5.500 Meilen auf arktischem Kurs – Finale

Text von Heide, Fotos von Ralph Gerdes, Gerrit Voss, Peter Wagner, Erich Wilts

Auf nach Grönland oder Heiß auf Eis

Die letzte Crew dieser Saison hatte, wie schon die vorangegangene, die Wahl zwischen Island rund und einem Abstecher an die Ostküste Grönlands. Sie entschied sich einmütig für die Reise nach Grönland und zurück. Alle hatten auch, wie besprochen, einige Reservetage eingeplant, falls das Wetter auf der Rückreise nicht mitspielen würde. Zwei Jahre zuvor hatten wir diese Vorsorge nicht getroffen und wären deshalb beinahe in Bedrängnis geraten: Die eingeplante Woche für die Rückreise über die Dänemarkstraße hatte wegen heftiger Stürme nur um Haaresbreite ausgereicht. Anderenfalls hätten unsere Mitsegler ihren Flieger von Island nach Deutschland nicht mehr rechtzeitig erreicht.

Eine abweisende, ja feindselige Küste empfängt uns. Vorsichtig bahnen wir uns einen Weg in die Fjorde und Sunde zu den wenigen Anker-Buchten, in denen man vor Eis und Fallböen sicher ist.
Im Inneren des Sermilikfjordes. In der Saling gibt Jochen dem Rudergänger Hinweise, der einen Weg durch das Eislabyrinth sucht.

Auch der letzte Törn des Jahres von Isafjördur an die grönländische Küste, war spannend, vor allem wegen der ungeheuren Eismassen in den Fjorden und an der Küste. Die wilden Szenarien aus Felsen, Eis und Meer haben uns nicht nur tief beeindruckt – wir waren auch gefordert. Der Törn mit Aufenthalten in Tasiilaq und kleinen Innuit-Dörfern weiter nördlich, verlief ohne größere Pannen. Zum guten Gelingen trugen nicht zuletzt unsere erfahrenen Mitsegler aus Ostfriesland bei.

Mit dem Kescher fangen wir unsere Drohnen wieder ein
Ein farbenprächtiges Schauspiel: Sieben Achtel der Eisberge und Growler sind unter Wasser
Heide im Bugkorb warnt vor Growlern
Zu Dicht wird das Eis. Wir schaffen es nicht zur Abbruchkante der Gletscher.
Wir erreichen Tasiilaq, eine der beiden größeren Siedlungen an der 2.700 Kilometer langen Ostküste
An einer Pier im Sermilikfjord fallen wir bei Niedrigwasser trocken.
Besuch an Bord
Am Rande der Siedlungen müssen die Schlittenhunde den Sommer über angekettet sein
Selten, dass wir eine Robbe zu Gesicht bekommen. Da sie gejagt werden, sind sie sehr scheu.
Gute, d.h. geschützte Ankerplätze mit gutem Ankergrund sind an der Ostküste Grönlands äußerst rar.
Auf Seekarten ist kein Verlass: Lt. Karte ankern wir außerhalb der Bucht. Der schwarze Pfeil markiert den echten Ankerplatz.
Bei Nebel schrillen die Alarmglocken an Bord. Dann heißt es: Langsame Fahrt voraus und konzentriert Ausguck halten.

31. August 2021: Das brillante Wetter der Vortage hatte sich verabschiedet. Es war diesig und am Spätnachmittag begannt es zu regnen. Laut „WetterWelt“ waren mehrere Hurrikan-Ausläufer im Anmarsch, die unser Seegebiet streifen würden, dabei sei mit bis zu 74 Knoten Wind, also Orkanstärke, zu rechnen. Der Meteorologe riet zu baldigem Aufbruch nach Island, es sei denn wir könnten uns hier eine Woche lang in einer sturmsicheren Bucht verstecken. Aber so einen Ort hier zu finden, wäre bei den Eismassen ganz schön schwierig geworden und hätte auch unseren Zeitplan überschritten.

Ein Orkan mit bis zu 74 kn Wind kündigt sich Anfang September an. Höchste Zeit, nach Island in den sicheren Hafen von Isafjördur zurückzukehren.

