{"id":4,"date":"2008-11-25T12:32:09","date_gmt":"2008-11-25T10:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=4"},"modified":"2013-10-21T20:18:13","modified_gmt":"2013-10-21T19:18:13","slug":"rundbrief-vom-november-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/rundbrief-vom-november-2008\/","title":{"rendered":"Rundbrief vom November 2008"},"content":{"rendered":"<p>Hallo Freunde,<\/p>\n<p>seit ein paar Tagen haben wir wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen und die Freydis liegt hoch und trocken in einer Marina auf Vancouver Island in Britisch Kolumbien. Unsere anregende, aufregende und manchmal auch anstrengende Reise in den Gew\u00e4ssern von Alaska ist zuende.<\/p>\n<p>Drei Sommer und einen Winter haben wir mit der Freydis in Alaska verbracht. Wehm\u00fctig blicken wir zur\u00fcck, der Abschied f\u00e4llt uns schwer.<\/p>\n<p>Dabei begann die diesj\u00e4hrige Saison alles andere als verhei\u00dfungsvoll: Ende Mai flog ich alleine voraus zur Freydis nach King Cove, um sie betriebsbereit zu machen &#8211; Heide war noch dabei, ihr neues Buch abzuschlie\u00dfen. Ausgerechnet in diesem Jahr versp\u00e4tete sich der Fr\u00fchling um einen ganzen Monat und tiefer Winter empfing mich. Drei Tage vor dem Start mit der ersten Crew bekam ich Verst\u00e4rkung von unserem Mitsegler Hans aus G\u00f6ttingen. Gemeinsam haben wir dann das Unterwasserschiff mit Antifouling im Schneetreiben gestrichen. \u00dcber der Wasserlinie konnten wir die Freydis noch nicht herrichten, die rote Zweikomponentenfarbe h\u00e4tte nicht abgebunden. Zum Gl\u00fcck hatten die gesamte Technik und das Rigg die K\u00e4lte und die Winterst\u00fcrme (es wurden bis zu 129 Knoten Wind in King Cove gemessen) gut \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Lachs und Heilbutt satt hatten wir allen Mitseglern versprochen. Aber auf den ersten beiden T\u00f6rns mu\u00dften wir tiefgefrorenen Lachs im Supermarkt und in der Fischfabrik kaufen, denn die Fischer, die uns sonst gro\u00dfz\u00fcgig versorgt hatten, warteten einen Monat vergeblich auf das Eintreffen der Lachsschw\u00e4rme, auch die hatten sich versp\u00e4tet. Doch danach lief es umso besser. Unvergessen bleibt uns der Tag, an dem unser Freund Duncan in dem Uyak-Fjord\u00a0 auf der Insel Kodiak\u00a0 f\u00fcnfzehn frisch gefangene Rotlachse (Sockeye) vorbeibrachte und der Tag, an dem unser hartn\u00e4ckiger Angler\u00a0 Thilo drei Heilbutts an Deck zog, davon einer an die zwanzig Kilo schwer. Mit einer gut gef\u00fcllten Tiefk\u00fchltruhe an Bord hatten wir f\u00fcr lange Zeit ausgesorgt. Au\u00dferdem: Auf allen sechs Abschnitten in diesem Jahr war die Komb\u00fcse spitzenm\u00e4\u00dfig besetzt. Doch das gute Essen hat seine Wirkung getan. Die \u00fcberfl\u00fcssigen Pfunde m\u00fcssen wieder runter. Ich habe mir das fest vorgenommen.<\/p>\n<p>Die ersten drei Etappen bewegten wir uns auf bereits bekanntem Terrain: Die wilde K\u00fcste entlang der Alaska-Halbinsel mit ihren schneebedeckten, rauchenden Vulkanen und den kleinen Fischersiedlungen, Kenais grandiose Gletscherfjorde, Katmais spektakul\u00e4re B\u00e4renbuchten und Kodiaks tiefe Fjorde mit ihren Walen, Robben, Ottern und Seev\u00f6geln haben wir schon in den Vorjahren ausf\u00fchrlich gew\u00fcrdigt. Es ist das ideale Revier f\u00fcr die robuste, st\u00e4hlerne Freydis mit ihrem aufholbaren Schwenkkiel. An vielen gesch\u00fctzten Str\u00e4nden im Inneren der Buchten und Fjorde konnten wir bei Niedrigwasser problemlos trockenfallen und dadurch die Grizzlyb\u00e4ren aus n\u00e4chster N\u00e4he erleben. Oft kamen sie direkt ans Schiff. Viele von ihnen waren \u201ealte Bekannte\u201c, immerhin waren wir in den letzten Jahren achtmal auf Kodiak und im Katmai. Einen neuen B\u00e4ren haben wir sogar \u201ehautnah\u201c erlebt. Dazu beigetragen hat ein Braunb\u00e4renkost\u00fcm, in das Franz und Thilo geschl\u00fcpft sind und das \u2013 zur Belustigung der Eingeweihten \u2013 so manchem einen geh\u00f6rigen Schrecken eingejagt hat, wenn der \u201eB\u00e4r\u201c unvermutet hinter einem Felsbrocken oder Eisklotz auftauchte.