{"id":29,"date":"2012-03-01T17:54:24","date_gmt":"2012-03-01T16:54:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=29"},"modified":"2013-10-21T20:11:00","modified_gmt":"2013-10-21T19:11:00","slug":"unsere-reise-nach-midway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/unsere-reise-nach-midway\/","title":{"rendered":"Unsere Reise nach Midway"},"content":{"rendered":"<p><strong>Midway Atoll &#8211; ein Vogelparadies im M\u00fcllstrudel<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Midway-33.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-37\" title=\"Midway 33\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Midway-33.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Highlight unserer Reise nach Japan wird das entlegene Midway Atoll, wo die Freydis bereits vor vier Jahren, auf ihrem Weg nach Alaska einen Stop einlegte. Denn dieses Riff mit seinen drei Sand- und Korallenkr\u00fcmeln auf halbem Weg zwischen Kalifornien und Japan, ist ein auf der Erde einzigartiges Kleinod der Natur: Dort br\u00fcten von Dezember bis Juni rund zwei Millionen Seev\u00f6gel &#8211; davon mehr als eine Million Laysan- und Schwarzfu\u00dfalbatrosse!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 1200 Meilen Etappe nach Midway ist eine non-stop-Passage, denn alle Inseln und Riffen der Kette nordwestlich von Kauai sind streng gesch\u00fctzt und d\u00fcrfen, mit Ausnahme von Midway, nur von autorisierten Personen betreten werden. Nun, im Winter, m\u00fcssen wir\u00a0 voraussichtlich aus dem Passatg\u00fcrtel heraussegeln in die angrenzende Zone wechselnder Winde &#8211; fr\u00fcher als Rossbreiten bezeichnet. Vor vier Jahren war das harmlos auf der Strecke Kauai \u2013 Midway; erst vor den Aleuten bekamen wir es mit St\u00fcrmen zu tun. Aber damals brachen wir auch erst Ende Mai nach Alaska auf, jetzt haben wir den 1. Februar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wenigen Tage im Hafen von Nawiliwili auf Kauai, unserem letzten Zwischenstop vor Midway, nutzen wir zur Vorbereitung auf die lange Weiterreise. Wir bauen einen neuen Motor f\u00fcr die Autohelm- Selbststeuerung ein, wechseln Lenzpumpen aus, \u00fcbernehmen Diesel und Wasser und kaufen Proviant f\u00fcr die n\u00e4chsten Monate.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsorglich legen wir auch unsere neueste Errungenschaft aus den USA auf dem Achterschiff bereit: einen fertig montierten \u201eJordan Drogue\u201c. Dieser neuentwickelte Treibanker mit den vielen kleinen Bremsfallschirmen hintereinander an langem Tau, vor dem man vor Top und Takel abl\u00e4uft, soll verhindern, dass das Boot im Sturm oder Orkan in hohen \u00fcberbrechenden Seen querschl\u00e4gt oder \u00fcber Kopf geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausnahmsweise \u00fcbernimmt die Coastguard die Formalit\u00e4ten f\u00fcr die Ausklarierung nach Chichi Shima, Japan, denn der einzige Zollbeamte der Insel ist inzwischen pensioniert. Die Beamten w\u00fcnschen uns viel Gl\u00fcck; auf See winken Buckelwale mit ihren langen Flossen und auf geht\u00b4s bei Sonnenschein und leichten s\u00fcdlichen Winden gen Westen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit drei\u00dfig Jahren segeln Erich und ich immer wieder auch gro\u00dfe Ozeanpassagen zu zweit. Diese Langfahrten sind uns \u00fcberwiegend als besonders sch\u00f6n in Erinnerung geblieben, auch wenn sie sich manches Mal als deutlich schwieriger erwiesen, als urspr\u00fcnglich angenommen. Deshalb waren wir uns auch diesmal bei der Planung schnell einig, dass wir die 4000 Seemeilen von den Hawaii-Inseln \u00fcber das Midway-Atoll nach Japan (mehr als eine Atlantik\u00fcberquerung) zu zweit angehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht h\u00e4tten wir Midway gestrichen und den Kurs \u00fcber den Passatg\u00fcrtel nach Japan gew\u00e4hlt, wenn wir geahnt h\u00e4tten, was das Wetter uns auf den n\u00e4chsten 2000 Meilen beschert: Von wegen \u201eleichte Winde\u201c in den Rossbreiten! Bereits nach 12 Stunden, um Mitternacht, dreht der sch\u00f6ne Ostwind \u00fcber S\u00fcdwest auf West und legt im Laufe des Tages auf 7-8 Windst\u00e4rken zu. L\u00e4ngst haben wir unter doppelt gerefftem Gro\u00dfsegel beigedreht und driften mit 2 kn nach S\u00fcden, weg von den Inseln und Riffen, an denen wir uns entlang hangeln wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich ist das Rossbreiten-Hoch weit nach S\u00fcden gewandert und an seiner Nordflanke blasen uns starke westliche Winde entgegen. Dazu \u00fcberrascht uns alle paar Tage ein neues Tief mit Winddrehungen \u00fcber S\u00fcd auf S\u00fcdwest, Frontdurchgang und f\u00fcr einige Tage Schwerwetter. Zwar dreht der Wind anschlie\u00dfend wieder langsam auf Nord, bringt Wetterbesserung und ein paar Stunden herrlicher Ostwind. Doch schon rauscht das n\u00e4chste Tief an und das Spiel beginnt von vorn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben keine Wahl mehr. M\u00fchsam k\u00e4mpfen wir uns gegen die vorherrschenden Winde nach Westen, versuchen jede kleinste Winddrehung zu nutzen, werden ger\u00fcttelt und gesch\u00fcttelt von einer rauen, durch die Meeresstr\u00f6mungen chaotischen See. Segeln zum Abgew\u00f6hnen. So geht das Tag f\u00fcr Tag. Wir leiden beide unter Seekrankheit, nehmen gelegentlich Vomex Z\u00e4pfchen, um den Magen zu beruhigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf halbem Wege nach Midway bemerken wir Abgase im Schiff. Erich kontrolliert das Auspuffsystem im Maschinenraum und stellt fest, dass eine Schwei\u00dfnaht am Flansch der Hauptmaschine eingerissen ist. Die Hauptmaschine aber brauchen wir jeden Tag 1-2 Stunden zum Laden der Batterien; die beiden starken Verbraucher, die Tiefk\u00fchlbox und vor allem die Selbststeueranlage wollen versorgt sein. Denn der Dieselgenerator hat schon in Mexiko seinen Geist aufgegeben und der mobile Honda Benzingenerator kann bei dem rauen Wetter und der st\u00e4ndig \u00fcberkommenden See, nicht an Deck aufgestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald die Hauptmaschine l\u00e4uft, m\u00fcssen wir an die frische Luft, sonst ziehen wir uns eine Kohlenmonoxid-Vergiftung zu. Kopfschmerzen und \u00dcbelkeit bleiben trotzdem nicht aus. Was machen wir nur, wenn das Auspuffsrohr ganz bricht und abrei\u00dft? Nur unter Segeln, ohne Maschine, k\u00f6nnen wir uns kaum in die schmale, str\u00f6mungsreiche Passage wagen, die zum kleinen Hafen des Midway-Atolls f\u00fchrt. Sie ist nicht ungef\u00e4hrlich, das wissen wir von unserem letzten Besuch, und sie hat schon etliche Schiffe auf dem Gewissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage sp\u00e4ter Entsetzen, das Auspuffrohr ist abgebrochen. Erich fixiert es notd\u00fcrftig mit Draht und kr\u00e4ftigen Expander-Gummis am Flansch. Doch das \u00e4ndert nichts an der Tatsache: Die Maschine darf nur noch im Notfall eingesetzt werden. Das Rohr muss geschwei\u00dft werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollen wir zur\u00fccksegeln? Aber Kauai liegt nun ebenso weit entfernt im Osten wie Midway im Westen &#8211; 600 Meilen! Und wer wei\u00df, ob der Wind nicht bald dreht. In der Hoffnung, dass es an unserem Ziel einen Schwei\u00dfer gibt, beschlie\u00dfen wir, weiterzulaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wind dreht am Mittag des folgenden Tages \u2013 es ist der 6. Februar &#8211; auf SSW: \u201eWir laufen wie geschmiert, 6-7 manchmal sogar 8 Knoten!