Episode 7: Brasilien – Im Papageienland

Mittwoch, 23.12.2015, La Palma

Brasilianische Küste – Segeln im verlorenen Paradies

Vor 10 Jahren, auf unserer ersten Reise mit der Freydis rund Südamerika, war Brasilien für uns das Segelparadies in reinster Ausprägung: wegen der Menschen, denen wir dort begegnet sind und die uns glücklicher schienen als anderswo, wegen des freundlichen Klimas, der üppigen Vegetation, der wundervollen Strände und Küsten. Was haben wir damals unseren Segeltörn und Aufenthalt in diesem begnadeten Land genossen! Jahrelang haben wir davon geschwärmt und uns vorgenommen, dort die alten Plätze noch einmal aufzusuchen und neue kennenzulernen.

Brasilien erschien uns auch diesmal wieder als traumhaftes Segelrevier. Zwar hat die Zahl der bebauten Buchten und Strände, an denen sich wohlhabende Städter aus Sao Paulo und anderen Industriezentren ein zweites Zuhause geschaffen haben, auffällig zugenommen, aber immer noch findet man jede Menge schöne und lauschige Ecken und Winkel, in denen man mit seinem Boot völlig alleine liegt.

Gates Areas und Drogen

Aber wir fanden die Menschen auffällig verändert, und das lag sicher nicht daran, daß wir selbst kritischer geworden waren und mehr hinter die Fassaden blickten. Es stimmte uns sehr betroffen, daß unsere alte Bekannte Marie Louise und andere Europäer es nicht mehr wagen, in Salvador am helllichten Tag mit dem Wagen in der Stadt einfach anzuhalten, weil sie fürchten, ausgeraubt zu werden, daß die Wohlhabenden immer höhere Mauern um ihre Häuser und Gärten ziehen und ihren Besitz Tag und Nacht von bewaffneten Wächtern beschützen lassen, daß unser Traumfleckchen „Morro de Sao Paolo“, wo wir vor zehn Jahren am liebsten ein Grundstück gekauft hätten, um eine Scheibe vom Paradies abzubekommen, inzwischen Umschlagplatz für harte Drogen geworden ist, an denen Touristen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Der absolute Gipfel dieses Alptraumes ist für uns Rio de Janeiro, wo man nicht mal mehr zu Fuß von der Marina zur nächsten Bushaltestelle gehen konnte. Unser japanischer Nachbar von der Yacht „Red Sun“, der die Warnung nicht ernst nahm, wurde prompt überfallen und ausgeraubt.

Wichtiges Thema: Sicherheit

Man darf nicht mehr blind irgendwo ankern und sich niederlassen, sondern muß vorher bei Einheimischen und anderen Yachten Auskunft einholen. Die meisten Segler dort halten ständig Funkkontakt untereinander. Ein wichtiges Thema ist die Sicherheit. Und dabei geht es eben nicht vorwiegend um die persönliche Sicherheit auf See, sondern an Land – das war früher nicht notwendig. Wir können keinem Segler den Besuch dieses einzigartigen Reviers empfehlen, wenn er nicht alle Möglichkeiten, Informationen auszuschöpfen, nutzt, zum Beispiel mit Hilfe eines Kurzwellengerätes und auch durch Kontakte zu Trans-Ozean-Stützpunktleitern und anderen Yachten.
Sicher und geborgen fühlten wir uns nur an kleineren Ortschaften, wo die Welt noch in Ordnung schien, zum Beispiel in Cairu, in Galeau, in Camamu, in Santa Cruz de Cabralia, auf den Abrolhos Inseln, auf Ilha Grande, in Parati und natürlich auch innerhalb der gutbewachten, manchmal nahezu festungsartig ausgebauten Marinas zwischen Salvador und Rio Grande do Sul.

Aber ich will der Reihe nach berichten:

Salvador de Bahia

Heute werden wir Salvador de Bahia erreichen – gracias deu – ich bin in Hochstimmung! Es ist Mitternacht, als wir uns mit der Freydis Salvador nähern. Mit dem Landwind weht auch der penetrante Mief der Großstadt zu uns herüber. Selbst blind und taub würde man sie entdecken. In der Bucht liegen mehrere Schiffsriesen auf Reede, Schlepper bugsieren Kolosse in den Hafen wie Ameisen tote Käfer in den Bau. Eine Bohrinsel steht – verschwenderisch illuminiert – wie ein Siegestor im Wasser. Dazwischen tanzen kleine Lämpchen unsichtbarer Fischerboote wie Geisterlichter über der schwarzen See. Immer deutlicher zeichnet sich die Silhouette Salvadors gegen den Himmel ab, in seiner Ober- und Unterstadt sind noch viele Fenster erleuchtet.

Über den Hafen dröhnen Fetzen von Rockmusik und die Masten der vielen Segler, die hier ankern, tanzen im Licht des Mondes einen gespenstischen Tanz. Als der Wind am Morgen dreht, müssen wir fluchtartig unseren erstgewählten Ankerplatz verlassen, weil uns einer der Vergnügungsschoner mit seinem langen spitzen Klüverbaum aufzuspießen droht.

Wir nehmen Zuflucht beim kreisrunden, mitten im Wasser stehenden Fort Sao Marcelo, wo wir vor zehn Jahren schon geankert haben. Aber jetzt liegen viel mehr Yachten hier und man kann froh sein, wenn man genug Raum zum Schwojen findet.

Starkwindböen und langdauernde Regenfälle, die uns draußen auf See schon tagelang gebeutelt haben, verschonen uns auch hier nicht. Wenn ich früh die Spülschüssel an Deck stelle, ist sie abends voll Regenwasser. Manchmal stehen tolle Regenbögen über uns.

Gar nicht so toll, aber ebenso farbenprächtig schillert auch die Ölschicht, die bei einem bestimmten Wind den ganzen Hafen überzieht. Zunächst habe ich die Bohrinsel als Übeltäterin in Verdacht, aber es ist „nur“ die Zapfsäule an der Pier, die während des Tankens leckt.
Das Pärchen auf der kleinen Nachbaryacht hat Streit, es geht hoch her. Am anderen Morgen sieht man den Mann mit einem Pflaster am Kopf und einem Verband um den Arm, die Frau mit einem blauen Auge. Etwas später wird es dort wieder laut „Unter diesen Umständen kannst du nicht hierbleiben!“ brüllt der Mann. Wenig später steigt die Frau mit Gepäck ins Beiboot, bindet es los und treibt Richtung Meer, weil sie in der Aufregung die Paddel vergessen hat. Der Mann brüllt „schwimm!“. Sie läßt sich in voller Montur ins Wasser fallen, zieht das Dingi hinter sich her. Der Mann schaut zu. Ein Segler von einem anderen Boot sammelt Frau und Boot ein.

