in der Kirche Arbeit als Restaurator geben k\u00f6nnen. Das Geld kam prompt. Nicht nur Rufinus, auch Lambertus hat den Schalk im Nacken: Don Camillo und Pepone im Urwald!<\/p>\n<p>Die Zeiten, als sie bei ihrem Wunsch nach einem Auto vom Bischof daran erinnert wurden, da\u00df das Fortbewegungsmittel eines armen Franziskaner-M\u00f6nches seine Sandalen sind, haben sich ge\u00e4ndert. Lambertus und Rufinus besitzen jetzt nicht nur ein Moped, sondern auch ein kleines Auto und ein Boot, um ihre Gl\u00e4ubigen auch in den hintersten Urwaldwinkeln erreichen zu k\u00f6nnen. Auf den Bev\u00f6lkerungszuwachs in Brasilien angesprochen, meint er, &#8222;hier sind doch alle gl\u00fccklich, keiner mu\u00df hungern, Fisch, Langusten, Bananen gibt&#8217;s genug&#8220;. Von den Favelas, den riesigen Armutssiedlungen in den Gro\u00dfst\u00e4dten, will er dagegen nichts wissen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich machen sie sich Gedanken, wie es hier mit dem Kloster und der seelsorgerischen Betreuung der Leute weitergeht, wenn sie einmal nicht mehr da sind. J\u00fcngst habe man ihnen zwei junge brasilianischen Padres zur Unterst\u00fctzung ins Kloster geschickt, aber die seien mit dem Essen unzufrieden und auch sonst so anspruchsvoll gewesen, da\u00df er sie gleich wieder fortgeschickt habe. &#8222;Sowas kann ich hier nicht gebrauchen&#8220; sagt der alte Pater und sch\u00fcttelt den Kopf, wohlwissend da\u00df er sich damit den Unmut seiner brasilianischen Ordensbr\u00fcder zugezogen hat.<\/p>\n<p>In unserer Bucht bei Morro treffen wir auch auf die Yacht &#8222;Tiamat&#8220; mit Peter, einem Schweizer und seinem Sch\u00e4ferhund. Peter ist bereits seit mehreren Jahren unterwegs, in den letzten beiden allerdings kaum mehr vom Fleck gekommen. Langes gr\u00fcnes Seegras ziert deshalb die einst wei\u00dfe Wasserlinie seiner Meeresg\u00f6ttin. Auch Gaby und Wolfgang von der &#8222;Wilden Mathilde&#8220; lernen wir kennen, die uns auf unserer weiteren Reise noch h\u00e4ufiger begegnen werden. Sie leben schon seit vier Jahre auf ihrer sch\u00f6nen, gepflegten Ketsch vom Typ Joshua, segelten lange Zeit in der T\u00fcrkei und in Gambia und auch hier in Brasilien haben sie es nicht eilig. Wie sch\u00f6n ist es, unter Gleichgesinnten zu sein! Stundenlang und mit wachsender Begeisterung fachsimpeln wir \u00fcber die Ausr\u00fcstung und erz\u00e4hlen uns von den Erlebnissen in den L\u00e4ndern, die wir mit unseren Schiffen aufgesucht haben. Als es um die paradiesischen Pl\u00e4tze geht, wo man noch keinen Menschen trifft, sprechen wir alle etwas leiser, als gelte es die Schlupfwinkel, in die sich die bedr\u00e4ngte Natur zur\u00fcckgezogen hat, vor der \u00fcbrigen Welt geheim zu halten.<\/p>\n<p>Um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch laufen wir zusammen mit der Wilden Mathilde und der Tiamat ein paar Flussschleifen weiter nach Galeau, einem vertr\u00e4umten kleinen Fischerdorf mit vielen Reusen davor, an denen sich Fischer in Einb\u00e4umen zu schaffen machen. Dunkelh\u00e4utige Bewohner bleiben staunend am Strand stehen, als sie unseren Konvoi sehen. Kinder best\u00fcrmen Neroi, den sie kennen, ihnen Einzelheiten \u00fcber uns zu erz\u00e4hlen. Unsere Yachten sind die ersten, die das Dorf besuchen. Sowas gibt&#8217;s eben noch in Brasilien! Am Abend l\u00e4\u00dft Neroi f\u00fcr uns in einer der H\u00fctten von einer Frau ein Essen zubereiten. Wir d\u00fcrfen w\u00e4hlen zwischen Fisch, Flusskrebs, Languste, Tatu (G\u00fcrteltier) und Kaiman.