Episode 10: 1990 – Segeln zwischen Alptraum und Traum

Mittwoch, 23.12.2015, La Palma

Brand in Mar del Plata, Tierparadies Valdes

Es ist Nachmittag und sommerlich warm im argentinischen Mar del Plata. Der Generator läuft, um die frisch gefüllte Kühltruhe zu versorgen. An Bord ist alles gewissenhaft verstaut, die Ausrüstung für ein ganzes Jahr untergebracht. Wir haben gerade ausklariert und wollen bald auslaufen. Zum Abschied sitzen wir noch ein Weilchen im Cockpit, trinken Tee und schauen über den friedlichen Yachthafen.

Plötzlich dringen Rauchschwaden aus der Achterluke und dem Niedergang. Geistesgegenwärtig greift sich Erich sofort den nächsten Feuerlöscher, reißt den Motorraum auf und versucht zu löschen. Was er schafft, erweist sich aber im wahrsten Sinne des Wortes als Tropfen auf dem heißen Stein. Flammen hüllen ihn ein, seine Haare sind nur noch versengte Stummel und Fransen. Kameramann Arno rennt nach der Feuerwehr und ich haste nach anderen greifbaren Feuerlöschern. Alle Segler und die Angestellten des Club Nautico Argentino, wo wir zum Glück an der Pier liegen und nicht vor Anker, sind sofort hilfsbereit zur Stelle, und das bestimmt nicht nur darum, weil das Feuer leicht auf die benachbarten Kunststoffschiffe übergreifen könnte.

Aber selbst sechsundzwanzig Feuerlöscher bringen keinen Erfolg. Ungerührt von all dem weißen Kunstschaum, schlagen die Flammen weiter aus dem Motorraum, werden gespeist vom 60-Liter-Dieseltagestank und fressen sich bis in die Achterkammer und die Messe durch. Unglücklicherweise sind in den Backskisten über dem Motorraum unsere großen Gasflaschen für den Herd gestaut und die Kisten mit Notraketen. Hoffentlich geht nicht alles in die Luft!

„Heide, es ist aus, die Reise ist zu Ende! – Unser schönes Schiff…“ ruft mir Erich zu. Sein Ton, so voller Schmerz, trifft mich mehr als alles andere.

Die Flammen im Maschinenraum schlugen in Achterkammer und Messe – alles ist verkohlt

Ich bin kurz vor einer Rauchvergiftung, weil unter anderem unsere PVC-Decke und die Kabel abbrennen – ein scheußlicher Geruch, den ich noch lange in der Nase habe. Erich und unser Mitsegler Erhard, die Kameraleute Arno und Klaus stehen in beißendem Qualm und bekämpfen die Flammen, verteidigen die Freydis mit dem Mut der Verzweiflung. Aber trotz aller Anstrengung scheint es aussichtslos, unser Schiff zu retten. Immer wieder findet das Feuer in Diesellachen, Seekarten, Plastikteilen und ähnlichem neue Nahrung, droht zu vernichten, was für Jahre unser Heim, unsere Zuflucht werden sollte.

Eine Menschenmenge ist zusammengelaufen, das brennende Schiff wird die große Attraktion. Hobbyfilmer und -fotografen sind dabei. Am liebsten würde ich sie wegscheuchen. Ich will nicht, daß das Unglück bestaunt und festgehalten wird. Ich kann nicht fassen, daß es trotz allen Einsatzes seinen fatalen Lauf nimmt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die gefräßigen Flammen auch Ventile und Dichtungen erreicht haben, bis unsere hochgesteckten Ziele in Feuer und Rauch aufgehen und die Freydis sinkt.

Aber Neptun und alle Meeresgöttinnen, die ich in meiner Not anrufe, halten sie über Wasser. Nicht nur sämtliche Elektrogeräte, die gesamte Bordelektrik, die Achterkammer, der Gang und die Messe sind ausgebrannt – auch die teure Kamera- und Tonausrüstung der ZDF-Leute ist hin. Kameramann Arno und Assistent Klaus waren zwei Tage zuvor angereist, um unsere nächste Etappe mitzusegeln und zu filmen. Erst am Vortag hatten sie ihr Arbeitsgerät installiert. Nun ist allein schon dem ZDF ein Schaden von zweihundertfünfzigtausend Mark entstanden, wie sich später herausstellt. Fast das gesamte Filmmaterial ist verbrannt oder von der Feuerwehr, die uns letztlich rettet, unter Wasser gesetzt. Sie pumpt Tonnen von Wasser durch die Luken in den heißen Rumpf, bis die Flammen keinen Mucks mehr machen, bis nur noch schwarze Rauchschwaden als Zeichen der Verwüstung die Luft verpesten und in den strahlend blauen Himmel steigen. Erhard wagt sich als erster in den qualmenden Maschinenraum, ein nasses Handtuch um den Kopf gewickelt. Er entfernt die dicken funkensprühenden Batteriekabel von den Polen, denn die Kabel liegen blank – ihre Ummantelung ist geschmolzen und verbrannt.

