{"id":2376,"date":"2015-12-23T19:52:42","date_gmt":"2015-12-23T18:52:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=2376"},"modified":"2015-12-23T19:53:44","modified_gmt":"2015-12-23T18:53:44","slug":"episode-10-1990-segeln-zwischen-alptraum-und-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-10-1990-segeln-zwischen-alptraum-und-traum\/","title":{"rendered":"Episode 10: 1990 \u2013 Segeln zwischen Alptraum und Traum"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<i>Mittwoch, 23.12.2015, La Palma<\/i>\n<\/p>\n<h2>Brand in Mar del Plata, Tierparadies Valdes<\/h2>\n<p><big>E<\/big>s ist Nachmittag und sommerlich warm im argentinischen Mar del Plata. Der Generator l\u00e4uft, um die frisch gef\u00fcllte K\u00fchltruhe zu versorgen. An Bord ist alles gewissenhaft verstaut, die Ausr\u00fcstung f\u00fcr ein ganzes Jahr untergebracht. Wir haben gerade ausklariert und wollen bald auslaufen. Zum Abschied sitzen wir noch ein Weilchen im Cockpit, trinken Tee und schauen \u00fcber den friedlichen Yachthafen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich dringen Rauchschwaden aus der Achterluke und dem Niedergang. Geistesgegenw\u00e4rtig greift sich Erich sofort den n\u00e4chsten Feuerl\u00f6scher, rei\u00dft den Motorraum auf und versucht zu l\u00f6schen. Was er schafft, erweist sich aber im wahrsten Sinne des Wortes als Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein. Flammen h\u00fcllen ihn ein, seine Haare sind nur noch versengte Stummel und Fransen. Kameramann Arno rennt nach der Feuerwehr und ich haste nach anderen greifbaren Feuerl\u00f6schern. Alle Segler und die Angestellten des Club Nautico Argentino, wo wir zum Gl\u00fcck an der Pier liegen und nicht vor Anker, sind sofort hilfsbereit zur Stelle, und das bestimmt nicht nur darum, weil das Feuer leicht auf die benachbarten Kunststoffschiffe \u00fcbergreifen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber selbst sechsundzwanzig Feuerl\u00f6scher bringen keinen Erfolg. Unger\u00fchrt von all dem wei\u00dfen Kunstschaum, schlagen die Flammen weiter aus dem Motorraum, werden gespeist vom 60-Liter-Dieseltagestank und fressen sich bis in die Achterkammer und die Messe durch. Ungl\u00fccklicherweise sind in den Backskisten \u00fcber dem Motorraum unsere gro\u00dfen Gasflaschen f\u00fcr den Herd gestaut und die Kisten mit Notraketen. Hoffentlich geht nicht alles in die Luft!<\/p>\n<p>&#8222;Heide, es ist aus, die Reise ist zu Ende! &#8211; Unser sch\u00f6nes Schiff\u2026&#8220; ruft mir Erich zu. Sein Ton, so voller Schmerz, trifft mich mehr als alles andere.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-Nachtrag 44.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1-Nachtrag 44.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Die Flammen im Maschinenraum schlugen in Achterkammer und Messe &#8211; alles ist verkohlt<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>Ich bin kurz vor einer Rauchvergiftung, weil unter anderem unsere PVC-Decke und die Kabel abbrennen &#8211; ein scheu\u00dflicher Geruch, den ich noch lange in der Nase habe. Erich und unser Mitsegler Erhard, die Kameraleute Arno und Klaus stehen in bei\u00dfendem Qualm und bek\u00e4mpfen die Flammen, verteidigen die Freydis mit dem Mut der Verzweiflung. Aber trotz aller Anstrengung scheint es aussichtslos, unser Schiff zu retten. Immer wieder findet das Feuer in Diesellachen, Seekarten, Plastikteilen und \u00e4hnlichem neue Nahrung, droht zu vernichten, was f\u00fcr Jahre unser Heim, unsere Zuflucht werden sollte.