Nicht nur im Hafen, auch in der Stadt Salvador hat sich die Atmosphäre geändert: Viele neue Hochhäuser „zieren“ die Skyline, eine Menge neuer Hotels, Restaurants und Boutiquen werben um Touristen. Vergeblich suche ich nach dem Steinlädchen mit der kleinen Hinterhofschleiferei und dem halbblinden alten Schleifer, wo ich vor zehn Jahren so wunderschöne Steine erstand. Überall nur moderne Schmuck- und Edelstein-Geschäfte mit großen Schaufenstern, prächtigen Auslagen und davor hübsche schwarze Bahianerinnen in weißen Spitzenkleidern, die Touristen zum Eintreten und Kaufen einladen.

Nachdem wir die Atlantiküberquerung von Gran Canaria aus zu zweit hinter uns gebracht haben, erhalten wir nun Gesellschaft. Thilo und Christine, unsere Freunde aus Ostfriesland, die dort eine große Baumschule betreiben, wollen drei Wochen ausspannen und mit uns auf der Freydis den Norden Brasiliens erleben.

In Salvador besuchen wir gemeinsam Marie Louise Smith, eine gebürtige Leeranerin, die schon 35 Jahre in Salvador lebt. Wir hatten sie und ihren Mann, einen der größten Kakaomakler der Welt, der damals noch lebte, bei unserem ersten Besuch hier kennen gelernt und gemeinsam mit ihnen viele schöne und anregende Stunden in ihrem herrlichen Haus mit Garten und Swimmingpool verbracht. Marie Louise hat nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes unter anderem auch die Leitung ihrer Kakaoplantage übernommen, für die sich früher kaum interessiert hatte. Von der Pike auf mußte sie alles über Kakao-Anbau und -Vermarktung lernen und ist mächtig stolz, wie gut sie alles in den Griff bekommen hat. Sie lädt uns ein, die 200 Kilometer südlich von Salvador entfernte Plantage zu besuchen. Wir verabreden, daß wir auf unserem Weg nach Süden einen Abstecher dorthin machen.

Durch Marie Louises Vermittlung sind wir Gäste des „Club de Bahia“. Unser Ankerplatz ist allerdings ungeschützt der Atlantikdünung ausgesetzt und entsprechend alles andere als gastlich. Aber der Club hat Duschen, ein großes Süßwasserschwimmbad, zwei Restaurants und mehrere Aufenthaltsräume, in denen sogar Gymnastik- und Lambadakurse abgehalten werden. Und natürlich ist er streng bewacht. Überall stehen Schwerbewaffnete und Kontrolleure. In Salvador muß es nach den Aussagen der Leute, die wir hier kennenlernen, von Einbrechern und Dieben nur so wimmeln. Die Armutskriminalität sei in den letzten Jahren enorm gestiegen. Abends soll man als Ausländer besser nicht das Gelände verlassen, in der Stadt keine Armbanduhr oder gar echten Schmuck tragen, etc., etc.…

Wir machen einen Ausflug mit unseren brasilianischen Bekannten Vera und David auf deren Katamaran nach Itaparika, der schönen Insel gegenüber von Salvador mit Traumstränden, Palmenhainen, Fischerdörfern, kleinen Hotels und jetzt sogar einem Club Mediterrané. Neben uns eine weitere brasilianische Yacht: auf ihrem Heckkorb sitzt ein großer grüner Papagei unter einem himmelblauen Sonnenschirm, schlägt Purzelbäume und grölt dazu den neuesten Lambada-Hit Unter ihm schwimmt „Hasardeur“, der kleine schwarz-weiße Hund unserer Gastgeber, der als echter Glücksjäger seine Chance, daß der Papagei ins Wasser fällt, keinesfalls verpassen will. Vom Strand her dröhnt ohrenbetäubende Trompetenmusik. Das Musikkorps einer Polizeigarde übt „Freude schöner Götterfunke”, Beethoven würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er da zuhörte. Auf der Rückfahrt entpuppt sich „Hasardeur“ als hervorragender Wachgänger; bei Dunkelheit verbellt er die Tonnen schon lange bevor wir sie entdecken können. Auch dieses Revier hat es in sich: vor zwei Wochen ist eine italienische Yacht nachts auf das Riff vor Itaparica gelaufen und sofort gesunken.

Morro

Wir segeln nach Morro, der Insel mit dem kleinen Dorf, das uns damals so gut gefiel, und ankern in „unserer“ Bucht am Palmenstrand.

Isla Saudade mit Neroi

Als Erstes besuchen wir unseren brasilianischen Freund Neroi, den wir auf unserer ersten Reise dort kennen gelernt und mit dem wir unvergesslich schöne und lustige Tage verbracht haben. Damals wohnte er auf der anderen Seite des Berges, jetzt keine hundert Meter von der Bucht entfernt, in der wir ankern. Er hat sein Land getauscht und sich hier – ganz im Palmenwald versteckt – wieder ein ähnliches Haus aus Palmen, Schilf und Bambus gebaut wie dort: ein kleines Wunderwerk aus phantasievollen, praktischen Einfällen gepaart mit handwerklicher Geschicklichkeit. Eine stabile Leiter führt uns hinauf zu einem großen Wohnzimmer mit dazugehöriger Küche, in das auf halber Höhe zum Dach zwei Schlafabteile wie überdimensionale Schwalbennester ragen. Statt Türen zieren Muschelketten die Eingänge und das Dach ist mit Piacava-Büscheln so dicht gedeckt, daß es auch bei tropischen Regengüssen keinen Tropfen durchläßt. Zum Meer hin zieht sich über die ganze Breite des Hauses eine Veranda voller Körbe und Tontöpfe, in denen Neroi alle möglichen Heil- und Küchenkräuter zieht, die einen angenehm würzigen Duft im ganzen Haus verbreiten. Aus dem Hahn in der Küche fließt kristallklares Wasser, das ohne Pumpe von einer etwas höher gelegenen Quelle frei Haus geliefert wird. Diese Quelle war zu Beginn des Jahrhunderts von Walfängern unten am Strand in Steine gefaßt und zur Wasserversorgung ihre Schiffe genutzt worden, erfahren wir. Und tatsächlich können wir dort den Brunnen und sogar Mauerreste alter Trankochereien entdecken. Selbst heutzutage verirrt sich gelegentlich noch ein Wal in diese Gegend. Erst im letzten Jahr ein großer Finnwal, der leider hier strandete. Das ganze Dorf hat danach wochenlang nur noch Walfleisch gegessen, erzählt Neroi. Die Rippen und Wirbel des Riesen zieren heute als Rundbögen und Barhocker die neue Diskothek.