<\/p>\n<p>Es ist bereits Mitte August. Die Segelsaison in Alaska n\u00e4hert sich langsam ihrem Ende, als wir von dem kleinen Hafenst\u00e4dtchen Seward auf der Kenai Halbinsel zu neuen Ufern aufbrechen. Unser Ziel ist die gebirgige, unwirtliche K\u00fcste im S\u00fcdosten des Golfes von Alaska, wo zwischen dem Prince William Sound im Westen und dem Cross Sound im S\u00fcden die Hochgebirgsketten und Gletscher der Wrangell-und St. Elias Mountains bis ans Meer sto\u00dfen. Der gesamte K\u00fcstenabschnitt wird auf einer L\u00e4nge von ca 500 Meilen lediglich an drei Stellen durch tief ins Land reichende Fjorde, die Icy-, Yakutat- und Lituya Bay unterbrochen. Und in diese Fjorde wollen wir hinein. Unser Vorhaben ist nicht ganz ungef\u00e4hrlich: Die aus dem Beringmeer heranziehenden Tiefs bringen s\u00fcd\u00f6stliche St\u00fcrme und bauen auf den vorgelagerten B\u00e4nken dieser Legerwallk\u00fcste eine enorme Brandung auf. Gerade dann, wenn man dringend einen gesch\u00fctzten Ankerplatz braucht, wird einem der Zutritt verwehrt. Andererseits erwartet uns in den Fjorden spektakul\u00e4re, unber\u00fchrte Urlandschaft. Lediglich in der von Gletschern abgeriegelten Yakutat Bay existiert eine kleine Fischersiedlung, deren Bewohner \u00fcber das Flugzeug Verbindung zur Au\u00dfenwelt haben.<\/p>\n<p>Auf dem Wege zur Icy Bay finden wir bei st\u00fcrmischen Winden Schutz in Lee der kleinen Insel Kayak und warten auf Wetterbesserung. Diese Insel wurde 1741 von Vitus Bering entdeckt. Hier betraten die Russen das erste Mal den Boden von Alaska. Wir brennen darauf, an Land zugehen. Aber als wir bei nachlassendem Sturm zu dritt mit dem Dingi \u00fcbersetzen, wird uns der Landgang durch einen riesigen Grizzly verleidet, in dessen Revier wir geraten sind. Eilig treten wir den R\u00fcckzug an.<\/p>\n<p>Der Besuch der drei Fjorde erweist sich als einer der H\u00f6hepunkte unserer nun sich schon \u00fcber drei Jahre\u00a0 erstreckenden Alaskareise. Spannende Slalomfahrten durch Eisschollen und um Growler und Eisberge herum bringen uns an den Fu\u00df von \u00fcber 100 Meter hohen Abbruchkanten von Gletschern, die von den F\u00fcnf- bis Sechstausendern in die Fjorde herabflie\u00dfen. Am spektakul\u00e4rsten war die Fahrt an der 11 km langen Abbruchkante des Hubbard Gletschers im Inneren der Yakutat Bay.<\/p>\n<p>Auf die Einfahrt in die Lituya Bay, den letzten der drei Fjorde, hatten wir uns besonders gr\u00fcndlich vorbereitet und nicht nur den amerikanischen Coast Pilot No 9 mit seinen genauen Anweisungen studiert, sondern auch den Rat eines erfahrenen Kapit\u00e4ns der Coast Guard eingeholt. Die Einfahrt ist schmal, nur ein paar hundert Meter, und Ebb- und Flutstrom k\u00f6nnen in ihr bis zu 6 kn betragen. Nicht nur der Entdecker der Lituya Bay, der franz\u00f6sische Kapit\u00e4n La Perouse, verlor hier vor 200 Jahren 21 M\u00e4nner seiner Besatzung, sondern auch in j\u00fcngster Zeit scheiterten immer wieder Fischer- und andere Boote an den Felsen und Stromschnellen beim Versuch der Durchfahrt. Drei Meilen vor der Einfahrt drehen wir bei und warten auf Stauwasser. Dann mu\u00df alles sehr schnell gehen: Heide navigiert mit C-Map und GPS durch La Chaussee Spit, den engen Pass. Zwei Peilbaken an Land unterst\u00fctzen das genaue Kursgehen. Erleichterung auch bei unseren Mitseglern, als wir im ruhigen Wasser des Fjordes angekommen sind. Der Lituya Fjord ist nicht nur geschichtstr\u00e4chtiges Gel\u00e4nde, sondern weist auch einzigartige geologische Besonderheiten auf:<\/p>\n<p>Durch Erdbeben ausgel\u00f6ste Tsunamis haben in den Jahren 1853, 1874 und 1936 riesige Flutwellen erzeugt, die h\u00f6chste Welle im Jahre 1958 entwurzelte die Ufer der Bucht bis zu einer H\u00f6he von 1.720 Fu\u00df, das sind umgerechnet 524 Meter. Die Folgen dieser Tsunamis k\u00f6nnen wir jetzt bestaunen.