\u201c freut sich Erich, nach dem wir die Segel ausgerefft und gefiert haben. Endlich gut vorankommen, endlich frische Luft durch ge\u00f6ffnete Luken, endlich Ruhe im Schiff! Balsam f\u00fcr strapazierten Nerven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum sich so viele Gedanken machen? Niemand ist \u00fcber Bord gegangen. Und das Rohr, das kriegen wir schon wieder hin! Erich und ich verstehen uns ohne viel Worte, sind aufeinander eingespielt, arbeiten Hand in Hand, sichern uns gegenseitig bei den Man\u00f6vern und wenn einer von uns m\u00fcde, seekrank oder sonst irgendwie unp\u00e4sslich ist, \u00fcbernimmt automatisch der andere die Wache, unsere Wachzeiten sind flexibel. Beim Reffen ist unsere Devise \u201ebesser zu fr\u00fch als zu sp\u00e4t\u201c. Dann kommt nie zuviel Druck auf die Segel und die Gefahr von Unf\u00e4llen oder Materialsch\u00e4den wird minimiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit uns nicht zu wohl wird, stellt Erich bei der Kontrolle der Bilgepumpe einen Bruch am Verteiler unter der Niedergang-Treppe fest. \u201eJemand muss da drauf gestanden haben\u201c, brummt er. Und das bedeutet wieder ein paar Stunden Arbeit im schwankenden Boot f\u00fcr ihn, um ein Provisorium anzufertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir an Maro Reef vorbei sind, k\u00f6nnen wir Miday sogar vor\u00fcbergehend anliegen. In der Luft sehen wir immer mehr Laysan- und Schwarzfu\u00df-Albatrosse. Sie haben ihre Nistpl\u00e4tze auf den Inseln und sind auf der Suche nach Futter f\u00fcr ihre Jungen. Doch im Meer schwimmt nicht nur Fisch, sondern auch eine Menge Plastik: W\u00e4hrend meiner Wache entdecke ich eine abgebrochene Stuhllehne, eine Flasche, einen 5 Ltr. Kanister, mehrere Plastikt\u00fcten und einen Styropor-Kasten. Und das ist nur Makrom\u00fcll. Klein- und Kleinstteile landen leider oft in den M\u00e4gen der V\u00f6gel (davon sp\u00e4ter mehr).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erich klagt \u00fcber Kopfdruck, mir ist \u00fcbel. Nat\u00fcrlich machen wir uns Gedanken, wie wir diesmal auf Midway empfangen werden. Basisleiter Barry Christensen, der uns das letzte Mal so freundlich willkommen hie\u00df, ist bef\u00f6rdert worden und nun auf dem Festland f\u00fcr \u201eFish an Wildlife\u201c t\u00e4tig. Wer wei\u00df, was nun\u00a0 f\u00fcr ein Wind weht: Die Naturschutz-Bestimmungen sollen strenger geworden sein. Das ist ganz in unserem Sinne, aber wir wissen auch, dass diese Bestimmungen recht unterschiedlich ausgelegt werden. Sind Segelboote \u00fcberhaupt noch willkommen? Au\u00dferdem haben wir\u00a0 bereits ausklariert f\u00fcr die USA, d\u00fcrfen offiziell also gar nicht mehr anlanden. Wir hoffen trotzdem, dass wir auf diesem entlegenen Kr\u00fcmel, fern der B\u00fcrokratie, Verst\u00e4ndnis finden f\u00fcr unsere Situation.