Seit unserem letzten Besuch hat sich Morro, das verträumte kleine Fischerdorf zu einem richtigen Ferienort gemausert. Mehrere kleine Hotels und Pensionen sind gebaut worden und viele Häuser, von denen fast jedes Quartiere für Gäste anbietet, daneben auch Restaurants, Cafés und Kneipen, und sogar eine Diskothek (die mit den Walknochen). Alles zwar in recht bescheidenem Stil und zu gepfefferten Preisen – aber man hat sich den Wünschen der Sommergäste aus Sao Paulo und Minas Gerais angepaßt. Die Schattenseiten des Ferienparadieses bleiben allerdings keinem lange verborgen: Immer wieder sehen wir Gestalten mit glasigen Augen durch den Ort wanken. Und in den kleinen Bambuskneipen am Palmenstrand wird nicht nur frischgefangener Fisch gegessen und Bier und Caipirinha getrunken, sondern auch Marihuana geraucht und Kokain geschnupft. Etwa 20% der Einheimischen sollen regelmäßig Marihuana rauchen, erfahren wir, Kokain dagegen könnten sich nur die Reichen und die Europäer leisten. „Drogen und Einsamkeit haben schon zu viel Streit und Frust in den hübschen Häuschen geführt und viele Ehen sind daran kaputt gegangen“, weiß unser Freund.

Neroi, 40 Jahre, spricht sehr gut Deutsch. Er war früher fünf Jahre in Nürnberg, um sich zum Krankenpfleger ausbilden zu lassen. Das kommt der Bevölkerung und auch ihm selbst sehr zugute, denn der nächste Arzt ist noch immer weit und teuer. Geld kann er mit diesem Job zwar hier nicht verdienen, aber das bekommt er von wohlhabenden Brasilianern, denen er ähnlich originelle Ferienhäuser entwirft und baut, wie sein eigenes. Allerdings nur, wenn er nichts Besseres vorhat. Er braucht nicht viel Geld zum Leben, wozu auch? Zeit für seine Freunde und für sich zu haben, ist ihm wichtiger. Trotz manch schlechter Erfahrung und Ernüchterung gerade im Rahmen der dortigen Rauschgiftszene, scheint Neroi ein glücklicher Mensch geblieben zu sein.

Wir begleiten ihn zu einer viele Quadratkilometer großen Kokosplantage, die an die Ortschaft Morro grenzt und wo sich alles um die Kokosnuss dreht. Selbst die Pferde, auf denen Neroi, leidenschaftlicher Reiter, über die Insel galoppiert, werden mit Kokosnüssen gefüttert.

Besonders gerne fressen sie keimende Nüsse, deren Inneres ausschaut wie Eierschaum und auch so schmeckt. Aber wer mag nicht gerne Kokos-Merengen? Die harten Nüsse knacken, ist Schwerarbeit. Mit der Machete müssen die Schalen gespalten und die reife Nuß dann aus dem Bast geschält werden. Der “Nußknacker-Champion“ der Farm bringt’s auf 3000 geschälte Nüsse pro Tag! Ein ganz schöner Nussberg.

Im großräumigen Sommerhaus des Besitzers – er soll ein direkter Nachfahre Napoleons sein – staunen wir auch nicht schlecht: die Wände sind geradezu tapeziert mit wunderschön gezeichneten Wasserschildkröten-Panzern. Eine herrliche, wertvolle Sammlung würde man sagen, ginge es nicht um eine bedrohte Tierart. Wir können uns nicht daran freuen und fragen uns wieder mal, wie’s hier wohl in zwanzig Jahren mit der Tierwelt ausschaut. Unser Freund Neroi glaubt nicht, daß die erwachsene Bevölkerung seines Landes noch zu einem vernünftigen Umgang mit der Natur gebracht werden kann. „Sie sehen nicht ein, daß sie plötzlich keine Schildkröten und keine Kaimane mehr töten, keine Wälder mehr abbrennen und die Pille nehmen sollen. Selbst durch Gesetze lassen sie sich von ihren Gewohnheiten nicht abbringen. Und die brasilianische Polizei ist langmütig.“ Aber sind wir etwa besser, wir Europäer mit unseren Autoabgasen, verseuchten Deponien und radioaktiven Abfällen?

Zurück zu den schönen Schildkröten. Mit Marie Louise haben wir außerhalb Salvadors am Strand eine Aufzuchtstation für Meeresschildkröten besucht. Ein Hoffnungsschimmer, wenigstens für die Schildkröten.

Mit Neroi geht’s auf der Freydis zu dem kleinen Urwalddorf Cairu, wo wir zwei deutsche Franziskaner-Pater wiedersehen wollen, die wir dort vor zehn Jahren kennen gelernt haben. Die beiden sind schon seit 1932 im Ort und beide nun schon 75 Jahre alt. Sie leben in einem alten Kloster, das bereits 1624 fertiggestellt, später dem Verfall preisgegeben worden war und erst wieder vor fast 60 Jahren durch die beiden tatkräftigen Patres bewohnbar gemacht wurde. Wir sind sehr gespannt, wie es ihnen jetzt geht. Pater Rufinus ist gerade zu Besuch in Deutschland, und so können wir leider nur Pater Lambertus begrüßen. Er kann sich noch gut an uns erinnern. Pater Rufinus wäre ja damals am liebsten auf der Freydis mit nach Rio gesegelt, schmunzelt er. Der wolle ja immer weg. Neulich sei er tatsächlich mal ausgezogen, hatte seinen Cairu-„Koller“ gekriegt und sich versetzen lassen. „Aber wenn man 35 Jahre in Eigenregie hier gelebt hat, ist es gar nicht mehr so einfach, wo anders klarzukommen“, erklärt der Pater. Schon nach drei Tagen sei Rufinus reuig zurückgekehrt.