Das Drama ist zu Ende, aber wir haben noch immer nicht begriffen, wie und warum es dazu kommen konnte. Wie betäubt schauen wir uns im Schiffsinneren um. Dort sieht es schlimm aus: schwarze, stinkende Brandhöhlen, die vor ein paar Stunden noch Messe, Achterkammer und Maschinenraum waren.

In der Navigation sind alle elektronischen Geräte geschmolzen

Es dauert lange, bis wir einen klaren Gedanken fassen können: weitermachen, so rasch wie möglich reparieren, damit wir die Reise vielleicht doch noch fortsetzen können. Noch am späten Abend beginnen wir mit den Aufräumungsarbeiten, das Zerstörungswerk des Brandes, der wahrscheinlich durch einen Kurzschluss im Kabelbaum ausgelöst worden ist, bietet einen deprimierenden Anblick.

Blick in den Maschinenraum

Was nun? Ist das nun das Ende eines Seglertraums?

Drei Tage schuften wir fast rund um die Uhr: Wir kratzen, reißen, waschen, schrubben, spachteln, sortieren und schaffen die vielen verkohlten Teile hinaus. Dann erst geht’s ans Reparieren. „Trabajan como locos” (sie arbeiten wie die Irren), wundern sich unsere argentinischen Freunde und Helfer. Besonders gefordert sind die Elektriker, sie entpuppen sich als wahre Künstler der Improvisation. Uns kommen fast die Tränen, als das angeschmorte Radio plötzlich wieder Töne von sich gibt und der große Placido Domingo seine Arie auf der Kassette zu Ende schmettert, die er drei Tage zuvor begonnen hat. Dann gehen die Lichter wieder an, Wasser fließt wieder aus dem Hahn. Leitung für Leitung wird neu verlegt, bis alle neuinstallierten oder von den Flammen verschonten Verbraucher angeschlossen sind.

Alle fassen mit an, auch die beiden Kameraleute vom ZDF

Mitsegler der nächsten Etappe, zwei Fluglotsen aus Düsseldorf, bringen uns als Handgepäck und in ihren Seesäcken neue elektronische Geräte mit. Wir haben sie noch am Tag des Brandes in Deutschland bestellt.

Dank des schnellen Einsatzes des Lieferanten und unseres Freundes Thilo in Ostfriesland klappt alles wie am Schnürchen. Apropos Schnürchen: Auch die Schoten sind angekohlt und müssen ersetzt werden. Sogar die Polster werden frisch überzogen. Was nach der Säuberung noch schwarz bleibt, überpinseln wir einfach mit weißer Farbe. Achterkammer und Messe werden behelfsmäßig renoviert. Die Argentinier aus dem Klub, die uns immer wieder besuchen, um den Stand der Dinge zu begutachten, sind vom Fortschritt der Arbeiten fasziniert. Unsere beiden Fluglotsen bauen die Navigationselektronik fachmännisch ein. Langsam funktioniert alles für das Segeln Notwendige an Bord.

Während dieser ganzen Zeit harter Arbeit fällt kein böses Wort. Alle Mitsegler, Stegnachbarn und angeheuerte Spezialisten arbeiten toll und haben sogar Spaß dabei (ein wenig Galgenhumor ist es natürlich auch, wenigstens bei uns). Jeden Abend vertilgen wir alle zusammen riesige argentinische Steaks, die uns bei Kräften und Laune halten. Nachts jedoch können Erich und ich kaum schlafen, denn der Schock, die Verantwortung für die Reise, für unsere Mitsegler und uns selbst, wirken sich aus. Wir richten einander auf, machen uns Mut, trösten uns damit, daß niemand verletzt wurde, daß noch nicht alles verloren ist. Es wird vor allem davon abhängen, daß wir beide nicht aufgeben.

Und das Unmögliche wird wahr: Bereits nach nur fünf Tagen prüfen drei argentinische Inspektoren, zuständig für Maschine und Elektrik, für Elektronik und für Schiffssicherheit, die Freydis gründlich vor dem Auslaufen und befinden sie für voll hochseetüchtig.

