{"id":2390,"date":"2015-12-29T23:12:52","date_gmt":"2015-12-29T22:12:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=2390"},"modified":"2016-01-04T23:33:54","modified_gmt":"2016-01-04T22:33:54","slug":"episode-11-1990-silvester-am-kap-hoorn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/episode-11-1990-silvester-am-kap-hoorn\/","title":{"rendered":"Episode 11: 1990, Silvester am Kap Hoorn"},"content":{"rendered":"<p><i>Montag, 28.12.2015, Heidelberg<\/i><\/p>\n<h3>Mit diesem Beitrag\u2026<\/h3>\n<p>\u2026nehmen wir ein letztes Mal Bezug auf 1990, dem Jahr unseres Aufbruchs. In der Silvesternacht feierten wir in einer kleinen Bucht an der Kap Hoorn Insel zusammen mit der Crew der \u201eSanta Maria\u201c, mit der wir uns hier Monate zuvor verabredet hatten.<\/p>\n<p>Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachten wir im &#8222;Seno Freydis\u201c vor den Gletschern der Darwinkordillere am Beagle-Kanal.<\/p>\n<p>Guten Rutsch und Auf Wiedersehen im neuen Jahr &#8211; vielleicht schon zur \u201eboot\u201c, wo wir am 1. Wochenende am Sa\/So 23.\/24. Januar ab 12:00 auf dem Stand der YACHT sind.<\/p>\n<blockquote><p>Thema: TOPS UND FLOPS DER NEUEN FREYDIS<\/p>\n<p>Nach vier Jahren haben wir unser Sehnsuchtsziel Alaska erreicht. Wie hat sich die neue Freydis bew\u00e4hrt? Erfahrungsbericht nach 27.000 Meilen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kommt gut ins neue Jahr!<\/p>\n<p>Vielleicht mit einem Kopfsprung ins kalte Wasser wie unser Schwager Eckart 1990?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 01.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 01.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Freydis sch\u00fcttelt sich. Ein kalter S\u00fcdost fegt pl\u00f6tzlich \u00fcbers Deck, bombardiert sie mit groben Hagelk\u00f6rnern.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4gt nun Sturmbesegelung. Mit sieben Knoten d\u00fcst sie durch immer steilere Seen in eine atemberaubende Welt rasch wechselnder Lichtverh\u00e4ltnisse. D\u00fcstere, graue Felsen mit schneebedeckten Spitzen ziehen schemenhaft vorbei: die Hermiteninseln. Geisterhaft verschwinden sie von einem Augenblick auf den anderen hinter Vorh\u00e4ngen aus Schnee und Hagel und tauchen gleich danach wieder auf, wie neu geboren und meist gekr\u00f6nt mit leuchtenden Regenb\u00f6gen, wie man sie sonst kaum noch zu sehen bekommt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 59.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 59.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kap Hoorn betritt die B\u00fchne: hell beleuchtet durch ein B\u00fcndel Sonnenstrahlen wie durch ein Spotlight, w\u00fcrdig einer Theaterk\u00f6nigin. Da steht es, dieses steinerne Symbol so vieler, meist grausiger Seefahrermythen, Ehrfurcht heischend, wie es sich geh\u00f6rt. An Deck beginnt eine wahre Fotografieorgie. Klar, da\u00df sich jeder vor diesem ber\u00fchmten Felsen ablichten lassen will.<br \/>\nAuf der Westseite der Kapinsel legen wir uns in einer Bucht vor Anker. Mit der FREYDIS am Fu\u00df des ber\u00fchmten Kaps zu liegen, ist f\u00fcr mich ein besonderer H\u00f6hepunkt dieser Reise, und ich glaube, die \u00fcbrigen an Bord empfinden genauso. Zu gerne w\u00e4ren wir alle an Land gegangen, aufs Kap gestiegen. Aber nur Skipper Erich und Crewkamerad Karl wagen sich mit dem kleinen Gummiboot durch die sch\u00e4umende Brandung und klettern auf die Spitze der Kap Hoorn Insel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 53.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 53.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/94 Kopie 2_ausschnitt.