<strong> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 8. und 9. Februar liegen wir wieder einmal beigedreht, nun aber am Nordrand eines sich ausdehnenden Hochs. Daraus weht es mit 40 bis 50 Knoten in ein dicht von uns n\u00f6rdlich vorbeiziehendes Orkantief. G\u00fcnther aus dem Taunus, unser Wetterfrosch, mit dem wir fast t\u00e4glich \u00fcber Iridium Handy in Verbindung stehen, spricht uns Mut zu. Der Sturm wird in den n\u00e4chsten 24 Stunden abnehmen. Leider wird aber der Wind nicht drehen, sondern eine weitere Woche aus Westen blasen. Keine Aussicht auf eine grundlegende \u00c4nderung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also bei\u00dfen wir die Z\u00e4hne zusammen und qu\u00e4len uns bei nachlassenden Winden weiter gegen an. Zum Gl\u00fcck l\u00e4uft der Strom jetzt gelegentlich mit, aber bei Wind gegen Strom sind die Seen umso unangenehmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schlimmste sind die langen, dunklen N\u00e4chten bei Neumond. Dann ist die Bolzerei besonders unertr\u00e4glich, weil man die Brecher nicht sieht, die aufs Boot eindreschen. Man kann sich nicht auf die Schl\u00e4ge einstellen. Wir \u00fcberlegen, ob wir schon einmal so eine schreckliche Fahrt hatten. Wir k\u00f6nnen uns auch an einige Strecken erinnern, aber sie waren nie so lang&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich, am 12. Tag, bringt uns der letzte Kreuzschlag in Lee des Midway-Atolls bis dicht ans Riff. Wir drehen bei, kontrollieren Abstand und Drift mit dem Radar und warten auf den Morgen. Der Wind hat nachgelassen und weht nur noch mit 3 bis 4 Bft. aus Westen. Welch himmlische Ruhe nach dem Get\u00f6se der vergangenen Tage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 8.30 geht die Sonne auf. Rosa Morgenlicht und der Himmel voller V\u00f6gel. Was f\u00fcr ein traumhafter Anblick!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Midway ist ein Atoll von rund f\u00fcnf Meilen Durchmesser. Die Vulkaninsel selbst ist l\u00e4ngst untergegangen. Nicht aber das umgebende Korallenriff, das weiter gewachsen ist und auf dem mit der Zeit drei Riffinseln aus Korallenschutt und Sand entstanden sind, die gr\u00f6\u00dfte ist Sand Island.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir melden uns \u00fcber UKW auf der Station, schildern unsere Situation und starten die Maschine. Eine Stunde sp\u00e4ter liegen wir im kleinen Innenhafen von Sand Island an der Pier, wo uns Math, der Stationsleiter, und Toby, der 1. Ingenieur, schon erwarten: \u201eStinkt alles nach Abgasen. Mir wird schon \u00fcbel, wenn ich da nur reinschaue!\u201c r\u00fcmpft Toby die Nase, als er den Schaden begutachtet und ist erst einmal schnell wieder von Bord.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Insel entsch\u00e4digt uns f\u00fcr alle M\u00fchsal mit einmaligen Naturwundern: denn nun sind hier \u00fcber 420.000 Paare von Laysan- und 24.000 Paare von Schwarzfu\u00df-Albatrossen am Balzen, Br\u00fcten oder mit der Aufzucht ihrer Jungen besch\u00e4ftigt. Wenn man die Jungv\u00f6gel mitz\u00e4hlt sind es sogar weit \u00fcber eine Millionen Albatrosse!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann kaum beschreiben wie gl\u00fccklich ich hier bin. Nicht nur, weil der Auspuff repariert wird, sondern weil ich mich, inmitten all der tapsenden, tanzenden, trompetenden, Schnabel-klappernden Albatrosse, f\u00fchle wie im M\u00e4rchen &#8211; wie Schneewittchen bei den, nicht s i e b e n,\u00a0 sondern 1,5 Millionen Zwergen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gefiederten Wichte,\u00a0 die kaum Scheu vor mir zeigen, sind \u00fcberall, sitzen oder wandern auf allen Stra\u00dfen, Wegen, Wiesen, Waldfl\u00e4chen und Str\u00e4nden, spazieren durch alle G\u00e4rten und offenen T\u00fcren. Sogar die Freydis haben sie schon besucht, wenn auch nicht ganz freiwillig, sondern durch Kollision mit unserem Rigg bei An- und Abfl\u00fcgen von der Insel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem offenen, gasbetriebenen Cart, das uns der Stationsleiter Math zur Verf\u00fcgung gestellt hat, k\u00f6nnen wir nur Slalom fahren und m\u00fcssen immer wieder anhalten, wenn sich Gruppen junger Erwachsener auf offener Stra\u00dfe zanken und Schnabelgefechte liefern oder wenn sie in Tanz- Ekstase die Welt um sich herum vergessen. Aber was macht das schon, wenn die einzigen Termine die Mahlzeiten im \u201eClipper-House\u201c sind? Dass wir es trotzdem eilig haben, liegt allein an Mr. Pongs Kochk\u00fcnsten. Und was f\u00fcr eine k\u00f6stliche Torte er f\u00fcr mich gebacken hat an meinem Geburtstag!