<\/p>\n<p>In Galeau sind unsere Yachten sicher, es besteht nicht die geringste Gefahr, da\u00df eingebrochen wird. Wir k\u00f6nnen sie beruhigt alleine lassen. F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag nehmen wir uns deshalb einen Besuch auf Marie Louises Kakaoplantage vor. Mit der ersten F\u00e4hre, um sechs Uhr fr\u00fch, setzen wir zusammen mit vielen vergn\u00fcgten Schulkindern \u00fcber mehrere flache Flussarme nach Valenca \u00fcber, einer Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern. Vor zehn Jahren, als wir die Stadt mit der Freydis besuchten, waren es doch erst 40.000, wundere ich mich. Dort mieten wir einen Wagen und fahren f\u00fcnfzig Kilometer weiter ins Landesinnere. Auf dem Weg dorthin, sowie auf der Kakaoplantage selbst, schwanken unsere Gef\u00fchle zwischen der Bewunderung f\u00fcr diese Frau, die in die Fu\u00dfstapfen ihres Mannes tritt, Urwald rodet und Pflanzungen anlegt, und der Trauer, da\u00df auf diese Weise St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck des Urwaldes verschwindet. Dieser letzte Streifen K\u00fcsten-Urwald steht zwar nicht so im Brennpunkt des Weltinteresses wie der Urwald des Amazonasbeckens, er ist aber deshalb nicht weniger wertvoll. Unsere Gartenbau-Spezialisten Thilo und Christine schauen besonders betroffen auf die gest\u00fcrzten Urwaldriesen und verbrannten Wurzelst\u00fcmpfe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6a-IMG0033.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6a-IMG0033.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Der K\u00fcstenurwald im S\u00fcden von Bahia muss weichen: Es wird Platz geschaffen f\u00fcr Kakaoplantagen<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6b-IMG0034.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6b-IMG0034.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es ist Zeit Abschied zu nehmen von Morro, der Wilden Mathilde, der Tiamat und auch von Neroi, unserem Pfadfinder zu Lande und zu Wasser. Aber wir wissen ja, die Welt ist klein, vor allem f\u00fcr Segler. Wir sind sicher, da\u00df wir uns wiedersehen, wenn auch vielleicht erst in ein paar Jahren.<\/p>\n<h3>Camamu<\/h3>\n<p>Als wir aufbrechen, regnet es aus dicken, dunklen Wolken und auch der Wind ist uns nicht gewogen. Den ganzen Tag bl\u00e4st er uns auf die Nase und die Wellen hacken uns seekrank und m\u00fcrbe. Beim Essen beschr\u00e4nken wir uns auf Kokosn\u00fcsse, \u00c4pfel und Bananen. Wir laufen an der Ponta da Castelhanos vorbei. &#8222;Dort k\u00f6nnt ihr noch einen Schatz heben&#8220; hatte uns Neroi erz\u00e4hlt, dessen Freund beim Tauchen dort auf die Reste eines alten spanischen Schiffes gesto\u00dfen war. Aber leider wird nichts daraus. Wir k\u00f6nnen nicht ankern: bei dem s\u00fcdlichen Wind l\u00e4gen wir auf Legerwall, au\u00dferdem ist die Stelle sehr flach, was ja schon dem Spanier zum Verh\u00e4ngnis geworden war.<br \/>\nDaf\u00fcr sp\u00fcren wir das kleine Urwalddorf Camamu auf und nehmen daf\u00fcr sogar erhebliche Umwege in Kauf, weil uns die brasilianische Spezialkarte fehlt. Wieder mal bew\u00e4hrt sich der Schwenkkiel. Nach einer Slalomfahrt durch den Mangrovendschungel ankern wir vor dem malerischen kleinen Ort am Berghang.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/20-IMG0037.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/20-IMG0037.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Nach einer Slalomfahrt durch den Urwald landen wir in dem kleinen Dorf Camamu<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p> Schwarze Kinder in schwarzen Einb\u00e4umen fahren um unsere Freydis herum, mustern sie von oben bis unten und stellen sich auf, um besser ins Deckshaus gucken zu k\u00f6nnen. Auch hier sind wir die erste ausl\u00e4ndische Yacht im Hafen und damit Attraktion des Dorfes. Beim Provianteinkauf werden wir unentwegt gefragt, woher wir kommen und ob es uns in Brasilien gef\u00e4llt. Auf diese Weise machen wir auch Bekanntschaft mit Romildo, pensionierter Polizist aus Rio, der sich nun vor allem seiner Gitarrenmusik widmet. Er ist sogar schon mehrfach im brasilianischen Fernsehen aufgetreten.