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/94 Kopie 2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center><i><span style=\"color: #606060;\">Wir besteigen das ber\u00fchmte Kap (** Ausschnitt: Klick auf&#8217;s Bild! **)<\/span><\/i><\/center><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 54.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 54.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die beiden Jochens und ich halten die Stellung auf der FREYDIS und sind heilfroh, als die beiden &#8222;Kapbezwinger&#8220; nach drei Stunden, na\u00df aber gl\u00fccklich, endlich wieder an Bord klettern, denn von S\u00fcdwesten her wird der Himmel bedrohlich dunkel. Das hei\u00dft, sofort Anker lichten und nichts wie weg. Das schwarze Ungeheuer l\u00e4\u00dft seine Wut dann am Kap Hoorn aus, auf die FREYDIS prasseln nur noch ein paar Hagelk\u00f6rner. Sie braust nach Norden in Richtung Puerto Williams, dieser s\u00fcdlichsten Siedlung der Erde entgegen.<\/p>\n<p>Am Morgen hocken unschuldige Sch\u00f6nwetterw\u00f6lkchen auf den schneebedeckten Gipfeln, w\u00e4hrend die FREYDIS das spiegelglatte Wasser des Paso Picton durchpfl\u00fcgt. Auf den nackten Felsen w\u00e4rmen Seel\u00f6wen ihren Pelz in der Sonne, und Kormorane halten ihr die aufgespannten Fl\u00fcgel zum Trocknen entgegen. F\u00fcr gutes Wetter mu\u00df man dankbar sein, schlechtes Wetter ist hier die Regel.<br \/>\nIn Puerto Williams holt es uns dann doch wieder ein.<\/p>\n<p>Eisiger, steifer Westwind zaubert brodelnde wei\u00dfe Schaumkronen auf den tiefblauen Beaglekanal. Die FREYDIS aber liegt fest vert\u00e4ut im sichersten Hafen Feuerlands. Das Schicksal scheint es gut mit uns zu meinen.<\/p>\n<p>Ushuaia auf der argentinischen Seite des Beaglekanals liegt vierzig lange Seemeilen gegenan. Wir sind entt\u00e4uscht: Aus dem kleinen, vertr\u00e4umten, knapp f\u00fcnftausend Menschen z\u00e4hlenden Dorf am Ende der Welt, das wir vor zehn Jahren kennenlernten, ist eine unansehnliche, laute, verkehrsreiche Stadt mit drei\u00dfigtausend Einwohnern geworden. Politisch motivierte Subventionen haben einen Bauboom ausgel\u00f6st, der die gleichen h\u00e4\u00dflichen Folgen hat wie solche kurzsichtigen<br \/>\nProjekte in allen Regionen und L\u00e4ndern unserer Erde. Industriehallen an den Stadtr\u00e4ndern verschandeln das herrliche Gebirgspanorama. Von der unverbauten Lage ist nicht mehr viel \u00fcbrig. Noch ist das Wasser im Hafen sauber, trotz der immer \u00f6fter anlegenden Containerschiffe und der Luxusliner. Wie wird&#8217;s hier wohl nach weiteren zehn Jahren ausschauen?<\/p>\n<p>Laut Logge sind es nun genau 9996 Seemeilen, die wir bisher von Leer in Ostfriesland nach Ushuaia gesegelt sind. Eine Ruhepause hat sich die FREYDIS verdient. Und wir auch.<\/p>\n<p>Nach achtt\u00e4gigem Sturmgeheul beruhigt sich das Wetter endlich ein wenig, und wir laufen mit neuer Crew aus, Ziel Ventisqueros. Das sind Gletscher, die in die Bergwelt der Darwin-Kordilleren eingebettet und durch tiefe Fjorde erreichbar sind. Wir segeln gegen den Wind, mal im sch\u00f6nsten Sonnenschein, mal durch eisigen Regen. &#8222;Entweder man schwitzt &#8211; oder man friert&#8220;, beschwert sich Crewkamerad Herbert und zieht die Thermohose an. Zur Abwechslung rasen Windwalzen auf uns zu. Schwarze Wolkenfetzen h\u00e4ngen bis zum aufgepeitschten Wasser herab.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 22.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 22.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 62.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 62.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Berge und Ufer l\u00f6sen sich in dunkelgrauem Furioso auf. Die FREYDIS macht keine Meile mehr gegenan. Als das W\u00fcten nachl\u00e4\u00dft, k\u00e4mpfen wir uns in den Schutz einer vorspringenden Landzunge.