<\/p>\n<p>Eine Menschenmenge ist zusammengelaufen, das brennende Schiff wird die gro\u00dfe Attraktion. Hobbyfilmer und -fotografen sind dabei. Am liebsten w\u00fcrde ich sie wegscheuchen. Ich will nicht, da\u00df das Ungl\u00fcck bestaunt und festgehalten wird. Ich kann nicht fassen, da\u00df es trotz allen Einsatzes seinen fatalen Lauf nimmt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die gefr\u00e4\u00dfigen Flammen auch Ventile und Dichtungen erreicht haben, bis unsere hochgesteckten Ziele in Feuer und Rauch aufgehen und die Freydis sinkt.<\/p>\n<p>Aber Neptun und alle Meeresg\u00f6ttinnen, die ich in meiner Not anrufe, halten sie \u00fcber Wasser. Nicht nur s\u00e4mtliche Elektroger\u00e4te, die gesamte Bordelektrik, die Achterkammer, der Gang und die Messe sind ausgebrannt &#8211; auch die teure Kamera- und Tonausr\u00fcstung der ZDF-Leute ist hin. Kameramann Arno und Assistent Klaus waren zwei Tage zuvor angereist, um unsere n\u00e4chste Etappe mitzusegeln und zu filmen. Erst am Vortag hatten sie ihr Arbeitsger\u00e4t installiert. Nun ist allein schon dem ZDF ein Schaden von zweihundertf\u00fcnfzigtausend Mark entstanden, wie sich sp\u00e4ter herausstellt. Fast das gesamte Filmmaterial ist verbrannt oder von der Feuerwehr, die uns letztlich rettet, unter Wasser gesetzt. Sie pumpt Tonnen von Wasser durch die Luken in den hei\u00dfen Rumpf, bis die Flammen keinen Mucks mehr machen, bis nur noch schwarze Rauchschwaden als Zeichen der Verw\u00fcstung die Luft verpesten und in den strahlend blauen Himmel steigen. Erhard wagt sich als erster in den qualmenden Maschinenraum, ein nasses Handtuch um den Kopf gewickelt. Er entfernt die dicken funkenspr\u00fchenden Batteriekabel von den Polen, denn die Kabel liegen blank \u2013 ihre Ummantelung ist geschmolzen und verbrannt.<\/p>\n<p>Das Drama ist zu Ende, aber wir haben noch immer nicht begriffen, wie und warum es dazu kommen konnte. Wie bet\u00e4ubt schauen wir uns im Schiffsinneren um. Dort sieht es schlimm aus: schwarze, stinkende Brandh\u00f6hlen, die vor ein paar Stunden noch Messe, Achterkammer und Maschinenraum waren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/2-Nachtrag 11.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/2-Nachtrag 11.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">In der Navigation sind alle elektronischen Ger\u00e4te geschmolzen<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p> Es dauert lange, bis wir einen klaren Gedanken fassen k\u00f6nnen: weitermachen, so rasch wie m\u00f6glich reparieren, damit wir die Reise vielleicht doch noch fortsetzen k\u00f6nnen. Noch am sp\u00e4ten Abend beginnen wir mit den Aufr\u00e4umungsarbeiten, das Zerst\u00f6rungswerk des Brandes, der wahrscheinlich durch einen Kurzschluss im Kabelbaum ausgel\u00f6st worden ist, bietet einen deprimierenden Anblick.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-IMG0082.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/3-IMG0082.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Blick in den Maschinenraum<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-Nachtrag 12.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/4-Nachtrag 12.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Was nun? Ist das nun das Ende eines Seglertraums?