<\/p>\n<p>Wir erleben Romildo &#8222;life&#8220; an Bord, als er am Nachmittag unser Gast ist, denn nat\u00fcrlich bringt er seine Gitarre mit und spielt und singt mit rauher, gef\u00fchlvoller Stimme a la Nat King Cool von Liebe, Hoffnung, Sehnsucht, Verrat, Einsamkeit und Tod. Romantische Stunden inmitten einer traumhaften Urwaldszenerie! Immer wieder bitten wir ihn um eine Zugabe, bis nach Sonnenuntergang die Salveiros, randvoll mit Menschen, von ihrem Sonntagsausflug zur\u00fcckkehren: mit Pauken und Trompeten, versteht sich, denn Musik hat in Brasilien keinen Anfang und kein Ende, sie geh\u00f6rt einfach dazu, zu allem.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/21-Atlantik 61 Kopie.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/21-Atlantik 61 Kopie.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Romildo bringt Heide ein St\u00e4ndchen<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/8-ATLANTIK 16.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/8-ATLANTIK 16.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<h3>Santa Cruz de Cabralia<\/h3>\n<p>Unerfreuliche Starkwind-Fahrt gegen an nach Santa Cruz de Cabralia. Dazu noch rabenschwarze Nacht, erst drei Stunden vor dem Morgen, bequemt sich der fette Vollmond endlich aufzugehen. Das also ist &#8222;happy sailing&#8220; an brasilianischen Gestaden! Aber das ist nicht alles. Als wir von der Kreuz ger\u00e4dert, am Vormittag vor der langen Barre ankommen, die Santa Cruz vorgelagert ist, hat der auflandige Wind dort eine \u00fcble Brandung aufgebaut. Wir haben nur den deutschen \u00dcbersegler und wieder mal keine Spezialkarte. Au\u00dferdem hat uns J\u00fcrgen Lechte, TO St\u00fctzpunktleiter, den wir hier besuchen wollen, \u00fcber Kurzwelle gewarnt: &#8222;da wird wohl keiner ohne Lotsen hereinkommen!&#8220; Aber J\u00fcrgen ist nicht zu Hause, ein anderer Lotse nicht in Sicht. Also erst einmal dicht ans Riff und daran entlangsegeln. Von au\u00dfen schaut es wie eine Kaimauer aus, die sich nach Norden zu unter Wasser fortsetzt. &#8222;Irgendwo mu\u00df sich der Flu\u00df doch einen Auslass gegraben haben&#8220; brummt Erich, der hinter der Barre einen Flusslauf entdeckt hat. Angestrengt halten wir Ausschau. Und tats\u00e4chlich, an einer schmalen Stelle l\u00e4\u00dft die Brandung nach. &#8222;Wer war denn Euer F\u00fchrer?&#8220; fragt J\u00fcrgen verbl\u00fcfft, als er zu seinem Haus am Flu\u00df zur\u00fcckkehrt und uns davor ankern sieht. &#8222;Erichs Nase&#8220; grinst Thilo.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen, der selbst Segler ist und wie kein zweiter die brasilianische K\u00fcste kennt, lebt bereits seit mehreren Jahre auf &#8222;Sitio Taigun&#8220;, seinem idyllisch gelegenen, Urwald-umwucherten Anwesen, das vom eigentlichen Ort Santa Cruz durch einen breiten Flusslauf getrennten ist. Mit 35 Jahren hatte er seinen Teilhaberschaft an einer Werbeagentur in Deutschland aufgegeben und l\u00e4ngere Zeit im Mittelmeer als Skipper auf Booten verbracht, wobei er auch Yachten nach Afrika, Asien oder Amerika \u00fcberf\u00fchrte. In Brasilien fand er das Land seiner Tr\u00e4ume und &#8211; auf dem ber\u00fchmten Karneval in Salvador &#8211; auch seine junge brasilianische Frau Anna Lucia. Zusammen haben sie hier ihren Garten Eden aufgebaut, und w\u00e4hrend er als Bauaufseher und Grundst\u00fccksmakler in der Umgebung unterwegs ist, betreibt seine Frau eine kleine Boutique am Strand. Zur Familie geh\u00f6ren auch ihre h\u00fcbsche kleine Tochter Valerie und Otto, der Papagai.