Pater Lambertus dagegen scheint recht zufrieden hier in Brasilien. Von den Politikern, die sich gerade profilieren wollten und auf Stimmenfang durchs Land reisten, bekäme das Kloster jetzt sogar ab und zu ein wenig Geld, das könnten sie gut gebrauchen. Er führt uns durch die kleine Klosterkirche in der die wundervoll geschnitzte alte Kanzel und das edle Gestühl völlig von Termiten zerfressen ist. Eine kleine Schreinerwerkstatt mit vorsintflutlichen Werkzeugen bemüht sich in Handarbeit um die Restaurierung und leistet Erstaunliches. Eine schwere Arbeit, denn nur sehr hartes, termitenresistentes Holz darf verwendet werden. Jüngst haben Lambertus und Rufinus ihre Ordensbrüder in Deutschland angeschrieben und um Geld für einen neuen Beichtstuhl gebeten. Die Antwort war negativ: man habe kein Geld für brasilianische Kunstdenkmäler. Aber die beiden Padres sind nicht so leicht abzuspeisen. Die Bitte wurde umformuliert, wobei sie natürlich weiterhin der Wahrheit entsprach: Man möge ihnen doch das Geld schicken, damit sie einem armen Mann in Not in der Kirche Arbeit als Restaurator geben können. Das Geld kam prompt. Nicht nur Rufinus, auch Lambertus hat den Schalk im Nacken: Don Camillo und Pepone im Urwald!

Die Zeiten, als sie bei ihrem Wunsch nach einem Auto vom Bischof daran erinnert wurden, daß das Fortbewegungsmittel eines armen Franziskaner-Mönches seine Sandalen sind, haben sich geändert. Lambertus und Rufinus besitzen jetzt nicht nur ein Moped, sondern auch ein kleines Auto und ein Boot, um ihre Gläubigen auch in den hintersten Urwaldwinkeln erreichen zu können. Auf den Bevölkerungszuwachs in Brasilien angesprochen, meint er, „hier sind doch alle glücklich, keiner muß hungern, Fisch, Langusten, Bananen gibt’s genug“. Von den Favelas, den riesigen Armutssiedlungen in den Großstädten, will er dagegen nichts wissen.

Natürlich machen sie sich Gedanken, wie es hier mit dem Kloster und der seelsorgerischen Betreuung der Leute weitergeht, wenn sie einmal nicht mehr da sind. Jüngst habe man ihnen zwei junge brasilianischen Padres zur Unterstützung ins Kloster geschickt, aber die seien mit dem Essen unzufrieden und auch sonst so anspruchsvoll gewesen, daß er sie gleich wieder fortgeschickt habe. „Sowas kann ich hier nicht gebrauchen“ sagt der alte Pater und schüttelt den Kopf, wohlwissend daß er sich damit den Unmut seiner brasilianischen Ordensbrüder zugezogen hat.

In unserer Bucht bei Morro treffen wir auch auf die Yacht „Tiamat“ mit Peter, einem Schweizer und seinem Schäferhund. Peter ist bereits seit mehreren Jahren unterwegs, in den letzten beiden allerdings kaum mehr vom Fleck gekommen. Langes grünes Seegras ziert deshalb die einst weiße Wasserlinie seiner Meeresgöttin. Auch Gaby und Wolfgang von der „Wilden Mathilde“ lernen wir kennen, die uns auf unserer weiteren Reise noch häufiger begegnen werden. Sie leben schon seit vier Jahre auf ihrer schönen, gepflegten Ketsch vom Typ Joshua, segelten lange Zeit in der Türkei und in Gambia und auch hier in Brasilien haben sie es nicht eilig. Wie schön ist es, unter Gleichgesinnten zu sein! Stundenlang und mit wachsender Begeisterung fachsimpeln wir über die Ausrüstung und erzählen uns von den Erlebnissen in den Ländern, die wir mit unseren Schiffen aufgesucht haben. Als es um die paradiesischen Plätze geht, wo man noch keinen Menschen trifft, sprechen wir alle etwas leiser, als gelte es die Schlupfwinkel, in die sich die bedrängte Natur zurückgezogen hat, vor der übrigen Welt geheim zu halten.

Um fünf Uhr früh laufen wir zusammen mit der Wilden Mathilde und der Tiamat ein paar Flussschleifen weiter nach Galeau, einem verträumten kleinen Fischerdorf mit vielen Reusen davor, an denen sich Fischer in Einbäumen zu schaffen machen. Dunkelhäutige Bewohner bleiben staunend am Strand stehen, als sie unseren Konvoi sehen. Kinder bestürmen Neroi, den sie kennen, ihnen Einzelheiten über uns zu erzählen. Unsere Yachten sind die ersten, die das Dorf besuchen. Sowas gibt’s eben noch in Brasilien! Am Abend läßt Neroi für uns in einer der Hütten von einer Frau ein Essen zubereiten. Wir dürfen wählen zwischen Fisch, Flusskrebs, Languste, Tatu (Gürteltier) und Kaiman.

In Galeau sind unsere Yachten sicher, es besteht nicht die geringste Gefahr, daß eingebrochen wird. Wir können sie beruhigt alleine lassen. Für den nächsten Tag nehmen wir uns deshalb einen Besuch auf Marie Louises Kakaoplantage vor. Mit der ersten Fähre, um sechs Uhr früh, setzen wir zusammen mit vielen vergnügten Schulkindern über mehrere flache Flussarme nach Valenca über, einer Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern. Vor zehn Jahren, als wir die Stadt mit der Freydis besuchten, waren es doch erst 40.000, wundere ich mich. Dort mieten wir einen Wagen und fahren fünfzig Kilometer weiter ins Landesinnere. Auf dem Weg dorthin, sowie auf der Kakaoplantage selbst, schwanken unsere Gefühle zwischen der Bewunderung für diese Frau, die in die Fußstapfen ihres Mannes tritt, Urwald rodet und Pflanzungen anlegt, und der Trauer, daß auf diese Weise Stück für Stück des Urwaldes verschwindet. Dieser letzte Streifen Küsten-Urwald steht zwar nicht so im Brennpunkt des Weltinteresses wie der Urwald des Amazonasbeckens, er ist aber deshalb nicht weniger wertvoll. Unsere Gartenbau-Spezialisten Thilo und Christine schauen besonders betroffen auf die gestürzten Urwaldriesen und verbrannten Wurzelstümpfe.