<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>Drei Tage schuften wir fast rund um die Uhr: Wir kratzen, rei\u00dfen, waschen, schrubben, spachteln, sortieren und schaffen die vielen verkohlten Teile hinaus. Dann erst geht&#8217;s ans Reparieren. &#8222;Trabajan como locos\u201d (sie arbeiten wie die Irren), wundern sich unsere argentinischen Freunde und Helfer. Besonders gefordert sind die Elektriker, sie entpuppen sich als wahre K\u00fcnstler der Improvisation. Uns kommen fast die Tr\u00e4nen, als das angeschmorte Radio pl\u00f6tzlich wieder T\u00f6ne von sich gibt und der gro\u00dfe Placido Domingo seine Arie auf der Kassette zu Ende schmettert, die er drei Tage zuvor begonnen hat. Dann gehen die Lichter wieder an, Wasser flie\u00dft wieder aus dem Hahn. Leitung f\u00fcr Leitung wird neu verlegt, bis alle neuinstallierten oder von den Flammen verschonten Verbraucher angeschlossen sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-IMG0085.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/5-IMG0085.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Alle fassen mit an, auch die beiden Kameraleute vom ZDF<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-IMG0086.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/6-IMG0086.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Mitsegler der n\u00e4chsten Etappe, zwei Fluglotsen aus D\u00fcsseldorf, bringen uns als Handgep\u00e4ck und in ihren Sees\u00e4cken neue elektronische Ger\u00e4te mit. Wir haben sie noch am Tag des Brandes in Deutschland bestellt.<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>Dank des schnellen Einsatzes des Lieferanten und unseres Freundes Thilo in Ostfriesland klappt alles wie am Schn\u00fcrchen. Apropos Schn\u00fcrchen: Auch die Schoten sind angekohlt und m\u00fcssen ersetzt werden. Sogar die Polster werden frisch \u00fcberzogen. Was nach der S\u00e4uberung noch schwarz bleibt, \u00fcberpinseln wir einfach mit wei\u00dfer Farbe. Achterkammer und Messe werden behelfsm\u00e4\u00dfig renoviert. Die Argentinier aus dem Klub, die uns immer wieder besuchen, um den Stand der Dinge zu begutachten, sind vom Fortschritt der Arbeiten fasziniert. Unsere beiden Fluglotsen bauen die Navigationselektronik fachm\u00e4nnisch ein. Langsam funktioniert alles f\u00fcr das Segeln Notwendige an Bord.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser ganzen Zeit harter Arbeit f\u00e4llt kein b\u00f6ses Wort. Alle Mitsegler, Stegnachbarn und angeheuerte Spezialisten arbeiten toll und haben sogar Spa\u00df dabei (ein wenig Galgenhumor ist es nat\u00fcrlich auch, wenigstens bei uns). Jeden Abend vertilgen wir alle zusammen riesige argentinische Steaks, die uns bei Kr\u00e4ften und Laune halten. Nachts jedoch k\u00f6nnen Erich und ich kaum schlafen, denn der Schock, die Verantwortung f\u00fcr die Reise, f\u00fcr unsere Mitsegler und uns selbst, wirken sich aus. Wir richten einander auf, machen uns Mut, tr\u00f6sten uns damit, da\u00df niemand verletzt wurde, da\u00df noch nicht alles verloren ist. Es wird vor allem davon abh\u00e4ngen, da\u00df wir beide nicht aufgeben.<\/p>\n<p>Und das Unm\u00f6gliche wird wahr: Bereits nach nur f\u00fcnf Tagen pr\u00fcfen drei argentinische Inspektoren, zust\u00e4ndig f\u00fcr Maschine und Elektrik, f\u00fcr Elektronik und f\u00fcr Schiffssicherheit, die Freydis gr\u00fcndlich vor dem Auslaufen und befinden sie f\u00fcr voll hochseet\u00fcchtig.<\/p>\n<p>Weil nur ich Spanisch spreche, bin ich st\u00e4ndig am \u00dcbersetzen und kann schlie\u00dflich vor Ersch\u00f6pfung gar nicht mehr reden, weder in Spanisch noch in Deutsch. Au\u00dferdem werde ich vom argentinischen Fernsehen vor unserem angekohlten Schiffchen interviewt. In Mar del Plata bin ich bekannt wie ein bunter Hund, mitleidende Gesch\u00e4ftsleute geben mir sogar Prozente beim Einkaufen!