<br \/>\nIn der Yendegaia-Bucht ankern wir vor dem gr\u00f6\u00dften Gletscher der Darwin-Kordilleren. Zwischen den Bergspitzen leuchtet er blendenwei\u00df zu uns her\u00fcber. Mit dem Dingi \u00fcberqueren wir rei\u00dfende gr\u00fcne Gletscherfl\u00fcsse, waten durch eisige B\u00e4che im Ger\u00f6llbett, wandern \u00fcber Wiesen und Flu\u00dfinseln, erklimmen Berge. Immer scheint der Gletscher verlockend nahe und ist doch viel zu weit weg, als da\u00df wir ihn in einem Tagesmarsch erreichen k\u00f6nnten. Ringsum sind die H\u00e4nge \u00fcbers\u00e4t mit halbverkohlten Baumleichen. Brandrodung f\u00fcr neue Weiden f\u00fcr Rinder und Schafe der Estancias? &#8222;Oder war es Blitzschlag?\u201d meint Albert, segelbegeisterter Altruist. Er glaubt noch an einen vern\u00fcnftigen Umgang des Menschen mit der Natur. Aber in Feuerland gibt es keine Gewitter, keine Blitze und deshalb auch keine Entschuldigung f\u00fcr die verbrannte Erde.<\/p>\n<p>Es sind Schandflecken.<\/p>\n<p>Die Sonne glei\u00dft erbarmungslos durchs Ozonloch: Sonnenbrand in Feuerland. Eckart und Herbert cremen sich ihre Glatzen ein. &#8222;Wenn wir Sonnensegel aufspannen&#8220;, bef\u00fcrchten sie, &#8222;dann glaubt uns auf den Fotos keiner, da\u00df wir im kalten S\u00fcden und in der sturmreichsten Gegend der Erde sind.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 09.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 09.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-10.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-10.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 11.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 11.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Fjordarme enden ohne Ausnahme vor imposanten Gletscherabbr\u00fcchen. Darin knackt, rumpelt, poltert und knallt es, st\u00e4ndig brechen Eisbrocken herunter. Eckart, durchtrainierter F\u00fcnfziger, der zur allgemeinen Be- und Verwunderung seine Morgentoilette auf der FREYDIS t\u00e4glich mit einer Seewasserdusche beginnt, flippt fast aus.<\/p>\n<p>\u00dcberm\u00fctig besteigt er kleine Eisberge, springt hinunter ins Eiswasser oder schwimmt im Eisbrei, in den sich nicht einmal die Seel\u00f6wen wagen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 14.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 14.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-8.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-8.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 34.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 34.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 16.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/1990-98 Feuerland 16.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Heiligabend: Eine immergr\u00fcne Buche mit winzigen, harten Bl\u00e4ttern wird von unserem &#8222;alten\u201d Segelkumpan Holger und seiner frischangetrauten Frau Anne mit Weihnachtskugeln, Christsternen und einem Rauschgoldengel geschm\u00fcckt &#8211; ein wundersch\u00f6ner Weihnachtsbaum! So etwas hat unsere FREYDIS noch nie erlebt. Aufgedonnert wie ein Pfingstochse motort sie durch Fjorde, paradiert vor gigantischen Gletscherteppichen und posiert f\u00fcr die emsigen Bordfotografen. Eckart spielt Weihnachtslieder auf der Mundharmonika, und wir singen dazu die vertrauten Texte. Ein richtig sentimentales Weihnachtsfest: Am Ufer gurgelt ein Wasserfall, vom Gletscher her knallt es laut wie Salut:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-2 Kopie.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-2 Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 46.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 46.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 65.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 65.