Der Küstenurwald im Süden von Bahia muss weichen: Es wird Platz geschaffen für Kakaoplantagen

Es ist Zeit Abschied zu nehmen von Morro, der Wilden Mathilde, der Tiamat und auch von Neroi, unserem Pfadfinder zu Lande und zu Wasser. Aber wir wissen ja, die Welt ist klein, vor allem für Segler. Wir sind sicher, daß wir uns wiedersehen, wenn auch vielleicht erst in ein paar Jahren.

Camamu

Als wir aufbrechen, regnet es aus dicken, dunklen Wolken und auch der Wind ist uns nicht gewogen. Den ganzen Tag bläst er uns auf die Nase und die Wellen hacken uns seekrank und mürbe. Beim Essen beschränken wir uns auf Kokosnüsse, Äpfel und Bananen. Wir laufen an der Ponta da Castelhanos vorbei. „Dort könnt ihr noch einen Schatz heben“ hatte uns Neroi erzählt, dessen Freund beim Tauchen dort auf die Reste eines alten spanischen Schiffes gestoßen war. Aber leider wird nichts daraus. Wir können nicht ankern: bei dem südlichen Wind lägen wir auf Legerwall, außerdem ist die Stelle sehr flach, was ja schon dem Spanier zum Verhängnis geworden war.
Dafür spüren wir das kleine Urwalddorf Camamu auf und nehmen dafür sogar erhebliche Umwege in Kauf, weil uns die brasilianische Spezialkarte fehlt. Wieder mal bewährt sich der Schwenkkiel. Nach einer Slalomfahrt durch den Mangrovendschungel ankern wir vor dem malerischen kleinen Ort am Berghang.

Nach einer Slalomfahrt durch den Urwald landen wir in dem kleinen Dorf Camamu

Schwarze Kinder in schwarzen Einbäumen fahren um unsere Freydis herum, mustern sie von oben bis unten und stellen sich auf, um besser ins Deckshaus gucken zu können. Auch hier sind wir die erste ausländische Yacht im Hafen und damit Attraktion des Dorfes. Beim Provianteinkauf werden wir unentwegt gefragt, woher wir kommen und ob es uns in Brasilien gefällt. Auf diese Weise machen wir auch Bekanntschaft mit Romildo, pensionierter Polizist aus Rio, der sich nun vor allem seiner Gitarrenmusik widmet. Er ist sogar schon mehrfach im brasilianischen Fernsehen aufgetreten.

Wir erleben Romildo „life“ an Bord, als er am Nachmittag unser Gast ist, denn natürlich bringt er seine Gitarre mit und spielt und singt mit rauher, gefühlvoller Stimme a la Nat King Cool von Liebe, Hoffnung, Sehnsucht, Verrat, Einsamkeit und Tod. Romantische Stunden inmitten einer traumhaften Urwaldszenerie! Immer wieder bitten wir ihn um eine Zugabe, bis nach Sonnenuntergang die Salveiros, randvoll mit Menschen, von ihrem Sonntagsausflug zurückkehren: mit Pauken und Trompeten, versteht sich, denn Musik hat in Brasilien keinen Anfang und kein Ende, sie gehört einfach dazu, zu allem.

Romildo bringt Heide ein Ständchen

Santa Cruz de Cabralia

Unerfreuliche Starkwind-Fahrt gegen an nach Santa Cruz de Cabralia. Dazu noch rabenschwarze Nacht, erst drei Stunden vor dem Morgen, bequemt sich der fette Vollmond endlich aufzugehen. Das also ist „happy sailing“ an brasilianischen Gestaden! Aber das ist nicht alles. Als wir von der Kreuz gerädert, am Vormittag vor der langen Barre ankommen, die Santa Cruz vorgelagert ist, hat der auflandige Wind dort eine üble Brandung aufgebaut. Wir haben nur den deutschen Übersegler und wieder mal keine Spezialkarte. Außerdem hat uns Jürgen Lechte, TO Stützpunktleiter, den wir hier besuchen wollen, über Kurzwelle gewarnt: „da wird wohl keiner ohne Lotsen hereinkommen!“ Aber Jürgen ist nicht zu Hause, ein anderer Lotse nicht in Sicht. Also erst einmal dicht ans Riff und daran entlangsegeln. Von außen schaut es wie eine Kaimauer aus, die sich nach Norden zu unter Wasser fortsetzt. „Irgendwo muß sich der Fluß doch einen Auslass gegraben haben“ brummt Erich, der hinter der Barre einen Flusslauf entdeckt hat. Angestrengt halten wir Ausschau. Und tatsächlich, an einer schmalen Stelle läßt die Brandung nach. „Wer war denn Euer Führer?“ fragt Jürgen verblüfft, als er zu seinem Haus am Fluß zurückkehrt und uns davor ankern sieht. „Erichs Nase“ grinst Thilo.

Jürgen, der selbst Segler ist und wie kein zweiter die brasilianische Küste kennt, lebt bereits seit mehreren Jahre auf „Sitio Taigun“, seinem idyllisch gelegenen, Urwald-umwucherten Anwesen, das vom eigentlichen Ort Santa Cruz durch einen breiten Flusslauf getrennten ist. Mit 35 Jahren hatte er seinen Teilhaberschaft an einer Werbeagentur in Deutschland aufgegeben und längere Zeit im Mittelmeer als Skipper auf Booten verbracht, wobei er auch Yachten nach Afrika, Asien oder Amerika überführte. In Brasilien fand er das Land seiner Träume und – auf dem berühmten Karneval in Salvador – auch seine junge brasilianische Frau Anna Lucia. Zusammen haben sie hier ihren Garten Eden aufgebaut, und während er als Bauaufseher und Grundstücksmakler in der Umgebung unterwegs ist, betreibt seine Frau eine kleine Boutique am Strand. Zur Familie gehören auch ihre hübsche kleine Tochter Valerie und Otto, der Papagai.

Otto, eine Blaukopf-Amazone, ist ein richtiger Spaßvogel und als solcher im ganzen Ort bekannt. Wann immer Jürgen mit seinem Speedboot über den Fluß zum Dorf jagt, um Besorgungen zu machen, ist Otto dabei, haarscharf und mit den schneidigsten Flugmanövern über Jürgens Kopf dahin brausend. In den Läden feuert er Jürgen mit seinem Lieblingsspruch“Otto sta com fome = Otto hat Hunger“ zum Brot- und Obstkauf an. Gleich am ersten Tag hat Otto die Freydis inspiziert und sich als „Otto Papagaio“ vorgestellt. Müsli und dänische Butterkekse erwiesen sich als gute Basis für eine dauerhafte Freundschaft mit ihm. Sobald Erich in die Hände klatscht und Richtung Busch ruft „Otto, der Tee ist fertig!“ rauscht Otto an, läßt sich elegant auf dem Steuerrad nieder und verkündet lauthals „Otto sta com fome!“.