Weil nur ich Spanisch spreche, bin ich ständig am Übersetzen und kann schließlich vor Erschöpfung gar nicht mehr reden, weder in Spanisch noch in Deutsch. Außerdem werde ich vom argentinischen Fernsehen vor unserem angekohlten Schiffchen interviewt. In Mar del Plata bin ich bekannt wie ein bunter Hund, mitleidende Geschäftsleute geben mir sogar Prozente beim Einkaufen!

Wir können in See stechen!

Das ZDF-Projekt ist fürs erste gestorben. Die Kameraleute Arno und Klaus reisen ab, ohne eine einzige Meile auf der Freydis gesegelt zu sein. Zeitlich noch immer im Plan, laufen wir aus, Richtung Halbinsel Valdes in Patagonien. Außer uns sind noch vier Mitsegler an Bord: Erhard, der schon die vorige Etappe von Rio de Janeiro nach Mar del Plata mitgesegelt ist und uns nach dem Brand die ganze Zeit zur Seite stand; Karl, der die Freydis schon lange kennt, unter anderem von einer Tour nach Spitzbergen; und dann sind da noch die beiden Jochens, die Fluglotsen, die bereits an kleineren Touren auf der Freydis teilnahmen.

Die ersten vierundzwanzig Stunden haben wir freundliches Wetter, Sonnenschein, Sternenhimmel, günstigen Wind und gute Bordstimmung. Die Freydis segelt wieder, das ist das Schönste. Ich kann’s kaum fassen, wenn ich daran denke, daß wir vor einer Woche noch vor den qualmenden Trümmern unserer Träume standen. Wir sind glücklich, Erich und ich, genießen die einsame Nachtwache stumm und dankbar. Albatrosse und Sturmvögel, die Bewohner südlicher Meere, umkreisen unser Schiff und das Kreuz des Südens weist uns den Weg. Der Bilderbuchtag endet damit, daß die Sonne als blutroter Ball ins silbrig glänzende Meer taucht, ein geheimnisvolles Schauspiel, das nie alltäglich wird. Zumal jetzt nicht, da wir laut GPS gerade den vierzigsten Breitengrad überschreiten. Darauf stoßen wir an. Ich wünsche mir, daß uns die Brüllenden Vierziger noch ein Weilchen gnädig sind, uns eine Schonfrist gönnen, bis wir alles wieder fest im Griff und auch sonst ein wenig Kraft getankt haben. Unter Deck riecht es immer noch nach kaltem Rauch und verbranntem Kunststoff, aber unser Leben hat sich fast wieder normalisiert. Die Sonne ist heiß, die Luft kalt, die Wassertemperatur beträgt dreizehn Grad Celsius. Die Tage werden immer kürzer. In der Nacht frischt der Wind stark auf und dreht, bis er fast von vorn kommt. Rasch baut sich eine hohe See auf, schwarze Gewitterwolken rollen über uns hinweg. Mit dreifach gerefftem Groß und Sturmfock hackt das Schiff auf sein Ziel zu. Mehrmals steigen Brecher aufs Deck, versuchen die beim Brand gesprungene Scheibe im Cockpit einzudrücken. Durch die Luken, die sich durch die Hitze verzogen haben und undicht geworden sind, dringt Wasser ein. Erichs passender Kommentar: „Scheibenkleister!“

Am nächsten Tag wieder Sonne, blauer Himmel, der Wind bläst weiter mit sieben bis acht Beaufort.
was kann man auch anderes erwarten in den brüllenden Vierzigern? Nicht von ungefähr erhielten diese Breitengrade ihren ausdrucksvollen Namen von den Matrosen auf den alten Rahseglern, für die das schöne Passatsegeln spätestens hier in diesem rauen Westwindgürtel endete. Zum Glück flaut der Wind in der Nacht ab, als wir auf die Küste zuhalten. Bei Starkwind würde sich auf den flachen Sänden eine so gefährliche Brandung aufbauen, daß wir unser Ziel, die Caleta Valdes, vergessen könnten. So aber finden wir auf Anhieb die Einfahrt, die sich laut Seehandbuch mal nach Norden, mal nach Süden verlagern soll, ähnlich einer Wanderdüne. Bis zum Morgen ankern wir davor. Um sechs Uhr früh und bei Stillwasser (zu Springzeiten sollen hier bis zu zehn Knoten Strom stehen) tasten wir uns durch die schmale Einfahrt, bei einer Wassertiefe von nur 1,3 bis 3 Metern.