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><center><i><span style=\"color: #606060;\">Man muss sich nur zu helfen wissen: Schlagsahne mit der Hand-Bohrmaschine und eingespannter Gabel!<\/span><\/i><\/center>Feliz Navidad! Die Schiffsglocke \u00fcbernimmt die Aufgabe des Weihnachtsgl\u00f6ckleins. Zur Bescherung d\u00fcrfen wir endlich unsere P\u00e4ckchen und Briefe von daheim auspacken oder lesen. Die lustigen Kleinigkeiten, mit denen sich die Crew untereinander beschenkt &#8211; kleine, aus Holz gefertigte Feuerland-Andenken, Fotos von fr\u00fcheren gemeinsamen Segelt\u00f6rns, B\u00fccher, S\u00fc\u00dfigkeiten -, finden nat\u00fcrlich auch die ihnen geb\u00fchrende Anerkennung. Sogar die Natur h\u00e4lt Geschenke f\u00fcr uns bereit, sch\u00f6nes Wetter und das an den Felsen h\u00e4ngende Weihnachtsmen\u00fc: Prachtexemplare von Muscheln, die wir nur zu pfl\u00fccken brauchen. Mit Knoblauchso\u00dfe, frischgebackenem Brot und Wei\u00dfwein angerichtet, sind sie ein kaum zu \u00fcberbietender, echt feuerl\u00e4ndischer Gaumenschmaus.<\/p>\n<h3>Silvester am Kap Hoorn<\/h3>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter haben wir genug von Bergspitzen, Gletschern, Fjorden und dem Beaglekanal. Es zieht uns hinaus auf See und wieder zum Kap Hoorn, wo wir das neue Jahr begr\u00fc\u00dfen wollen. Bei str\u00f6menden Regen und kaltem, b\u00f6igem Westwind segeln wir durch die Bahia Cook und von dort in den Seno Christmas, wo einst Darwin auf der BEAGLE Weihnachten feierte. Da sich das Wetter beruhigt und das Barometer vielversprechend steigt, beschlie\u00dfen wir, bis zu unserem Ziel durchzusegeln. Dann spricht Rasmus aber doch ein Machtwort. Er scheint etwas gegen unsere Pl\u00e4ne zu haben. Kaum sind wir auf offener See, l\u00e4\u00dft er es wie wild aus S\u00fcdwest blasen. Zwei Reffs haben wir schon vorsorglich ins Gro\u00df gebunden, aber nun ist sogar das dritte noch zuviel Tuch. So rasch wie m\u00f6glich drehen wir die Rollgenua ein.<\/p>\n<p>Hohe Brecher schlagen \u00fcber die FREYDIS hinweg, die sich einmal ungew\u00f6hnlich weit \u00fcberlegt. Schleunigst machen wir kehrt und laufen zur\u00fcck. Wo sind wir \u00fcberhaupt? Der GPS gibt zwar einen exakten Ort, aber die Karten sind ungenau. Wir finden trotzdem ein Mauseloch im sch\u00fctzenden Labyrinth der Inseln, in das wir uns dankbar verkriechen.<\/p>\n<p>Erst am \u00fcbern\u00e4chsten Tag wagen wir uns wieder hinaus. Eine hohe Altd\u00fcnung macht uns zu schaffen. Der Wind hat stark nachgelassen. &#8222;Und so segeln wir ganz langsam um Kap Hoorn, und die See, die kommt von achtern und von vorn&#8220;, singt Erich vergn\u00fcgt. Da wir diesmal von Westen kommen, geht es allerdings zun\u00e4chst ums &#8222;falsche&#8220; Kap Hoorn, ein Kap auf einer gro\u00dfen Halbinsel, drei\u00dfig Seemeilen vom richtigen Kap Hoorn entfernt. Seinen etwas abwertenden Namen hat es bekommen, als sich herausstellte, da\u00df das richtige Kap Hoorn gar kein Kap ist. Es liegt als s\u00fcdlichster Punkt S\u00fcdamerikas auf einer der Hermiten-Inseln.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag soll&#8217;s dann aber ums richtige Kap geben. Die Barographenfeder schiebt sich, Unheil orakelnd, an den unteren Rand der Trommel. &#8222;Das hei\u00dft hier noch gar nichts. Schlie\u00dflich ging sie vor drei Tagen, als wir Sturm hatten, steil in die H\u00f6he, wiegle ich ab und hoffe, da\u00df der Barograph auch diesmal falsch anzeigt. Unterst\u00fctzung bekomme ich von Herbert, der darauf hinweist, da\u00df auf der S\u00fcdhalbkugel sowieso alles andersrum l\u00e4uft: das Wasser im Siphon, die Hochs und Tiefs und sogar der Mond, der beim Abnehmen kein A wie zu Hause, sondern ein Z formiert; im Winter ist Sommer und umgekehrt, etcetera: verkehrte Welt!