<\/p>\n<h3>Wir k\u00f6nnen in See stechen!<\/h3>\n<p>Das ZDF-Projekt ist f\u00fcrs erste gestorben. Die Kameraleute Arno und Klaus reisen ab, ohne eine einzige Meile auf der Freydis gesegelt zu sein. Zeitlich noch immer im Plan, laufen wir aus, Richtung Halbinsel Valdes in Patagonien. Au\u00dfer uns sind noch vier Mitsegler an Bord: Erhard, der schon die vorige Etappe von Rio de Janeiro nach Mar del Plata mitgesegelt ist und uns nach dem Brand die ganze Zeit zur Seite stand; Karl, der die Freydis schon lange kennt, unter anderem von einer Tour nach Spitzbergen; und dann sind da noch die beiden Jochens, die Fluglotsen, die bereits an kleineren Touren auf der Freydis teilnahmen.<\/p>\n<p>Die ersten vierundzwanzig Stunden haben wir freundliches Wetter, Sonnenschein, Sternenhimmel, g\u00fcnstigen Wind und gute Bordstimmung. Die Freydis segelt wieder, das ist das Sch\u00f6nste. Ich kann&#8217;s kaum fassen, wenn ich daran denke, da\u00df wir vor einer Woche noch vor den qualmenden Tr\u00fcmmern unserer Tr\u00e4ume standen. Wir sind gl\u00fccklich, Erich und ich, genie\u00dfen die einsame Nachtwache stumm und dankbar. Albatrosse und Sturmv\u00f6gel, die Bewohner s\u00fcdlicher Meere, umkreisen unser Schiff und das Kreuz des S\u00fcdens weist uns den Weg. Der Bilderbuchtag endet damit, da\u00df die Sonne als blutroter Ball ins silbrig gl\u00e4nzende Meer taucht, ein geheimnisvolles Schauspiel, das nie allt\u00e4glich wird. Zumal jetzt nicht, da wir laut GPS gerade den vierzigsten Breitengrad \u00fcberschreiten. Darauf sto\u00dfen wir an. Ich w\u00fcnsche mir, da\u00df uns die Br\u00fcllenden Vierziger noch ein Weilchen gn\u00e4dig sind, uns eine Schonfrist g\u00f6nnen, bis wir alles wieder fest im Griff und auch sonst ein wenig Kraft getankt haben. Unter Deck riecht es immer noch nach kaltem Rauch und verbranntem Kunststoff, aber unser Leben hat sich fast wieder normalisiert. Die Sonne ist hei\u00df, die Luft kalt, die Wassertemperatur betr\u00e4gt dreizehn Grad Celsius. Die Tage werden immer k\u00fcrzer. In der Nacht frischt der Wind stark auf und dreht, bis er fast von vorn kommt. Rasch baut sich eine hohe See auf, schwarze Gewitterwolken rollen \u00fcber uns hinweg. Mit dreifach gerefftem Gro\u00df und Sturmfock hackt das Schiff auf sein Ziel zu. Mehrmals steigen Brecher aufs Deck, versuchen die beim Brand gesprungene Scheibe im Cockpit einzudr\u00fccken. Durch die Luken, die sich durch die Hitze verzogen haben und undicht geworden sind, dringt Wasser ein. Erichs passender Kommentar: &#8222;Scheibenkleister!&#8220;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wieder Sonne, blauer Himmel, der Wind bl\u00e4st weiter mit sieben bis acht Beaufort.<br \/>\nwas kann man auch anderes erwarten in den br\u00fcllenden Vierzigern? Nicht von ungef\u00e4hr erhielten diese Breitengrade ihren ausdrucksvollen Namen von den Matrosen auf den alten Rahseglern, f\u00fcr die das sch\u00f6ne Passatsegeln sp\u00e4testens hier in diesem rauen Westwindg\u00fcrtel endete. Zum Gl\u00fcck flaut der Wind in der Nacht ab, als wir auf die K\u00fcste zuhalten. Bei Starkwind w\u00fcrde sich auf den flachen S\u00e4nden eine so gef\u00e4hrliche Brandung aufbauen, da\u00df wir unser Ziel, die Caleta Valdes, vergessen k\u00f6nnten. So aber finden wir auf Anhieb die Einfahrt, die sich laut Seehandbuch mal nach Norden, mal nach S\u00fcden verlagern soll, \u00e4hnlich einer Wanderd\u00fcne. Bis zum Morgen ankern wir davor. Um sechs Uhr fr\u00fch und bei Stillwasser (zu Springzeiten sollen hier bis zu zehn Knoten Strom stehen) tasten wir uns durch die schmale Einfahrt, bei einer Wassertiefe von nur 1,3 bis 3 Metern.