Ausgerechnet jetzt können wir die Winschkurbel nicht finden, um unseren Kiel hochzukurbeln. Seit dem Brand ist vieles noch nicht wieder an seinem alten Platz. Ab und zu schleifen wir deshalb über den sandigen Grund, schaffen es aber trotzdem, in die dreißig Seemeilen lange, schmale Caleta einzudringen, die aussieht wie ein blind endendes Flußbett. Dort empfängt uns ein überwältigendes Tierparadies, das uns für alles Erlittene entschädigt.

In der Caleta Valdes, einem Tierparadies: Der Aufenthalt ist Balsam für unsere verbrannte Seele

Die Caleta ist der „Kindergarten“ der Elefantenrobben. Erst wenn die Robbenkinder größer und stärker geworden sind, trauen sie sich hinaus ins feindliche Leben. Noch aber droht ihnen draußen der Tod, vor der Küste patrouillieren ihre Erzfeinde, ganze Schulen von Mörderwalen. Immer wieder sehen wir ihre charakteristischen hohen schwarzen Rückenflossen wie Messer durchs Wasser schneiden. Selbst am Uferstreifen sind die jungen Robben nicht sicher. Wenn die Mörderwale großen Hunger haben, hechten sie mit einem Brecher sogar bis auf den Strand, schnappen sich dort eines der Robbenbabies und schnellen samt fetter Beute mit der nächsten Welle wieder in tiefes Wasser zurück. Diese schier unglaubliche, sensationelle Jagdtechnik dieser intelligentesten aller Wale haben Walbeobachter hier um Valdes mehrmals mit Bildern und Berichten belegt. In der Caleta dagegen sind die kleinen, oft gerade erst Mutter-entwöhnten Elefantenrobben sicher. Hier machen sie allenfalls die Bekanntschaft mit ein paar freundlichen Magellanpinguinen, die sich im niedrigen Dornengebüsch oberhalb der Uferböschung Bruthöhlen gebaut haben und sich nun überwiegend ihren Eiern widmen, oder mit ein paar scheuen Guanakos (einer Lamaart), die hin und wieder am Ufer entlang promenieren.

Hier liege ich also mit ”meinen” süßen Elefantenrobben-Kindern Wange an Wange am Strand.

Sie lassen sich streicheln, kommen neugierig angerobbt, um mich ganz aus der Nähe zu begucken. Eines von ihnen tätschelt mich sogar mit seinen langen schwarzen Brustflossen, hält mich wahrscheinlich für eine Kameradin. Das ist erfreulich, lustig, unkompliziert. Die Tiere machen sich keine Sorgen um den nächsten Tag, sie sind einfach da und leben. Hoffentlich noch lange…

Hoffentlich geht es ihnen nicht so wie den Robben und Kormoranen an der Westküste Südamerikas, die in den letzten Jahren zu Zigtausenden an Hunger starben, weil die immer effizienter arbeitende Fischerei ihnen keine Nahrung mehr übrig ließ. Und was für traurige Bilder auch in Mar del Plata, wo ganze Seelöwenkolonien um und im völlig verschmutzten, diesel-verpesteten Fischereihafen leben müssen. Viele haben Augenleiden, Hautkrankheiten und verdreckte Wunden. Zu unserem Entsetzen sahen wir auch mehrere Tiere mit tief ins Fleisch einschneidenden Drahtschlingen um den Hals. Rachsüchtige Fischer, denen sie dann und wann die Netze beschädigen, um etwas vom Fang abzubekommen, hatten sie ihnen umgelegt, während sie arglos schliefen. Wie wohltuend und herzerfrischend dagegen dieses Tieridyll in der Caleta!

Der Aufenthalt in Valdes ist Balsam für meine „verbrannte“ Seele. Ich kann wieder gut schlafen, obwohl mir der Brand-Schock von Mar del Plata eigentlich erst hier richtig bewußt wird. Ich fühle mich versöhnt, geborgen, eins mit der Natur, die es gut meint mit mir. Auch Erich genießt diese Zeit, ist tagsüber ständig mit der Kamera unterwegs, um die pelzigen „Strandschönheiten“ in den verschiedenen Posen zu fotografieren.

Aber selbst in diesem Paradies bleiben uns Arbeiten am Schiff nicht erspart, als Erstes müssen die Luken mit Sikaflex abgedichtet, die Bilgen gelenzt werden und die Freydis braucht einen neuen Unterwasseranstrich.

