Episode 9: Unter Seelöwen (Punta del Este, Uruguay)

Mittwoch, 23.12.2015, La Palma

Von Porto Belo geht’s nonstop nach Punta del Este. Ursprünglich hatten wir einen Aufenthalt in Rio Grande do Sul eingeplant, aber dann jagte ein Gewitter das andere und schließlich zwang uns Sturm aus Süd, Ausläufer argentinischer Suestados und Pamperos, zum Beidrehen. Nach Durchzug der Kaltfront nutzten wir die Chance, auf geradem Kurs durchzusegeln. Die nächste Kaltfront war bereits im Anmarsch.

Um acht Uhr morgens laufen wir an der Isla de Ton vorbei: Gischt, Wracks und lange, lange Sandstrände. Nach sechs Tagen auf See erwarten wir euphorisch den Landfall. Schon am Morgen gibts „Beijo de Caju“, Aperitiv aus Sitio Taigun, auf dem Herd brutzeln Eier auf Schinken und aus dem Radio tönt’s „Good bye Argentina“ von der Kasette. Eigentlich müßte es ja „Good bye Brasil“ heißen, heute holen wir nämlich die brasilianische Flagge ein und setzen die Uruguays. Klatschkränzchen über Funk halten uns auf dem Laufenden: Die Wilde Mathilde liegt in Rio de Janeiro, Wolfgang berichtet von neuen Überfällen auf Segler und schwärmt vom Ipanema-Strand – besonders die Schönen dort haben ihn mächtig beeindruckt. Wir erfahren, daß die Northern Light bereits auf dem Wege nach Argentinien ist, die Nele auf der Ilha Grande Station macht und daß es in Blumenau eine Überschwemmung gegeben hat, wobei sechzehn Menschen den Tod fanden. Einen kleinen Umweg zu den „Islas dos Lobos“, zehn Seemeilen vor Punta del Este, erlauben wir uns aber doch. Erich entdeckt einen Hinweis im Seehandbuch und meint, dass es sich lohnt, dort vorbeizuschauen, denn dort gäbe es eine Seelöwenkolonie mit angeblich tausenden von Seelöwen…
Unter 250 Quadratmeter Spinnaker jagen wir was das Zeug hält – die Freydis ist kaum am Ruder zu steuern – um noch am späten Nachmittag die Inseln zu erreichen.

Wir schaffen es, sogar die Sonne scheint durch die Wolken, als wir uns den weiß umbrandeten Felsen nähern. Und tatsächlich, die Felsen sind dicht belagert und das Wasser kocht förmlich vor dunklen, glatten, quirligen Leibern, die kreuz und quer durcheinander wirbeln und der Freydis neugierig ihre schnauzbärtigen Köpfe entgegenstrecken. Es sind zwei Robbenarten, Seebären und die etwas größeren Seelöwen, die hier einträchtig beisammen leben. Ihr Grölen, Jaulen, Heulen und Piepsen ist weithin zu hören und übertönt jedes Brandungsgeräusch. Dicht an den Felsinseln steht starker Schwell und weißer Gischtsaum wölbt sich über den blinden Klippen.

Trotz aller Vorsicht rumpelt das Schwert ganz gehörig über die Felsen, als Erich beherzt durch die Robben-Buchten manövriert. Ich werfe ihm ein paar ängstliche Blicke zu, doch voll Vertrauen auf die Stärke unserer Freydis, brummt er nur cool „das muß sie schon aushalten können“. Ich bin froh, als wir uns entschließen, die Robbenfelsen zu verlassen und sie später, bei besserem Wetter, noch einmal zu besuchen.

Ein paar Tage später, bei schönstem Wetter, gelingt es uns sogar auf den Felsinseln zu landen. Die Brandung läßt uns zwar ungeschoren, aber die Seebären zeigen sich an Land wenig gastfreundlich. Mit furchterregend geblecktem Raubtiergebiß starten sie Angriffe und verjagen uns immer wieder erfolgreich aus ihren Revieren – ihr gutes Recht!

Nachdem wir uns allerdings eine halbe Stunde auf einem Felsen niedergelassen und ganz ruhig verhalten haben, werden wir akzeptiert und dürfen sogar nach Herzenslust fotografieren.


Im Wasser gebärden sich die Robbenmachos zwar deutlich weniger aggressiv, aber eifersüchtig schauen sie schon, wenn wir mit ihren anmutigen sanftäugigen Damen schwimmen und im Wasser herumplanschen. Besonders die Seelöwinnen zeigen großes Interesse an den fremden Badegästen mit den abnehmbaren Flossen und Schnorchelrohren. Offensichtlich eine tolle Abwechslung in ihrem Robbenalltag! Für uns aber war das Baden mit diesen Tieren eines der ganz großen Höhepunkte dieser Reise.

Mastinspektion im Hafen von Punta del Este: Das viele Spinakersegeln fordert Tribut, ein Niro-Wanthänger ist gerissen und muss ersetzt werden.

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