<\/p>\n<p>Otto, eine Blaukopf-Amazone, ist ein richtiger Spa\u00dfvogel und als solcher im ganzen Ort bekannt. Wann immer J\u00fcrgen mit seinem Speedboot \u00fcber den Flu\u00df zum Dorf jagt, um Besorgungen zu machen, ist Otto dabei, haarscharf und mit den schneidigsten Flugman\u00f6vern \u00fcber J\u00fcrgens Kopf dahin brausend. In den L\u00e4den feuert er J\u00fcrgen mit seinem Lieblingsspruch&#8220;Otto sta com fome = Otto hat Hunger&#8220; zum Brot- und Obstkauf an. Gleich am ersten Tag hat Otto die Freydis inspiziert und sich als &#8222;Otto Papagaio&#8220; vorgestellt. M\u00fcsli und d\u00e4nische Butterkekse erwiesen sich als gute Basis f\u00fcr eine dauerhafte Freundschaft mit ihm. Sobald Erich in die H\u00e4nde klatscht und Richtung Busch ruft &#8222;Otto, der Tee ist fertig!&#8220; rauscht Otto an, l\u00e4\u00dft sich elegant auf dem Steuerrad nieder und verk\u00fcndet lauthals &#8222;Otto sta com fome!&#8220;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/12-Atlantik 57.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/12-Atlantik 57.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/13-Atlantik 58.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/13-Atlantik 58.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als wir ihm eines Tages aus Spa\u00df unser Maskottchen vorf\u00fchren, einen kleinen Stoffhund, der laufen und bellen kann, wenn man ihn aufzieht, ger\u00e4t Otto v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen. Aus dem handzahmen, lustigen Papagei wird augenblicklich ein agressiver kleiner Kampfhahn. Und dann legt er los, weint, heult, schreit und br\u00fcllt wie ein kr\u00e4ftiger S\u00e4ugling mit vollen Windeln: herzzerrei\u00dfend, zum Gotterbarmen und vor allem so t\u00e4uschend echt, da\u00df er damit jede Mutter in Angst und Schrecken versetzt h\u00e4tte. Zun\u00e4chst sind auch wir best\u00fcrzt, schauen ihm fassungslos zu und k\u00f6nnen kaum glauben, was wir sehen und h\u00f6ren, aber dann lachen wir doch Tr\u00e4nen \u00fcber diesen urkomischen Vogel. Nach einer halben Stunde hat sich Otto total verausgabt und ist v\u00f6llig ersch\u00f6pft. Aber es gelingt uns, wenigstens einen Teil seiner dramatischen Inszenierung aufzuzeichnen. Als wir J\u00fcrgen das Band Vorspielen, erkennt er das S\u00e4uglingsgebr\u00fcll als das seiner Tochter. &#8222;Otto war damals sehr eifers\u00fcchtig auf die Kleine, die zu der Zeit \u00e4hnliche Stofftiere besa\u00df&#8220;, lacht er. Da soll doch blo\u00df jemand behaupten, Tiere h\u00e4tten keine Seele! \u00dcbrigens ist Otto wegen seiner begnadeten Stimme auf der Freydis in die Reihe der &#8222;Unsterblichen&#8220; aufgenommen worden.<\/p>\n<p>Apropos &#8222;Otto Papagaio&#8220;: Der florentinische Kartograph Amerigo Vespucci nannte dieses Land, an dessen K\u00fcste er 1499 auf seiner Erkundungsfahrt entlangsegelte &#8222;Papageienland&#8220;, weil er dort au\u00dfer Urwald &#8222;nur&#8220; kreischende bunte V\u00f6gel entdeckte. Und noch ein bi\u00dfchen Geschichte: ein Jahr sp\u00e4ter landete die Flotte des Portugiesen Cabral, der als Entdecker Brasiliens gilt, just dort, wo heute das kleine Dorf Santa Cruz de Cabralia liegt. Wir befinden uns also auf geschichtstr\u00e4chtigem Boden. Von hier aus nahm die Kolonisierung Brasiliens ihren Ausgang.<br \/>\nChristine und Thilo verlassen uns, sie haben noch eine Wonne-Woche &#8222;Club Mediterrane\u00b4&#8220; in Itaparica vor sich.