<\/p>\n<p>Hunderte dunkelbrauner Riesensturmv\u00f6gel hocken vor uns auf dem Wasser. Als sich die FREYDIS n\u00e4hert, fliegen sie in gro\u00dfen Schw\u00e4rmen auf und dicht um uns herum. Das kann kein gutes Omen sein\u201d, f\u00fcrchtet Eckart und kramt die Kette mit dem Kreuzchen aus seinem Seesack, das ihm seine besorgte Mutter zum Schutz gegen b\u00f6se Meeresgeister mitgegeben hat. Eilig legt er sie sich um den Hals &#8211; und sie scheint zu wirken. Die Meeresgeister verhalten sich ruhig und lassen die FREYDIS ein zweites Mal in diesem Jahr ungeschoren Kap Hoorn umrunden, wenn auch mit gerefften Segeln.<\/p>\n<p>\u00dcber UKW rufe ich die kleine Milit\u00e4rstation auf dem Kap an. Die beiden dort vor\u00fcbergehend stationierten Soldaten freuen sich auf unseren Besuch zum Jahreswechsel. Wir ankern mitten im Kelpstreifen, der den Seegang \u00e4hnlich gut bremst wie ein Eisfeld. Sicherheitshalber bringen wir zwei Anker aus, denn morgen wollen wir die FREYDIS einige Stunden allein lassen, wenn wir zur Station auf der S\u00fcdseite der Insel stiefeln, die etwa zehn Kilometer entfernt ist.<br \/>\nBei strahlender Sonne setzen wir am n\u00e4chsten Morgen mit dem Dingi zum Ufer \u00fcber.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 58.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 58.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>In einer Ausbuchtung an der Nordseite der Kap-Hoorn-Insel setzen wir \u00fcber und marschieren von hier aus zur Station oder zur Kap Hoorn Spitze, die man am Horizont sieht. Anstrengende Fu\u00dfm\u00e4rsche durchs dichte Gestr\u00fcpp und Unterholz.<\/em><\/p>\n<p>In Erdh\u00f6hlen und unter dichten B\u00fcschen nisten Magellan-Pinguine. Es ist lustig, ihnen zuzusehen, wie sie \u00fcber die gro\u00dfen Steine am Strand hopsen und purzeln, wenn sie&#8216; zum Wasser fischen gehen. Die sanft zum Kap hin ansteigenden H\u00e4nge auf der S\u00fcdseite der Insel sind von einem fast undurchdringlichen Minidschungel \u00fcberwuchert. Aus der Ferne hat es so ausgesehen, als seien sie mit Gras bewachsen und leicht begehbar. Aber nichts da! Fast \u00fcberall sto\u00dfen wir auf stachliges Geb\u00fcsch, auf dichten, z\u00e4hen Kr\u00fcppelwald, auf Schilffelder und Moosteppiche mit kleinen wei\u00dfen, gelben, rosa Bl\u00fcmchen. Doch trotz oder gerade wegen des m\u00fchevollen Weges wird dieser Aufstieg zu einem faszinierenden Naturerlebnis. Die Reize der kargen und doch bewundernswert vielf\u00e4ltigen Vegetation genie\u00dfen wir in diesem Fr\u00fchsommer auf Kap Hoorn in vollen Z\u00fcgen.<\/p>\n<p>Nach dreist\u00fcndigem anstrengendem Fu\u00dfmarsch stehen wir pl\u00f6tzlich vor einem doppelten Stacheldrahtzaun und Schildern mit der Aufschrift Peligro campo minado (Vorsicht, Minenfeld): erstes Zeichen unserer gro\u00dfartigen Zivilisation. Das tragbare UKW-Ger\u00e4t wird eingesetzt. Drei freundliche Hunde und zwei nicht weniger freundliche Soldaten kommen uns entgegen und geleiten uns sicher durch den Todesstreifen, der w\u00e4hrend des Beinahe-Krieges mit Argentinien 1989 angelegt wurde. Damals ging es vordergr\u00fcndig um die kleinen drei Feuerlandinseln, die jetzt zu Chile geh\u00f6ren, in Wahrheit allerdings um Anspr\u00fcche auf die Bodensch\u00e4tze im Festlandsockel und damit in der Antarktis.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-11.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-11.