{"id":5597,"date":"2019-08-12T13:08:58","date_gmt":"2019-08-12T12:08:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/?p=5597"},"modified":"2019-08-15T20:07:27","modified_gmt":"2019-08-15T19:07:27","slug":"die-nacht-der-slippenden-anker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/die-nacht-der-slippenden-anker\/","title":{"rendered":"Die Nacht der slippenden Anker"},"content":{"rendered":"\n<p>Rasmus hatte offensichtlich vor, uns ein f\u00fcr alle Mal das Segeln zu verleiden:<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem T\u00f6rn von Stornoway (gr\u00f6\u00dfte Ortschaft der \u00c4u\u00dferen Hebriden) zu den Scillys an der S\u00fcdwestecke Cornwalls hatten wir konstanten Gegenwind. Trotzdem erreichten wir mit Haken, Tricks und \u00d6sen und viel Maschineneinsatz am elften Tag unser Ziel: die wundersch\u00f6ne Scilly-Insel Tresco. Mit ihren Sandstr\u00e4nden, ihrem weltber\u00fchmten Botanischen Garten und ihrem Wrackmuseum mit den einzigartigen Gallionsfiguren (die Gew\u00e4sser um die Scillys geh\u00f6ren zu den gr\u00f6\u00dften Schiffsfriedh\u00f6fen der Erde) war sie ein besonderes Highlight auf dieser Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch aus einem anderen Grund: Auf Tresco schloss sich der Kreis unserer sieben-j\u00e4hrigen Weltreise mit der <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> III; hier schnitten wir unseren Ausgangskurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich wollten wir in diesem Revier &#8211; wie schon \u00f6fter zuvor &#8211; ein paar Tage ausspannen. Aber die eigentliche Pr\u00fcfung lag noch vor uns: Sturmtief Wolfgang n\u00e4herte sich mit 10 Windst\u00e4rken und Orkanb\u00f6en im Gep\u00e4ck. Sein Auge hielt genau auf die Scillys zu. Wir rechneten also mit Sturm aus Nordost \u00fcber Nord nach Nordwest und West drehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> verf\u00fcgt \u00fcber f\u00fcnf Anker. Drei davon gruben wir an der Ostseite der Insel Tresco in einer Bucht ein, abgeschirmt von den Inseln Saint Martin, Tean und Saint Helen&#8217;s: Einen Anker mit 80 Meter Kette nach Westen, einen mit 30 Meter Kette und 30 Meter Bullentau nach Nordwesten und einen mit 60 Meter Festmacherleine nach Nordosten. Das sollte reichen, so dachten wir.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"617\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/2019-07-29-Sturmtief-1024x617.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5607\" srcset=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/2019-07-29-Sturmtief-1024x617.png 1024w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/2019-07-29-Sturmtief-300x181.png 300w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/2019-07-29-Sturmtief-768x463.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Sturmtief<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als erstes riss das Bullentau mit 25mm (!) Durchmesser. Um nicht auf die Steine am Ende der Bucht zu geraten, mussten wir das Tau mit dem zweiten Anker \u00fcber das Ankerspill dichtholen. Das Mann\u00f6ver misslang jedoch, die Leine entglitt uns in den schweren Sturmb\u00f6en. Nun machte auch der dritte Anker keinen Sinn mehr; wir slippten ihn und zogen die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> im R\u00fcckw\u00e4rtsgang in tieferes Wasser.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250800-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5612\" srcset=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250800-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250800-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250800-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250800.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Das gerissene Bullentau (Foto: Annette Pieper)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anker Nummer Vier und F\u00fcnf kamen zum Einsatz, in Reihe geschaltet: Nummer Vier an 50 Meter Ankertrosse, Nummer F\u00fcnf als Reitgewicht an 40 Meter Kette.