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcchenchef Pong geh\u00f6rt zu den etwa 50 Thail\u00e4ndern, die f\u00fcr mindestens ein Jahr unter Vertrag stehen. Sie arbeiten in der Werkstatt, im Restaurant, in den G\u00e4rten und der Hydrokultur-Anlage, auf dem Flugplatz und wo immer sie sonst noch gebraucht werden. Ihre Freundlichkeit macht die Insel zu einem kleinen \u201eLand des L\u00e4chelns\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass uns das L\u00e4cheln nicht vergeht, daf\u00fcr sorgt auch die Hilfsbereitschaft einiger Amerikaner: Toby, zum Beispiel, schwei\u00dft mit seinem Thai-Gehilfen Poem nicht nur das Auspuffrohr, sondern baut auch gleich noch eine solide Aufh\u00e4ngung daf\u00fcr im Maschinenraum. Tracy, die Leiterin des Besucherzentrums (wir sind derzeit die einzigen Besucher) ist eine kompetente Ansprechpartnerin in Sachen Naturschutz, V\u00f6gel und Meerestiere und bleibt kaum eine Antwort auf unsere vielen Fragen schuldig. Und wie dankbar bin ich Darlin, der gewichtigen Eskimodame aus Anchorage, dass sie uns zum Flugplatz begleitet, um uns dort einen ganz besonderen Gast vorzustellen, falls er nicht gerade ausgeflogen ist. Wir haben Gl\u00fcck und entdecken ihn sofort: Wie ein einzelner L\u00f6wenzahn auf einer Wiese voller G\u00e4nsebl\u00fcmchen ragt er dort aus den Laysans, die neben der Rollbahn nisten. Der Supervogel ist ein weiblicher Kurzschwanz-Albatross, deutlich gr\u00f6\u00dfer als seine Verwandten, mit goldgelbem Kopfgefieder und gewaltigem, hellrosa Schnabel. Als einzige Vertreterin einer sehr seltenen Art, die bisher nur auf der japanischen Vulkaninsel Tori-Shima br\u00fctet und mit einer Gesamtpopulation von rund 60 Paaren angegeben wird, ist sie auf der Insel eine echte ornithologische Sensation. Ihr scheint das weniger zu gefallen: ziemlich verloren sitzt sie auf einem verlassenen Laysan-Ei und wartet seit vielen Wochen auf ihren Partner. Der m\u00fcsste schon lange da sein. Lost at sea?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisher haben die Albatrosse alle menschlichen Eingriffe \u00fcberlebt: zuerst die japanischen Feder- und Eiersammler, dann die Pacific Cable Companie, die 1903 von Midway aus einen Teil des weltumspannenden Kabel-Kommunikationssystems installierte, als n\u00e4chstes die Trans Pacific Flying Clipper Wasserflugzeuge der Pan American Airlines in den 1930ern und selbst den Zweiten Weltkrieg mit der Auftankstation f\u00fcr die amerikanischen U-Boote und der Schlacht um Midway. Noch bis 1996 haben sie ihren Brutplatz mit 3000 hier stationierten Marine Soldaten geteilt und bis heute ertragen sie die Rollbahn und den Tower, obwohl diese einen st\u00e4ndigen Blutzoll von ihnen fordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch verglichen damit, sind die Herausforderungen, denen sie nun ausgesetzt sind, viel gewaltiger und zudem: allgegenw\u00e4rtig! Denn selbst an einem so entlegenen Winkel der Erde, in dem nun, nach Abzug des Milit\u00e4rs, scheinbar alles wieder einen paradiesischen Gang geht, greift der lange Arm