Als wir ihm eines Tages aus Spaß unser Maskottchen vorführen, einen kleinen Stoffhund, der laufen und bellen kann, wenn man ihn aufzieht, gerät Otto völlig aus dem Häuschen. Aus dem handzahmen, lustigen Papagei wird augenblicklich ein agressiver kleiner Kampfhahn. Und dann legt er los, weint, heult, schreit und brüllt wie ein kräftiger Säugling mit vollen Windeln: herzzerreißend, zum Gotterbarmen und vor allem so täuschend echt, daß er damit jede Mutter in Angst und Schrecken versetzt hätte. Zunächst sind auch wir bestürzt, schauen ihm fassungslos zu und können kaum glauben, was wir sehen und hören, aber dann lachen wir doch Tränen über diesen urkomischen Vogel. Nach einer halben Stunde hat sich Otto total verausgabt und ist völlig erschöpft. Aber es gelingt uns, wenigstens einen Teil seiner dramatischen Inszenierung aufzuzeichnen. Als wir Jürgen das Band Vorspielen, erkennt er das Säuglingsgebrüll als das seiner Tochter. „Otto war damals sehr eifersüchtig auf die Kleine, die zu der Zeit ähnliche Stofftiere besaß“, lacht er. Da soll doch bloß jemand behaupten, Tiere hätten keine Seele! Übrigens ist Otto wegen seiner begnadeten Stimme auf der Freydis in die Reihe der „Unsterblichen“ aufgenommen worden.

Apropos „Otto Papagaio“: Der florentinische Kartograph Amerigo Vespucci nannte dieses Land, an dessen Küste er 1499 auf seiner Erkundungsfahrt entlangsegelte „Papageienland“, weil er dort außer Urwald „nur“ kreischende bunte Vögel entdeckte. Und noch ein bißchen Geschichte: ein Jahr später landete die Flotte des Portugiesen Cabral, der als Entdecker Brasiliens gilt, just dort, wo heute das kleine Dorf Santa Cruz de Cabralia liegt. Wir befinden uns also auf geschichtsträchtigem Boden. Von hier aus nahm die Kolonisierung Brasiliens ihren Ausgang.
Christine und Thilo verlassen uns, sie haben noch eine Wonne-Woche „Club Mediterrane´“ in Itaparica vor sich.

Zwei Tage später treffen wir hier auch die „Wilde Mathilde“ mit Gaby und Wolfgang wieder. Die beiden waren, von Morro auslaufend, in dieselbe stürmische Kaltfront geraten wie wir und hatten sich gleich nach llheus abgesetzt, um günstigere Winde abzuwarten. Mit ihrem Tiefgang von fast zwei Metern wurde sie zunächst nach St Cruz gelotst und kamen erst am Nachmittag, bei Hochwasser, den Fluß herauf. Gleich am nächsten Morgen geht’s zu viert mit vollem Picknickkorb, Strohhüten, Sonnencremes, Vogel- und Pflanzenbestimmungsbuch und Machete auf Flusserkundung mit dem Schlauchboot. Wir können uns nicht sattsehen an der märchenhaften Vegetation, den farbenfrohen Blüten, wilden Orchideen und tropischen Früchten. Je weiter wir hinauf kommen, desto länger und üppiger werden Schlingpflanzen und Äste, die wie ausgestreckte Arme vom Ufer her ins Wasser ragen, uns immer wieder festhalten und den Weg versperren. Bald umgibt uns dichtester Dschungel, in dem wir nicht mehr wagen an Land zu gehen. Erst am Vorabend hatte uns Jürgen einige Giftschlangen gezeigt, die er auf seinem Gelände gefangen und getötet hat und zum Vorzeigen in Einweckgläsern aufbewahrt Auf Schlangen können wir gut verzichten, Moskitos quälen uns schon genug.

Auf der Rückfahrt entdecken wir das im Sumpf halbversunkene und im Mangrovengebüsch versteckte Wrack einer Stahlyacht, mitten auf einer kleinen Fluss-Insel, nicht weit von unserem Ankerplatz entfernt..

Eine schöne Bruce Roberts Yacht sei es einmal gewesen, ein roter Knickspannter wie die Freydis, erfahren wir später von Jürgen. Ein in Rio lebender Belgier hatte sie mit viel Elan dort ausbauen lassen, aber schon auf der ersten Reise nach Santa Cruz, auf der er in schlechtes Wetter geraten und seekrank geworden war, den Spaß daran verloren. Und nachdem das Schiff, das bei dem Sturm bereits erheblich gelitten hatte, hier im Hafen noch zweimal gesunken und wieder gehoben worden war, verkaufte er es „für’n Appel und’n Ei“. Der neue Besitzer aber wurde mit dem Kauf auch nicht glücklich. Zu Vieles war schon irreparabel zerstört. Nun fühlte sich keiner mehr zuständig für das Schiff, das langsam zum „Schandfleck“ des Hafens verrottete, bis man es schließlich in die Mangroven schleppte, wo es erneut voll Wasser lief.

Ein paar Tage später tasten wir uns zusammen mit Gaby und Wolfgang bei Hochwasser mit der Freydis ans Wrack heran. Es ist zwar schon weitgehend ausgeschlachtet, aber einige angeschweißte, gut verwertbare Teile und Beschläge aus Nirosta sind noch dran. Und wozu haben wir denn einen Flex und einen Generator an Bord? So kommen wir also doch noch zum Schatzheben (oder vielmehr -flexen) und haben Mordsspaß bei der Aktion.