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konstruktion hielt bis 02:00 nachts. Zu diesem Zeitpunkt kenterte die Tide und Tonnen von Seegras und Kelp dr\u00fcckten zus\u00e4tzlich zum Sturm und Strom auf Trosse und Kette. Es gab einen Ruck und dann kein Halten mehr: Die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> trieb schnell in Richtung Riffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Maschine an, beide Anker slippen und bei peitschendem Regen und null Sicht die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> m\u00f6glichst auf der Stelle zu halten. Die Nacht war rabenschwarz. Wo ist Strand, wo die Riffe, wo das Wasser zu flach, wo tief genug? Heide am Laptop mit Navionics, Erich am Ruder &#8211; Schwerstarbeit, vier lange, bange Stunden lang: bei zu wenig Maschine dr\u00fcckte der Sturm den Bug zur Seite, bei zu viel Maschine kamen wir schnell aus dem Landschutz in die hohen Brecher des Old Grimsby Sound. Das Fahrwasser ist nur 150 Meter breit \u2013 links das Ufer von Tresco, rechts Riffe ohne Ende. Aus dem UKW h\u00f6ren wir Mayday-Notrufe anderer Yachten, Rettungs-Hubschrauber brummen \u00fcber uns hinweg, Rettungskreuzer hasten durch die Passagen: Was f\u00fcr ein Nacht!<\/p>\n\n\n\n<p>Als es um halb sechs d\u00e4mmerte, hatte der Sturm bereits auf Nordwest gedreht. Wir fassten uns ein Herz und wagten uns durch die zahllosen Boote, die im Old Grimsby Harbour lagen, hindurch, fuhren einfach auf den Strand und waren in Sicherheit. Die l\u00e4ngste Nacht seit unserer Strandung auf Deception hatte ein gl\u00fcckliches Ende gefunden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250993-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5602\" srcset=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250993-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250993-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250993-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/P1250993.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Bergung eines Ankers (Foto: Annette Pieper)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unsere Crew war bravour\u00f6s. Auch am Tag danach, als wir alle f\u00fcnf Ankergeschirre einsammelten. Es war eine gro\u00dfe Schufterei, bis wir alles wieder an Bord verstaut hatten. Zum Gl\u00fcck hatten wir die beiden Anker im Strom mit einer Fenderboje markiert.<br>Anschlie\u00dfend verbrachten wir alle noch einen wundersch\u00f6nen Tag auf der Insel.<br>Endstation des T\u00f6rns war die Insel Ouessant bei Brest. Doch kaum hatte die Crew die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> verlassen, da k\u00fcndigte sich der n\u00e4chste schwere Sturm an.<br>Gerade weht er sich aus, aber laut &#8222;Wetterwelt&#8220; sind bereits zwei weitere im Anmarsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen nicht \u2013 wie urspr\u00fcnglich geplant \u2013 nach Lissabon, sondern in unseren Heimathafen Leer. Die <span class=\"ship-name\">Freydis<\/span> hat sieben harte Jahre auf dem Buckel und muss gr\u00fcndlich \u00fcberholt werden. Und dann schauen wir mal, wie&#8217;s weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss:<br>In unserer Abwesenheit erschien ein sch\u00f6ner Artikel in der RHEIN-NECKAR-ZEITUNG. Man merkt, der Redakteur Klaus Hunzinger ist selbst ein gestandener Segler. Hier ist sein Bericht:<\/p>\n\n\n<a href=\"https:\/\/www.freydis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/2019-06-29-RNZ-Aufgeben-war-keine-Option.pdf\" class=\"su-button su-button-style-default su-button-wide\" style=\"color:#FFFFFF;background-color:#ef332d;border-color:#c02924;border-radius:5px\" target=\"_self\"><span style=\"color:#FFFFFF;padding:6px 18px;font-size:14px;line-height:21px;border-color:#f4716c;border-radius:5px;text-shadow:none\"><i class=\"sui sui-book\" style=\"font-size:14px;color:#FFFFFF\"><\/i> Artikel &#8222;Aufgeben war keine Option&#8220; [PDF]<\/span><\/a>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rasmus hatte offensichtlich vor, uns ein f\u00fcr alle Mal das Segeln zu verleiden: Auf dem T\u00f6rn von Stornoway (gr\u00f6\u00dfte Ortschaft der \u00c4u\u00dferen Hebriden) zu den Scillys an der S\u00fcdwestecke Cornwalls hatten wir konstanten Gegenwind. 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