<\/p>\n<p>Nach \u00dcberquerung des Cross Sounds tauchen wir ein in das Gewirr dicht bewaldeter Inseln und Wasserstra\u00dfen S\u00fcdost-Alaskas mit bunten Fischerst\u00e4dtchen und kleinen Ortschaften der Tinglit-Indianer. Im Vergleich zu der wilden, unber\u00fchrten Hochgebirgslandschaft, aus der wir gerade kommen, erscheint uns die Inside Passage direkt zivilisiert und lieblich. F\u00fcr Alaskas S\u00fcdosten und die Inside Passage, die weit nach Britisch-Kolumbien hineinreicht, hatten wir uns sechs Wochen Zeit genommen. \u00dcber Sitka und Wrangell erreichen wir unsere Endstation in Alaska, Ketchikan, wo uns Rupi, Hans und Rudi, unsere letzte Crew (zuf\u00e4llig rein \u00f6sterreichisch) verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Danach sind Heide und ich noch einen Monat allein unterwegs im Insellabyrinth der Inside Passage. Es geht Richtung S\u00fcden und Vancouver Island. Inzwischen ist es Herbst geworden. Nebel und viele treibende Baumst\u00e4mme verlangen st\u00e4ndigen Ausguck und Einsatz des Radars. Als wir die Seymour Narrows passiert haben, beschlie\u00dfen wir, die Reise f\u00fcr dieses Jahr in dem kleinen St\u00e4dtchen Campbell River auf Vancouver Island enden zu lassen. Wenige Tage sp\u00e4ter liegt die Freydis hoch und trocken in der Ocean Pacific Marina.<\/p>\n<p>Kr\u00f6nender Abschlu\u00df der diesj\u00e4hrigen Saison: Drei Tage Vancouver bei Linda und Gerd M\u00fcller, den TO-St\u00fctzpunktleitern in Vancouver \u2013 liebensw\u00fcrdigere Gastgeber h\u00e4tten wir uns nicht denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Fazit:<\/h3>\n<p>Es war eine Saison der Superlative, f\u00fcr Heide und mich und f\u00fcr die vielen Mitsegler und Freunde, die uns auf einzelnen Abschnitten begleitet haben. Auch in diesem Jahr geh\u00f6rten wieder zwei Drittel zum \u201eStamm\u201c der Freydis. Rudi aus Graz schoss den Vogel ab: Er war fast zwei Monate an Bord. Leid tut es uns um die beiden, die krankheitsbedingt die Reise nicht antreten konnten. Aber : Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Fast alles war optimal. \u201eFast\u201c \u2013 denn auf g\u00fcnstigen Wind haben wir oft vergeblich gewartet. Leider eine Eigenart des Reviers.<\/p>\n<p>Aber Rasmus hat Besserung gelobt: 2009 segeln wir anfangs noch in der Georgia Strait zwischen Vancouver Island und dem Festland. Dann geht es \u00fcber San Francisco und San Diego \u00fcber die Grenze nach Ensenada\/Mexiko auf der Kalifornischen Halbinsel. \u201eAuf dieser Route ist der Wind das ganze Jahr \u00fcber g\u00fcnstig und der nach S\u00fcden setzende Kalifornienstrom tut das seine dazu\u201c, schreibt Jimmy Cornell. Wir sind bereit!!<\/p>\n<p>Ach ja \u2013 eines h\u00e4tten wir beinahe vergessen, zu erw\u00e4hnen. Nicht nur sch\u00f6ne Eindr\u00fccke und tolle Bilder von Alaska sind uns geblieben. Erinnert Ihr Euch an unsere W\u00fcnsche, die wir im Rundbrief vom 1.April 2007 ge\u00e4u\u00dfert haben? Sie sind in Erf\u00fcllung gegangen: Heide hat ihren Mammut-Sto\u00dfzahn und ich meinen versteinerten Oosik, den Penisknochen eines Walrosses, bekommen. Wer uns in Heidelberg besucht, darf beide bewundern.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/toerns.htm\">T\u00f6rnplan f\u00fcr 2009<\/a> gibt&#8217;s auch schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Freunde, seit ein paar Tagen haben wir wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen und die Freydis liegt hoch und trocken in einer Marina auf Vancouver Island in Britisch Kolumbien. 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