Letzte Chance, für unsere Crew, mit ihren Drohnen noch vor der Überfahrt ein paar spektakuläre Aufnahmen zu machen. Dazu manövrieren wir uns vorsichtig tief ins Gletschereis des Kangerlussuaq-Fjordes, bis wir ein passendes Objekt unserer Begierde gefunden haben – ein Eisberg-Riese, doppelt so hoch wie die FREYDIS, mit einem großen Torbogen bietet sich an. Aber es läuft nicht so, wie erwartet: Dirks Drohne verweigert den Start, sie empfängt nach seiner Meinung zu wenige Satelliten, um sie sicher steuern zu können. Ralphs Drohne kann ebenfalls nicht zeigen, was in ihr steckt, da das Steuerhandy nur mit 10% geladen ist und der plötzliche Absturz der Drohne droht. Nun ruht alle Hoffnung auf Gerrit, der es bisher immer geschafft hat, mit seiner Drohne tolle Bilder zu schießen. Doch gleich nach dem zweiten Start gerät seine Drohne unversehens außer Kontrolle, kollidiert mit dem Achterstag und fällt ins Wasser. Schade! Das war´s dann!

Abschied von Grönland. Ein letztes Mal bei Sonnenuntergang durch den Eisgürtel aus Gletschereis, der 20 bis 30 Meilen weit aufs Meer reichen kann.
Ein Eisberg in der Dänemarkstraße

Um 12:30 nahmen wir Kurs auf Isafjördur. Entfernung ca. 240 Seemeilen. Am nächsten Tag passierten wir gegen Mittag den letzten Eisberg. Der Wind frischte auf. Unter zwei Reffs wurde es wieder holprig. Dann fiel auch noch die hydraulische Selbsteueranlage aus – die Schadensursache war auf die Schnelle nicht zu ermitteln. Unsere Reserve-Anlage gibt kurz danach ebenfalls ihren Geist auf. Der Skipper: “Für Arbeit ist in Isafjördur jedenfalls gesorgt!“ Wir steuern per Hand. Genau zwei Tage benötigen wir für die Überquerung der Dänemarkstraße – dann hat uns das vertraute Isafjördur wieder. Wir haben Glück: Der Hafenmeister hat einen Winter-Liegeplatz für uns reserviert.

Nicht nur die DAGMAR AAEN mit unserem alten Bekannten Arved Fuchs trifft nach uns ein, sondern ebenfalls Michael Ziese auf seiner kleinen X-TRIP, mit dem wir uns hier vor drei Jahren angefreundet haben. Er war ebenfalls an der Ostküste Grönlands, zeigt uns Fotos, wie eine Eisbärenmutter mit ihren Jungen sein Boot zu besteigen versucht, sich aber von ihm vertreiben lässt. Er war einhand unterwegs – ein Risiko in diesem anspruchsvollen Revier. Vor der kleinen grönländischen Siedlung Scoresbysund slipte im Sturm sein Anker und die kleine Yacht landete auf den Klippen. Die Kunststoffyacht blieb dicht und dank der Unterstützung der Einheimischen kam er wieder frei. Glück gehabt! Wir werden Michael auf diesem Blog in Kürze einen eigenen Beitrag widmen.

Immer wieder begegnen wir in Grönland der DAGMAR AAEN mit Arved Fuchs und seiner Frau Brigitte Ellerbrock, hier 2018 in Quaqortoq zu Besuch auf der FREYDIS

Einen vollen Tag benötigten wir beim Klarschiff machen für die gröbsten Arbeiten. Am folgenden Nachmittag erhielten unsere Mitsegler eine SMS von der Fluggesellschaft: Wegen Sturm wird der Flughafen von Isafjördur für zwei Tage gesperrt. Nun befürchtete die Crew zurecht, ihre Anschlussflüge von Keflavik nach Deutschland zu verpassen. Schon eine Stunde später hatten sie das Problem gelöst: Ein Kleinbus-Taxi brachte sie für 1.000 Euro in einer Nachtfahrt nach Reikjavik.

Danach waren Heide und ich nach langer Zeit endlich mal wieder allein. Nach der Enge und dem Trubel an Bord konnten wir unsere Zweisamkeit sehr genießen. Noch eine ganze Woche benötigten wir, um die FREYDIS winterfest zu machen, dann flogen wir nach Deutschland zurück.

Eine anstrengende Saison liegt hinter uns: mit den vier Törns und dem ungeplanten Zubringer von Island nach Grönland kamen in drei Monaten insgesamt 5 1/2 tausend Seemeilen zusammen, die es in sich hatten. Und die Pausen, die wir zwischen den Törns eingeplant hatten, schrumpften wegen Covid auf ein Minimum.

Ja, Segeln ist schön, kann aber auch manchmal, vor allem für ältere Semester wie uns, sehr anstrengend sein.