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die schier unglaublich klare Sicht von den hohen Klippen auf die Drakestra\u00dfe reicht bis hin\u00fcber zu den rund sechzig Meilen entfernten Diego-Ramirez-Inseln. Ganz in der N\u00e4he der Station hat die &#8222;Amical&#8220;, der internationale Verein der Kap Horniers, ein Denkmal aufgestellt, eine Art Obelisk, der erinnern soll an die vielen Rahsegler, die \u00fcber vier Jahrhunderte lang diese s\u00fcdlichste Spitze S\u00fcdamerikas als Pr\u00fcfstein und Schicksalsmarke umrunden mu\u00dften. Die Magellanstra\u00dfe war f\u00fcr diese schwerf\u00e4lligen Gro\u00dfsegler viel zu eng und gef\u00e4hrlich. Es handelte sich vor allem um die Woll- und Weizenklipper, die zwischen Australien und Europa unterwegs waren, um die Salpeter- und Guanoschiffe, die zwischen Chile und Europa verkehrten, sowie um Handelsschiffe, die zwischen der West- und Ostk\u00fcste S\u00fcdamerikas pendelten. Manchmal kreuzten sie wochenlang im Sturm auf der Stelle oder mu\u00dften einen Holeschlag bis weit nach S\u00fcden in die Antarktis wagen, um schlie\u00dflich doch am Kap Hoorn zu scheitern.<\/p>\n<p>Sogar die Soldaten sorgen sich, da\u00df ihre H\u00fctte eines Tages im Sturm wegfliegen k\u00f6nnte. Wir erfahren, da\u00df sie zur chilenischen Marine geh\u00f6ren und jeweils nur f\u00fcr zwei bis vier Monate hier stationiert sind; in erster Linie, um das Hoheitsrecht \u00fcber die Insel zu wahren, aber auch zur Kontrolle der Seefahrt in diesem Bereich und um die hier gesammelten meteorologischen Daten nach Punta Arenas durchzugeben. Sie werden reihum auf verschiedene Stationen und Schiffe versetzt, ihren st\u00e4ndigen Wohnsitz jedoch haben sie in Puerto Williams, wo auch ihre Familien auf sie warten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 63.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 63.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 66.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland 66.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es tut uns leid, da\u00df wir die Einladung der Soldaten, Silvester mit ihnen zu verbringen, ausschlagen m\u00fcssen. Der Weg zur\u00fcck zur Bucht ist weit, au\u00dferdem erwarten wir dort die deutsche Yacht SANTA MARIA mit Wolf und Melanie. Wir haben die beiden in Rio kennengelernt, wo ihre Yacht &#8211; ein slupgetakelter Knickspanter wie die FREYDIS und ebenso gro\u00df &#8211; neben uns lag. Sie sind wie wir Mitglieder im Trans-Ozean-Verein, dem fast alle Segler im deutschsprachigen Raum angeh\u00f6ren, die \u00fcber die Weltmeere schippern. Ganz in der N\u00e4he des Kaps haben wir sie \u00fcberraschend wiedergetroffen und mit ihnen abgemacht, gemeinsam in unserer Kap-Hoorn-Bucht Silvester zu feiern &#8211; wenn das Wetter es zul\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Nach dem Kaffeeplausch mit den Soldaten m\u00fcssen wir uns deshalb gleich wieder auf den R\u00fcckweg machen, und das Treffen klappt tats\u00e4chlich. Kurz nach unserer R\u00fcckkehr l\u00e4uft die SANTA MARIA in die Bucht ein: gro\u00dfes Begr\u00fc\u00dfungshallo und Spaghetti-Essen im Cockpit der FREYDIS.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-12.jpg\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/bilder\/2015\/12\/Feuerland6-12.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p>Um 24 Uhr knallen die Sektkorken auch an diesem Ende der Welt, und sei sie noch so verkehrt &#8211; Prost Neujahr! Die Fallen, die der Wind gegen den Mast knallt, l\u00e4uten das neue Jahr ein. \u00dcber UKW w\u00fcnschen wir auch den zwei einsamen Soldaten auf der Station: Feliz Ano Nuevo! Eine Flut guter W\u00fcnsche brandet zur\u00fcck und ein dickes Gracias f\u00fcr die Flasche Whisky, die wir ihnen als Silvestertrunk gestiftet haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 28.12.2015, Heidelberg Mit diesem Beitrag\u2026 \u2026nehmen wir ein letztes Mal Bezug auf 1990, dem Jahr unseres Aufbruchs. 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