Die Nacht der slippenden Anker

Rasmus hatte offensichtlich vor, uns ein für alle Mal das Segeln zu verleiden:

Auf dem Törn von Stornoway (größte Ortschaft der Äußeren Hebriden) zu den Scillys an der Südwestecke Cornwalls hatten wir konstanten Gegenwind. Trotzdem erreichten wir mit Haken, Tricks und Ösen und viel Maschineneinsatz am elften Tag unser Ziel: die wunderschöne Scilly-Insel Tresco. Mit ihren Sandstränden, ihrem weltberühmten Botanischen Garten und ihrem Wrackmuseum mit den einzigartigen Gallionsfiguren (die Gewässer um die Scillys gehören zu den größten Schiffsfriedhöfen der Erde) war sie ein besonderes Highlight auf dieser Reise.

Und noch aus einem anderen Grund: Auf Tresco schloss sich der Kreis unserer sieben-jährigen Weltreise mit der Freydis III; hier schnitten wir unseren Ausgangskurs.

Eigentlich wollten wir in diesem Revier – wie schon öfter zuvor – ein paar Tage ausspannen. Aber die eigentliche Prüfung lag noch vor uns: Sturmtief Wolfgang näherte sich mit 10 Windstärken und Orkanböen im Gepäck. Sein Auge hielt genau auf die Scillys zu. Wir rechneten also mit Sturm aus Nordost über Nord nach Nordwest und West drehend.

Die Freydis verfügt über fünf Anker. Drei davon gruben wir an der Ostseite der Insel Tresco in einer Bucht ein, abgeschirmt von den Inseln Saint Martin, Tean und Saint Helen’s: Einen Anker mit 80 Meter Kette nach Westen, einen mit 30 Meter Kette und 30 Meter Bullentau nach Nordwesten und einen mit 60 Meter Festmacherleine nach Nordosten. Das sollte reichen, so dachten wir.

Sturmtief

Als erstes riss das Bullentau mit 25mm (!) Durchmesser. Um nicht auf die Steine am Ende der Bucht zu geraten, mussten wir das Tau mit dem zweiten Anker über das Ankerspill dichtholen. Das Mannöver misslang jedoch, die Leine entglitt uns in den schweren Sturmböen. Nun machte auch der dritte Anker keinen Sinn mehr; wir slippten ihn und zogen die Freydis im Rückwärtsgang in tieferes Wasser.

Das gerissene Bullentau (Foto: Annette Pieper)

Anker Nummer Vier und Fünf kamen zum Einsatz, in Reihe geschaltet: Nummer Vier an 50 Meter Ankertrosse, Nummer Fünf als Reitgewicht an 40 Meter Kette.

Die Konstruktion hielt bis 02:00 nachts. Zu diesem Zeitpunkt kenterte die Tide und Tonnen von Seegras und Kelp drückten zusätzlich zum Sturm und Strom auf Trosse und Kette. Es gab einen Ruck und dann kein Halten mehr: Die Freydis trieb schnell in Richtung Riffe.

Maschine an, beide Anker slippen und bei peitschendem Regen und null Sicht die Freydis möglichst auf der Stelle zu halten. Die Nacht war rabenschwarz. Wo ist Strand, wo die Riffe, wo das Wasser zu flach, wo tief genug? Heide am Laptop mit Navionics, Erich am Ruder – Schwerstarbeit, vier lange, bange Stunden lang: bei zu wenig Maschine drückte der Sturm den Bug zur Seite, bei zu viel Maschine kamen wir schnell aus dem Landschutz in die hohen Brecher des Old Grimsby Sound. Das Fahrwasser ist nur 150 Meter breit – links das Ufer von Tresco, rechts Riffe ohne Ende. Aus dem UKW hören wir Mayday-Notrufe anderer Yachten, Rettungs-Hubschrauber brummen über uns hinweg, Rettungskreuzer hasten durch die Passagen: Was für ein Nacht!

Als es um halb sechs dämmerte, hatte der Sturm bereits auf Nordwest gedreht. Wir fassten uns ein Herz und wagten uns durch die zahllosen Boote, die im Old Grimsby Harbour lagen, hindurch, fuhren einfach auf den Strand und waren in Sicherheit. Die längste Nacht seit unserer Strandung auf Deception hatte ein glückliches Ende gefunden.

Bergung eines Ankers (Foto: Annette Pieper)

Unsere Crew war bravourös. Auch am Tag danach, als wir alle fünf Ankergeschirre einsammelten. Es war eine große Schufterei, bis wir alles wieder an Bord verstaut hatten. Zum Glück hatten wir die beiden Anker im Strom mit einer Fenderboje markiert.
Anschließend verbrachten wir alle noch einen wunderschönen Tag auf der Insel.
Endstation des Törns war die Insel Ouessant bei Brest. Doch kaum hatte die Crew die Freydis verlassen, da kündigte sich der nächste schwere Sturm an.
Gerade weht er sich aus, aber laut „Wetterwelt“ sind bereits zwei weitere im Anmarsch.

Wir wollen nicht – wie ursprünglich geplant – nach Lissabon, sondern in unseren Heimathafen Leer. Die Freydis hat sieben harte Jahre auf dem Buckel und muss gründlich überholt werden. Und dann schauen wir mal, wie’s weitergeht.

Zum Abschluss:
In unserer Abwesenheit erschien ein schöner Artikel in der RHEIN-NECKAR-ZEITUNG. Man merkt, der Redakteur Klaus Hunzinger ist selbst ein gestandener Segler. Hier ist sein Bericht:

Artikel „Aufgeben war keine Option“ [PDF]
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2 Antworten zu Die Nacht der slippenden Anker

  1. Susanne Minneker sagt:

    Ein stürmisches Willkommen daheim, liebe Heide, lieber Erich!
    Das klingt langsam rekordverdächtig mit den Stürmen! Habt Ihr die Anzahl der letzten 7 Jahre schon mal gezählt?
    Viele Grüße Wolfgang & Susanne

  2. Volker Schöne sagt:

    Hallo Ihr lieben Seenomaden!!
    Wir freuen uns auf Euch in Leer; leider können wir Eure Heimfahrt nicht im Netz mitverfolgen… um Euch pünktlich zu begrüßen!
    Eine Hand für die Überholung steht nach Abruf wieder gern zur Verfügung!
    Gruß Volker

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