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter treffen wir hier auch die &#8222;Wilde Mathilde&#8220; mit Gaby und Wolfgang wieder. Die beiden waren, von Morro auslaufend, in dieselbe st\u00fcrmische Kaltfront geraten wie wir und hatten sich gleich nach llheus abgesetzt, um g\u00fcnstigere Winde abzuwarten. Mit ihrem Tiefgang von fast zwei Metern wurde sie zun\u00e4chst nach St Cruz gelotst und kamen erst am Nachmittag, bei Hochwasser, den Flu\u00df herauf. Gleich am n\u00e4chsten Morgen geht&#8217;s zu viert mit vollem Picknickkorb, Strohh\u00fcten, Sonnencremes, Vogel- und Pflanzenbestimmungsbuch und Machete auf Flusserkundung mit dem Schlauchboot. Wir k\u00f6nnen uns nicht sattsehen an der m\u00e4rchenhaften Vegetation, den farbenfrohen Bl\u00fcten, wilden Orchideen und tropischen Fr\u00fcchten. Je weiter wir hinauf kommen, desto l\u00e4nger und \u00fcppiger werden Schlingpflanzen und \u00c4ste, die wie ausgestreckte Arme vom Ufer her ins Wasser ragen, uns immer wieder festhalten und den Weg versperren. Bald umgibt uns dichtester Dschungel, in dem wir nicht mehr wagen an Land zu gehen. Erst am Vorabend hatte uns J\u00fcrgen einige Giftschlangen gezeigt, die er auf seinem Gel\u00e4nde gefangen und get\u00f6tet hat und zum Vorzeigen in Einweckgl\u00e4sern aufbewahrt Auf Schlangen k\u00f6nnen wir gut verzichten, Moskitos qu\u00e4len uns schon genug.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt entdecken wir das im Sumpf halbversunkene und im Mangrovengeb\u00fcsch versteckte Wrack einer Stahlyacht, mitten auf einer kleinen Fluss-Insel, nicht weit von unserem Ankerplatz entfernt..<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Bruce Roberts Yacht sei es einmal gewesen, ein roter Knickspannter wie die Freydis, erfahren wir sp\u00e4ter von J\u00fcrgen. Ein in Rio lebender Belgier hatte sie mit viel  Elan dort ausbauen lassen, aber schon auf der ersten Reise nach Santa Cruz, auf der er in schlechtes Wetter geraten und seekrank geworden war, den Spa\u00df daran verloren. Und nachdem das Schiff, das bei dem Sturm bereits erheblich gelitten hatte, hier im Hafen noch zweimal gesunken und wieder gehoben worden war, verkaufte er es &#8222;f\u00fcr&#8217;n Appel und&#8217;n Ei&#8220;. Der neue Besitzer aber wurde mit dem Kauf auch nicht gl\u00fccklich. Zu Vieles war schon irreparabel zerst\u00f6rt. Nun f\u00fchlte sich keiner mehr zust\u00e4ndig f\u00fcr das Schiff, das langsam zum &#8222;Schandfleck&#8220; des Hafens verrottete, bis man es schlie\u00dflich in die Mangroven schleppte, wo es erneut voll Wasser lief.<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter tasten wir uns zusammen mit Gaby und Wolfgang bei Hochwasser mit der Freydis ans Wrack heran. Es ist zwar schon weitgehend ausgeschlachtet, aber einige angeschwei\u00dfte, gut verwertbare Teile und Beschl\u00e4ge aus Nirosta sind noch dran. Und wozu haben wir denn einen Flex und einen Generator an Bord? So kommen wir also doch noch zum Schatzheben (oder vielmehr -flexen) und haben Mordsspa\u00df bei der Aktion.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/23-IMG0030.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/23-IMG0030.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/22-IMG0029.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/22-IMG0029.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Brigitte und Hans Ulrich, unsere Freunde aus D\u00fcsseldorf sind w\u00e4hrend dessen angekommen. Hans Ulrich, Fachmann f\u00fcr optische Gerate, Mitte Vierzig, ist erfahrener Hochseesegler, der fr\u00fcher schon etappenweise auf der Freydis mit gesegelt ist und auch auf dem T\u00f6rn in die Antarktis dabei sein wird. Brigitte, seine Frau ist dagegen zum ersten mal auf einem Segelboot. Nach Santa Cruz de Cabralia zu kommen war kein Problem. Mit einer kleinen Propellermaschine waren sie von Rio nach Porto Seguro geflogen, wo J\u00fcrgen sie am Flugplatz abgeholt und hierher gebracht hat.<br \/>\nVon St Cruz fahren wir mit J\u00fcrgen auf der K\u00fcstenstra\u00dfe zu der 25 Kilometer entfernten, 40.000 Einwohner zahlenden Stadt Porto Seguro, um Schiffsfarbe zu kaufen. Kilometerlange, wundersch\u00f6ne Sandstr\u00e4nde ziehen an uns vor\u00fcber, lange Strecken davon sind aber bereits verbaut, mit Pousadas, kleinen Hotels und Ferienh\u00e4usern. Vieles ist im Entstehen, ein Ende des Baubooms nicht abzusehen.