<\/p>\n<p>Ausgerechnet jetzt k\u00f6nnen wir die Winschkurbel nicht finden, um unseren Kiel hochzukurbeln. Seit dem Brand ist vieles noch nicht wieder an seinem alten Platz. Ab und zu schleifen wir deshalb \u00fcber den sandigen Grund, schaffen es aber trotzdem, in die drei\u00dfig Seemeilen lange, schmale Caleta einzudringen, die aussieht wie ein blind endendes Flu\u00dfbett. Dort empf\u00e4ngt uns ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Tierparadies, das uns f\u00fcr alles Erlittene entsch\u00e4digt. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/7-ATLANTIK 21.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/7-ATLANTIK 21.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">In der Caleta Valdes, einem Tierparadies: Der Aufenthalt ist Balsam f\u00fcr unsere verbrannte Seele<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>Die Caleta ist der &#8222;Kindergarten&#8220; der Elefantenrobben. Erst wenn die Robbenkinder gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker geworden sind, trauen sie sich hinaus ins feindliche Leben. Noch aber droht ihnen drau\u00dfen der Tod, vor der K\u00fcste patrouillieren ihre Erzfeinde, ganze Schulen von M\u00f6rderwalen. Immer wieder sehen wir ihre charakteristischen hohen schwarzen R\u00fcckenflossen wie Messer durchs Wasser schneiden. Selbst am Uferstreifen sind die jungen Robben nicht sicher. Wenn die M\u00f6rderwale gro\u00dfen Hunger haben, hechten sie mit einem Brecher sogar bis auf den Strand, schnappen sich dort eines der Robbenbabies und schnellen samt fetter Beute mit der n\u00e4chsten Welle wieder in tiefes Wasser zur\u00fcck. Diese schier unglaubliche, sensationelle Jagdtechnik dieser intelligentesten aller Wale haben Walbeobachter hier um Valdes mehrmals mit Bildern und Berichten belegt. In der Caleta dagegen sind die kleinen, oft gerade erst Mutter-entw\u00f6hnten Elefantenrobben sicher. Hier machen sie allenfalls die Bekanntschaft mit ein paar freundlichen Magellanpinguinen, die sich im niedrigen Dornengeb\u00fcsch oberhalb der Uferb\u00f6schung Bruth\u00f6hlen gebaut haben und sich nun \u00fcberwiegend ihren Eiern widmen, oder mit ein paar scheuen Guanakos (einer Lamaart), die hin und wieder am Ufer entlang promenieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/8-Nachtrag 13.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/8-Nachtrag 13.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center align=\"right\"><i><font color=\"#606060\">Hier liege ich also mit \u201dmeinen\u201d s\u00fc\u00dfen Elefantenrobben-Kindern Wange an Wange am Strand.<\/font><\/i><\/center><\/p>\n<p>Sie lassen sich streicheln, kommen neugierig angerobbt, um mich ganz aus der N\u00e4he zu begucken. Eines von ihnen t\u00e4tschelt mich sogar mit seinen langen schwarzen Brustflossen, h\u00e4lt mich wahrscheinlich f\u00fcr eine Kameradin. Das ist erfreulich, lustig, unkompliziert. Die Tiere machen sich keine Sorgen um den n\u00e4chsten Tag, sie sind einfach da und leben. Hoffentlich noch lange\u2026<\/p>\n<p>Hoffentlich geht es ihnen nicht so wie den Robben und Kormoranen an der Westk\u00fcste