Ein großes Dankschön an unsere Mitsegler auf den vier Törns. Es hat Spaß gemacht, auch wenn es manchmal zur Sache ging. Besonderer Dank an unseren Freund Gundolf, der auf zwei Törns dabei war: durch seinen heroischen Einsatz auf dem schwierigen 800-Meilen Törn von Grönland nach Island, auf dem wir nur zu zweit waren, trug er ganz erheblich zum Gelingen der ganzen Reise bei.

Jetzt gilt es, Liegengebliebenes aufzuarbeiten und unsere üblichen altersbedingten Gesundheitschecks zu absolvieren.

Noch ein paar Sätze zum Wetter:

Der Klimawandel, den inzwischen außer Trump+Co keiner mehr in Abrede stellt, beeinflußt das Wetter, ganz besonders in den polaren Regionen. Die Menschen müssen sich verstärkt auf Wetterkapriolen einstellen. Stürme z.B. treten häufiger und intensiver auf, auch in den relativ ruhigen Sommermonaten Juni, Juli und August. Damit man mit seinem Boot möglichst gar nicht erst in gefährliche Situationen gerät, ist eine professionelle Wetterberatung unerlässlich.

Professionelle Wetterberatung kostet Geld: Wir hatten ein Satelliten-Telephon an Bord, mit dem wir fast täglich Wetterberichte und -voraussagen abriefen und uns in schwierigen Situationen auch von den Meteorologen der Firma WetterWelt, Kiel, beraten ließen.

Vor allem der turbulente 2. Abschnitt von den Azoren nach Grönland, in dem uns der Hurrikan ELSA den Weg über den 50. Breitengrad versperrte, war beratungsintensiv.

Für die Beratung auf allen fünf Abschnitten in diesem Jahr zahlten wir:

1) An WetterWelt, Kiel, insges. € 1.243,-

2) An AST, den Provider, für das Herunterladen der Grids, € 1.962,74

GESAMT € 3.205,74

PS:

Kaum waren wir zurück in Deutschland, kam Nachricht von unserem deutschen Seglerfreund Michael Ziese von der X-TRIP aus Isafjördur: Der Monster-Orkan XENUS und ein paar Tage später in seinem Schlepptau Orkan YOGI hatten Ende September und Anfang Oktober zugeschlagen. Die Yachten in Isafjördur wurden dadurch z.T. schwer beschädigt. Bei der X-TRIP klaffte durch eine herausgerissene Klampe im Deck ein Loch von einem halben Quadratmeter, bei der FREYDIS platzten mehrere Fender, rissen 4 Reelingstützen ab, wurde das Gehäuse einer Windhutze zertrümmert, brachen die Rotorblätter eines Windgenerators und der losgerissene Großbaum beschädigte Wanten und Fallen. Anderen Yachten ging es noch schlechter, sie liefen z. T. voll Wasser und verloren Segel. Die Rettungsdienste waren permanent im Einsatz, um durch Pumpen und dem Ausbringen zusätzlicher Leinen Schlimmeres zu verhindern. 

Laut Hafenmeister Gudmundur Kristjánsson, einem pensionierten Kapitän, war es der schlimmste Orkan seines Lebens. Am Flugplatz wurden in Spitzen 116 Knoten Wind (Orkan beginnt bereits bei 64 Knoten Wind) gemessen. Die Kräfte, die wirken, kann man sich kaum noch vorstellen und sind für uns nur vergleichbar mit Super-Taifunen der Kategorie V, wie wir sie vor ein paar Jahren in Japan erlebt haben.

Michael Ziese hatte uns gleich benachrichtigt, aber schon vorher mit Kapitän Torfi Einarsson, der die Yachten betreut, zusätzliche Leinen an der FREYDIS ausgebracht. 

Ich bin dann gleich nach Island geflogen, mein Freund Thilo, Chief-Engineer seit 4 Jahrzehnten, hatte Unterstützung angeboten und kam mit. Wir haben dann eine Woche lang bei viel Wind, Regen, Schnee und Kälte an der FREYDIS gearbeitet und insgesamt 21 Leinen ausgebracht, große Fender gekauft, Autoreifen organisiert etc. Thilos Hände waren entzündet, seine Handrücken dick angeschwollen und mein Kreuz stark lädiert. Nun hoffen wir, dass unser Schiff in diesem Winter noch gut über die Runde kommt. Allerdings konnten wir nicht alle Schäden in der Kürze der Zeit beheben. 

Unser Mitsegler Jochen aus München ist Bergsteiger und fühlt sich in der Takelage der FREYDIS am wohlsten.

Unser Dank gilt allen, die mir geholfen haben, natürlich ganz besonders Thilo und Michael Ziese. 

Seid herzlich gegrüßt von

Heide und Erich

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