<\/p>\n<p>Am Strand Coroa Vermelha buntes Badeleben, viel Touristenrummel. Um das Kreuz, das die Stelle kennzeichnet, auf dem die Portugiesen die erst Messe auf brasilianischem Boden lasen, haben Indios ihre Verkaufsst\u00e4nde aufgebaut, in denen sie Handarbeiten und Souvenirs anbieten. Die Cidade Alta, die Oberstadt, die 300 Meter h\u00f6her auf einem Plateau liegt, ist weit interessanter als die moderne Unterstadt. Dort gibt es noch intakte Kolonialbauten und eine sch\u00f6ne Kirche aus der Zeit der ersten portugiesischen Kolonie, zu deren Bau eine Mischung aus Stein, Lehm, Kalk und Wal\u00f6l verwendet wurde.<\/p>\n<h3>Abrolhos &#8211; Archipel<\/h3>\n<p>Nach einer Woche auf Sitio Taigun sind wir Brasilien wieder total verfallen. Aber wir m\u00fcssen den Zeitplan einhalten und uns losrei\u00dfen. Die Abrolhos warten! Hundert Meilen sind es bis dorthin.<br \/>\nZun\u00e4chst haben wir kr\u00e4ftigen Ostwind und kommen gut voran. In der Nacht schl\u00e4ft der Wind allerdings ein und Regeng\u00fcsse prasseln aufs Deck. Brigitte ist seekrank, Hans Ulrich und ich haben uns vorsorglich Pflaster hinters Ohr geklebt. Am Morgen strahlt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und leichte achterliche Winde schieben uns vorw\u00e4rts. Brigitte hat es sich auf dem umgedrehten Dingi gem\u00fctlich gemacht, das wir auf dem Vorschiff festgezurrt haben. &#8222;Das scheint hier die first dass zu sein&#8220;, lacht sie vergn\u00fcgt, als ich ihr einen Drink reiche. Gleich darauf ruft sie aufgeregt &#8222;schaut mal dort, was ist denn das?&#8220; Zwei dunkle Buckel heben sich aus dem Wasser und verschwinden wieder. Erich: &#8222;Zwei Wale, ganz gut f\u00fcr den Segelanfang, Brigitte, wir haben auf der ganzen bisherigen Reise noch keinen einzigen gesehen&#8220;.<\/p>\n<p>Als wir die Abrolhos erreichen, hat sich der Himmel verfinstert. Starkwindb\u00f6en st\u00fcrzen auf uns herab. Die vorhergesagte Kaltfront aus S\u00fcden hat uns erreicht. Zum Gl\u00fcck kann sie uns, so nahe an der gesch\u00fctzten Bucht auf der Nordseite von Santa Barbara, nicht mehr viel anhaben. \u00dcber UKW werden wir von Adolfo, dem Naturschutz-Beauftragten der Abrolhos begr\u00fc\u00dft. Er ist einer der insgesamt 27 &#8211; k\u00f6pfigen Bev\u00f6lkerung auf St Barbara, die sich aus Marine-Angeh\u00f6rigen und deren Familien zusammensetzt. In den darauffolgenden Tagen, holen uns Adolfo und Bernadette, seine Frau mehrmals mit ihrem offenen, gut motorisierten Aluminiumboot ab, und fahren mit uns zu den Mini-Inseln, die um die Hauptinsel herum gruppiert sind und unter Naturschutz stehen. Adolfo und Bernadette, beide Mitte zwanzig, kommen aus Belem und leben schon zwei Jahre auf St Barbara. Bernadette ist Grundschullehrerin und unterrichtet die acht Kinder auf der Insel. Adolfo hat seinen Beruf als Mathematiklehrer an den Nagel geh\u00e4ngt, und sich stattdessen mit Leib und Seele dem Naturschutz verschrieben. Begeistert erz\u00e4hlt er von den Walen, die sich hier, von der Antarktis kommend, an den Riffkanten ausruhen, und die er z\u00e4hlt und identifiziert, zuweilen auch mit dem Boot begleitet &#8211; im letzten Jahr von Juli bis Dezember seien es etwa hundert Wale gewesen. Auf diese Weise konnte Adolfo sogar eine Walgeburt miterleben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/9-IMG0028.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/9-IMG0028.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/IMG0038.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/IMG0038.