Es wird noch Monate dauern, bis wir die restlichen Schäden nach und nach behoben haben. Als sich nach zwei Tagen zu unserer großen Erleichterung auch die Winschkurbel in den Tiefen des Navigations-Schapps wiederfindet, ist die Erholungszeit an diesem schönen Ort schon wieder zu Ende und wir laufen weiter nach Puerto Pyramides im Golfo Nuevo, ebenfalls an der Halbinsel Valdes. In diesem Meeresbusen verbringen Südliche Glattwale die Hälfte des Jahres, dort paaren sie sich und ziehen ihre Jungen auf.

Die Bucht, in der wir ankern wollen, ist tatsächlich eine Art Wal-Entbindungsstation: überall Walkühe mit Kälbern. Langsam schwimmen sie an uns vorbei, während wir mit Maschine im Leerlauf abwarten.

Zutiefst beeindruckend ist es, diese größten Tiere, die jemals auf unserem Planeten gelebt haben, ganz aus der Nähe zu beobachten: Super-Walmütter, die bis zu 18 Meter lang und 54 Tonnen schwer werden, mit ihren Säuglingen auf ”Tuchfühlung“ mit der Freydis, ein wahrhaft elementares Erlebnis! Wenn sie ihre vier bis fünf Meter hohen, V-förmigen Fontänen blasen, zischt es, als ließe eine Lokomotive ihren Dampf ab. Manchmal fällt dabei ein wahrer „Sprühregen“ auf uns herab, Kondensationströpfchen, die entstehen, wenn ihr warmer Atem mit der kühleren Luft in Kontakt kommt. Und was für ein faszinierendes, atemberaubendes Spektakel, wenn die „Kleinen“ (sie sind bei der Geburt schon fünf bis sechs Meter lang), hoch aus dem Wasser springen, mit der Mutter spielen und sich an sie schmiegen.

Die Wale zeigen uns gegenüber ein freundliches Verhalten, trotzdem klopft mein Herz bis zum Hals; ein kleiner Schlag mit der Fluke, und wir könnten unsere Weiterreise wahrscheinlich wieder mal vergessen. Ich kann mich jedenfalls noch gut an den Wal erinnern, der vor ein paar Jahren bei den Färöern eine zeitlang direkt unter der Freydis lag. Als er abtauchte, rumpste es nur ein bißchen, aber anschließend war unsere automatische Windsteuerung defekt. Und erst kürzlich erzählte uns ein südafrikanischer Segler, wie ein Wal sich den Buckel an seinem Boot gescheuert und dabei die gesamte Ruderanlage demoliert hatte. Als eisernes Gebot beim Beobachten der Wale gilt hier: niemals mit dem Schiff zwischen Walkuh und Kalb geraten, mit dem freundlichen Verhalten könnte es dann nämlich schnell vorbei sein. Und ich weiß nicht wie, trotz aller Vorsicht sind wir plötzlich doch zwischen Walmutter und Kind. Ich halte den Atem an – aber nichts passiert, die Walkuh bleibt ruhig, schwimmt um den Bug herum und nimmt ihren Ausreißer wieder an ihre Seite. Die Tiere bewegen sich dicht an der Oberfläche und so bekommen wir auch ihre weißlichen Schwielen am Kopf zu sehen, die charakteristisch für Glattwale sind. Sie bestehen aus groben Hautverdickungen, auf denen Seepocken, Walläuse und ein paar Haare wachsen und sind von unterschiedlicher Größe, Form und Zahl bei den einzelnen Tieren. Deshalb werden sie von den Walbeobachtern auch als „Erkennungsmarken“ zur individuellen Identifikation benutzt. Denn seit 1970 ist man dabei, diese Walart um die Halbinsel Valdes herum gründlich zu untersuchen. Das wird auch Zeit, da für den gesamten südlichen Ozean der Bestand auf nur noch 3000 Tiere geschätzt wird!

Was sind das für wunderbare Tage im Märchenland der freundlichen Riesen! Im nächsten halben Jahr, wenn uns draußen auf See die Roaring Forties, Furious Fifties und Screaming Sixties die Zähne zeigen, werden wir uns zurücksehnen nach Valdes, uns wünschen wieder mal eine Woche hier verbringen und entspannen zu dürfen, da bin ich ganz sicher!

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Ein Kommentar zu Episode 10: 1990 – Segeln zwischen Alptraum und Traum

  1. Klaus Grün sagt:

    Hallo Ihr Lieben
    Das war eine schöne Weihnachtsüberraschung von Euch diese Berichte zu bekommen.
    Ich denke noch gern an unseren schönen Törn von Okinawa nach Nagasaki zurück.
    Danke nochmals. Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr in Sicherheit und mit vielen schönen Erlebnissen.
    Herzliche Grüße
    Klaus

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