Brigitte und Hans Ulrich, unsere Freunde aus Düsseldorf sind während dessen angekommen. Hans Ulrich, Fachmann für optische Gerate, Mitte Vierzig, ist erfahrener Hochseesegler, der früher schon etappenweise auf der Freydis mit gesegelt ist und auch auf dem Törn in die Antarktis dabei sein wird. Brigitte, seine Frau ist dagegen zum ersten mal auf einem Segelboot. Nach Santa Cruz de Cabralia zu kommen war kein Problem. Mit einer kleinen Propellermaschine waren sie von Rio nach Porto Seguro geflogen, wo Jürgen sie am Flugplatz abgeholt und hierher gebracht hat.
Von St Cruz fahren wir mit Jürgen auf der Küstenstraße zu der 25 Kilometer entfernten, 40.000 Einwohner zahlenden Stadt Porto Seguro, um Schiffsfarbe zu kaufen. Kilometerlange, wunderschöne Sandstrände ziehen an uns vorüber, lange Strecken davon sind aber bereits verbaut, mit Pousadas, kleinen Hotels und Ferienhäusern. Vieles ist im Entstehen, ein Ende des Baubooms nicht abzusehen.

Am Strand Coroa Vermelha buntes Badeleben, viel Touristenrummel. Um das Kreuz, das die Stelle kennzeichnet, auf dem die Portugiesen die erst Messe auf brasilianischem Boden lasen, haben Indios ihre Verkaufsstände aufgebaut, in denen sie Handarbeiten und Souvenirs anbieten. Die Cidade Alta, die Oberstadt, die 300 Meter höher auf einem Plateau liegt, ist weit interessanter als die moderne Unterstadt. Dort gibt es noch intakte Kolonialbauten und eine schöne Kirche aus der Zeit der ersten portugiesischen Kolonie, zu deren Bau eine Mischung aus Stein, Lehm, Kalk und Walöl verwendet wurde.

Abrolhos – Archipel

Nach einer Woche auf Sitio Taigun sind wir Brasilien wieder total verfallen. Aber wir müssen den Zeitplan einhalten und uns losreißen. Die Abrolhos warten! Hundert Meilen sind es bis dorthin.
Zunächst haben wir kräftigen Ostwind und kommen gut voran. In der Nacht schläft der Wind allerdings ein und Regengüsse prasseln aufs Deck. Brigitte ist seekrank, Hans Ulrich und ich haben uns vorsorglich Pflaster hinters Ohr geklebt. Am Morgen strahlt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und leichte achterliche Winde schieben uns vorwärts. Brigitte hat es sich auf dem umgedrehten Dingi gemütlich gemacht, das wir auf dem Vorschiff festgezurrt haben. „Das scheint hier die first dass zu sein“, lacht sie vergnügt, als ich ihr einen Drink reiche. Gleich darauf ruft sie aufgeregt „schaut mal dort, was ist denn das?“ Zwei dunkle Buckel heben sich aus dem Wasser und verschwinden wieder. Erich: „Zwei Wale, ganz gut für den Segelanfang, Brigitte, wir haben auf der ganzen bisherigen Reise noch keinen einzigen gesehen“.

Als wir die Abrolhos erreichen, hat sich der Himmel verfinstert. Starkwindböen stürzen auf uns herab. Die vorhergesagte Kaltfront aus Süden hat uns erreicht. Zum Glück kann sie uns, so nahe an der geschützten Bucht auf der Nordseite von Santa Barbara, nicht mehr viel anhaben. Über UKW werden wir von Adolfo, dem Naturschutz-Beauftragten der Abrolhos begrüßt. Er ist einer der insgesamt 27 – köpfigen Bevölkerung auf St Barbara, die sich aus Marine-Angehörigen und deren Familien zusammensetzt. In den darauffolgenden Tagen, holen uns Adolfo und Bernadette, seine Frau mehrmals mit ihrem offenen, gut motorisierten Aluminiumboot ab, und fahren mit uns zu den Mini-Inseln, die um die Hauptinsel herum gruppiert sind und unter Naturschutz stehen. Adolfo und Bernadette, beide Mitte zwanzig, kommen aus Belem und leben schon zwei Jahre auf St Barbara. Bernadette ist Grundschullehrerin und unterrichtet die acht Kinder auf der Insel. Adolfo hat seinen Beruf als Mathematiklehrer an den Nagel gehängt, und sich stattdessen mit Leib und Seele dem Naturschutz verschrieben. Begeistert erzählt er von den Walen, die sich hier, von der Antarktis kommend, an den Riffkanten ausruhen, und die er zählt und identifiziert, zuweilen auch mit dem Boot begleitet – im letzten Jahr von Juli bis Dezember seien es etwa hundert Wale gewesen. Auf diese Weise konnte Adolfo sogar eine Walgeburt miterleben.

Auch Bernadette fährt gerne mit hinaus, um die vielfältige Fauna und Flora der Inseln und Buchten zu beobachten, soweit ihr der Schulunterricht Zeit dazu läßt. Ihre Kenntnisse gibt sie an die Kinder weiter, die sie im Sinne des Naturschutzes erzieht. Insgesamt wollen die beiden fünf Jahre auf den Abrolhos bleiben, auch wenn sie sich manchmal doch recht einsam hier fühlen, wie uns Bernadette gesteht. Zwar können die Bewohner jetzt auf der Insel fernsehen und sogar mit Freunden und Verwandten auf dem Festland telefonieren, und natürlich bringen auch die einlaufenden Schiffe Abwechslung – im letzten Jahr sind nicht weniger als fünfzig ausländische Yachten hier vor Anker gegangen, und im Sommer kommen regelmäßig einheimische Touristen mit Schonern von Porto Seguro herüber – aber auf die Dauer ist das kein Ersatz für Familie und Freunde zu Hause. Schon gar nicht für so junge Leute wie die beiden. Aber demnächst hätten sie Urlaub, dann ginge es nach zwei Jahren erstmals wieder zum Festland, vier Wochen nach Belem. Adolfos und Bernadettes Augen leuchten.

Wir sind natürlich rundherum glücklich hier zu sein und viel zu kurz erscheinen uns die Tage, in denen wir uns an den Stätten unserer Erinnerung aufhalten können, die sich in all den Jahren kaum verändert haben und wo wir uns immer noch wie Robinson Crusoes fühlen.