S\u00fcdamerikas, die in den letzten Jahren zu Zigtausenden an Hunger starben, weil die immer effizienter arbeitende Fischerei ihnen keine Nahrung mehr \u00fcbrig lie\u00df. Und was f\u00fcr traurige Bilder auch in Mar del Plata, wo ganze Seel\u00f6wenkolonien um und im v\u00f6llig verschmutzten, diesel-verpesteten Fischereihafen leben m\u00fcssen. Viele haben Augenleiden, Hautkrankheiten und verdreckte Wunden. Zu unserem Entsetzen sahen wir auch mehrere Tiere mit tief ins Fleisch einschneidenden Drahtschlingen um den Hals. Rachs\u00fcchtige Fischer, denen sie dann und wann die Netze besch\u00e4digen, um etwas vom Fang abzubekommen, hatten sie ihnen umgelegt, w\u00e4hrend sie arglos schliefen. Wie wohltuend und herzerfrischend dagegen dieses Tieridyll in der Caleta!<\/p>\n<p>Der Aufenthalt in Valdes ist Balsam f\u00fcr meine &#8222;verbrannte&#8220; Seele. Ich kann wieder gut schlafen, obwohl mir der Brand-Schock von Mar del Plata eigentlich erst hier richtig bewu\u00dft wird. Ich f\u00fchle mich vers\u00f6hnt, geborgen, eins mit der Natur, die es gut meint mit mir. Auch Erich genie\u00dft diese Zeit, ist tags\u00fcber st\u00e4ndig mit der Kamera unterwegs, um die pelzigen &#8222;Strandsch\u00f6nheiten&#8220; in den verschiedenen Posen zu fotografieren.<\/p>\n<p>Aber selbst in diesem Paradies bleiben uns Arbeiten am Schiff nicht erspart, als Erstes m\u00fcssen die Luken mit Sikaflex abgedichtet, die Bilgen gelenzt werden und die Freydis braucht einen neuen Unterwasseranstrich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/19-IMG0090.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/19-IMG0090.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es wird noch Monate dauern, bis wir die restlichen Sch\u00e4den nach und nach behoben haben. Als sich nach zwei Tagen zu unserer gro\u00dfen Erleichterung auch die Winschkurbel in den Tiefen des Navigations-Schapps wiederfindet, ist die Erholungszeit an diesem sch\u00f6nen Ort schon wieder zu Ende und wir laufen weiter nach Puerto Pyramides im Golfo Nuevo, ebenfalls an der Halbinsel Valdes. In diesem Meeresbusen verbringen S\u00fcdliche Glattwale die H\u00e4lfte des Jahres, dort paaren sie sich und ziehen ihre Jungen auf.<\/p>\n<p>Die Bucht, in der wir ankern wollen, ist tats\u00e4chlich eine Art Wal-Entbindungsstation: \u00fcberall Walk\u00fche mit K\u00e4lbern. Langsam schwimmen sie an uns vorbei, w\u00e4hrend wir mit Maschine im Leerlauf abwarten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/17A-IMG0007 Kopie.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/17A-IMG0007 Kopie.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zutiefst beeindruckend ist es, diese gr\u00f6\u00dften Tiere, die jemals auf unserem Planeten gelebt haben, ganz aus der N\u00e4he zu beobachten: Super-Walm\u00fctter, die bis zu 18 Meter lang und 54 Tonnen schwer werden, mit ihren S\u00e4uglingen auf \u201dTuchf\u00fchlung&#8220; mit der Freydis, ein wahrhaft elementares Erlebnis! Wenn sie ihre vier bis f\u00fcnf Meter hohen, V-f\u00f6rmigen Font\u00e4nen blasen, zischt es, als lie\u00dfe eine Lokomotive ihren Dampf ab. Manchmal f\u00e4llt dabei ein wahrer &#8222;Spr\u00fchregen&#8220; auf uns herab, Kondensationstr\u00f6pfchen, die entstehen, wenn ihr warmer Atem mit der k\u00fchleren Luft in Kontakt kommt. Und was f\u00fcr ein faszinierendes, atemberaubendes Spektakel, wenn die &#8222;Kleinen&#8220; (sie sind bei der Geburt schon f\u00fcnf bis sechs Meter lang), hoch aus dem Wasser springen, mit der Mutter spielen und sich an sie schmiegen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/17-Ausschnitt IMG0092.