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch Bernadette f\u00e4hrt gerne mit hinaus, um die vielf\u00e4ltige Fauna und Flora der Inseln und Buchten zu beobachten, soweit ihr der Schulunterricht Zeit dazu l\u00e4\u00dft. Ihre Kenntnisse gibt sie an die Kinder weiter, die sie im Sinne des Naturschutzes erzieht. Insgesamt wollen die beiden f\u00fcnf Jahre auf den Abrolhos bleiben, auch wenn sie sich manchmal doch recht einsam hier f\u00fchlen, wie uns Bernadette gesteht. Zwar k\u00f6nnen die Bewohner jetzt auf der Insel fernsehen und sogar mit Freunden und Verwandten auf dem Festland telefonieren, und nat\u00fcrlich bringen auch die einlaufenden Schiffe Abwechslung &#8211; im letzten Jahr sind nicht weniger als f\u00fcnfzig ausl\u00e4ndische Yachten hier vor Anker gegangen, und im Sommer kommen regelm\u00e4\u00dfig einheimische Touristen mit Schonern von Porto Seguro her\u00fcber &#8211; aber auf die Dauer ist das kein Ersatz f\u00fcr Familie und Freunde zu Hause. Schon gar nicht f\u00fcr so junge Leute wie die beiden. Aber demn\u00e4chst h\u00e4tten sie Urlaub, dann ginge es nach zwei Jahren erstmals wieder zum Festland, vier Wochen nach Belem. Adolfos und Bernadettes Augen leuchten.<\/p>\n<p>Wir sind nat\u00fcrlich rundherum gl\u00fccklich hier zu sein und viel zu kurz erscheinen uns die Tage, in denen wir uns an den St\u00e4tten unserer Erinnerung aufhalten k\u00f6nnen, die sich in all den Jahren kaum ver\u00e4ndert haben und wo wir uns immer noch wie Robinson Crusoes f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Wenn an den Riffen vor den Inseln das Wasser klar und nicht allzu unruhig ist, dann schnorcheln und tauchen wir f\u00fcr mehrere Stunden und geben uns einer faszinierend sch\u00f6nen Unterwasserwelt hin, in der langgliedrige Gesch\u00f6pfe aus Tang, Polypen und bunte Fische ihren wunderbar harmonischen Schleier- und F\u00e4chertanz auff\u00fchren im Rhythmus der Wellen und einer f\u00fcr unsere menschlichen Ohren nicht h\u00f6rbaren Musik. Immer wieder paddeln Schildkr\u00f6ten an uns vorbei, sind aber blitzschnell wieder verschwunden, wenn sie uns entdecken. Denn nat\u00fcrlich lauern \u00fcberall auch gefr\u00e4\u00dfige R\u00e4uber. Das ist uns vom letzten Abrolhos-Aufenthalt noch gut in Erinnerung: Ein Farbiger, der von der Insel aus beobachtet hatte, wie wir nach unserer Ankunft von der Freydis aus ein erfrischendes Bad nahmen, meinte damals lachend, wir h\u00e4tten aber Mut gehabt, hier zu baden. Sicher h\u00e4tten wir gute Unterwasserwaffen, denn er habe schon h\u00e4ufiger gro\u00dfe Haie in der Bucht gesehen, w\u00e4hrend er geangelt habe. Vorsicht ist geboten. Als ich die blutigen Innereien von einigen Bonitos \u00fcber Bord werfe, die Fischer au\u00dferhalb des Naturparks gefischt und uns geschenkt haben, sehen wir pl\u00f6tzlich einen eineinhalb Meter langen Schatten langsam neben der Freydis auf- und abschwimmen -unverkennbar ein Hai! Brigitte, die vor dem Essen noch einmal baden wollte und gerade auf der Leiter steht, gibt ihr Vorhaben rasch wieder auf: &#8222;Als Fischfutter bin ich mir zu schade.\u201c<\/p>\n<p>Auf den Inseln nisten Paradiesv\u00f6gel in Felsh\u00f6hlen und unter freiem Himmel br\u00fcten T\u00f6lpel und Fregattv\u00f6gel im Geb\u00fcsch oder auf nackten Steinen. Auf dem vorgelagerten Riff, das wir bei Niedrigwasser trockenen Fu\u00dfes erreichen, untersuchen wir die Reste einer Segelyacht: den zerschmetterten Rumpf aus Fiberglas und mehrere St\u00fccke daraus. Sie hie\u00df &#8222;Bora Bora&#8220; und ist 1985 hier gestrandet, wei\u00df Adolfo..