Wenn an den Riffen vor den Inseln das Wasser klar und nicht allzu unruhig ist, dann schnorcheln und tauchen wir für mehrere Stunden und geben uns einer faszinierend schönen Unterwasserwelt hin, in der langgliedrige Geschöpfe aus Tang, Polypen und bunte Fische ihren wunderbar harmonischen Schleier- und Fächertanz aufführen im Rhythmus der Wellen und einer für unsere menschlichen Ohren nicht hörbaren Musik. Immer wieder paddeln Schildkröten an uns vorbei, sind aber blitzschnell wieder verschwunden, wenn sie uns entdecken. Denn natürlich lauern überall auch gefräßige Räuber. Das ist uns vom letzten Abrolhos-Aufenthalt noch gut in Erinnerung: Ein Farbiger, der von der Insel aus beobachtet hatte, wie wir nach unserer Ankunft von der Freydis aus ein erfrischendes Bad nahmen, meinte damals lachend, wir hätten aber Mut gehabt, hier zu baden. Sicher hätten wir gute Unterwasserwaffen, denn er habe schon häufiger große Haie in der Bucht gesehen, während er geangelt habe. Vorsicht ist geboten. Als ich die blutigen Innereien von einigen Bonitos über Bord werfe, die Fischer außerhalb des Naturparks gefischt und uns geschenkt haben, sehen wir plötzlich einen eineinhalb Meter langen Schatten langsam neben der Freydis auf- und abschwimmen -unverkennbar ein Hai! Brigitte, die vor dem Essen noch einmal baden wollte und gerade auf der Leiter steht, gibt ihr Vorhaben rasch wieder auf: „Als Fischfutter bin ich mir zu schade.“

Auf den Inseln nisten Paradiesvögel in Felshöhlen und unter freiem Himmel brüten Tölpel und Fregattvögel im Gebüsch oder auf nackten Steinen. Auf dem vorgelagerten Riff, das wir bei Niedrigwasser trockenen Fußes erreichen, untersuchen wir die Reste einer Segelyacht: den zerschmetterten Rumpf aus Fiberglas und mehrere Stücke daraus. Sie hieß „Bora Bora“ und ist 1985 hier gestrandet, weiß Adolfo..

Abrolhos: Hans-Ulrich inspiziert die Reste einer zerstörten Kunststoffyacht

Während unseres Aufenthaltes auf den Abrolhos hätte die französischen Yacht „Tanaga“ um Haaresbreite das gleiche Schicksal wie die „Bora Bora“ ereilt. Adolfo, der vom Leuchturm aus beobachtete, wie sie bei Hochwasser und grobem Seegang mitten über´s Riff auf unsere Ankerbucht zuschipperte, hielt sie bereits für verloren. Wie durch ein Wunder war ihr nichts passiert. Später, bei Kaffee und Crepes im Salon der Tanaga, einer zwölf Meter langen Stahlyacht, erzählt uns Frederique, ihr Skipper, daß sein Kompaß von einem Moment auf den anderen einen verkehrten Kurs angezeigt habe. Vielleicht war ja unbemerkt ein Kompensations-Magnet abgefallen, überlegen wir. Aber bei der guten Sicht war das wohl nicht der einzige Grund fürs Vernavigieren. Bezeichnenderweise nannten Portugiesische Seefahrer die Inseln „Abros fos ossos = halte die Augen offen, hier droht Gefahr“.

Da die Tanaga und die Freydis auf entgegengesetzten Kursen segeln, kann ein Schiff dem anderen viele wertvolle Informationen und Tips im Hinblick auf Ankerplätze und navigatorische Besonderheiten geben. Auf unsere Empfehlung will Frederique auch „Sitio Taigun“ anlaufen.

Der Wind hat in der Nacht auf NO gedreht, die Freydis torkelt um ihren Anker wie ein Betrunkener um den Laternenpfahl. Am Morgen sind wir alle seekrank. Nichts wie weg! Bessere Bedingungen können wir gar nicht bekommen. Wir bäumen die Schmetterlingssegel aus und fliegen förmlich gen Süden. Wie schön für mich, daß Hans Ulrichs Hobby die Astronomie ist, bei den klaren Nächten kann er mir während der Wachen viele Steinbilder erklären. Heute, am 20. 9.1990 steuert die Freydis zum Beispiel geradenwegs auf das Kreuz des Südens zu, das sich nur wenig über den Horizont erhebt. Rasmus meint es gut mit uns, das Wetter bleibt beständig, der Wind bläst unentwegt von achtern und die Freydis läuft wie geschmiert. Brigitte, die bisher von uns allen am stärksten unter Seekrankheit gelitten hat und nach eigenen Aussagen eher ihrem Mann zu Liebe als aus eigenem Antrieb mitsegelt, kann wieder lachen: Hans Ulrich hätte ihr zum Hochzeitstag eine Kreuzfahrt versprochen, und sie habe natürlich eingewilligt und an einen Luxusdampfer in der Karibik gedacht „Und wenn ich außerdem noch gewußt hätte, daß man beim Segeln tagelang kein Land sieht, wäre ich nie mitgekommen!“ Aber nun ist sie doch stolz, daß sie bisher so gut durchgehalten hat. Nach einem Bade-Tag in der schmalen Bucht von Buzios mit ihren superweißen Palmenstränden, verschlechtert sich das Wetter plötzlich. Fallböen fegen von den Bergen und lassen die Freydis ganz schön zur Kehr gehen. Brigitte verkriecht sich in ihre Koje und zieht die Bettdecke über den Kopf. Ich stehe am Ruder, für mich immer noch der beste Platz gegen Seekrankheit.

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2 Kommentare zu Episode 7: Brasilien – Im Papageienland

  1. Volker Schöne sagt:

    Hallo liebe Wilts,
    mein erster Kommentar …aber ich habe alles immer wieder bei Freydis.de gelesen..obwohl alle Bücher im Regal stehen. Schon 1992 hat mich das Photo von der eingefrohrenen Freydis II in der weißen Hölle fasziniert! Das dieses außergewöhnliche Photo nach fast einem viertel Jahrhundert wieder in der Yacht als Titelbild gezeigt wird, bestätigt; die Wilts haben..ein tolles Buch geschaffen -wie alle anderen auch, aber mit einem Jahrhundert-Schnappschuß!!!
    Herzliche Grüße und Gesundheit für weitere Jahre!!!!!
    Volker Schöne aus Wiesmoor …der Vortrag in Hamburg war wieder …Spitze!

  2. Kalle & Mechthild sagt:

    Mit großem Interesse haben wir einen ersten Blick auf Euren Bericht geworfen ….
    Wir leben seit vielen Jahren immer mal wieder für einige Zeit des Jahres auf Tinhare.
    Und sind sehr verwundert …
    Auch wir kennen/kannten das wundervolle Haus Nerois im Palmenwald …
    Das es ja schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt …
    Und …
    Ist Neroi auferstanden???

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