der menschlichen Zivilisation ein: durch den Klimawandel, der besonders diese flachen Riffinseln bedroht, durch die Longline Fischerei, falls diese Praktiken nicht bald ge\u00e4ndert werden und durch die wachsende Verschmutzung der Meere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Expeditionen und wissenschaftliche Untersuchungen haben in j\u00fcngster Zeit eine kreisf\u00f6rmige Str\u00f6mung zwischen Nordamerika und Asien nachgewiesen, in deren Zentrum die Hawaiikette liegt. In diesem Wirbel, der von der Erdrotation und den Winden in Gang gehalten wird, zirkulieren zig Millionen Tonnen an Kunststoffm\u00fcll oft jahrelang wie in einem Karusell, bis\u00a0 sie schlie\u00dflich nach und nach von anderen Str\u00f6mungen erfasst und weiterverteilt werden. \u201eGreat Pacific Garbage Patch\u201d nennen Experten diese Plastiksuppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Str\u00e4nde auf Midway gleichen einer M\u00fclldeponie. Hier wird neben toten Robben und strangulierten Seev\u00f6geln alles angeschwemmt, was Menschen ins Meer werfen oder was \u00fcber Bord f\u00e4llt: vor allem Nylonnetze, Schwimmk\u00f6rper von Netzen, Angelhaken, Angelleinen, Angelruten, Zahnb\u00fcrsten, K\u00e4mme, Verschlusskappen, Flaschen, Feuerzeuge, Kugelschreiber, Sandschippchen, Bade-Tiere, Golfb\u00e4lle, T\u00f6pfe, Eimer, Yoghurt-Becher, Plastikringe von Bierdosen-Sixpacks, CD-H\u00fcllen, CDs, sogar Fernseher und K\u00fchlschr\u00e4nke. Einen ganzen Haushalt k\u00f6nnte man sich zusammen suchen und gleich noch eine Angler-Ausstattung dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Volont\u00e4re sammeln vieles ein, aber man br\u00e4uchte eine ganze Kompanie, um die Str\u00e4nde fortw\u00e4hrend zu s\u00e4ubern. Und nicht nur die See sp\u00fclt den Plastik-M\u00fcll an. Auch die Albatrosse bringen Kunststoff auf die Insel, nach Sch\u00e4tzung der Biologen jedes Jahr etwa 5 Tonnen und zwar als Futter f\u00fcr ihre Jungen. Seit Millionen von Jahren sammeln sie von der Meeresoberfl\u00e4che auf, was dort schwimmt. Sie haben nicht gelernt, Plastikst\u00fccke von ihrer normalen Nahrung, den Tintenfischen, zu unterscheiden. L\u00e4sst der Kunststoff-Anteil im Futter es zu, dass die Jungen die ersten Monate \u00fcberleben, dann sind sie auch meist imstande die unverdaulichen Reste als \u201eGew\u00f6lle\u201c auszuw\u00fcrgen. Normalerweise sind das Tintenfischschn\u00e4bel, nun aber sind es auch bunte, metallisch-schillernde Feuerzeuge, Kugelschreiber, Spielzeug-Figuren, Verschluss-Kappen, Zahnb\u00fcrsten usw. Die ganze Insel ist dann \u00fcbers\u00e4t damit. Im \u201eVisitor Center\u201c sind neben besonders skurrilen Artefakten aus solchen Gew\u00f6llen, auch R\u00f6ntgenaufnahmen von Albatrossen ausgestellt, deren Bauchraum von Feuerzeugen ausgef\u00fcllt ist. Auch wir entdecken viele tote Jungv\u00f6gel. Doch das \u201egro\u00dfe Sterben\u201c beginnt erst noch. Laut Tracy verenden 30 bis 40% vom Nachwuchs in jeder Saison.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freydis ist kein wissenschaftliches Expeditionsschiff, wir machen keine mikroskopischen oder chemischen Untersuchungen. Trotzdem ist uns in den 40 Jahren, in denen wir durch die Weltmeere segeln, nicht verborgen geblieben, dass Str\u00f6mungen daf\u00fcr sorgen, dass M\u00fcll und Giftstoffe, wo immer sie ins Meer gelangen, \u00fcber die ganze Erde verteilt werden und am Ende wieder bei uns landen. Ein kleiner Zeuge davon sitzt in meiner Vitrine: eines von 20.000 in Japan \u00fcber Bord gegangener Plastik-Entchen, das wir an einem einsamen Strand in Alaska fanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl zur Zeit das Bild der Insel von den Albatrossen gepr\u00e4gt wird, entdecken wir hier auch viele andere Vogelarten. Einige ruhen sich von der Wanderschaft aus, andere gehen ihrem Brutgesch\u00e4ft nach. Als wir das erste Mal nach Sonnenuntergang zu Fu\u00df vom Clipper House zur Freydis zur\u00fcckgingen, bekamen wir einen ganz sch\u00f6nen Schrecken. Pl\u00f6tzlich verd\u00fcsterte sich der Himmel \u00fcber uns und die Luft war voller dahin-huschender, -gleitender, -flatternder, -zwitschernder Schatten. Es sind Sturmv\u00f6gel (genauer gesagt Bonin-Sturmv\u00f6gel mit einer Spannweite von immerhin 70 cm), die jeden Abend von ihrem Tag auf See zur\u00fcckkehren. Sobald sie gelandet und in ihren unterirdischen H\u00f6hlen verschwunden sind, endet das Spektakel so rasch, wie es begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch andere Meerestiere suchen die Insel auf. Wenn wir mittags durch den Casuarinen-Hain schlendern zur Old Seaplane Ramp, k\u00f6nnen wir meist ein paar Hawaii-M\u00f6nchsrobben bewundern, die sich von ihrer n\u00e4chtlichen Jagd darauf ausruhen. Der angrenzende Strand ist dagegen der Lieblingsplatz Gr\u00fcner Meerschildkr\u00f6ten, die sich dort gerne in der Sonne w\u00e4rmen. Ganz besonders sch\u00f6n ist es, fr\u00fchmorgens die Spinner-Delphine am Hafen vorbei in die Lagune zur\u00fcckkehren zu sehen. Dann vergesse ich oft, dass wir doch nach Japan wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schweren Herzens bereiten wir uns nach 8 Tagen darauf vor, dieses lebenspralle Fleckchen Erde zu verlassen. Die Wetterprognose, die wir im Internet abfragten, ist g\u00fcnstig. Zwar bildet sich ein starkes Tief in Japan, aber Japan ist noch weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dann m\u00fcssen wir noch zwei Tage anh\u00e4ngen: Ein Albatross hat unsere Mastspitze gestreift und dabei Toplicht und Windex zerst\u00f6rt und die UKW-Antenne verbogen. Unverletzt, aber ziemlich ratlos &#8211; rastlos wandert er am Morgen Schnabel-klappernd an Deck umher. Er muss Futter holen f\u00fcr sein Junges, aber wie soll er hier abheben? Als ihm Erich den Schnabel zuh\u00e4lt und ihn dann \u00fcber Bord wirft, schwimmt er eilig aus der Bucht und startet dann gegen den Wind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei uns liegen die Dinge nicht so einfach: Erich muss in die Mastspitze und die schadhaften Teile herunterholen. Die UKW Antenne l\u00e4sst sich zum Gl\u00fcck aufrichten. Dann m\u00fcssen wir eine provisorische Toplampe basteln &#8211; ein leeres Nescaf\u00e9-Glas leistet uns dabei gute Dienste &#8211; und die Reserve-Windex auskramen. Und damit die Albatrosse in der Nacht unsere Arbeit nicht wieder zunichte machen, klettert Erich erst am Morgen, kurz vor dem Auslaufen, ein zweites Mal in die Mastspitze. Erst dann laufen wir aus. Kurs SSW, um dem Sturmtief auszuweichen, das sich nun doch von Japan her n\u00e4hert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Midway Atoll &#8211; ein Vogelparadies im M\u00fcllstrudel Ein Highlight unserer Reise nach Japan wird das entlegene Midway Atoll, wo die Freydis bereits vor vier Jahren, auf ihrem Weg nach Alaska einen Stop einlegte. Denn dieses Riff mit seinen drei Sand- &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/unsere-reise-nach-midway\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-29","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1612,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions\/1612"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}