<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/IMG0039.jpeg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/IMG0039.jpeg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Abrolhos: Hans-Ulrich inspiziert die Reste einer zerst\u00f6rten Kunststoffyacht<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>W\u00e4hrend unseres Aufenthaltes auf den Abrolhos h\u00e4tte die franz\u00f6sischen Yacht &#8222;Tanaga&#8220; um Haaresbreite das gleiche Schicksal wie die &#8222;Bora Bora&#8220; ereilt. Adolfo, der vom Leuchturm aus beobachtete, wie sie bei Hochwasser und grobem Seegang mitten \u00fcber\u00b4s Riff auf unsere Ankerbucht zuschipperte, hielt sie bereits f\u00fcr verloren. Wie durch ein Wunder war ihr nichts passiert. Sp\u00e4ter, bei Kaffee und Crepes im Salon der Tanaga, einer zw\u00f6lf Meter langen Stahlyacht, erz\u00e4hlt uns Frederique, ihr Skipper, da\u00df sein Kompa\u00df von einem Moment auf den anderen einen verkehrten Kurs angezeigt habe. Vielleicht war ja unbemerkt ein Kompensations-Magnet abgefallen, \u00fcberlegen wir. Aber bei der guten Sicht war das wohl nicht der einzige Grund f\u00fcrs Vernavigieren. Bezeichnenderweise nannten Portugiesische Seefahrer die Inseln &#8222;Abros fos ossos = halte die Augen offen, hier droht Gefahr&#8220;.<\/p>\n<p>Da die Tanaga und die Freydis auf entgegengesetzten Kursen segeln, kann ein Schiff dem anderen viele wertvolle Informationen und Tips im Hinblick auf Ankerpl\u00e4tze und navigatorische Besonderheiten geben. Auf unsere Empfehlung will Frederique auch &#8222;Sitio Taigun&#8220; anlaufen.<\/p>\n<p>Der Wind hat in der Nacht auf NO gedreht, die Freydis torkelt um ihren Anker wie ein Betrunkener um den Laternenpfahl. Am Morgen sind wir alle seekrank. Nichts wie weg! Bessere Bedingungen k\u00f6nnen wir gar nicht bekommen. Wir b\u00e4umen die Schmetterlingssegel aus und fliegen f\u00f6rmlich gen S\u00fcden. Wie sch\u00f6n f\u00fcr mich, da\u00df Hans Ulrichs Hobby die Astronomie ist, bei den klaren N\u00e4chten kann er mir w\u00e4hrend der Wachen viele Steinbilder erkl\u00e4ren. Heute, am 20. 9.1990 steuert die Freydis zum Beispiel geradenwegs auf das Kreuz des S\u00fcdens zu, das sich nur wenig \u00fcber den Horizont erhebt. Rasmus meint es gut mit uns, das Wetter bleibt best\u00e4ndig, der Wind bl\u00e4st unentwegt von achtern und die Freydis l\u00e4uft wie geschmiert. Brigitte, die bisher von uns allen am st\u00e4rksten unter Seekrankheit gelitten hat und nach eigenen Aussagen eher ihrem Mann zu Liebe als aus eigenem Antrieb mitsegelt, kann wieder lachen: Hans Ulrich h\u00e4tte ihr zum Hochzeitstag eine Kreuzfahrt versprochen, und sie habe nat\u00fcrlich eingewilligt und an einen Luxusdampfer in der Karibik gedacht &#8222;Und wenn ich au\u00dferdem noch gewu\u00dft h\u00e4tte, da\u00df man beim Segeln tagelang kein Land sieht, w\u00e4re ich nie mitgekommen!&#8220; Aber nun ist sie doch stolz, da\u00df sie bisher so gut durchgehalten hat. Nach einem Bade-Tag in der schmalen Bucht von Buzios mit ihren superwei\u00dfen Palmenstr\u00e4nden, verschlechtert sich das Wetter pl\u00f6tzlich. Fallb\u00f6en fegen von den Bergen und lassen die Freydis ganz sch\u00f6n zur Kehr gehen. Brigitte verkriecht sich in ihre Koje und zieht die Bettdecke \u00fcber den Kopf. Ich stehe am Ruder, f\u00fcr mich immer noch der beste Platz gegen Seekrankheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 23.12.2015, La Palma Brasilianische K\u00fcste &#8211; Segeln im verlorenen Paradies Vor 10 Jahren, auf unserer ersten Reise mit der Freydis rund S\u00fcdamerika, war Brasilien f\u00fcr uns das Segelparadies in reinster Auspr\u00e4gung: wegen der Menschen, denen wir dort begegnet sind &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-7-im-papageienland-teil-1\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[54,55],"class_list":["post-2362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-atlantik","tag-brasilien"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2362"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2370,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2362\/revisions\/2370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}