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/17-Ausschnitt IMG0092.jpg\" width=\"640\" alt=\"\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Wale zeigen uns gegen\u00fcber ein freundliches Verhalten, trotzdem klopft mein Herz bis zum Hals; ein kleiner Schlag mit der Fluke, und wir k\u00f6nnten unsere Weiterreise wahrscheinlich wieder mal vergessen. Ich kann mich jedenfalls noch gut an den Wal erinnern, der vor ein paar Jahren bei den F\u00e4r\u00f6ern eine zeitlang direkt unter der Freydis lag. Als er abtauchte, rumpste es nur ein bi\u00dfchen, aber anschlie\u00dfend war unsere automatische Windsteuerung defekt. Und erst k\u00fcrzlich erz\u00e4hlte uns ein s\u00fcdafrikanischer Segler, wie ein Wal sich den Buckel an seinem Boot gescheuert und dabei die gesamte Ruderanlage demoliert hatte. Als eisernes Gebot beim Beobachten der Wale gilt hier: niemals mit dem Schiff zwischen Walkuh und Kalb geraten, mit dem freundlichen Verhalten k\u00f6nnte es dann n\u00e4mlich schnell vorbei sein. Und ich wei\u00df nicht wie, trotz aller Vorsicht sind wir pl\u00f6tzlich doch zwischen Walmutter und Kind. Ich halte den Atem an &#8211; aber nichts passiert, die Walkuh bleibt ruhig, schwimmt um den Bug herum und nimmt ihren Ausrei\u00dfer wieder an ihre Seite. Die Tiere bewegen sich dicht an der Oberfl\u00e4che und so bekommen wir auch ihre wei\u00dflichen Schwielen am Kopf zu sehen, die charakteristisch f\u00fcr Glattwale sind. Sie bestehen aus groben Hautverdickungen, auf denen Seepocken, Wall\u00e4use und ein paar Haare wachsen und sind von unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, Form und Zahl bei den einzelnen Tieren. Deshalb werden sie von den Walbeobachtern auch als &#8222;Erkennungsmarken&#8220; zur individuellen Identifikation benutzt. Denn seit 1970 ist man dabei, diese Walart um die Halbinsel Valdes herum gr\u00fcndlich zu untersuchen. Das wird auch Zeit, da f\u00fcr den gesamten s\u00fcdlichen Ozean der Bestand auf nur noch 3000 Tiere gesch\u00e4tzt wird!<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr wunderbare Tage im M\u00e4rchenland der freundlichen Riesen! Im n\u00e4chsten halben Jahr, wenn uns drau\u00dfen auf See die Roaring Forties, Furious Fifties und Screaming Sixties die Z\u00e4hne zeigen, werden wir uns zur\u00fccksehnen nach Valdes, uns w\u00fcnschen wieder mal eine Woche hier verbringen und entspannen zu d\u00fcrfen, da bin ich ganz sicher!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 23.12.2015, La Palma Brand in Mar del Plata, Tierparadies Valdes Es ist Nachmittag und sommerlich warm im argentinischen Mar del Plata. Der Generator l\u00e4uft, um die frisch gef\u00fcllte K\u00fchltruhe zu versorgen. An Bord ist alles gewissenhaft verstaut, die Ausr\u00fcstung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-10-1990-segeln-zwischen-alptraum-und-traum\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[56],"tags":[57,55],"class_list":["post-2376","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-brasilien","tag-argentinien","tag-brasilien"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2376"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2376\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2378,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2376\/revisions\/2378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}